Der katastrophale Ausgang mittelalterlicher und neuzeitlicher Kreuzzüge
von Peter Milger
Massaker in Jerusalem Kreuzzug Bagdad
Im Namen Gottes: Jerusalem 1099. Bekreuzte töten alle Bewohner, Juden, Muslime und Ostchristen Im Namen der Freiheit: Bomben über Bagdad 2003. Niedrigste Schätzung: 500.000 Tote im Irakrieg
Wir werden einen Kreuzzug führen, um die Welt von den Übeltätern zu befreien ... Es wird einen monumentalen Kampf des Guten gegen das Böse geben.
6. 9. 2001 George W. Bush
Hasspredigten und Fake News einst und jetzt, wie Aufrufe, den Islam zu bekämpfen, auf einen Kreuzzug einstimmen
oder wer aus der Geschichte nichts lernt, kommt darin um
Genese eines Feindbilds - das Böse schlechthin

1095 kamen Papst Urban II. und einige abendländische Feudalherren überein, eine Militärexpedition in den Nahen Osten zu entsenden. Die Bezeichnungen Kreuzzug und Kreuzzüge kam später auf, um Glauben zu machen, es ginge um den Glauben. Der formale Beschluss erging auf einem Konzil in Clermont. Vor einem Auditorium aus Klerikern hielt Urban eine Rede, um den Feldzug zu rechtfertigen und dafür zu werben. So jedenfalls Fulcher von Chartres, der einzige Chronist, der kenntnisreich über das Konzil berichtet. Fulcher lässt den Papst die türkische Landnahme auf dem oströmischen Territorium in Kleinasien so beschreiben:

Aus den Gebieten Jerusalems und aus der Stadt Konstantinopel erreichen uns wie schon so oft schlimme Nachrichten. Ein Volk aus dem Reich der Perser, ein fremdes Volk, ein Volk, das Gott gar nicht kennt, ein Geschlecht, dessen Herz nicht fest war, und dessen Geist sich nicht treu an Gott hielt, ist in die Länder jener Christen eingedrungen, hat sie mit Schwert, Raub und Brand verwüstet. Dieses Volk hat die Gefangenen teils in sein eigenes Land entführt, teils auch in elendem Morden niedergemetzelt und die Kirchen Gottes entweder von Grund auf zerstört oder zur Feier ihres eignen Kultes in Besitz genommen.

Fasst man oströmische und türkische Quellen zusammen, war der Verlauf der Landnahme furchtbar genug, aber doch ein anderer: Nach mehreren Niederlagen oströmischer Truppen verlief der Machtwechsel in den meisten Städten unblutig. In den Garnisonen lagen viele türkischstämmige Söldner im Dienste Ostroms, die dafür sorgten, dass die Stadt an die Sultane übergeben wurden. Nur wo Widerstand geleistet wurde, wie etwa in Antiochia, kam es während der Erstürmung zu den kriegsüblichen Plünderungen und Tötungen. Der größte Teil der Bevölkerung wurde verschont, schon um die Wirtschaftskraft der Stadt zu erhalten. Juden und Christen mussten eine Sonderteuer entrichten und konnten mit Einschränkungen ihren Ritus ausüben. (Wie im Koran festgelegt). Und die lateinische Quellen? Die Augenzeugen des Feldzugs berichten aus eigener Anschauung nur von intakten Kirchen im Besitz der Gemeinde. Auch Fulcher nicht. Es stört ihn offensichtlich nicht, dass seine Bebachtungen mit seiner Beschreibung der Landnahme nicht übereinstimmen. Das Motiv liegt auf der Hand. Er will mit den entsprechenden Passagen seiner Papstrede für weitere Feldzüge werben. Trotzdem halten sich die Übertreibungen in Grenzen. In Umlauf kamen aber andere Versionen der Papstrede. Die Autoren zitierten aus einer Hetzschrift, die in einer kirchlichen Kanzlei ersonnen wurde und als Hilfeersuchen des oströmischen Kaisers Alexios getarnt war. Den Türken werden Gräueltaten unterstellt, die so widerlich sind, dass es einem die Sprache verschlägt. Zitate aus dem Original und aus den Papstreden

