Kreuzzüge Kreuzzug Byzanz Konstantinopel crusades
Liste der mit dem Sultan von Kairo ausgehandelten Handelsprivilegien im Staatsarchiv von Venedig
Peter Milger: Kreuzzug gegen Ostrom - Teil 2

Konstantinopel in Flammen

Die Verteidiger verlassen die Mauern und die Venezianer können fünfundzwanzig Türme besetzen. Der Doge meldet den Baronen, der Sieg sei errungen. Aber die Freude währt nicht lange. Gottfried von Villehardouin:

Als Kaiser Alexios sah, dass die Venezianer sich so Zugang zur Stadt verschafft hatten, begann er ihnen sei­ne Truppen in solchen Mengen entgegenzuführen, dass es ihnen unmöglich war, dem Feind zu widerstehen. Deshalb legten sie Feuer zwischen sich und den Griechen. Der Wind wehte von unseren Leuten weg und das Feuer war so groß, dass die Griechen unsere Leute nicht sehen konnten. Sie zogen sich in die Türme zurück, die sie erobert und besetzt hatten.

Niketas Choniates:

Nachdem die Lateiner die Mauer erobert hatten, warfen sie Feuer in die Häuser, welche an die Mauer ange­baut waren, und zerstreuten sich überallhin. Und es bot sich an jenem Tag ein jammervolles Schauspiel, das Ströme von Tränen hervorbrechen ließ. Denn alles, was zwischen dem Blachernen-Hügel und dem Euergetes-Kloster lag, ging in Flammen auf.

Damit lagen etwa zwei Quadratkilometer der Stadt in Schutt und Asche. Kaiser Alexios lässt da­raufhin seine Truppen gegen das Lager der Fran­zosen vorrücken. Robert von Clari:

Die Damen und Mädchen im Palast begaben sich an die Fenster und Leute aus der Stadt, sowohl Damen wie auch Mädchen, waren auf die Mauern gestiegen und beobachten den Aufmarsch der Heere.

Der Doge steht vor einer bitteren Entscheidung. Wenn die Franzosen geschlagen werden, kann er die eroberten Stellungen nicht halten und das Unternehmen ist gescheitert. Daher befielt Heinrich Dandolo den Rückzug von den Mauern und lässt Truppen zur Unterstützung der Franzo­sen landen. Angesichts dieser Umgruppierung ordnet Kaiser Alexios den Rückzug an.

Machtwechsel in Konstantinopel

Die Lage der Lateiner hat sich verschlechtert. Der Proviant wird knapp und ein weiter Angriff nach dem gleichen Muster hat wenig Aussicht auf Erfolg. Aber Kaiser Alexios ist nicht der Mann, um diese Situation auszunutzen. In der Nacht nach dem Angriff macht er sich davon. Niketas Choniates:

Alexios war der erbärmlichste von allen Menschen. Die Zartheit seiner Kinder erweichte sein Herz nicht, die Liebe seiner Gattin ließ ihn kalt, und das Schicksal der Stadt rührte ihn nicht.

Der Verwalter des kaiserlichen Schatzes, die Leibwache und Anhänger des gestürzten Kaisers holen Isaak aus dem Gefängnis und rufen ihn zum Kaiser aus. Eine Gesandtschaft informiert die Lateiner über den Machtwechsel und bittet um die Übergabe des jungen Alexios. Die Anfüh­rer bestehen auf der Erfüllung aller Leistungen, die Alexios vertraglich zugesichert hatte. Isaak stimmt zu und Alexios wird zum Mitkaiser erho­ben. Niketas Choniates:

Alle Bürger der Stadt strömten nun in den Palast
Um Vater und Sohn zu sehen und beiden zu huldigen. Nach wenigen Tagen erschienen auch die Führer der Lateiner im Palast, nicht allein, sondern mit allen ihren Vornehmen. Stühle wurden aufgestellt und sie setzten sich an die Seite der Kaiser und wurden Wohltäter und Retter genannt ... Nicht genug damit, sie wurden auch noch mit größter Freundlichkeit und Zuvorkommenheit bedient und üppig bewirtet.

Irdischer Lohn für die Bekreuzten

Isaak weist den Lateinern Quartiere auf der an­deren Seite des Goldenen Horns zu. Er hat Mühe, die den Lateinern zugesagten Gelder aufzutrei­ben, da Alexios III. mit dem Staatsschatz geflo­hen war. Gottfried von Villehardouin:

Er (Isaak) begann das Geld auszuzahlen, das er dem Heer schuldete. Es wurde unter den Truppen so aufge­teilt, dass jeder die Summe erhielt, die er für seine Passage in Venedig bezahlt hatte ... Sie nahmen auf der anderen Seite des Hafens Quartier und lebten in Ruhe und Frie­den mit einem großen Überfluss an Lebensmitteln. Ihr sollt wissen, dass viele unserer Leute Konstantinopel mit seinen reichen Palästen, seinen vielen hohen Kirchen und seinen großen Reichtümern besichtigten. Es ist nicht nötig, von den vielen Reliquien zusprechen, denn es gab damals dort so viele wie in der übrigen Welt zu­sammen.

Gottfried von Villehardouin schreibt zutreffend damals, denn lange werden die Reliquien dort nicht mehr bleiben. Die Lateiner hatten unter anderem zweihunderttausend Mark und die Anerkennung der kirchlichen Autorität des römischen Stuhls gefordert. Die Regelung der religiösen Angelegenheiten scheint für die An­führer zweitrangig zu sein. Dafür drängen sie auf die Auszahlung des Geldes. Niketas Choniates:

Es gibt kein geldgierigeres, gefräßigeres und verschwenderischeres Volk als sie. Da vergriff sich Isaak auch mit vermessener, ruchloser Hand an Unberührbarem und deshalb, glaube ich, ging das Reich der Rhomäer vollends zugrunde und liegt nun zerschlagen da. Als ihm nämlich das Geld ausging, stürzte sich Isaak auf die Gotteshäuser. Die heiligen Ikonen Christi wur­den mit Beilen von der Wandgeschlagen und zu Boden geworfen, ihr Schmuck wurde schonungslos roh, wie es gerade ging, abgebrochen und eingeschmolzen, die ver­ehrten, hochheiligen Geräte wurden ehrfurchtslos aus den Kirchen geschleppt, ins Feuer getan und wie gewöhnliches Silber und Gold den feindlichen Heere
gegeben.

