Das Konzil in Clermont nach Fulcher von Chartres
Bericht, die Rede Urban II., Dekrete, Darlegung verschiedener Gründe für eine Militärexpedition
von Peter Milger

Konzil Synode Clermont (Kreuzzug)
Papstrede nach Robert der Mönch
Fake News & Hate Speech

Das Konzil
- die Fakten und der Mythos

Vier Papstreden in Auszügen
Fulcher von Chartres, Robert der Mönch, Bladrich von Dol, Guibert von Nogent

Hauptseite: Die Kreuzzüge
Krisengipfel - nicht Gott oder Ostrom brauchten den Kreuzzug - sondern Papst Urban und die Kirche

... die Ent­fernung dieser Übel durch die Mahnrede des Papstes Urban ...
Fulcher von Chartres

Hilfe für die christlichen Brüder im Osten? Fulcher macht deutlich, dass das Papsttum einen Befreiungsschlag dringender brauchte als Ostrom, das seit 15 Jahren Herr der Lage war und Krieger ablehnte, die nicht im seinem Sold standen. Die Landnahme durch die Türken war sogar rund 25 Jahre her. Die Bevölkerung in Kleinasien bestand noch immer überwiegend aus Christen, die Sondersteuern an die Sultane zahlten und ihren Ritus ausüben durften. Ernste Probleme hatten nicht die Ostchristen, sondern die Kirche und die Gesellschaft im Westteil des alten Römischen Reichs. Konzilien (Synoden) waren politische Veranstaltungen und Fulcher ist der einzige Autor, der Urbans Vorhaben mit den politischen Zuständen verknüpft. Verhandelt wurden vorrangig die Geldnot der Kirche, die Krieg der Feudalherren, die hohe Kriminalität und der Konflikt mit Kaiser Heinrich IV., der ein Rom einen eigenen Papst installiert hatte. Laut Fulcher hoffte Urban mit dem Aufruf zum Feldzug und seiner Durchführung ALLE ÜBEL abzuwenden. Anmerkung zur Ostpolitik: Dass Urban wie sein Vorgänger, Papst Gregor VII., einen Führungsanspruch gegenüber den Ostkirchen erhob, erwähnt Fulcher erst am Ende in einem Nebensatz. Dass sich die Päpste auch die Verfügungsgewalt über irdisches Gut in Ostrom anmaßten, zeigt ein Dekret des Konzils, das Fulcher an anderer Stelle nachträgt. Es sei unter Beifall beschlossen worden:

Jede Stadt jenseits des Meeres, die den Heiden entrissen wird, soll für immer ohne Widerspruch behalten werden.

Die zu behebenden Missstände bzw. die politische Agenda wird durch Fettdruck hervorgehoben. Die Überschriften wurden wohl nachträglich eingefügt. Im Bericht über das Konzil und in der Rede kommt das Wort "Jerusalem" nicht vor. Peter Milger. HAUPTSEITE

Übersetzung, deutsch nach: Fulcheri Carnotensis: Historia Hierosolymitane, Heinrich Hagenmeyer Hrsg., Heidelberg, 1913, ab Seite 115)


I. Das in Clermont abgehaltene Konzil

Im Jahr 1095 der Fleischwerdung des Herrn, als der sogenannte Kaiser Heinrich in Alemannia und König Philipp in Frankreich regierten, gab es viele Übel in ganz Europa durch mangelnden Glauben. Über die Kirche herrschte Papst Urban II. in Rom. Sein Leben und seine Sitten waren bewundernswert. Er strebte klug und kraftvoll danach, den Rang der Heiligen Kirche weiter und weiter zu erhöhen. Weiter sah er, wie der christliche Glaube von allen, sowohl von Klerikern und als auch von Laien, zertreten wurde. Wie die Landesherren ständig gegeneinander Krieg führten und wie der Frieden völlig aufgehoben war, Hab und Gut gegenseitig gestohlen wurde, wie viele zu unrecht Gefangene brutal in finstere Gefängnisse geworfen wurden um sie teuer freizukaufen oder um dort durch Hunger, Durst und Kälte gequält oder heimlich getötet zu werden. Er sah, wie heilige Stätten geschändet, Klöster und Villen abgebrannt, nichts Sterbliches verschont, und das Humane und das Göttliche verspottet wurden.