Denn sie beschneiden die Knaben und jungen Männer der Christen über den christlichen Taufbecken, gießen das Blut der Beschneidung aus Missachtung gegenüber Christus in dieselben Taufbecken, zwingen sie, ihr Wasser darüber abzuschlagen, führen sie darauf mit Gewalt in den Kreuzgang der Kirche und zwingen sie, Namen und Glauben der Heiligen Dreifaltigkeit zu schmähen. Wenn sie das aber nicht wollen, setzen sie sie verschiedenen Strafen aus und töten sie zuletzt. Edle Frauen und deren Töchter rauben sie aus und verhöhnen sie dann, indem sie wie die Tiere sich gegenseitig ablösend mit ihnen Unzucht treiben. Andere aber stellen, während sie schamlos Jungfrauen schänden, deren Mütter vor ihr Angesicht und zwingen sie, ruchlose, unanständige Lieder zu singen, bis sie ihre eigenen Untaten vollenden.

Und denen, die sie mit einem schmählichen Tod bestrafen wollen, schlitzen sie den Bauch auf, reißen ihnen bei lebendigem Leib den Kopf ab, binden sie an einen Pfahl und treiben sie so unter Schlägen umher, bis sie, mit heraushängenden Eingeweiden, zu Boden gestreckt zusammenbrechen. Einige binden sie an einen Pfahl und beschießen sie mit Pfeilen; einige lassen den Hals ausstrecken, bedrängen sie mit blankem Schwert und probieren, ob sie ihn mit einen Streich durchhauen können. Was soll ich sagen über die gotteslästerliche Schändung der Frauen, worüber zu sprechen ärger ist als zu schweigen.


Eine Erzählung war den Leuten schon vertraut, weil sie gegen Juden angewendet wurde, und zwar vor und nach Pogromen.

Sie - also nunmehr die Türken - wandeln Altäre um, die sie mit ihren Abscheulichkeiten befleckt haben, beschneiden die Christen, und verspritzten das Blut der Beschneidung über die Altäre oder gießen es in die Taufbecken.

Die Papstreden wurde oft kopiert und waren so vielen Klerikern zugänglich. Prediger machten in den Kirchen von ihnen Gebrauch und forderten dann die empörten Zuhörer auf, an weiteren Feldzügen teilzunehmen oder für sie zu spenden. Der Zweck der Veranstaltung: Die Erzeugung einer permanenten Kreuzzugsstimmung. Die Prediger hatten schon nach dem ersten Aufruf ganze Arbeit geleistet. Als die aufgehetzten Kreuzzügler 1096 auf dem Weg zur nach Anatolien dem Rhein entlang zogen, haben sie in den Städten Tausende von Juden beraubt und ermordet. In Jerusalem haben sie dann sämtliche Einwohner, Muslime, Juden und Ostchristen systematisch niedergemetzelt, um die ganze Stadt in Besitz zu nehmen zu können. Päpste und ihre Kreuzzugsprediger blieben aktiv. Jahrzehnte lang brachen Expeditionsheere auf, um sich im Nahen Osten ins Kampfgetümmel zu stürzen. Trotzdem gingen aus christlicher Sicht die Kolonien in Syrien sowie Palästina und am Ende sogar das Oströmische Reich verloren. Die ganze Unternehmung war strategisch komplett kontraproduktiv und mental völlig irrsinnig. Die Lehre: In Kreuzzugsstimmung ausgeübte Gewalt gerät wegen Hirnlosigkeit besonders leicht aus der Kontrolle, und schlägt am Ende auch auf jene zurück, die sie propagiert haben. Also aufgepasst..

Aha, eine Warnung. Exkurs: Haben Rufe in der Wüste einen Sinn?.

Wie die Erfahrung lehrt, eher nicht. Schweigen hilft aber garantiert nicht. Man kann daran ersticken.

