Der erste Kreuzzug -
Aufbruch der Armen
Kreuzzugsidee und Praxis beim 1.Kreuzzug
Gottfried von Boullion Kreuzfahrer schleudern Köpfe von Türken
Edler Kreuzritter, Gottfried von Bouillon, als Denkmal in Bouillon. Er führte die Reichsangehörigen an.
Psychologische Kriegsführung. Kreuzfahrer schleudern die Köpfe getöteter Türken in die von ihnen belagerte Stadt.
Peter Milger - aus DIE KREUZZÜGE

(10) Robuste Wallfahrt


Es war vorhersehbar

Die Chronisten verschweigen nicht, dass die Bekreuzten unterwegs auf der Balkanroute entlang der Donau ihren römisch-katholischen und orthodoxen Mitbrüdern übel mitgespielt haben. Ihre Erklärung läuft darauf hinaus, dass es nicht anders kommen konnte. Ekkehard von Aura:

Der Feind, der immer wacht, wenn andere schlafen, zögerte keinen Augenblick, unter die gute Saat Unkraut zu säen, falsche Propheten zu erwecken und unter die Heere des Herrn falsche Brüder und ehrlose Weiber zu mischen, unter dem Schein der Frömmigkeit. So wurden durch die Heuchelei und Lügen der einen und durch die abscheuliche Befleckung der anderen die Herden der Christen beschmutzt.

Als sei das nicht vorhersehbar gewesen. Papst Urban II. hat die Entwicklung zu einem Massenaufbruch offenbar mit einiger Sorge beobachtet . Jedenfalls versuchte er im Herbst 1096, den Teilnehmerkreis einzuschränken. Brief an die Bologneser vom 19. September 1095.

Wir erlauben weder Klerikern noch Mönchen ohne die Genehmigung ihres Bischofs oder Abtes dorthin zu gehen. Weiterhin möge es den Bischöfen angelegen sein, ihre Pfarrkinder nicht ohne Rat und Fürsorge der Geistlichen ziehen zu lassen. Bei verheirateten jungen Männern ist dafür Sorge zu tragen, dass sie die Reise nicht leichtfertig antreten, ohne an ihre Ehefrauen zu denken.

Das Personal, das dem Ruf der Kirche und der Prediger gefolgt war, beschreibt Albert von Aachen so:

Und als all diese Gruppen aus den verschiedenen Reichen und Städten sich zusammengefunden hatten, begannen sie ein ganz maßloses Schmausen, denn sie hatten sich nicht von Unberufenen freigehalten, von Sündern und Unzüchtigen. Und mit den Weibern und Mädchen, die zu gleichem leichtfertigen Tun ausgezogen waren, war ein beständiges Ergötzen. Und im höchsten Übermut war überall ein Rühmen und Prahlen über die Aussichten dieses Zuges.

Offenbar hatten es die Propagandisten versäumt, auf die Dauer und Gefahren der Reise hinzuweisen und die Kampfkraft des Volkes der Türken zu würdigen. Guibert von Nogent:

Die Armen beschlugen ihre Ochsen mit Eisen, spannten sie vor zweirädrige Karren, luden darauf ihre winzigen Vorräte und kleinen Kinder und zogen sie so hinter sich her. Sobald die Kleinen eine Burg oder eine Stadt sahen, fragten sie, ob das Jerusalem sei ...

Der Chronist Wilhelm von Tyrus erläutert die Motive:

Da trennte sich der Mann vom Weib und das Weib vom Mann, der Vater vom Sohn und der Sohn vom Vater, da war kein Band der Liebe, das diesen Eifer behindert hätte. Sogar Mönche kamen aus ihren Klöstern ... Doch waren nicht alle durch die Liebe zu Gott zu ihrem Entschluss gekommen ... Viele schlossen sich an, um ihre Freunde nicht zu verlassen, oder um nicht als träge zu gelten, oder aus Leichtsinn, oder damit die Gläubiger, bei denen sie schwer verschuldet waren, das Nachsehen hätten ...Verschieden waren also die Beweggründe, aber alles eilte herbei.

Laut Albert von Aachen hatte sich eine Abteilung der Christenheit in Bewegung gesetzt, die für sie repräsentativ war.

Peter der Einsiedler ... bewegte Bischöfe, Äbte, Kleriker und Mönche, die vornehmsten Weltlichen, die Fürsten verschiedener Reiche und endlich die ganze Menge des Volkes, Keusche und Unkeusche, Ehebrecher, Mörder, Diebe, Meineidige, Räuber; die ganze Christenheit, ja selbst das weibliche Geschlecht, eilte froh, vom Geist der Buße getrieben, zur Teilnahme an diesem Zug.

