Peter Milger - Kreuzzüge und Propaganda - Idelogie der Kreuzzüge
Propaganda gegen Saladin
Französische Miniatur um 1400. Laut Text läßt Saladin zündeln und Christen als Sklaven verschleppen. Tatsächlich hat Saladin nach der Eroberung Jerusalems sogar Gefangene bei seienen Unterführern freigekauft.

(1) Wir wären gern die Guten


Kreuzzug
klingt selbstlos

Die Bezeichnung Kreuzzug für eine Militärexpedition soll dem Publikum vormachen, es seien überwiegend ideelle Motive im Spiel. Die Propagandisten des Projektes haben sie eingeführt, als sich um 1200 die materiellen zu deutlich abzeichneten. Die abendländischen Fachgelehrten haben dann die Rede vom Kreuzzug so ungebrochen weiter geführt, als käme ihnen die mitklingende Beschönigung durchaus gelegen. Da die Kreuzzüge nur so genannt jedermann bekannt sind, kommt man nicht immer umhin, sie auch so zu nennen. In den frühen Texten ist auch noch nicht von Kreuzrittern oder Kreuzfahrern die Rede, sondern meistens von milites Christi oder peregrini (Pilgern).

Tenor heute: Ausgang ungünstig, aber gute Absichten

Den Kreuzzügen ein Loblied zu singen, war mit dem Verlauf und Ausgang nicht vereinbar. Ebenso wenig wie dieser Eintrag ins abendländische Lexikon:

Der Kreuzzug führte zur Befreiung der orientalischen Christen vom Joch ihrer türkischen und arabischen Unterdrücker.

Das war im Jahr 1095 eines der propagierten Kriegsziele. Die abendländischen Historiker greifen nur dieses selbstlos klingende heraus und geben es ohne kritische Überprüfung an ihre Leser weiter. Das Scheitern räumen sie natürlich ein, aber erinnert wird offenbar überwiegend, dass gute Absichten vorlagen. Jedenfalls konnten die beiden Bushs ihre Feldzüge als Kreuzzüge ausgeben, ohne die Mehrheit ihrer Adressaten in den USA zu erschrecken. Das Kreuz als Gütesiegel, nach wie vor. Die Präsidenten und seine Berater gingen offensichtlich davon aus, dass die Mehrheit vom Charakter und der Bilanz der Originalunternehmung keine Ahnung hat.

Propaganda infiziert die Geschichtsschreibung

In einem ständig Krieg führenden Europa waren nüchterne Bilanzen von Kriegen natürlich nicht gefragt. Die Obrigkeiten erwarteten von ihren Historikern, dass sie ihre Kriege rechtfertigen, und nicht kritisierten. Aber auch der modernen Geschichtsschreibung ist es offensichtlich nicht gelungen, ein tief in der abendländischen Befindlichkeit verwurzeltes Bild zu korrigieren. Das Bild vom edlen Ritter oder einfachem Pilger, der frommen Herzens für die Christenheit ins Feld zieht, ihre Feinde niederwirft und vom besudelten Grab des Herrn verjagt. Es ist exakt das Bild, dass die Propagandisten des ersten Kreuzzuges verbreitet haben. These also: Nicht der Verlauf des Feldzuges, sondern die Propaganda für ihn dominiert das Geschichtsbild. Und zwar mehr oder weniger unterschwellig auch bei modernen Historikern, in Schulbüchern und in Nachschlagewerken.

Kreuzzugspropaganda und Kolonialismus

Die Propaganda für die Kreuzzüge hat eine Doktrin tief im abendländischen Bewusstsein verankert: Heiden sind rechtlos, alles Land, das von ihnen bewohnt wird, gehört den rechtgläubigen Christen. Im Nahen Osten war es schief gegangen, aber die im Süden und Westen entdeckten Wilden waren praktisch wehrlos. Sofern sie die Begegnung mit den Kolonisten überlebten, waren auch sie ihr Land los, ihre Habe und das Eigentum an ihren Körpern. Die Rechtfertigung wurde allerdings durch Versprechungen modernisiert: Rettung der Seelen. Nächste Ergänzung des verlautbarten Angebots, schon in der sogenannten Moderne: Die Segnungen der Zivilisation. Und so geht es weiter, immer zeitgemäß. Wenn es mit Demokratie und Menschenrechten diesmal ehrlich gemeint wäre ...