Als er hörte, dass im Inneren Romanias in den von Türken (Turcis ) besetzten Gebieten die unterlegenen Christen durch einen wütigen und verderblichen Angriff unterdrückt werden, bewegte ihn leidenschaftliche Frömmigkeit und Gottes Liebe. Er überquerte das Gebirge, begab sich hinab nach Gallien in die Auvergne und ließ durch Boten in der ganzen Umgebung ein ordentliches Konzil nach Clermont einberufen. Es versammelten sich 310 Abgesandte, sowohl Bischöfe wie Äbte mit ihren Krummstäben. Am festgesetzten Tag versammelte er sie um sich und gab in einer flüssigen Rede den Grund der Versammlung bekannt. Mit der sorgenvollen Stimme einer leidenden Kirche berichtete er von ihrem großen Elend. Über so viele tobende Stürme in der Welt und die Zerstörung des Glaubens hielt er eine weitschweifige Predigt. Dann ermahnte er als Bittsteller alle, die Kraft ihres Glaubens zu erneuern und entschlossen den Machenschaften des Teufels zu widerstehen und zu versuchen, den alten Rang der heiligen Kirche, die von den Ungläubigen grausam geschwächt worden war, wieder ganz herzustellen

II. Dekret des Papstes Urban auf demselben Konzil

(Zuerst kommt eine allgemeine Predigt)

"Geliebte Brüder", sprach er, "aufgrund der Würde des Apostelamtes mit Gottes Erlaubnis Vorsteher des Erdenkreises, bin ich Urban, aus erzwungenem Anlass als Statthalter des göttlichen Willens zu Euch Gottesdienern in diese Gegend gekommen. Nach Überwindung der sintflutartigen Heuchelei, wünschte diejenigen treu anzutreffen, die ich für Verwalter der göttlichen Geheimnisse gehalten habe. Wenn irgendetwas Krummes oder Verdrehtes unter Verwerfung einer maßvollen Rechtsordnung gegen Gottes Gesetz Widerstand leistet, werde ich es mit gött­lichem Beistand sorgfältig glätten. Denn der Herr hat Euch als Verwalter über sein Hauswesen gestellt, dass Ihr ihm entsprechend der Zeit maßvoll gewürzte Speisen vorsetzt. Selig aber werdet Ihr sein, wenn Euch der Aufseher über die Verwaltung treu vorfindet. Ihr werdet nämlich Hirten genannt; seht darauf, dass ihr Euer Amt nicht nach Art der Tagelöhner verrichtet. Seid also wahre Hirten, haltet den Hirtenstab stets in Händen und erhaltet allenthalben ohne Schlaf die Euch anvertraute Herde. Wenn nämlich durch Eure Sorglosigkeit und Nachlässigkeit der Wolf ein Schaf reißt, werdet ihr sicherlich den Lohn verlieren, der Euch bei unserem Herrn bereitet ist. Denn zuerst werdet ihr heftig mit Ruten geschlagen, darauf aber grub den Gewahrsam der Hölle gestürzt werden. Nach dem Wort des Evangeliums seid Ihr das Salz der Erde. Wenn Ihr versagt, weiß man nicht, womit man salzen soll. Wie groß ist der Bedarf an Salzung? Es ist wahrhaft nötig, dass ihr das unwissen­de und über die Maßen nach der Zügellosigkeit der Welt gierende Volk durch Verbesserung mit dem Salze der Weisheit salzig macht, damit der Herr es nicht, wenn es ihm jemals gefällt, zu ihm zu sprechen, fade findet, weil es durch seine Vergehen in Fäulnis übergegangen ist. Wenn er nämlich Würmer, d.h. Sünden wegen Eurer nachlässigen Fürsorge darin findet, wird er das für wertlos be­fundene Volk sogleich in den Abgrund des Unflates werfen lassen. Und weil Ihr ihm einen solchen Verlust nicht ersetzen könnt, wird er Euch am Tage des Jüngsten Gerichts verurteilen und so­fort aus dem vertrauten Umgang seiner Liebe verbannen. Einer aber, der Salz zugibt, muss klug, vorausschauend und fürsorglich, maßvoll, gelehrt, friedfertig, forschend, fromm, gerecht, aus­geglichen und rein sein. Denn wie kann ein Ungelehrter die Leu­te gelehrt machen, ein Unmäßiger sie maßvoll, ein Unreiner sie rein machen? Und wenn er den Frieden hasst, wie soll er Frieden schaffen? Oder wenn einer besudelte Hände hat, wie kann er dann einen anderen vom Schmutz der Sünde reinigen. Man liest auch: Wenn ein Blinder einen Blinden führt, steht beiden die Fallgrube offen. Im Übrigen weist Euch selbst zu­recht, damit Ihr die Euch Untergebenen untadelig bessern könnt."