Die frommen Werke der edelen Ritter ...

Am ersten August war mit der Kaiserkrönung auch der zweite Zweck des Umwegs erfüllt. Aber die Anführer denken nicht an den Aufbruch. Die Spannungen zwischen den Einheimischen und Latei­nern nehmen zu. Die Neuankömmlinge bringen für die verfeinerten Sitten ihrer Gastgeber wenig Verständnis auf. Betrunkene Kreuzfahrer provozieren ständig Zwischenfälle. Der junge Kaiser Alexios hat nur wenige Anhänger in der Stadt und sucht häufig die Anführer der Lateiner auf.
Niketas Choniates:

Isaak klagte nicht ohne Grund und unberechtigt über seinen Sohn ... Alexios ging mit wenigen Begleitern in die Zelte der Barbaren, soff mit ihnen und spielte mit ihnen ganze Tage lang Würfel. Seine Spielgenossen nahmen ihm die Krone vom Haupt - sie war aus Gold zusam­mengesetzt und mit Edelsteinen übersät und setzten sie sich selbst auf und hängten dafür Alexios einen grob­wollenen lateinischen Mantel um die Schultern.

Gottfried von Villehardouin:

Der neue Kaiser besuchte die Barone oft, und erwies ihnen große Ehren, so weit er konnte ... Eines Tages sagte er: „Euer Bündnis mit den Venezianern dauert nur bis September, und ihr werdet bald aufbrechen. In diesem kurzen Zeitraum kann ich den Vertrag nicht erfüllen. Die Griechen hassen mich euertwegen. Wenn ihr mich verlasst, verliere ich mein Land und mein Leben ... Wenn ihr bis März bleibt, werde ich die Flotte von Sep­tember an für ein Jahr in meinem Dienst behalten und den Venezianern den Unterhalt bezahlen und euch bis Ostern mit dem Nötigen versorgen ... Dann kann ich meinen Vertrag einhalten, denn dann kann ich euch mit dem Geld bezahlen, das aus meinen Ländern eingeht.

Der Vorschlag, die Weiterreise erneut zu verzö­gern, löst bei den Kreuzfahrern, die sich noch als solche verstehen, Empörung aus. Gottfried von Villehardouin:

Die Partei, die auf Korfu Zwietracht gesät hatte, erinnerte die anderen an ihre Eide und sagten: „Gebt uns die Schiffe, wie ihr es geschworen habt, wir wollen nach Syrien aufbrechen."

Die Barone um den Marquis von Montferrat erinnern an den kommenden Winter (es ist August) und das ausstehende Geld. Gottfried von Villehardouin merkt klagend an, diese Argumente hätten nicht alle Kreuzfahrer über­zeugt und unterstellt den Dissidenten, sie woll­ten das Heer auflösen. Der Doge muss nicht groß überredet werden. Die Barone und Venedig verlän­gern ihren Vertrag um ein Jahr und verschieben die Abfahrt auf Ostern 1204. Aber man bleibt nicht untätig. Niketas Choniates:

Der junge Alexios zog in Thrakien umher und unterwarf die Städte, man könnte auch sagen, er hielt Nach­lese und nahm ihnen das Letzte. Denn das lateinische Heer, das mit ihm ausgezogen war, wollte nur immer die Hände in die goldenen Flüsse strecken und schöpfen, wie einer, den beißender Durst quält, konnten sie beim Goldtrinken nie genug bekommen.

Kreuzfahrer legen erneut Feuer

Kaiser Isaak entzieht den Pisanern Privilegien, die daraufhin prompt das Lager wechseln. Vene­zianer und Pisaner greifen die muslimische Ko­lonie in Konstantinopel an, um sie zu plündern. Die Muslims verteidigen sich und werden dabei von Oströmischen unterstützt. Die Plünderer wen­den sich zur Flucht. Niketas Choniates:

Sie zerstreuten sich auf sehr viele, weit auseinanderlie­gende Plätze und zündeten die Häuser an. Und der Brand schlug höher empor, als sie gedacht hatten. Die ganze Nacht und den folgenden Tag bis zum Abend griff das Feuer um sich und verzehrte alles. Es war ein An­blick, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hat. Das lässt sich mit Worten nicht ausdrücken ... An vielen Stellen teilte sich das Feuer und lief auseinander, vereinigte sich dann wieder und wälzte sich wie ein einzigerglühender Strom daher. Hallen stürzten ein, die Herrlichkeit der Marktplätze sank in sich zusammen, mächtige Säulen zerfielen, als wären sie Brennholz ... Glutstücke dieses brausenden, unwiderstehlichen Brandes rissen sich los, flogen durch die Luft und setzten weit entfernte Häuser in Flammen. Hinweggeschleudert über weite Strecken zogen sie wie Sternschnuppen am Himmel ihre Bahn.

Laut Gottfried von Villehardouin grämt das Feuer auch die lateinischen Beobachter:

Die Barone des Heeres auf der anderen Seite des Hafens jammerten sehr, und viele hatten großes Mitleid als sie sahen, wie die hohen Kirchen und die prächtigen Paläste in Schutt und Asche fielen und die großen Marktstraßen in Flammen aufgingen. Und sie konnten nichts daran ändern. Das Feuer verbreitete sich vom Hafen über die am dichtesten bewohnten Stadtteile bis zum Meer auf der anderen Seite in der Nähe der Basilika St. Sophia. Es dauerte zwei Tage und zwei Nächte lang, ohne dass es gelöscht werden konnte. Die Feuerfront bewegte sich brennend über zweitausend Schritte der Fläche. Den Schaden, den verbrannten Besitz und Reichtum, kann niemand ermessen. Auch nicht, wie viele Männer, Frauen und Kinder verbrannten.