Also weiter im Text

Die abendländische Geschichtsschreibung rückte den Fokus nicht auf den fürchterlichen Ausgang der Kreuzzüge, sondern auf die frommen Absichten der Akteure. Etwa den Brüdern im Osten beistehen etc. So blieb beim Brauch, zur Beschönigung von Kriegen religiöse Motive vorzuschieben. Im 1. Weltkrieg brachten sich Christenmenschen gegenseitig mit von der jeweiligen Kirche gesegneten Kanonen um. Für's Vaterland und beide Seiten mit dem gleichen Gott an der Seite. Man bezichtigte sich gegenseitig, im Krieg unübliche Gräueltaten zu begehen (übliche quasi human). Volksverhetzung. Im Land der Dichter und Denker reimte man: Jeder Stoß, ein Franzos, jeder Britt ein Tritt, jeder Russ ein Schuss. Deutsche wüteten in der Propaganda wie die Hunnen und fraßen kleine Kinder. Anfänglich Riesenstimmung allerseits, aber der Jubel blieb den meisten bald im Hals stecken. Kamen heilig gesprochene und hasserfüllt ausgefochtene Kriege nun in Verruf? Durchaus, der grauenhafte Verlauf hatte viele erschrocken. Ein gewisses Innehalten stellte sich ein, wenn nur ein für paar Jahrzehnte. Als Adolf Hitler 1941 aber den Angriff die Sowjetunion befahl, schien ihm die Einengung auf die Devise MEHR LEBENSRAUM offensichtlich zu profan. Seine PR-Profis ließen allen Ernstes verbreiten, der Einmarsch in Russland diene auch der Verteidigung des Christentums. Deckname entsprechend : Unternehmen Barbarossa, in Anlehnung an den Kreuzzug des Kaisers Friedrich I. (1189). Der Führer, nun im Image auch zum edlen Ritter aufgestiegen, hatte wohl übersehen, dass Friedrich unterwegs ertrank und der Feldzug kläglich endete. In der Propaganda für Hitlers Hakenkreuzzug wurde den gottlosen, slawischen Untermenschen das Lebensrecht abgesprochen. Entsprechend hemmungslos richteten die Wehrmacht und Sonderkommandos in Russland ein historisch einmaliges Blutbad an, bis sie und mit ihnen Deutschland völlig unter die Räder kamen und Hitler sich die Kugel geben musste. Der Gewaltexzess im 2. Weltkrieg reichte noch immer nicht, um die Menschheit und ihre Machthaber zur Vernunft zu bringen. Immerhin blieb Christus erst mal aus dem Spiel. Bei den lokalen Kriegen etwa in Korea und Vietnam wurden aber auf der Propaganda-Ebene politische WERTE ebenfalls missionarisch in Feld geführt: Demokratie versus Sozialismus. Die Anwendung von Gift (Agent Orange) und Napalm sowie mehrere Massaker in Vietnam lassen auf eine niedrige Hemmschwelle bei der US-Regierung und den Soldaten schließen. Ermüdend vom Ausgang zu reden. Body count: Exakt gezählt: 55.661 US-Soldaten, 2-3 Millionen Asiaten (nur schätzbar). Riesige Kosten, bittere Niederlage für die USA. Vietnam kommunistisch. Ein Lehrstück in Sachen Intervention diesmal? Natürlich nicht.
Fortsetzung im 21. Jahrhundert - die Rückkehr des schlechthin Bösen
Zunächst Afghanistan. Zum ersten, der Einmarsch der sowjetischer Streitkräfte endet mit einer schweren Niederlage. Die gottesfürchtigen Stammeskrieger wurden im WESTEN als Freiheitshelden gefeiert. Zum zweiten, US-geführte Intervention 2001 nach dem Terroranschlag in New-York. Aus den Helden wurden Terroristen. Die Prognosen für den Ausgang klingen für den WESTEN und die meisten Afghanen gar nicht gut. US-Präsident George W. Bush konnte sachliche Gründe für seine Militärexpedition vorweisen. Aber er beließ nicht dabei.
Wir werden einen Kreuzzug führen, um die Welt von den Übeltätern zu befreien. Sonntag, 16. 9. 2001, Camp David. Es wird einen monumentalen Kampf des Guten gegen das Böse geben. 12. 9. 2001,Washington.
Propagandafloskeln vor dem Angriff auf den Irak: Reich des Bösen, Achse des Bösen. Fake News: Dort lagern Massenvernichtungswaffen. Bilanz unter Auslassung der Toten: Der Irak wird als Staat, als Gesellschaft und als Territorium völlig zerlegt. Sunnitische Milizen, ihren Krieg auch heilig nennend, erobern genug Land, um ein staatsähnliches Gebilde errichten zu können. IS-Terroristen schlagen weltweit zu. Dann war Syrien dran. Dort sind viele Akteure am Werk, darunter der WESTEN, erneut im Namen der Freiheit. Präsident Donald Trump, kaum im Amt und offenbar nicht im geringsten gewarnt, erwägt ein direktes militärisches Eingreifen in Syrien. Absurde Idee: Die gemäßigten Rebellen obsiegen, ziehen friedlich in Damaskus ein, schütteln den Anhängern des Regimes und den Christen die Hände und errichten eine lupenreine Demokratie. Im Ernst: Nie ist eine ganze Region in so kurzer Zeit destabilisiert worden, und das auch noch im Namen des Guten. Journalisten und Politiker im Predigermodus haben einen Teufel in Menschengestalt ausgemacht. Den Schlächter und Massenmörder Assad, der sein eigene Volk ausrottet. Mit Giftgas und perfiden Fassbomben. Die guten und teilguten Rebellen dürfen dagegen ungescholten z. B. mit Granatwerfern bewohnte Gebiete und Marktplätze beschießen, weil dort assadische Unterteufel hausen. Sprich: DIE BÖSEN. Kreuzzugstimmung am 9. April 2017. Präsident Trump bezichtigt Russlands Präsidenten Putin, er sei für einen Giftgasangriff in Syrien verantwortlich. Die Sonntags-FAZ hält es nicht für unmöglich. Journalisten mit kühlem Kopf würden wenigstens fragen, wie plausibel ist das denn, was hat der Putin von einem Giftgasangriff in Syrien? Die Antwort müsste lauten, nichts wie Ärger. Das gilt auch für Assad. Warum sollte er Gas einzusetzen, obwohl er weiß, wie viel Nachteile das politisch bringt. Die Putin- und Assadversteher der FAZ drücken sich um eine Erklärung. Das Böse ist halt metaphysisch, man kann es nicht hinterfragen. Dabei liegt es doch auf der Hand. Wenn man annimmt, dass sie dahinterstecken, würde daraus folgen, dass sie total bescheuert sein müssen. Liefern Donald Trump das Interventionsmotiv: Hört her, haben und benutzen Massenvernichtungswaffen. Der ebenfalls zum Erzschurken verklärte Saddam Hussein war bösartig genug, die seinen zu vernichten und hat Bush damit blamiert. Das kann jetzt Trump nicht mehr passieren. Dafür hat jemand gesorgt. Wem die Meldungen über einen Gasangriff genützt haben könnten, ist einer der am häufigsten nicht gestellten Fragen. Cui bono - in Kreuzzugsstimmung bleibt die Logik zuerst auf der Strecke.