(Die „Dekrete" folgen erst jetzt)

„Wenn Ihr Freunde Gottes sein wollt, übt Euch willig in dem, was ihm Eurer Meinung nach gefällt. Lasst besonders den Kirchenbesitz fest in seinen Rechten stehen, dass auch keinesfalls die Ketzerei der Simonie bei Euch Wurzel fast; tragt Sorge, dass Verkäufer wie Käufer von Kirchen und Ämtern von den Ruten des Herrn durch die enge Pfor­te elend ins Verderben der Verwirrung getrieben werden. Haltet die Kirche in ihren Ständen allenthalben frei von jeder weltli­chen Macht, lasst Gott von allen Feldfrüchten getreulich den Zehnten entrichten, ohne dass er verkauft oder zurückgehalten wird. Wer einen Bischof gefangen nimmt, soll als Gesetzloser behandelt werden. Wer Mönche, Kleriker, Nonnen oder deren Diener gefangen nimmt oder ausraubt, oder auch Pilger und Kaufleute, soll in Bann geschlagen werden. Räuber und Brandstifter, sowie deren Spießgesellen, sollen aus der Kirchengemeinschaft verbannt und in Bann geschlagen werden. Insbesondere ist zu erwägen wie Gregor Große sagt, mit welcher Strafe der zu belegen ist, der fremdes Eigentum raubt, wenn einer, der sein Eigentum nicht freigebig verteilt, mit der Höllenverdammnis gestraft wird. So nämlich widerfuhr es dem im Evangelium erwähnten reichen Mann, der nicht deshalb bestraft wurde, weil er fremdes Gut weggenommen hatte, sondern weil er die empfangenen Güter zu seinem eigenen Verderben vernachlässigt hat. Wie ihr gesehen habt, Geliebte, ist durch derlei Unregelmäßigkeiten, die genannt wur­den, die Welt schon längst so in Verwirrung geraten, dass an man­chen Orten Eurer Kirchenprovinzen, wie mir durch Berichterstat­ter eröffnet worden ist, vielleicht durch die Schwäche Eurer Rechtssprechung, kaum einer gefahrlos auf den Wegen zu gehen wagt, ohne dass er bei Tage oder bei Nacht von Räubern und Wegelagerern mit Gewalt oder List zu Hause oder draußen ausgeraubt würde. Deshalb ist der allgemein so genannte Gottesfrieden, der schonlängst von den heiligen Vätern beschlossen wurde, wiederherzu­stellen, was ich mahnend fordere, damit ein jeder von Euch ihn in seinem Bistum fest einzuhalten befiehlt. Wenn ihn einer aus Begehrlichkeit oder Hochmut aus freien Stücken bricht, soll er durch Gottes Macht und die Strafbestimmung der auf diesem Kon­zil gefassten Beschlüsse in Bann getan werden."

III. Ebenso seine Aufforderung zum Zug nach Jerusalem (? siehe oben)

Nachdem dies und anderes mehr angemessen dargelegt worden war, stimmten alle Anwesenden, der Klerus ebenso wie die Laien, indem sie Gott dankten, der Rede des Herrn Papstes Urban aus freiem Willen zu und bekräftigten im Treueversprechen die Ein­haltung seiner Entscheidungen. Er fügte jedoch sogleich hinzu, dass etwas anderes, nicht weniger als die schon genannte Drangsal, sondern größer und schlimmer der Christenheit aus einem anderen Erdteil Schaden zufüge, und sagte:

"Wenn Ihr auch, Kinder Gottes, Gott versprochen habt, Euch stärker als gewohnt im Glauben zu bemühen, untereinander Frieden zu halten und die Rechte der Kirche zu wahren, so ist es der Mühe wert, dass Ihr Eure Kraft auf ein anderes Werk für Gott und Euch selbst verwendet, zumal Ihr gerade durch göttliche Besserung wieder­belebt seid. Es ist nämlich vonnöten, dass Ihr Euren Mitbrüdern, die im Orient weilen und Eurer Hilfe bedürfen, schleunigst zur Hilfe eilt. Wie den meisten von Euch schon gesagt wurde, haben sich die Türken bis zum Mittelmeer, nämlich bis zum sogenannten St. Georgs-Arm ausgebreitet, ein persisches Volk, das bis zu den Grenzen des oströmischen Reiches die christianisierten Länder mehr und mehr besetzt und in sieben­fältigem Kampf besiegt hat, wobei viele getötet oder gefangen­genommen, Kirchen zerstört worden sind und das Reich Gottes verwüstet wurde. Wenn Ihr diese eine zeitlang in Ruhe lasst, werden sie noch in viel größerem Ausmaß die Oberhand Über die Getreuen Gottes gewinnen. Deshalb bitte ich Euch demütig, nein, nicht ich, sondern der Herr, dass Ihr allen Leuten jedes Stan­des, Reitern wie Fußsoldaten, Reichen wie Armen, durch häufige Bekanntmachung als Herolde Christi ans Herz legt, den Chri­sten zu helfen, dieses verbrecherische Volk rechtzeitig aus Kleinasien zu verbannen. Das sage ich den Anwesenden, den Ab­wesenden trage ich es auf, Christus aber befiehlt es. Allen jedoch, die dorthin gehen, wird die sofortige Vergebung der Sünden zuteil, wenn sie, sei es auf dem Marsch, bei der Über­ fahrt oder im Kampf gegen die Heiden, ihr Leben vorzeitig ver­lieren. Was ich den Abmarschwilligen gewähre, schenke ich als von Gott Eingesetzter. 0h welche Schande, wenn ein derart ver­achtenswertes, verkommenes und götzendienerisches Volk das mit dem Glauben an den allmächtigen Gott beschenkte und im Namen Christi strahlende Volk so besiegen würde! Zu wie großer Schande würde es Euch vom Herrn angerechnet, wenn Ihr de­nen nicht zu Hilfe kämet, die wie Ihr zum christlichen Bekenntnis gerechnet werden?

Gegen die Ungläubigen sollen jetzt die­jenigen zu einem Kampf ausziehen, der es wert ist begonnen zu werden und der mit dem Siegespreis beendet werden muss, die zuvor ihre Privatfehde missbräuchlich sogar gegen Gläubige aus­ zudehnen pflegten. Wer eben noch ein Räuber war, soll jetzt Streiter Christi werden; wer früher gegen Brüder und Verwandte kämpfte, soll nun mit vollem Recht gegen Barbaren kämpfen. wer eben noch für wenige Schillinge Söldner war, mag jetzt ewigen Lohn erwerben; wer sich zum Schaden für Körper und Seele abmühte, soll um doppelter Ehre willen sich mühen. Ja, hier werden die Unglücklichen und Armen, dort aber die Glücklichen und Reichen stehen, hier die Feinde Gottes, dort aber seine Freunde. Keine Verzögerung soll den Marsch der Aufbruchwilli­gen aufhalten, sondern sie sollen, nachdem sie ihr Eigentum verpachtet und die Reisekosten zusammengebracht haben, mit dem Weichen der Winterkälte im nächsten Frühjahr unter Gottes Führung den Weg in Angriff nehmen."

IV. Über den Bischof von Le Puy und die späteren Ereignisse

Nach diesen Worten und nachdem die Zuhörer mit Freuden dazu ermuntert waren, hielten sie nichts für richtiger als ein der­artiges Vorgehen; sogleich gelobten ziemlich viele der Zuhö­rer. Sie selbst würden losziehen und dazu noch andere, die nicht dabei waren, anspornen. Unter diesen war der Bischof von Le Puy, namens Ademar, der später in Stellvertretung des Papstes das ganze Heer Gottes umsichtig und planvoll führte und lebhaft zur Ausführung seiner Aufgabe ermunterte. Nach Festsetzung und allgemeiner Bekräftigung der genannten Punkte sowie der Erteilung der Absolution gingen alle auseinander und verbrei­teten, nach Hause zurückgekehrt, unter den Unkundigen, was geschehen war.