Der Niedergang Ostroms zeichnet sich ab

Nachdem ungefähr ein Drittel von Konstantino­pel zerstört ist, verlassen die Lateiner die Stadt. Eine Gesandtschaft der Barone wird von den bei­den Kaisern abgewiesen. Die Lateiner stellen den Kriegszustand her und plündern die Landgüter und Paläste in der Umgebung aus. Bei allen Ge­fechten unterliegen die oströmischen Trup­pen. Ein Versuch, die venezianische Flotte mit brennenden Schiffen zu vernichten, scheitert. Niketas Choniates:

Nur einer besaß den Mut, die Lateiner zu bekriegen: Alexios Dukas, dem seine Altersgenossen den Beina­men Murtzuphlos gegeben hatten ... Aber er tat es nur, um sich listig das Wohlwollen des Volkes zu sichern ... Er stieß mit den Feinden zusammen und bewies eine au­ßerordentliche Tüchtigkeit und Tapferkeit. Da auf Be­fehl des Kaisers keiner der rhomäischen Heerführer ihm zur Hilfe kam, wäre er beinah gefangen worden ... Eine mit Bogen bewaffnete Schar aus der Jungmannschaft der Stadt kam jedoch hinzu und half ihm nach Kräften.

Keiner will mehr Kaiser sein

Die Bürger der Stadt sind nun ihrer Kaiser endgültig überdrüssig und zwingen den Senat und die Priesterschaft über einen Nachfolger zu beraten. Die Versammlung in der Hagia Sophia verläuft stürmisch. Niketas Choniates:

Die Menge suchte inzwischen eifrig nach einem Herr­scher und nannte aus dem Stegreif bald diesen, bald jenen aus den Häusern der Vornehmen. Schließlich ver­warfen sie alle und dachten an gemeine Volksführer und Volksverführer aus ihrer Mitte, ja sie packten auch eini­ge aus unserer Schar bei der Hand und suchten sie mit vorgehaltenem Schwert zu überreden, die Krone anzu­nehmen ... Oh, kann es etwas Dümmeres und Lächerlicheres geben als die Torheit dieser Versammlung?

Nach drei Tagen wird ein wenig bekannter jun­ger Mann namens Nikolaus Kanabos gegen sei­nen Willen zum Kaiser erhoben. Alexios will daraufhin die Lateiner erneut um Beistand bit­ten. Auf diese Gelegenheit hat Dukas Murtzuph­los gewartet und verschwört sich mit den Axtträ­gern der kaiserlichen Leibwache und dem Ver­walter des Staatsschatzes. Alexios und Kanabos werden eingekerkert.

Staatsstreich

Am 5. Februar zeigt sich Dukas Murtzuphlos mit den Insignien des Kaisers. Isaak ist inzwischen gestorben, aber der eingekerkerte Alexios stellt ein Problem dar: Er hat die Weihen eines Kaiser empfangen, und es gibt kein gewaltloses Verfahren, ihn wie­der zu einem normalen Sterblichen zu machen. Welche Bedrohung ein inhaftierter Kaiser für den Staat darstellt, war gerade am Beispiel des Kaisers Isaak deutlich geworden. So wird Alexios das Opfer einer Praxis, die in Konstantinopel zur Verhinderung von Staatskrisen und Bürgerkrie­gen diente. Niketas Choniates:

Zweimal bot Dukas Kaiser Alexios einen Becher mit tödlichem Gift. Da aber der Jüngling dem Gift widerstand, weil er heimlich Gegenmittel einnahm, zerriss Dukas ihm den Lebensfaden durch Erwürgen.

Niketas Choniates wurde von Dukas seines Am­tes enthoben und er macht keinen Hehl daraus, dass er den Usurpator hasst. Aber der Chronist be­zeichnet den Tötungsakt nicht als Mord. Gewaltlose Regierungswechsel waren in Ostrom selten.

Kirchkicher Aufruf zum Kreuzzug gegen die Oströmer zum Zweck der Aneignung von Konstantinopel

Die Lateiner befinden dagegen auf Mord und beschließen die Enteignung aller Bürger, obwohl die Tat ja nur von wenigen gegangen worden war. Gottfried von Villehardouin:

Die Barone der Armee und der Doge von Venedig hiel­ten Rat mit den Bischöfen und dem Klerus. Die Kleriker und diejenigen, die vom Papst mit Vollmachten ausge­stattet waren, erklärten den Baronen und Pilgern: „Wer einen solchen Mord begeht, hat nicht das Recht, Land zu besitzen. Die zugestimmt haben, sind Komplizen des Mörders. Weiterhin haben sie sich der Autorität Roms entzogen. Daher sagen wir euch, dass der Krieg legal und gerecht ist. Wenn ihr den festen Willen habt, das Land zu erobern und es der Autorität Roms zu unterwerfen, werdet ihr die Vergebung erlangen, die der Papst gewährt hat, wenn ihr dabei sterbt und bereut."