Über Quellen und Augenzeugen

Für den Verlauf der Feldzüge sind Berichte der Augenzeugen die einzigen Quellen für spätere Historiker. Besonders zuverlässig sind sie nicht. Die mitreisenden Chronisten fügten Propagandatexte ein, schrieben bei Kollegen ab, ließen Wunder geschehen, gaben Visionen als reales Geschehen wieder und lassen Jesus und alle möglichen Heiligen zu Wort kommen. Auch über konkrete Sachverhalte bedienen sie die Nachwelt mit voneinander abweichende Versionen. Spätere Historiker entscheiden dann für den Leser, was sie für wahr halten und wiedergeben, und was sie weglassen. Das ginge ja noch, wenn sie ihr Publikum über die Problematik der Quellen und ihre Wahrheitskriterien aufklären würden. Die Frage, woher weis der Autor das, wird in der Schule ja auch nicht geübt.

Was stimmt? Es gibt Kriterien

Sachverhalt: Eine Mauer wird gestürmt. Wenn nur ein Bericht darüber vorliegt, sollte es eigentlich immer heißen: Laut ... wurde die Mauer gestürmt, 15 Mann kamen dabei um. Lässt ein Augenzeuge 10 Mann umkommen, ein zweiter 30, sollte man nicht kompilieren, es seien 20 Tote angefallen. Als ziemlich sicher gelten kann in diesem quellentechnisch günstigen Fall, dass die Mauer gestürmt wurde. Bei der Erstürmung der Mauer starben laut ... und laut ... Wenn also mehrere voneinander unabhängige Berichte vorliegen, können die Übereinstimmungen als Sachverhalt betrachtet werden. Subtiler ist ein weiteres Kriterium. Die Chronisten berichten auch Ungünstiges über die kolonisierende Christenschar, über Taten, die auch nach damaligen Vorstellungen als verwerflich galten. Warum aber haben sie es nicht einfach verschwiegen? Ein Motiv ist ihre Erklärungsnot im Fall von militärischen Niederlagen. Wenn Gott die Hand nicht schützend über seine Heerscharen hielt, konnte es nur an deren Sündhaftigkeit liegen. Die Sünden mussten auch benannt werden, als Klage über Grausamkeit, Unkeuschheit, Habgier und Wohlleben ihrer Mitreisenden. Die Chronisten wussten auch, dass ihre Leser darob nicht überrascht sein würden.

Das Feinbild erlaubt allerhand

Natürlich billigen Christen nicht, wenn Christen wehrlose Menschen abschlachten. Warum beschreiben die Augenzeugen dann aber, wie Christen Wehrlose abschlachten? Weil wehrlos ja, jedoch keine Menschen, sondern Feinde Gottes, barbarische Heiden etc. Daher konnten sie schreiben, was sie gesehen hatten. Auch wenn es absurd klingt, die Propaganda erlaubt nicht nur die Taten, sondern auch ehrliche Frontbilder. Im Jahr 2003 durften Kameraleute gedemütigte Männer in Käfigen drehen, Gefangene mit Tüten auf dem Kopf, oder wie Frauen herumgezerrt und befingert werden. Terroristen halt.

Nachprüfung an Hand der Quellen möglich

Dieses Buch besteht überwiegend aus selten oder nie zitierten Quellentexten. Zitiert wird aus Propagandazirkularen, Dekreten, Briefen, Berichten von Augenzeugen der Feldzüge und ersten Kompilationen durch zeitgenössische Chronisten. Und was die Geschichtsschreibung daraus machte: Zitate aus dem 20. Jahrhundert. (Fachbücher, Lexika, Bilder etc).

Siehe auch
Bild Saladin
Saladin befiehlt die Fesselung der Gefangenen. Miniatur um 1350.