Sobald es allenthalben in den Provinzen verkün­det war, beschlossen sie mit eidlicher Bekräftigung, unterein­ander den Frieden, den man Gottesfrieden nennt, einzuhalten. Daraufhin aber gelobten viele aus allen Berufen, als sie von der Sündenvergebung hörten, im Eifer ihres gereinigten Sinnes, sie würden dorthin gehen, wohin zu gehen ihnen befohlen war. Wie würdig und schön war es für uns alle, jene Kreuze aus Seide, Gold oder irgendeinem anderen Stoff zu sehen, die die Pilger nach ihrem Gelöbnis auf Befehl des genannten Papstes auf ihre Mäntel, Röcke oder Hemden nähten. Selbstverständlich als sollten die Krieger Gottes mit dem verdienten Siegeszeichen bezeichnet und geschützt werden, die sich zum Kampf um seiner Ehre willen rüsteten. Und da sie sich in der Erkenntnis des Glaubens damit schmückten, erlangten sie zuletzt den wert­ olleren Symbolgehalt. Sie machten das Symbol kenntlich, um zu erreichen. Es ist nämlich offensichtlich, dass ein guter Gedanke ein gutes Werk ersinnt, das gute Werk aber das Heil der Seele erlangt. Wenn es gut ist, gut zu den­ken, so ist es doch besser, nach der Idee das gerechte Werk zu vollbringen. Am besten ist der Heilsgewinn, der durch eine angemessene Handlung zur Erhaltung der Seele erworben wird. Ein jeder möge also Gutes denken, das er dann als Werk zu seiner Besserung durchführt, so dass er schließlich das Beste, das in Ewigkeit nicht fehlt, verdient empfängt.

So hat Urban, ein kluger und verehrungswürdiger Mann, ein Werk erdacht, durch das späterhin die Welt erblühte, denn er erneuerte den Frieden und setzte die Rechte der Kirche wieder in ihren alten Zustand. Er hat aber auch versucht, in lebhafter Rede die Hei­den aus den Ländern der Christenheit zu vertreiben, und da er sich bemühte, alles, was Gottes ist, in jeder Hinsicht zu erhöhen, haben sich fast alle willig und gehorsam seiner Vaterwürde anheim gestellt.

V. Über das Zerwürfnis zwischen Papst Urban und Wibert

Der Teufel jedoch, der sich stets bemüht, zum Schaden der Menschen Fuß zu fassen, und der wie ein Löwe umherstreift und Beute sucht, bot ihn (Urban) zur Verwirrung des Volkes einen Gegner auf mit Namen Wibert, einen vom Stachel der Hochmut angesporn­ten Mann. Dieser hatte, unterstützt durch die Unverschämtheit des bairischen Kaisers (Heinrich IV.), schon als der Amtsvor­gänger Gregor oder Hildebrand, der rechtmäßig auf dem Heiligen Stuhle saß, begonnen, das apostolische Amt wi­derrechtlich anzueignen, und hatte Gregor von der Schwelle zur Basilika des heiligen Petrus ausgeschlossen. Und weil er der­art schlecht handelte, wollte ihn das bessere Volk nicht an­ erkennen; als aber Urban, rechtmäßig gewählt und von den Kar­dinalbischöfen geweiht worden war, wandte sich diesem der größere und frommere Teil des Volkes nach Hildebrands Tod gehorsam zu. Wibert aber hielt mit der Unterstützung des genann­ten Kaisers und der meisten römischen Bürger Urban, solange er konnte, von der Peterskirche fern. Solange dieser aber von seiner Kirche ausgeschlossen war, reiste er durch die Provinzen und versöhnte das in bedeutenden Dingen abtrün­nige Volk wieder mit Gott. Hingegen zeigte sich der wegen seiner Vorrangstellung in der Kirche überhebliche Wibert den vom rechten Wege Abgewichenen als Papst zugeneigt und übte das Apostelamt, wenn auch zu Unrecht, unter seinen Anhängern aus und entwertete Urbans Taten als gleichsam vergeblich. Urban aber kam in jenem Jahr, da die Franken auf ihrem ersten Jerusalemzug nach Rom kamen, überhaupt erst in den vollen Genuss der apostolischen Macht mit Hilfe einer adeli­gen Frau namens Mathilde, die in den römischen Landen damals viel Macht besaß. Wibert aber weilte zu dieser Zeit in Aleman­nien. Deshalb erteilten in Rom zwei Päpste Befehle; die meisten aber wussten nicht, wem man gehorchen sollte wem man Rat einholen könnte oder wer die Kranken heilen sollte: Die einen begünstigten diesen, die anderen jenen. Sofern es der menschlichen Einsicht offen stand., war Urban der rechtmäßigere; dafür war nämlich der zu halten, der die Begierden wie Feinde unterwarf. Wibert war Erzbischof von Ravenna und glänzte durch seine Ehrenstellung und seinen Reichtum. Man muss sich wundern, weshalb dem so reichen Mann soviel nicht genug war. Warum wagte der, der als Beispiel gerechten Handelns von allen an­ gesehen werden sollte, das Szepter der Gottesherrschaft in seiner Prunksucht mutwillig zu ergreifen.? Freilich darf man es nicht mit Gewalt an sich reißen, sondern muss es mit Ehrfurcht und Hingabe in Empfang nehmen. Es ist nicht verwunder­lich, dass die ganze Welt in Unruhe und Verwirrung gestürzt wurde, da es ja, wenn die römische Kirche, der die oberste Verbesserungsinstanz der gesamten Christenheit innewohnt, durch irgendeinen Aufruhr erschüttert wird, sogleich dazu kommt, dass die ihr untergeordneten Glieder durch die Ausbreitung des Schmerzes von den Kopfnerven her in Mitleidenschaft gezogen und geschwächt werden. Diese Kirche also, unsere Mutter nämlich, durch deren Milch wir groß gezogen wurden, durch deren Unterweisung wir unterrichtet werden konnten und durch deren Rat wir geschützt worden sind, diese Kirche ist von je­nem hochmütigen Wibert heftig erschüttert worden, und wenn das Haupt derart geschunden ist, sind die Glieder dauerhaft verletzt. Wenn das Haupt krank ist, haben die übrigen Glieder Schmerzen.