Das Verdikt betrifft alle Bürger Ostroms. Sie hatten sich tatsächlich nicht der Autorität Roms unterstellt, waren allerdings noch gar nicht dazu aufgefordert worden. Schon beim der ersten Militärexpedition in den Nahen Osten hatten die Anführer in einem Brief aus Antiochia diese Rechtsfigur benutzt, um die Gründung eines lateinischen Staates auf oströmischen Territorium zu rechtfertigen. Die Formel lautet: Orientalische Christen, die sich nicht Rom unterstellen, sind Abtrünnige - Abtrünnige sind Heiden gleichzustellen - Heiden haben kein Recht auf Leben und Eigentum. Kirchenrechtlich war das Vorhaben legal. Ein Dekret aus dem Jahr 1095 nach Fulcher von Chartres:

Auf dem Konzil zu Clermont ... wurde mit einmütigem Beifall dekretiert, dass jede Stadt jenseits des Meeres, die den Heiden entrissen werden kann, für immer ohne Widerspruch behalten werden soll.

Plündern im Namen Gottes

Bis dahin hatten die milites Christi nur Städte gestürmt, in denen muslimische Besatzungen stationiert waren. Jetzt sollte die größte Stadt der Christenheit mit stürmender Hand erobert werden, eine Prozedur, bei der Plündern erlaubt war. Gottfried von Villehardouin kommentiert den Beschluss der Kleriker und Anführer:

Wisst, dass dies den Baronen und Pilgern sehr behagte.

Kein Wunder. Bot sich doch die seltene Gelegenheit sich die eigne Taschen zu füllen und sich dabei der Sündenschuld zu entledigen.

Kreuzzpredigt - Oströmer sind schlimmer als Juden

Mit der Gewährung der Sündenvergebung wird die Operation gegen das christliche Ostrom ein richtiger Kreuzzug. Dazu gehört auch eine rich­tige Kreuzpredigt. Robert von Clari berichtet von mehreren Feldmessen:

Dann predigten die Bischöfe (der Bischof von Soissons, der Bischof von Troyes, der Bischof von Halberstadt und andere) im ganzen Heer und sie erklärten den Pilgern: „Der Krieg ist rechtmäßig, denn alle Griechen sind Verräter und Mörder, und sie sind treulos, weil sie ihren recht­lichen Herrn ermordet haben, und sie sind schlimmer als die Juden ... Allen wird im Namen Gottes und des Papstes vergeben, die die Griechen angreifen ... Habt keine Angst, die Griechen anzugreifen, denn sie sind die Feinde Gottes."

Um während der so geheiligten Kriegshandlun­gen jede Befleckung zu vermeiden, werden die Dirnen des Lagers verwiesen. Robert von Clari:

Es wurde befohlen, alle leichten Frauen zu suchen und vom Heer zu entfernen. Sie wurden alle in ein Schiff gebracht und weit weg geschickt.

Vorverteilung der Beute

Bevor der Hauptangriff erfolgt, regeln die Baro­ne und der Doge die Verteilung der Beute. Gott­fried von Villehardouin:

Die vom Heer hielten Rat, wie man vorgehen sollte. Es wurde viel in diesem und jenem Sinn gesprochen. Am Ende wurde beschlossen: Wenn Gott es gewährt, dass sie gewaltsam in die Stadt eindringen würden, soll die ganze Beute auf einem Platz gesammelt werden und gerecht unter allen geteilt werden.

Auf einer von Robert von Clari mitgeteilten Ermahnung dürften die an der Beratung teilnehmenden Kleriker bestanden haben. Sie zeigt, dass die Herren mit dem Schlimmsten rechneten.

Alle vom Heer wurden gezwungen, auf die heiligen Reliquien zu schwören, dass sie die Beute an Gold, Silber und neuen Kleidern ... zur gerechten Teilung abliefern würden. Sie sollten den Frauen keine Gewalt antun und sie nicht ihrer Kleider berauben. Wer sich dessen schuldig machen sollte, wür­de mit dem Tod bestraft. Und sie mussten auf die heiligen Reliquien schwören, keine Hand an Mönche, Kleriker oder Priester zu legen, außer zur Selbstverteidigung, und in keine Kirche oder Münster einzudringen.

Ganz Ostrom wird unter Lateinern verteilt

Die Anführer inklusive der Vertreter des Papstes hatten größere Beute im Auge: Das ganze oströmische Reich. Robert von Clari:

Wenn der Kaiser ein Franzose sein sollte, sollte der Patriarch ein Venezianer sein ...

Sechs Venezianer und sechs Franzosen sollen nach der Besetzung der Stadt den neuen Kaiser wählen. Der Kaiser soll ein Viertel des Reichs und der Beute und die Paläste von Bukoleon und Blachernen erhalten. Der Rest soll unter den Franzosen und Venezianern verteilt werden. Von einer Weiterfahrt nach Palästina ist keine Rede mehr. Gottfried von Villehardouin:

Ende März des nächsten Jahres kann jeder hingehen, wo er will.

Die Eroberung Konstantinopels durch Kreuzzfahrer
Aufteilung Ostroms unter den Anführen - Abschrift eines Vertrages im Staatsarchiv von Venedig Siegerpose - Gemälde im Dogenpalast zu Venedig
Gottes Wille und der Wind

Kaiser Dukas hat den festen Willen, die Stadt zu vertei­digen. Niketas Choniates:

Er ließ die Mauern entlang des Meeres durch Balken er­höhen, mauerte die Landtore zu und entflammte durch sein Beispiel wieder den Mut des Heeres. Oft hängte er sich selbst das Schwert um, bewaffnete seine Hand mit einer ehernen Keule und unterband bald Streifzüge der Feinde, griff einzeln zur Beschaffung von Lebensmitteln ausziehende Lateiner an und ließ sich nie bitten, sondern kämpfte selbst mit eigener Hand mit. Deshalb liebte ihn das Volk.

