Erster Kreuzzug Kreuzfahrerstaaten Glaubenskriege Geschichte-der-Kreuzzuege History of the Crusades
Erster Kreuzzug
Normannenchef Bohemund läßt in Anatolien Einheimische foltern, die der Spionage verdächtigt werden. Französische Chronik, 15. Jahrhundert
Propaganda der Kreuzzüge (Peter Milger). Fortsetzung.

(13) Die Aufgebote der Fürsten in Ostrom

Die Haupt-Anführer und ihre Chronisten

Fulcher war ein Lobschreiber Urbans, Raimund war ein Lobschreiber des Grafen Raimund von St. Gilles und Toulouse, der Gesta- Anonymus war ein Lobschreiber Bohemunds, alle Chronisten waren Lobschreiber des Herrn und des Feldzuges. So einfach ist das. Die Herren vom Fach räumen das höchstens nebenbei ein, damit ja nicht zu viel Argwohn über ihre heiß geliebten Quellen aufkommt. Auch der Reichsherzog Gottfried von Boullion hatte einen Lobschreiber, nur ist dessen Reisebericht nicht auf die Nachwelt gekommen. Albert von Aachen hatte ein Exemplar, und durch ihn wissen wir überhaupt Einzelheiten über den Vormarsch der Gottfried-Truppe auf oströmischen Gebiet Bescheid.

Lothringer unterwegs auf dem Balkan

Sie zogen friedlich durch Ungarn und kamen Ende November 1096 in Belgrad an, wo es nicht nach Frieden aussah, weil die Pilgerschar des Einsiedlers hier gehaust und gezündelt hatte. Gesandte des Kaisers Alexios harrten ihrer und hatten laut Albert von Aachen auszurichten:

Alexios, Kaiser von Konstantinopel, entbietet dem Herzog und seinem Gefolge den Aufrichtigen Liebesgruß. Ich bitte dich, allerchristlichster Herzog, dass du deine Leute mein Reich und Land nicht plündern und verwüsten lässt, sondern die Erlaubnis annimmst, überall das Notwendige zu kaufen.

Der Herzog erklärt den Boten, das wäre ihm recht.

Und es ward allen Pilgern verboten, auch fernerhin irgendetwas zu Unrecht und mit Gewalt sich anzueignen, außer dem Futter für die Pferde.

So jedenfalls gibt Albert weiter, was in seiner Quelle stand. Und jetzt kommt ein Solitär von einem Satz, der so richtig an Herz rührt.

Und so zogen sie friedlich durchs Land.

Der Lohn: Sie wurden gut verpflegt in Nisch, Sofia und Philipoppel.

Hier wurde ihm die Botschaft überbracht, dass der Kaiser den Bruder des Königs von Frankreich, Hugo, ferner den Drogo und den Clarebold gefangen genommen habe und in Ketten im Kerker halte.

In Ketten? Warum hätte Alexios auf diese Weise den Krieg erklären sollen? Anna Comnena hält die Angelegenheit für ein Missverständnis:

Einige Grafen wurden vom Kaiser eingeladen, weil er ihnen einen Rat gegen wollte. Sie sollten Gottfried zu überzeugen, den Lehnseid abzulegen. Die Lateiner verschwendeten viel Zeit mit ihrer üblichen Weitschweifigkeit und ihrer Neigung zu langen Reden. So erreichte das Gerücht die Franken, die Grafen seien von Alexios verhaftet worden.

Schluss mit friedlich

Albert meldet dagegen sogar, der Herzogs hätte durch Boten beim Kaiser vergeblich um Freilassung der Gefangenen gebeten. So stellten die Bekreuzten Mitte Dezember 1096 am Marmarameer den Kriegszustand her:

Sofort wurde auf Befehl des Herzogs das ganze umliegende Land den Pilgern und Kriegern zur Plünderung überlassen. Und diese haben dann auch acht Tage lang jene ganze Gegend verwüstet.