Der Fremde, der Feind

Die Verheißung irdischen und himmlischen Reichtums hatte sie veranlasst, eine Reise in die Fremde anzutreten. Ein klares Bild von der Dauer, den Unwegsamkeiten und den zu bewältigenden Strapazen ließ der allgemeine Bildungsstand nicht zu. Ein paar Tagesreisen hinter Regensburg dürften auch die Einfältigsten gemerkt haben, das keins der ausgelobten Güter in greifbarer Nähe lag. Von einer frohen Heilserwartung unterwegs ist bei keinem Chronisten die Rede, dafür aber von Übergriffen auf die Güter der angetroffenen Fremden. Das Rechtsempfinden, das die Reisenden den Berichten zufolge unterwegs an den Tag legten, lässt sich auf die Formel bringen: Wer als Fremder das Geforderte nicht freiwillig herausgab, erwies sich damit als Feind Gottes. Das war praktisch und auch möglich, weil das vermittelte Feindbild völlig unscharf war. Die entsprechende Behandlung erfolgte, wenn der erforderliche Waffengang Erfolg versprach, wobei es allerdings zu Fehleinschätzungen seitens der Pilger kam.

Erste Zwischenfälle

Albert von Aachen: Ein Vortrupp unter einem Ritter namens Walter Sans-Avoir (Habenichts) durchquert Ungarn nach einer Vereinbarung mit dem König ohne Schwierigkeiten und erreichte Ende Mai 1096 die Grenze zum oströmischen Reichsgebiet bei Belgrad. Der Kommandant verbietet den Einkauf von Lebensmitteln.

Walter und seine Begleiter wurden zornig und raubten mit Gewalt das Vieh, das vor der Stadt weidete. Es kam zu Feindseligkeiten zwischen den Griechen, die ihre Herden zurückgewinnen wollten und den Pilgern, und man hob an, die Klingen zu kreuzen ... Nach der Niederlage und Schwächung des Heeres ließ Walter seine zerstreuten Gefährten im Stich ...

Ende Mai überquerte die von Peter von Amiens angeführte Abteilung die ungarische Grenze bei Ödenburg. Der König gewährt freien Durchzug, verbietet aber ausdrücklich das Beutemachen. Nach Albert von Aachen verläuft der Marsch friedlich, nach Guibert von Nogent kommt es zu Morden, Plünderungen und Vergewaltigungen.

Während die Ungarn als Christen ihren Brüdern alles anboten, was sie zu verkaufen hatten, konnten die Fremden ihre Leidenschaften nicht zügeln, dachten nicht an die wohltätige Gastfreundschaft der Ungarn und führten ohne Grund Krieg gegen sie ... Angetrieben von abscheulicher Wut setzten sie die öffentlichen Getreidespeicher in Brand, entführten junge Mädchen und vergewaltigten sie, schändeten die Ehen, indem sie den Männern die Frauen raubten und rissen ihren Wirten den Bart aus oder versengten ihn. Jeder lebte nach Möglichkeit von Mord und Plünderung und alle brüsteten sich mit unvorstellbarer Frechheit, sie würden mit den Türken ebenso verfahren.

Erstes Massaker

In der zweiten Junihälfte kommt das Pilgerheer in Semlin an. Hier sieht der Anführer laut Albert von Aachen die Kleider und Waffen der von beraubten Pilger an den Mauern hängen.

Jetzt, da er die Waffen und Beutestücke sah, erfuhr Peter von dem Unrecht, das seinen Brüdern angetan wurde und rief zur Rache auf. Sofort erschallen laut und kräftig die Signale der Bläser, mit flatternden Fahnen stürmt das Heer gegen die Stadt ... Das ganze Heer, Fußvolk wie Reiter, erzwang den Eingang in die Stadt.. Die meisten Bewohner konnten nicht fliehen und mussten noch vor der Pforte den Pilgern über die Klinge springen. Andere wollten sich auf dem Hügel in Sicherheit bringen, wurden aber auch hier von den nachdrängenden Pilgern niedergemacht ... Es fielen dort von den Ungarn ungefähr viertausend Mann, von den Pilgern waren, abgesehen von den Verwundeten, nur hundert erschlagen worden. Nach diesem Sieg blieb Peter mit seinen Truppen noch fünf Tage in Semlin, er reichen Beute wegen, die er dort an Getreide, Schafen und Großvieh machte, an gossen Mengen Wein und ungezählten Pferden.

Albert weiter: Als die Leichen der erschlagenen Ungarn die Donau hinab an der Stadt Belgrad vorbeitreiben, entschließt sich der byzantinische Statthalter zum Rückzug. Die Bewohner beordert er mit allem, was sie forttragen können, in die umliegenden Wälder. Die Kreuzfahrer plündern nun auch Belgrad. Als sich ein ungarisches Heer nähert, zieht die Truppe weiter und erreicht Anfang Juli die Stadt Nisch (Jugoslawien). Der byzantinische Statthalter verhandelt mit den Pilgern. Um die Bürger zu schützen, verlangt der Beamte Sicherheiten. Die Kreuzfahrer stellen daraufhin zwei Unterführer als Geiseln.