Am 9. April des Jahres 1204 überquert die vene­zianische Flotte das Goldene Horn. Den Pionieren gelingt es, einige Belagerungsmaschinen un­ter den Mauern aufzustellen. Aber diesmal sind die Verteidiger besser vorbereitet. Ihre Stein­schleudern richten auf den Schiffen schwere Schäden an. Auch die Belagerungsmaschinen der Venezianer werden zerstört. Am Nachmittag muss der Doge den Befehl zum Rückzug geben. Am Samstag und Sonntag reparieren die Vene­zianer die Schäden an ihren Kriegsgeräten. Je zwei Schiffe werden zusammengebunden, damit die doppelte Anzahl von Kämpfern an einer Stelle landen kann. Am Montag rückt die Flotte wieder gegen die Seemauern vor. Gott­fried von Villehardouin:

Zwei zusammengebundene Schiffe namens „Pilger" und „Paradies" näherten sich einem Turm ... Gott und der Wind führte sie heran und die Leiter des „Pilger" legte sich auf den Turm. Sofort drangen ein Venizianer und ein Franzose namens Andrieu d'Urboise ein und andere folgten ihnen. Die Verteidiger wurden mutlos und flohen.

Müde vom Abschlachten

Die Kreuzfahrer können mehrere Tore öffnen und in die Stadt eindringen. Kaiser Dukas flieht in den Palast von Bukoleon. Gottfried von Ville­hardouin:

Ihr hättet sehen können, wie die Griechen niedergemet­zelt wurden, wie Pferde, Paraderosse, Maultiere und an­dere Reichtümer genommen wurden. Es gab so viele Tote und Verletzte, dass man sie nicht zählen konnte. Ein großer Teil der griechischen Edlen floh durch das Tor von Blachernen. Es war schon Abend und das Heer war müde vom Kämpfen und Abschlachten ... Sie beschlos­sen, in der Nähe der eroberten Türme und Mauern zu übernachten. Sie glaubten nicht, die Stadt mit ihren gro­ßen Kirchen und großen Palästen und ihren Bewohnern in einem Monat überwinden zu können ... In dieser Nacht legten mir unbekannte Leute, die einen Angriff der Griechen fürchteten, Feuer zwischen sich und die Griechen. Das Feuer breitete sich stark aus und brannte die ganze Nacht und am nächsten Tag bis zum Abend.

Blutbesudelte Männer

Der Kaiser, das Militär und viele Wohlhabende verlassen in dieser Nacht die Stadt. Niketas Cho­niates bleibt in Konstantinopel und erlebt den Einzug der Kreuzfahrer:

Die Feinde merkten zu ihrer Überraschung, dass ihnen niemand mehr entgegentrat ... Sie konnten gehen, wohin sie wollten, nehmen, was sie wollten... Da sahen sie auf einmal die Einwohnerschaft der Stadt mit Kreuzen und den zu verehrenden Ikonen Christi, wie man sie bei feierliche Umzügen mitführt, heranziehen. Aber der rührende Anblick rührte nicht ihre Seele, in ihren harten Gesichtern zuckte kein weicher Zug auf, das unerwar­tete Bild, das sich ihren Augen bot, ließ nicht ihren hasserfüllten, grimmigen Blick zu Milde zerfließen, sondern sie begannen gefühllos zu plündern, zuerst die Pferde, dann die Habe und das Geld der Bürger und sogar das, was Gott geweiht war. Alle hatten sie Schwerter in den Händen, einige hatten auch ringsherum gepanzerte Schlachtrosse ... Was soll ich erzählen von dem, was diese blutbesudelten Männer sich anmaßten. Welche Schändung, als sie die verehrten Ikonen zu Boden schleuderten, als sie die Reliquien derer, die für Christus gelitten, auf abscheuliche Orte warfen. Was man sonst nur schaudernd hört, musste man sehen: Das göttliche Blut, ausgegossen auf der Erde, den Leib Christi gestreut in den Staub ... Die Freveltaten, die sie in der Großen Kirche verübten, sind kaum zu glauben. Der Altartisch, aus lauter edlen, im Feuer aneinandergefügten Stoffen, ein einziger, vielfarbiger Gipfel der Schönheit ... wurde von den Plünderern zerstückt und verteilt, desgleichen auch der ganze Kirchenschatz, der ungeheuer groß und unendlich prachtvoll war.

Bei kei­nem einzigen Rhomäer ließen sie Milde walten ...

Niketas Choniates:

Das Unheil kam über jedes Haupt. In den Gassen war Weinen und Jammern, die Straßen erfüllte Klagen und Geheul, aus den Kirchen tönte Wehgeschrei, Männer seufzten, Frauen schrieen, überall wurden Leute verschleppt, versklavt, gezerrt, aus den Armen ihrer Lieben gerissen. Die Vornehmen schlichen bar allen Glanzes umher, ehrwürdige Greise saßen kläglich in einem Winkel, die Reichen standen mittellos da. So war es auf den Plätzen, so in den engen Gassen, so war es in den Kirchen, so in den Schlupfwinkeln. Kein Ort blieb un­durchstöbert, kein Platz gewährte den Zufluchtsuchen­den Schutz, alles war voll von allen Gräueln ... Bei kei­nem einzigen Rhomäer ließen sie Milde walten. Sie nah­men allen alles, Geld und Gut, Haus und Kleider und ließen die rechtmäßigen Besitzer nichts mehr benützen.

Streit bei der Teilung der Beute

Die Anführer ziehen nun in die Paläste ein und beschlagnahmen die vorgefundenen Schätze. Gottfried von Villehardouin:

Die anderen Leute verteilten sich in der Stadt und gewannen sehr viel. Die Beute war so groß, dass nie­mand sie schätzen konnte: Gold, Silber, Geschirr, Edel­steine, Satin und Seide, Pelzmäntel und die prächtigsten Reichtümer, die man sich vorstellen konnte ... Jeder nahm sich die Wohnung, die er haben wollte, es gab genug davon.