Da nun das Haupt derart verletzt und durch den erlittenen Schmerz auch die Glieder erschlafften, weil in al­len Teilen Europas Friede, Güte und Glaube in den Kirchen ebenso wie außerhalb durch Höhergestellte wie Niederrangige mit aller Kraft niedergebeugt wurden, war es notwendig, dass sie zur Ent­fernung dieser Übel durch die Mahnrede des Papstes Urban ihre untereinander längst zur Gewohnheit gewordenen Kämpfe gegen die Heiden richteten.

Jetzt also ist der Schreibstift der Geschichtsschreibung zuzuwenden: von den nach Jerusalem Marschie­renden, was ihnen dort widerfuhr, wie die Angelegenheit und die Anstrengung mit Gottes Hilfe allmählich Erfolg und Glanz bekam, wird er denen, die diese Taten nicht kennen, bis in die Einzelheiten Bericht erstatten. Das habe ich, Fulcher aus Char­tres, auf meiner Fahrt mit den übrigen Pilgern, wie ich es mit meinen eigenen Augen gesehen habe, sorgfältig und angelegent­lich zum Andenken die Nachwelt gesammelt.


Nachtrag zur Ostpolitik Roms.

Urbans geistiger Ziehvater, Papst Gregor VII. hatte mit erheblichen Eifer und Aufwand die universelle Herrschaft über die ganze Christenheit für den Papst in Rom reklamiert. Gleich zwei Oberhäupter widersetzten sich, quasi in der Logik ihrer Ämter: Der weströmische König Heinich IV. und der oströmische Kaiser Alexios. Gregor ging gegen beide zunächst diplomatisch und dann mittels seiner normannischen Vasallen sogar militärisch vor. Das Vorhaben war kläglich gescheitert. Alexios besiegte die Normanen, Heinrich konnte mit einer ihm ergebenen Fraktion der Bischöfe einen Papst einsetzten, der ihn zum Kaiser krönte. So hatte Urban gleich zwei Spaltungen geerbt: Die der Christenheit und die der römischen Kirche. Verständlich, dass Urban vor der in Clermont versammelten Gregor-Partei zur Bekämfung Heinrich-Partei aufrief. Fulcher widmet dem inneren Konflikt einen ganzen Absatz. Den Anspruch der römischen Kirche gegenüber den Ostchristen vertsteckt er in einem Satz:

Es ist nicht verwunder­lich, dass die ganze Welt in Unruhe und Verwirrung gestürzt wurde, da es ja, wenn die römische Kirche, der die oberste Verbesserungsinstanz der gesamten Christenheit innewohnt, durch irgendeinen Aufruhr erschüttert wird ...

Papst Gergor hatte in mehreren Rundbriefen die Ostkirchen der Häresie bezichtigt und erklärt, er wolle im Rahmen eines des Feldzugs zur Befreiung der der Brüder ddieselben auch der der Oberhoheit Roms unterstellen. Der Nebensatz und das oben zitierte Dekret belegen, das in Clermont ein ganz normaler Eroberungskrieg im Geiste Gergors beschlossen wurde. In den von den Feudalherren eingerichtetn Kolonien in Syrien und Palästina wurden denn auch Bischöfe eingesetzt, die den Besitz der Ostkirchen übernahmen. Soweit zur brüderlichen Hilfe.