Für Demokratie und Menschenrechte? Das neue Gute wütet schrecklich

Weder die Machthaber im Irak noch in Syrien haben den demokratischen WESTEN angegriffen, ihr diktatorisches System exportieren wollen noch antiwestliche Terroristen gefördert und entsandt. Die in der Nato verbündeten Regierungen propagieren, der Zweck der Interventionen sei die Einführung der Demokratie. Das Resultat, wie gehabt: Leichenberge und Massenelend. Neu: Massenflucht, Terrormilizen, Terroranschläge. Zusammen eine gigantische Verletzung der Menschenrechte. Alles im Namen der Demokratie. Und die Bilanz in Sachen Demokratie: Nur eine Diktatur wurde beendet, und zwar in Tunesien und zwar ohne Intervention. Die Lehre, angelehnt an B. Brecht: Es kann die Befreiung des Volkes nur das Werk des Volkes sein. Hilfreich wäre auch, ganz einfach die geostrategischen Motive einzuräumen, um wenigstens den Namen der Demokratie nicht weiter zu beschädigen. Als Idee ist sie vernunftbedingt, also nicht religiöser Natur. Eine missionarische Verbreitung ist ein Widerspruch in sich selbst.

Nun aber blöd

Letzteres das gilt auch für den hier angestellten Versuch. Einziger Trost, der Erfahrung nach verirren sich nur zehn Besucher pro Jahr auf diese Unterseite, und die mögen mir verzeihen. Es geht mir halt schlecht, die Nachrichtenlage ist beschissen, die Geschichtsblindheit grassiert, und die Eintracht hat verloren. Was jetzt kommt, ist für mich bestimmt, um später nachzulesen, wie recht ich gehabt habe. Schlimm. Dabei hatte ich eine glückliche Kindheit.