Die Anführer befehlen, die Beute abzuliefern und in drei Kirchen zu sammeln. Gottfried von Villehardouin wundert sich, dass viele ihren plötzlichen Zugewinn für sich behalten wollen:

Oh Gott, wie treu sie sich bis zu diesem Augenblick verhalten hatten, und Gott der Herr hatte ihnen bei allen Angelegenheiten zeigt, dass er sie belohnte und über al­le Völker erhob. Aber wie oft erleiden die Guten Schaden durch die Bösen. Die Beute wurde eingesammelt, aber es wurde nicht alles zusammengetragen. Viele hielten etwas zurück, obwohl die Exkommunikation durch den Papst drohte.

Robert von Clari schildert die Vorgänge aus der Sicht eines einfachen Soldaten:

Von den reichen Männern nahm jeder Edelsteine oder Gold oder goldene Seidenstoffe oder was ihm gefiel und nahm es mit sich. Auf diese Weise begannen sie den Schatz zu stehlen, so dass davon weder etwas unter der Allgemeinheit des Heers verteilt wurde, noch unter den armen Rittern oder Waffenträgern, die zum Gewinn der Beute beigetragen hatten. Ausgenommen war gewöhnliches Silber wie die Silberkannen, die die Frauen zu den Bädern trugen.

Laut Gottfried von Villehardouin kommen zunächst 150.000 Silbermark zusammen. Ein Drittel erhalten die Venezianer, der Rest wurde so verteilt:

Ein berittener Sergeant erhielt soviel wie zwei Sergean­ten zu Fuß, ein Ritter soviel wie zwei berittene Sergeanten. Niemand erhielt einen größeren Anteil, welchen Rang oder Dienst er auch hatte ... Wer des Diebstahls überführt wurde, wurde streng bestraft und viele von ihnen wurden gehängt.

Den Gesamtwert der eingesammelten und ver­teilten Beute gibt Gottfried von Villehardouin mit vierhunderttausend Silbermark an.

Kein Ruhmesblatt

Niketas Choniates kann mit Hilf e eines venezianischen Kaufmanns fliehen. Seine Mitteilungen über das Auftreten der Kreuzfahrer taugen nicht als Vorlage für Lobreden auf das christliche Abendland.

Viele unserer Freunde und Angehörigen und eine Menge anderer Leute liefen zusammen, als sie uns sahen. So zogen wir unseres Weges, nicht anders als ein Zug von Ameisen. Die Feinde, die uns begegneten, waren nicht mehr vollständig gerüstet, aber jeder hatte an der Flanke des Pferdes ein langes Schwert herab­hängen und Dolche in seinem Gürtel stecken. Einig waren mit Beute beladen, andere untersuchten die vorüberkommenden Rhomäer, ob sie unter ihrem verschlissenen Hemd nicht ein wertvolles Gewand trügen oder Silber und Gold in ihren Taschen versteckt hätten.

Frauen vergewaltigt

Andere starrten die schönen Frauen unverwandt mit begehrenden Blicken an, als wollten sie diese sogleich rauben und missbrauchen. Da wir für die Frauen zitterten, nahmen wir sie in unsere Mitte und bildeten gleichsam einen Zaun um sie. Den jüngeren befahlen wir, ihr Gesicht mit dem Schmutz der Straße zu beschmieren und die Glut ihrer Wangen, die sie früher durch Schmin­ke zu erhöhen pflegten, zum Verlöschen zu bringen. Die Feinde schwelgten und prassten und ließen sich zügellos gehen, besonders bei allem, was unsittlich ist und verspotteten rhomäische Einrichtungen. Sie zogen sich purpurgesäumte Gewänder an, bloß um diese lächerlich zu machen ... Viele setzten die von ihnen vergewaltigten Frauen auf ihr Pferd, darunter auch manche vornehme Frau, die in ihrem langen Gewand, entblößten Hauptes, die Haare zu einem Knoten im Nacken zusammengerafft, umhergeschleppt wurde, während ihre Frauenhaube mit dem dichten, weißen Haar über den Schädel es Pferdes gestülpt war.

Die Scheinheiligen

Choniates erweist sich als Kenner der Kreuzzugspropaganda.

Den ganzen Tag schwärmten die Eroberer umher, tranken ungemischten Wein und fraßen ... Ja, das waren die verständigen, weisen Män­ner, wofür sie sich hielten, die wahrheitsliebenden, treu die Eide bewahrenden Hasser alles Schlechten, das wa­ren die Männer, die so viel frommer waren als wir elenden den Griechen, so viel gerechter und genauer im Befolgen der Gebote Christi, das waren die Männer, die, was noch schwerer wiegt, das Kreuz auf ihren Schultern trugen, die oft auf dieses Kreuz und die Heilige Schrift den falschen Eid geschworen hatten, sie würden Christenländer ohne Blutvergießen durchziehen, nicht nach links abweichen, nicht nach rechts abbiegen, weil sie nur gegen die Sarazenen ihre Hand gewaffnet hätten und ihr Schwert nur mit dem Blut der Zerstörer Jerusalems färben wollten.

So sind nicht die Muslime ...

Das waren die Männer, die gelobt hatten, keine Frau zu berühren, solange sie das Kreuz auf ihren Schultern trügen, weil sie als Gott geweihte Schar im Dienst des Allerhöchsten zögen. Ja, als Schwätzer, als Verfertiger leerer Worte erwiesen sie sich in Wahrheit. Sie wollten Rache für das Heilige Grab nehmen und wüteten offen gegen Christus. Im Namen des Kreuzes stürzten sie ruchlos das Kreuz und schauderten nicht davor zurück, wegen einer Handvoll Gold und Silber das gleiche Zeichen, das sie auf der Schulter trugen, mit den Füßen zu zertreten ... So sind nicht die Muslime. Ja, diese benahmen sich geradezu menschenfreundlich und milde gegen die Landsleute dieser Lateiner als sie Jerusalem einnahmen. Sie fielen nicht brünstig wiehernd über lateinische Frauen her, sie machten nicht Christi leeres Grab zu einem Massengrab, sondern gewährten allen Lateinern den Abzug und bestimmten für jeden Mann nur ein geringes Lösegeld und ließen alles übrige den Besitzern, auch wenn dies zahlreich war wie der Sand am Meer. So verfuhren Feinde Christi mit den christlichen Feinden.