Am 23. Dezember 1096 bezieht Gottfrieds Heer ein Lager vor den Toren Konstantinopels.

Und siehe, dem Herzog entgegen kamen Hugo, Drogo, Wilhelm der Zimmermann und Clarebold.

Obwohl der Streit mittels Boten beigelegt war, weigerte sich der Herzog, mit Alexios persönlich zu verhandeln und den Vasalleneid abzulegen. Anna kommentiert:

Er hatte viele Ausreden, tatsächlich aber wartete er auf Bohemund und den Rest der Grafen. Er hatte die weite Reise unternommen, um am heiligen Grab zu beten, aber die anderen, und besonders Bohemund, hegten ihren alten Groll gegen Alexios und suchten eine gute Gelegenheit, den großen Sieg zu rächen, den der Kaiser über die Lateiner bei Larissa errungen hatte. Sie hatten alle das Gleiche im Sinn und machten es sich zur gemeinsamen Sache, ihren Traum zu verwirklichen: Die Einnahme Konstantinopels ... Dem Anschein nach befanden sie sich auf Pilgerfahrt, in Wahrheit wollten sie Alexios entthronen und die Hauptstadt erobern.

Alexios ließ die Stadttore schließen und den Verkauf von Lebensmitteln einstellen. Prompt vergriffen sich die Pilger rund um Konstantinopel an der Habe ihrer griechischen Brüder. Soll man so Weihnachten feiern? Nein, befanden nun doch die Parteien und schlossen Frieden. Der Kaiser öffnete die Märkte, der Herzog verbot das Plündern. Die Pilger konnten feste Gebäude am Goldenen Horn beziehen. Doch die Normannen unter Bohemund und die Franzosen unter Raimund von Toulouse kamen immer näher. Vor ihrer Ankunft wollte Alexios Gottfrieds Heer unbedingt nach Kleinasien komplimentieren. Doch Gottfried weigerte sich noch immer, über das weitere Vorgehen zu verhandeln. Laut Albert von Aachen schreibt er an Alexios:

Verschiedene Gerüchte über Dich haben meine Ohren erreicht und mich erschreckt. Ich weiß freilich nicht, ob sie nur aus Hass und Neid gegen dich erfunden und verbreitet wurden.

Bruderkrieg in Konstantinopel

Ende März nähern sich die Normannen der Stadt. Laut Albert sperrte der Kaiser nun erneut die Märkte, um den Herzog zu Verhandlungen zu zwingen.

Aber auch durch solches Vorgehen erweichte er den Trotz des Herzogs nicht. Da beschossen eines Tages auf Befehl des Kaisers fünfhundert Turkopolen im Dienst des Kaisers die Soldaten des Herzogs mit Pfeilen, töteten die einen und verwundeten die anderen. Sofort wurde die böse Nachricht vor den Thron des Herzogs gebracht, der sofort den Befehl gab, die Hörner zu blasen, das ganze Volk zu den Waffen zu rufen und wieder vor die Stadt Konstantinopel zu ziehen ... Alles eilte zu den Waffen. Die Paläste und Türme, in denen die Pilger wohnten, wurden in Brand gesteckt oder niedergerissen. Den Griechen wurde so unersetzlicher Schaden zugefügt.
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Anna Comnena erwähnt die Sperrung des Marktes nicht. Nach ihrem Bericht eröffneten die Lateiner am Gründonnerstag die Kampfhandlungen:

Sie unternahmen einen Angriff auf die Mauern .... Sie besaßen die Unverschämtheit, das Tor unter dem Palast in Brand zu stecken ... Alexios befahl, niemand solle die Brüstungen verlassen, um die Lateiner anzugreifen ... Er schickte mehrfach Boten zu den Lateinern und forderte sie auf, von ihrem Vorhaben abzulassen ... Sie hörten nicht auf diese Worte, sondern verstärkte ihre Reihen und schossen ganze Wolken von Pfeilen ab.