Tagebucheintrag, 17. April

In den Medien viel Lob über die Superbombe, die Trump in Afghanistan abwerfen ließ. Sie erzeugt soviel Druck, dass die Menschen regelrecht zerquetscht werden. Da helfen keine Gasmasken und Bunker, die Bombe ist noch infamer als Giftgas. Der Präsident preist sie in den höchsten Tönen. Die Mutter aller Bomben. Die afghanischen Behörden melden 80 Tote IS-Milizionäre. Da schlägt auch das Christenherz höher, Trump erbat Gottes Segen für seine Großtat. Und hierzulande? Die Bekämpfer des Islam haben Hochkonjunktur, die Kampagne gegen Muslime, Geflüchtete und sonstige brauchtumsfremde Undeutsche wirkt. Der Stand der öffentlichen Meinung erlaubt es, aus der Deckung zu gehen. Es wird gerade gemeldet, dass Staatsanwälte gegen Pfarrer ermitteln, weil sie Geflüchteten Kirchenasyl gewähren. Heute immerhin kein Pogrom vor einer Unterkunft für Geflüchtete. Momentan auch keine Forderungen mehr nach einer Obergrenze, die haben ja schon gewirkt. Europa macht dicht. Neue Forderung: Auffanglager. Fangen und ins Lager stecken. Dagegen klingt Konzentrationslager ja harmlos. Auch heute teils mit Genugtuung verbreitete Meldungen über gewaltsame Abschiebungen. Schieben geht so: Auto fährt frühmorgens vor, das Abschiebkommando entsteigt, verschafft sich Zutritt, bricht eventuell Widerstand und legt Handschellen an. Und los geht's, ab in den Flieger. Reprise? Das macht mir Angst. Die meisten Betroffenen haben in der Regel nie jemandem ein Haar gekrümmt. Einige Bundesländer halten sich zurück, die CSU/CDU wirbt für eine härtere Gangart. Für die Bekämpfer des Islam und alles Fremdartigen, die innerhalb und außerhalb der AfD am Werk sind, ist das nur Mumpitz. Sie verheißen Glück und Heil, wenn nur noch Deutschstämmige einträchtig das Land besiedeln. Besonders gefährlich seien Muslime. Im Fernsehen gerade wieder ein vornehmer Islamexperte: Jeder Muslim sei verpflichtet, Christen zu bekämpfen. Er sagt nicht: Muslime raus. Diese Schlussfolgerung überlässt er dem Publikum, ähnlich wie die vulgären Mitstreiter von der AfD und die idenditären Prediger im Netz. In Kreuzzugsstimmung setzt der Verstand aus. Um gegen Dschihadisten vorzugehen, genügt eine sachliche Begründung: Sie sind die Angreifer. Höhere Werte, gar das Heil ins Feld zu führen, steht einer intelligenten Kriegsführung im Weg. Mir fällt kein Grund, warum es diesmal nicht mit einer Katastrophe enden sollte.

18. April

Heute auch nicht. Die Hassprediger und Anbieter einfacher Lösungen haben das gesellschaftliche Klima so vergiftet, da kannst du Fortschritte auf allen anderen Sektoren vergessen. Sprich soziale Frage, Gerechtigkeit etc. Wenn einer davon redet, schmähen CDU-Christen, er käme sich wie ein neuer Jesus vor, könne aber nicht über Wasser gehen.

Wette

Die Parteien werden keine Vereinbarung treffen, die Flüchtlinge aus dem Wahlkampf herauszuhalten. Wer Besonnenheit beim Abschieben fordert, hat schon verloren. Es wird zu Überbietungen kommen. Der gestiftete Unfrieden wird auch auf jene zurückfallen, die ihn stiften. Das gilt auch für Donald Trump, den Ritter mit dem Golfschläger. Ich lade diese Seite jetzt hoch.

19. April

Jens K. aus Alsfeld mailt, ich sei eine alte Unke, eine männliche Westentaschen-Kassandra. Ich hab ihm geantwortet, da habe er ganz schön recht. Und mich selbst zitiert, zwei Sprüche, mein Beitrag zu Abizeitung 1958.

(1) Die Welt geht noch mal daran zu Grunde, weil keiner auch mich hört.

(2) Ein Schornsteinfeger fiel vom Dache, am Boden bildet sich ne Lache.