Dieser Text ist für unsere Geschichts- und Schulbücher offensichtlich nicht geeignet.

Die Überführung Ostroms in lateinischen Besitz

Die Einsetzung eines lateinischen Kaisers ver­läuft nicht harmonisch. Mehrere Tage lang kön­nen sich die Wahlmänner nicht einigen. Die An­hänger des Marquis von Montferrat versuchen, für ihren Kandidaten Stimmung zu machen, aber die Venezianer verhindern seine Wahl. Am 16. Mai 1204 wird Balduin von Flandern zum ersten Kaiser des lateinischen Kaiserreichs von Kon­stantinopel gekrönt. Er ist zwar formal der ober­ste Lehnsherr, aber laut Vorvertrag erhält er nur ein Viertel des Reiches. Den Rest teilen sich die anderen Barone und Venedig je zur Hälfte. Der Marquis von Montferrat erhebt Anspruch auf Thessaloniki, aber der neue Kaiser Balduin nimmt es selbst in Besitz. Kaum gegründet, erlebt das Reich seine erste Feudalfehde: Die Truppen des Marquis belagern die Vasallen des Kaisers in Adrianopel. Heinrich Dandolo legt den Streit bei, und der Marquis kann sich doch noch die rei­che Stadt Thessaloniki mit Thessalien und Make­donien aneignen. Mehrere hundert Lehen wer­den an adlige Kreuzfahrer vergeben. In Kleinasien und auf dem Pelopon­nes müssen sich die Barone ihre neuen Herr­schaften erst noch erobern. Venedig bringt als Seemacht vor allem Inseln im Ionischen Meer und im griechischen Archipel an sich, sowie Ha­fenstädte an der Küste der Adria und des Pelo­ponnes und schließlich Kreta. Venedig über­nimmt auch das Patriarchat von Konstantinopel mit seinen Pfründen, aber die griechisch-orthodoxe Bevöl­kerung bleibt ihrem Glauben treu.

Transfer der Beute in den Westen

Venezianer, Barone, Soldaten und Kleri­ker schleppen neben dem Bargeld Unmengen von heiligen und profanen Kunstwerken ab. Die reichhaltigste Beutesammlung ist im Markus­dom in Venedig zu besichtigen. Auch deutsche Kirchenschätze werden bedacht. Die Kölner Königschronik meldet:

1208. In demselben Jahre am 11. April erhielten wir die Reliquien vom Haupt des heiligen Pantaleon, unsres Patrons, die mit unzähligen anderen Reliquien durch Heinrich von Ulmen aus Konstantinopel herbeige­bracht und von ihm durch den Abt Albert von Laach an uns übersandt worden waren. Sie wurden jetzt unter der größten Andacht der ganzen Geistlichkeit und des Volkes in Empfang genommen und mit anderen sehr kostbaren Reliquien in einem silbernen und vergoldeten Haupt niedergelegt.

Das schönste Mitbringsel des Heinrich von Ul­men, eine reich verzierte Kreuzlade, ist in der Schatzkammer des Limburger Domes ausge­stellt. Robert von Clari zählt einige der erbeute­ten Reliquien auf:

Zwei Stücke des Wahren Kreuzes so dick wie Männearme und sechs Fuß lang. Die Lanze, mit der unser Herr in die Seite gestochen wurde. Die zwei Nägel, die mitten durch seine Hände und Füße geschlagen wurden. Der größte Teil seines Blutes in einer Kristallphiole. Der Kit­tel, der ihm genommen wurde, als er zum Kalvarienberg geführt wurde. Die gesegnete Krone, mit der er gekrönt wurde ... Das Gewand der Maria, der Kopf meines Herrn, Johannes des Täufers und so viele kostbare Reliquien, dass ich sie niemals beschreiben könnte.

Die Kölner Königschronik beschreibt das Teilungsverfahren:

Als die Stadt erobert wurde, fand man unschätzbare Reichtümer, die kostbarsten und unvergleichlichsten Edelsteine und einen Teil vom Kreuz des Herrn ... Die anwesenden Bischöfe zerschnitten es und verteilten es neben anderen höchst kostbaren Reliquien unter den vornehmsten Edlen. Nach deren Rückkehr in die Heimat haben sie die Teile dann in den Kirchen und Klöstern verbreitet.

Propaganda zur Begründung

Seit dem ersten Kreuzzug war Ostrom immer wieder beschuldigt worden, durch Bünd­nisse mit Muslimen das Scheitern der Kreuzzüge verursacht zu haben. Nach der Eroberung von Konstantinopel verschärft sich die Propaganda. Die Kölner Königschronik zitiert ein Schreiben des lateinischen Kaisers Balduin an den Erzbischof von Köln. Es enthält eine Passage, in der unzutreffende Behauptungen über die griechisch-orthodoxe Kirche aufgestellt werden:

Denn diese ist es, die nach der abscheulichen Sitte der Heiden unter wechselseitigem Zutrinken des Blutes als Zeichen für brüderliche Gemeinschaft es öfters gewagt hat, mit den Ungläubigen todbringende Freundschaften zu schließen und diesen Feinden ... Waffen Schiffe und Lebensmittel verschafft hat ... Diese ist es, die Christus nur durch Gemälde zu ehren gelernt hatte und bei gottlosen Religionsgebräuchen, welche sie mit Verachtung des Ansehens der heiligen Schriften sich zurecht gemacht hatte, häufig sogar das Wasser der heilbringenden Taufe durch wiederholte Vornahme derselben zu verschütten wagte. Diese ist es, die alle Lateiner nicht des Namens von Menschen würdigte, sondern von Hunden, deren Blut zu vergießen die Laienmönche fast als Verdienst anrechneten ... Um dieser und ähnlicher wahnwitzigen Dinge willen ... hat die göttliche Gerechtigkeit durch uns­re Hand die Menschen, welche Gott hassen und sich selbst lieben, mit verdienter Strafe getroffen und ausgetrieben. Uns hat sie dagegen ein Land gegeben, welches im Überfluss versehen ist mit allen Gütern, gesegnet mit Getreide, Wein und Öl, sehr ergiebig an Früchten, geschmückt mit Wäldern, Gewässern und Weiden, geräumig zum Wohnen und von gemäßigtem Klima, wie der Erdkreis kein ähnliches Land enthält.