Und rückten weiter vor. Albert von Aachen:

Balduin zog mit seinen Leuten schnell über die Brücke, fasste auf der anderen Seite festen Fuß, hielt die Brücke besetzt und deckte sie gegen die Mauern.., bis das ganze Heer über die Brücke gezogen war.

Generalangriff?

Hinter den Mauern Konstantinopels lockte unermessliche Beute, also musste Alexios jetzt das Schlimmste befürchten. Anna Comnena:

Er befahl, die Tore von St. Romanos zu öffnen, um mit einem heftigen Angriff Stärke zu demonstrieren ... die Offiziere sollten die Bogenschützen anweisen, dichte Pfeilhagel auf die Pferde abzuschießen, und nicht auf die Reiter ... Die Tore öffneten sich weit, den Pferden ließ man die Zügel ... viele Kelten wurden erschlagen, aber nur wenige Römer wurden an diesem Tag verwundet ... Als der Kaiser seine Garde einsetzte, wandten sich die Reihen der Lateiner zur Flucht.

Die Frontberichte der kriegführenden Parteien klaffen auseinander, seit es sie gibt. Albert von Aachen:

Es kam zum offenen Kampf und auf beiden Seiten fielen zahlreiche Streiter, namentlich viele Pferde der Franzosen wurden durch die Pfeile getötet. Aber schließlich blieb doch Balduin siegreich und warf die kaiserlichen Soldaten, die nach schweren Verlusten flohen, hinter die Mauern zurück und behauptete Feld und Sieg.

Laut Anna gibt der Herzog am Ende nach:

Bei der heftigen Schlacht gab es auf beiden Seiten viele Tote. Weil die kaiserlichen Truppen mit großem Eifer kämpften, suchten die Lateiner ihr Heil in der Flucht. So war Gottfried gezwungen, sich dem Willen des Kaisers zu beugen.

Albert erklärt dagegen den Herzog zum Sieger, allerdings nicht ruhmreich auf dem Schlachtfeld, sondern durch fortgesetztes Plündern:

Als am anderen Morgen der Tag aufstieg, erhob sich auf Befehl des Herzogs das ganze Volk, durchstreifte Land und Reich des Kaisers und plünderte sechs Tage lang, um wenigstens auf diese Weise den Stolz des Kaisers und seiner Leute zu beugen.

Laut Albert lenkt der Kaiser nun ein, verspricht Entschädigungen und stellt hochrangige Geiseln. Laut Anna sagt der Herzog am Ende sein Erscheinen bei Hofe zu, weil er die Schlacht verloren hat.

Planmäßige Verschwörung gegen Ostrom?

Albert von Aachen lässt in diesem Moment einige Herren eintreffen.

Kaum waren die Gesandten mit der Botschaft des Herzogs in die Stadt zurückgekehrt, da kamen andere Gesandte zum Herzog, die Bohemund geschickt hatte.

Wichtig, es war am 2. April. Die Botschaft hatte es in sich:

Bohemund, der allermächtigste Fürst von Sizilien und Kalabrien bittet dich, du mögest dich doch nicht mit dem Kaiser auf einen Friedensvertrag einlassen, sondern dich nach Adrianopel und Philippopel zurückziehen und dort ohne Angst die Winterszeit verbringen, denn Anfang März wird Bohemund dir mit allen seinen Truppen zu Hilfe eilen um diesen Kaiser zu bekämpfen und sein Reich zu überfallen.