Nun wurde den Pilgern erlaubt, alles was sie brauchten zu kaufen, soviel und wo sie wollten. Ja, die Bürger schenkten jenen, die kein Geld hatten, eine Menge von Almosen

Nach dem friedlichen Abzug der Kreuzfahrer kehren allerdings hundert Schwaben zur Stadt zurück

Wegen eines erbärmlichen Streites mit einem Händler warfen sie Feuer in sieben Mühlen, die an der Brücke am Fluss standen und äscherten sie völlig ein

Die Zerstörung von Mühlen galt in Kriegszeiten als verwerflich. Albert von Aachen drückt seine Empörung aus, indem er die Bürger von Nisch sagen lässt

Peter und seine Gefährten sind falsche Christen, es sind Räuber und keine friedlichen Menschen ... Sie haben jetzt diesen Brand gelegt und danken so für die genossene Wohltat.

Erste Verluste

Albert weiter: Peter besänftigt die Stadtoberen und sichert die Vermeidung weiterer Gewaltakte zu. Aber die Pilger folgen den Anweisungen nicht. So kommt es zu weiteren Gefechten, und schließlich versucht ein größerer Haufen, die Stadt Nisch zu stürmen. Die Garnison und die Bewohner reagieren mit einem Ausfall.

Zwei Meilen weiter wurde das Heer überfallen und viele wurden erschlagen oder gefangen genommen. Und auch der Wagen Peters, mit unermesslichen Mengen von Gold und Silber, wurde erbeutet und sogleich mit den Gefangenen nach Nisch zurückgeschickt. Viele Männer waren getötet worden. Kinder wurden ihren Müttern entrissen und dazu unzählige Frauen und unverheiratete Mädchen weggeschleppt.

Laut Albert wird ein Viertel der Kreuzfahrer getötet, 10.000 von angeblich 40.000. Die Überlebenden können sich sammeln und leben von unreifem Korn, das sie von den Feldern stehlen. Ab Sofia verhindern Polizeitruppen weitere Zwischenfälle und stellten die Versorgung der Pilger sicher. Im August 1096 erblicken die Pilger Konstantinopel. Laut Albert von Aachen ließ Kaiser Alexios die vor der Stadt lagernden Pilger gut versorgen. Laut Anna Comnena rät er davon ab, vor dem Eintreffen von Verstärkungen nach Kleinasien überzusetzen. Bei beiden ist keine Rede von Zwischenfällen. Dagegen meldet der anonyme Autor der Gesta Francorum:

Diese Christen benahmen sich niederträchtig, plünderten die Stadtpaläste und zündeten sie an, stahlen das Blei von den Kirchendächern und verkauften es an die Griechen.

Begegnung mit den zu befreienden Brüdern

Am 6. August 1096 ließ Alexios die Pilger über den Bosporus auf den noch immer von Ostrom gehaltenen Küstenstreifen in Kleinasien verschiffen. Laut Anna Comnena hatte Peter von Amiens darauf bestanden. Der Anonymus:

Nachdem sie übergesetzt hatten, ließen sie von ihren Missetaten nicht ab. Sie verbrannten und verwüsteten Häuser und sogar Kirchen.

Die Kirchen gab es nach laut den Botschaften über die Bedrängnisse der christlichen Brüder gar nicht mehr. Alexios wies den Pilgern ein befestigtes Feldlager zu und ließ sie laut Albert reichlich mit Nahrungsmitteln versorgen. Entgegen der kaiserlichen Anweisung, im Lager zu bleiben, unternahmen einzelne Trupps Beutezüge in Richtung der türkisch beherrschten Stadt Nikaia. Es kommt zur ersten Begegnung mit christlichen Brüdern, die laut Propaganda vom türkischen Joch befreit werden sollten. Anna Comnena:

Die Normannen begannen in der Umgebung von Nikaia zu plündern und gingen mit äußerster Grausamkeit vor. Sie pfählten Kinder und rösteten sie auf dem Feuer. Erwachsene wurden auf alle mögliche Weisen gefoltert.

Offensichtlich konnte es Anna die Details betreffend mit den Spitzenkönnern unter ihren lateinischen Kollegen durchaus aufnehmen. Laut Albert von Aachen haben sich die Pilger nur bereichert.

Sie raubten dort Vieh, Schafe und Ziegen, die den Griechen gehörten, die türkische Untertanen waren und schleppten sie zu ihren Gefährten zurück. Als Peter dies sah und hörte, wurde es ihm traurig ums Herz, denn er wusste, dass die Strafe folgen würde.

Kriegserklärung und Niederlage


Pilger aus Germanien überwältigen die türkische Besatzung einer Burg. Albert:

Nur die griechischen Bewohner wurden verschont, alle anderen, die man in der Burg fand, wurden niedergemacht.

Die Zugreisten hatten also zu erkennen gegeben, dass sie nicht daran dachten, auf friedlicher Walfahrt gen Jerusalem zu ziehen. Der Kommandant in Nikaia ließ seine professionelle Streitmacht ausrücken, die auf dem Schlachtfeld leichtes Spiel hatte und anschließend das Lager der Pilger stürmte. Albert:

Sie verschonten nur zarte Mädchen und Nonnen, deren Gestalt oder Gesicht ihnen zu gefallen schien und bartlose junge Leute mit schönen und anmutigen Gesichtern und führten sie weg in Gefangenschaft.

Die Überlebenden zogen es nun doch vor, in Konstantinopel das Eintreffen weiterer Pilger abzuwarten.