Das lateinische Ostrom verarmt

Balduin von Flandern, der Autor des Schreibens, gerät 1205 bei einer Schlacht gegen die Bulgaren in Gefangenschaft und taucht nicht mehr auf. Das lateinische Kaiserreich hat nicht lange Bestand. 1225 werden Thessaloniki und fast alle Besitzungen in Kleinasien wieder von oströmischen Kaisern beherrscht. Bald darauf besteht das Reich der Lateiner prak­tisch nur noch aus der Stadt Konstantinopel und ist trotz des Verkaufs der Reliquien völlig ver­armt. Verstärkungen bleiben aus, obwohl Papst Gregor IX. die Kreuzzugsprivilegien für die Un­terstützung des Kaiserreichs gewährt. Der oströmische Kaiser in Nikaia, Michael VIII., be­endet mit Hilfe der Genuesen die lateinische Herrschaft in Konstantinopel im Juli 1261. Aber die Stadt hat ihren Glanz und ihre Größe verlo­ren. Die Lateiner haben die Schäden der von ih­nen verursachten Feuersbrünste nicht behoben. Viele Gebäude verrotten, weil die letzten Kaiser die Bleidächer verkauft haben. Ganze Stadtteile sind unbewohnt und zwischen den Trümmern weidet das Vieh. Handel und Wirtschaft können sich nicht wieder erholen. Die Mauern sind noch intakt, aber die neuen Machthaber können nicht genug Söldner bezahlen, um sie vollständig zu besetzen:

Ostrom kommt der Christenheit abhanden

Ostrom hatte über Jahrhunderte das weitere Vordringen der Türken verhindert. Nun ist es da­zu nicht mehr in der Lage. 1329 erobern die osmanischen Türken die Stadt Nikaia und ein paar Jahre später stehen sie am Bosporus. 1356 setzt ein osmanisches Heer über die Dardanellen und beginnt mit der Eroberung Thraziens. Die Hilfe aus dem Westen bleibt spärlich und die üblichen inneren Krisen schwächen Ostrom weiter. 1452 bringen die Osmanen auf einer Festung bei Konstantinopel drei riesige Kanonen in Stellung. Sultan Mehmed Il. besichtigt im August die Mauern der Stadt. Ende November wird ein Schiff aus Venedig mit einer einzigen Kanonen­kugel versenkt. Venedig und Genua sind nun ernsthaft besorgt, schicken aber keine Flotte. Die Republiken müssen ihre vielfältigen Erobe­rungen beschützen und treiben Handel mit den Osmanen.

Osmanen erobern Konstantinopel

Papst Nikolaus V. bemühte sich vergeblich, den europäischen Adel zur Intervention zu bewegen und er finanzierte selbst zweihundert Bogenschützen, die auch in Konstantinopel eintrafen. Nachdem erkennbar war, dass Sultan Mehmed ein Belagerungsheer aufstellte, entsandte Venedig einige Schiffe. Anfang April 1453 begann die Belagerung. Die großen Kanonen der Osmanen richteten schwere Schäden an der Landmauer an. Sultan Mehmed sicherte den Bewohnern der Stadt Leben und Eigentum zu, wenn sie bedin­gungslos kapitulieren würden. Die Verteidiger lehnten das Angebot ab. Die Griechen und die Italiener der Handelskolonien kämpften hinter den Mauern und auf der See verzweifelt gegen die zahlenmäßig überlegenen Streitkräfte der Osmanen. Am 29. Mai 1453 erfolgte vor dem Morgengrauen der Hauptangriff gegen die Landmauern. Die ersten Angriffswellen konnten von den Verteidigern abgewiesen werden. Sie kämpften stundenlang auf den Wällen, während die Türken ständig frische Truppen in die Schlacht warfen. Schließlich gelang es den Elitetruppen des Sultans, den Janitscharen, in die Stadt einzudringen. Da sich die Verteidi­ger nicht ergeben hatten, gab Sultan Mehmed Konstantinopel zur Plünderung frei. Auf den Straßen, in den Häusern und Kirchen wurden in den ersten Stunden Tausende von Christen umgebracht und versklavt. Sultan Mehmed zog einige Stunden später in die Stadt ein und ließ das Gemetzel einstellen. Die Hagia Sophia wurde in eine Moschee verwandelt. Das oströmische Reich existierte nicht mehr.

Bilanz der Kreuzzüge

Im Jahr 1529 standen türkische Truppen vor Wien und das osmanische Reich erstreckte sich von Ägypten bis Ungarn. Es war größer als das oströmische Reich vor dem ersten Kreuzzug.
Papst Urban II. hatte im Jahr 1095 laut Fulcher von Chartres beim Aufruf zum ersten Kreuzzug in Clermont gesagt:

... verjagt dieses verbrecherische Volk rechtzeitig von unseren Ländern und steht den Christen bei ...

Das war gründlich misslungen.
Mitbringsel eines Kreuzfahrers aus Konstantinopel
Mitbringsel aus Konstantinopel im Domschatz von Limburg Beutegut aus Ostrom - die Quadriga am Markusdom
Raubgut aus Konstantinopel im Markusdom
Beutekunst im Markusdom
Kreuzfahrer-Mitbringsel  im Markusdom