Diese Botschaft konnte so nur im Dezember 1096 übermittelt werden, als der Herzog am Marmarameer die Seinen plündern ließ. Bohemund war Ende Oktober von Apulien abgereist. Nach der Landung an der albanischen Küste hatte er Gesandte vorausgeschickt, die Alexios über seine Ankunft informieren sollten. Und auch Gottfried, über seine weitere Pläne? Jedenfalls hat Albert oder sein Gewährsmann die Ankunft der Gesandten zum falschen Zeitpunk eingefügt. Wenn Gottfried schon im Dezember die Botschaft empfangen hat, war es schon einer Überlegung wert, den Kaiser hinzuhalten. Albert:

Der Herzog vernahm diese Botschaft des Bohemund, verschob aber zunächst jede Antwort.

Der Herzog legte sich zur Nachtruhe. Das Schicksal Ostroms stand auf der Kippe, im Zelt eines lothringischen Haudegens. Im nahen Konstantinopel, die Bürger, ahnungslos. Die Nacht der Entscheidung? Nein, sie fiel am Morgen, wenn wir Alberts Gewährsmann trauen dürfen:

Am nächsten Morgen hörte er den Rat der anderen und gab dann zur Antwort, er habe nicht des Gewinns wegen oder um Christen zu verfolgen sein Land verlassen, sondern er habe in Christi Namen die Fahrt nach Jerusalem angetreten.

Die Kreuzzugs-Gelehrten lassen sich nicht auf Alberts Botschafts-Zitat ein und vermeiden so eine Erörterung der Absichten der beiden Anführer. Fakt ist, dass der Herzog sich drei Monate lang weigerte, mit Alexios zu verhandeln und erst in militärisch aussichtsloser Lage nachgab.

Erobern für Ostrom als Gefolgsmann des Kaisers

Die Begegnung zwischen Alexios und Gottfried verlief nach diplomatischen Gebräuchen. Albert lässt den Kaiser eine Lobrede auf den Herzog halten. Und weiter:

Durch diese friedlichen und frommen Worte des Kaisers ließ sich der Herzog versöhnen und verführen, und er unterwarf sich dem Kaiser nicht nur als Sohn, wie es dort der Brauch ist, sondern auch als Vasall mit gebundenen Händen, mit all den Fürsten, die zugegen waren.

Laut Anna Comnena haben die Fürsten geschworen:

Alle Städte, Gebiete und Burgen, die Gottfried erobern würde und die vorher zum römischen Reich gehörten, sind an einen kaiserlichen Offizier zu übergeben.

Albert bestätigt die Eide der Anführer. Jetzt standen sie im Dienst des Kaisers, mussten also für ihr Engagement entlohnt werden. Albert:

Sofort wurden aus der kaiserlichen Schatzkammer dem Herzog und seinen Begleitern unschätzbare Geschenke gebracht, Gold, Silber und Purpur aller Art, Maultiere und Pferde und was der Kaiser sonst an Kostbarkeiten besaß.

Nach der Zeremonie wurde das Aufgebot des Herzogs sofort nach Kleinasien verfrachtet. Der eigentliche Feind, zu dessen Bekämpfung sie ausgezogen waren, war nur noch wenige Tagesreisen von ihrem Lager entfernt. Der Kaiser schickte regelmäßig Geld und ließ die Märkte mit Lebensmitteln beliefern. Ostrom konnte aufatmen: Alexios hatte die Vereinigung der Heeresteile vor Konstantinopel verhindert. Bohemund traf am 9. April 1097 in Konstantinopel ein. Ein paar Tage zu spät, falls er vorhatte, was Alexios vermutete.

Warum kam Bohemund zu spät?

Bleibt ein Rätsel. Bohemunds zog mit seiner relativ kleinen Truppe von Albanien in Richtung Konstantinopel. Laut Anna waren die oströmischen Beamten angewiesen, mit ihnen zu kooperieren und Bohemund schärfte seinen Unterführern ein, jede Form des Plünderns zu unterbinden. So jedenfalls Bohemunds Chronist, der anonyme Autor der Gesta Francorum. Durchaus glaubwürdig, dem Herzog konnte nicht daran gelegen sein, sich mit Polizeitruppen herumzuschlagen. Doch die Griechen in dieser Gegend hatten die Normannen nicht in bester Erinnerung. Der Anonymus:

Wir blieben einige Tage, um Proviant zu kaufen. Aber die Einwohner wollten uns nichts verkaufen, weil sie Angst vor uns hatten und weil sie uns nicht für Pilger, sondern für Plünderer hielten, die ihr Land verwüsten und sie töten wollten. So ergriffen wir Ochsen, Pferde, Esel und alles, was wir finden konnten.