20. April.

Jens fragt, was (2) mit dem Thema zu tun habe. Ich zurück, auch damals hätte niemand den Menschheitsbezug verstanden.


Propaganda Muslime
Kreuzzugspropaganda: Muslime beschmutzen eine Kirche mit ihrem Kot. Miniatur aus einer Handschrift zum Thema Kreuzzüge. 14. Jahrhundert.
Peter Milger, Auszug aus

DIE PROPAGANDA DER KREUZZÜGE

Zeitnah in Umlauf gebrachter Text der Kreuzzugswerbung. Die Schändung von Frauen wird mit pornografischer Detailfreude in Szene gesetzt:

Mütter wurden im An­gesicht ihrer Töchter ergriffen und durch vielfach wiederholten Verkehr mit verschiedenen Männern gequält, während die dabeistehenden Töchter unterdessen gezwungen wurden, unanständige Lieder zu singen und zu tanzen. Das gleiche Leid, das auszusprechen Schmerz und Scham bereitet, fiel alsbald auf die Töchter zurück; diese Scheußlichkeit wurde mit schmutzigen Gesängen der un­seligen Mütter geschmückt.

Natürlich konnten diese verderbten Griechinnen obszöne Lieder im Chor singen, sogar die ganz jungen. Ganz klar auch, dass die Türken vor lauter Geilheit Griechisch gelernt hatten, um die Schmutzverse zu verstehen. Trotz aller Raffinesse wird es ihnen aber langweilig.

Und nachdem man das weibliche Geschlecht missbraucht hat, was man dennoch entschuldigen wird mit der entsprechenden Natur, geht man unter Überschreitung tierischen Verhaltens und Auflösung aller Gesetze der Menschlichkeit auf das männliche Geschlecht über. Er sagt, sie hätten durch sodomitischen Missbrauch sogar einen Bischof getötet.

Christliche Landnahme als brüderliche Hilfe kaschiert

Laut Fulcher weist Urban die bei der Kirchenversammlung anwesenden Kleriker an, in ihren Predigten zum Feldzug aufzurufen. Dieser Aufruf zum Aufruf wird heute Kreuzzugsaufruf genannt.

Drängt alle Leute jedes Standes, Reiter wie Fußsoldaten, Reiche wie Arme, dieses verbrecherische Volk aus unseren Ländern zu verjagen und den Christen rechtzeitig beizustehen ...

Urban hätte wissen müssen dass das mit dem Beistand nicht gut gehen konnte. In der von Fulcher überlieferten Rede wirft er der Adelskaste vor, sie fiele bei ihren Fehden ständig mordend und plündernd über ihre Mitchristen her. Warum sollten die Christen im Osten gütiger behandelt werden, bei denen es sich nach Auffassung der römischen Kirche nicht um echte Christen handelte, sondern um Häretiker. Nun kam ein Papst, der zu Taten aufruft, ja nicht umhin zu behaupten, die Absicht sei eine gute, also selbstlose. Hingegen fassten die anwesenden Adligen und Kleriker einen Beschluss, der ein entgegengesetztes und dafür realistisches Motiv dokumentiert. Fulcher von Chartres:

Auf dem Konzil zu Clermont... wurde mit einmütigem Beifall dekretiert, dass jede Stadt jenseits des Meeres, die den Heiden entrissen werden kann, für immer ohne Widerspruch behalten werden soll.

Es ging also um die Ausdehnung des Machtbereichs europäischer Feudalherren, um die Errichtung von Kolonien. So war es und ist es weltweit der Brauch: Wer über die entsprechenden militärischen Mittel verfügt, (wie einige Zeit davor die türkischen Sultane), macht sich ans Erbobern. Wenn eine an und für sich moralisch auftretende Anstalt wie Kirche mit im Spiel ist, bedarf es aber zunächst der Beschönigung und im Nachhinein der Schönschreibung. Anders gesagt, das Beistandsmotiv ging als ein tatsächliches in die abendländische Geschichtsschreibung ein. So steht es in jedem Lexikon, obwohl die unterstellte Selbstlosigkeit jeder Lebenserfahrung widerspricht. Das Dekret, das die Besitznahme regelt, wird nicht zitiert, unterliegt also praktisch der Geheimhaltung. Der Stand der Mehrheitsmeinung: Die Motive waren gemischt: Die einen reisten als fromme Pilger, die anderen, um sich zu bereichern. Der Verlauf der Operation lässt aber keinen mäßigenden Einfluss einer gütigen Fraktion auf die rabiate erkennen. Die milites Christi (später beschönigend Kreuzfahrer genannt) zogen als Eroberer los und verhielten sich durchweg wie Eroberer. Sie plünderten auf oströmischen Gebieten, metzelten Einheimische nieder und legten sich mit dem Kaiser in Konstantinopel an. Hingegen haben sie in Kleinasien keine Leichenberge, keine geschändeten Frauen, keine besudelten Kirchen vorgefunden. Die christlichen Brüder der im Osten wurden nicht befreit, sondern unterworfen und zu Feinden umdeklariert. Das ganze Programm, Plündern, Folgeschäden an Leib und Leben, Enteignung. Als sich die lateinischen Adligen in den eroberten Territorien die Herrschaft zu übernommen hatten, wurden ihre christlichen Untertanen teilweise rebellisch. Die Chefs der Christenschar schrieben empört an den Papst:

Wir haben die Türken und Heiden überwunden, aber die häretischen Griechen und Armenier, Syrer und Jakobiten konnten wir nicht überwinden.

Die Feudalherren schlagen allen Ernstes vor, der Oberhirte möge herbeieilen, damit

... die Häretiker aller Art mittels deiner Autorität und unserer Stärke ausgerottet und zerstört werden.

Von der Radikallösung haben die westlichen Feudalherren dann doch Abstand genommen. Sie ließen aber nicht ab, gegen das christliche Ostrom zu Felde ziehen, bis sie es 1204 schließlich erobert hatten. Als Besatzer und neue Herren konnten sich die Westler allerdings nicht lange halten, zu heftig war die Gegenwehr derer, die laut eigener Propaganda eigentlich befreit werden sollten.

Jesus Christus als Friedensfürst endgültig abgesetzt

In einem frei erfundenen, später verfassten Bericht über das Konzil spricht der Papst vor einer großen Menge und ruft am Ende:

Gott will es

Die Zuhörer stimmen begeistert in den Ruf ein und heften sich mitgebrachte Stoffkreuze an. Dieses frömmelnde und schönfärbende Version dominiert die Geschichtsschreibung, obwohl der Autor keinerlei Sachkenntnis durchblicken lässt. Ach das GOTT WILL ES ist schlecht ausgedacht, weil nicht sehr nachdrücklich. Dass eine von der Kirche propagierte Unternehmung dem Willen Gottes entspräche, war selbstverständlich. Kriegsvolk wird durch Befehle in Marsch gesetzt. Und richtig. Laut Fulcher von Chartres, der wahrscheinlich an dem Konzil in Clermont teilnahm, schließt Papst Urban den Aufruf mit den Worten:

Christus befiehlt es.

Dass dies einigen Sätzen der Bergpredigt wiedersprach, die Friedfertigkeit empfehlen, wusste Urban natürlich. Die aber waren längst der Zensur anheim gefallen. Überdies sind die Aussagen zum Freund-Feindschema und zum Krieg schlechthin in den Evangelien so wenig konsistent wie in der ganzen Bibel und im Koran. Jesus laut Matthäus 12,13:

Wer nicht mit mir ist, ist gegen mich*

Die Grundthese: Der Sieg des Guten über das Böse ist die Vorraussetzung für das Reich Gottes. Jesus, der Terminator. Ewa bei Lukas 12,49

Ich bin gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen, wie froh wäre ich, es würde schon brennen.

Markus 13, 7:

Wenn ihr aber von Kriegen und Kriegsgerüchten hören werdet, so erschreckt nicht! Es muss geschehen, aber es ist noch nicht das Ende. Denn es wird sich Nation gegen Nation und Königreich gegen Königreich erheben.

Noch deutlicher spricht der Matthäus-Jesus. 10,34:

Denkt nicht, ich sei gekommen, um Frieden auf die Erde zu bringen, sondern das Schwert.

* In seiner Ansprache vor dem Kongress am 21.09.2001 sagte US- Präsident George W. Bush:

Jedes Land in jeder Region muss sich jetzt entscheiden - entweder es steht an unserer Seite oder an der Seite der Terroristen.

HAUPSEITE Siehe auch www.milger.de