Im Januar legten sie pro Tag nur fünf Kilometer zurück. Offenbar verzögerte Bohemund zunächst den Vormarsch, weil er nicht als erster in Konstantinopel eintreffen wollte. Allein war seine Truppe der kaiserlichen Armee nicht gewachsen. Aber später, als die Lothringer schon bei Konstantinopel lagerten, ging es immer noch gemächlich weiter. Als hätte Gottfried doch zugesagt, er würde erst nach dem Eintreffen der Normannen mit Alexios verhandeln. Trafen dann doch Nachrichten über einen bevorstehenden Vertragsabschluss ein? Jedenfalls hatte Bohemund es plötzlich eilig. Sein Chronist:

Bohemund brach mit wenigen Rittern nach Konstantinopel auf, um mit dem Kaiser Rat zu halten.

Alexios und Bohemund begegnen sich höflich

Die Südfranzosen kamen näher, Gottfrieds Lothringer waren noch nicht weit weg. Es war unklar, mit wem sie sich bei einem Konflikt zwischen dem Kaiser und Bohemund verbünden würden. Gute Miene war also angesagt. Anna Comnena:

Als sich Bohemund dem Kaiser näherte, lächelte Alexios ihn an und fragte nach dem Verlauf der Reise ... Der Kaiser erinnerte ihn höflich ... an die frühere Feindschaft. Bohemund sagte: Ich war ein Feind und Gegner, aber jetzt komme ich aus freiem Willen, als Freund ihrer Majestät.

Anna war vom Auftreten und Aussehen des Normannen beeindruckt, erglühte aber nicht in Liebe:

Er ist ein geborener Lügner und Rohling ... er übertraf als Schurke, aber auch an Tapferkeit alle, die durch Konstantinopel kamen, nicht aber an Reichtum. Er war der oberste aller Störenfriede. Nach außen hin war er zum Heiligen Grab aufgebrochen, in Wahrheit wollte er Macht für sich selbst gewinnen oder, wenn möglich, das römische Reich an sich bringen, wie schon sein Vater.

Bohemund stand nicht gut da. Sein Truppe war relativ klein, er hatte nicht viel geerbt, war also schlecht bei Kasse. Wie konnte er seine Rivalen Graf Raimund und Herzog Gottfried überflügeln? Da hatte er laut Anna einen prima Vorschlag: Er bot Alexios ab, den Posten des Militärkommandeurs der Ostprovinzen zu übernehmen. Schlau, als Stellvertreter des Kaisers hätte er unterwegs den Chef spielen können. Alexios hat es natürlich gemerkt und höflich das Thema gewechselt. Nämlich, er soll den Vasalleneid schwören und die Rückgabe aller Gebiete zusichern. Bohemund blieb nichts anderes übrig. Die Normannen wurden mit Geld und Proviant versehen und ab ging's über den Bosporus nach Kleinasien. Jetzt fehlten nur noch die Südfranzosen unter Raimund von Toulouse und dem Legaten des Papstes. Von ihnen hatte Alexios nichts zu befürchten. Oder doch?

Brave Franzosen, böse Griechen

Das Aufgebot unter Graf Raimund von Toulouse und Bischof Adhémar von Le Puy nahm den Weg entlang der Adria durch das heutige Jugoslawien. Anfang Februar 1097 erreichten sie Durazzo und wurden von dort aus auf der Via Egnatia von oströmischen Polizeitruppen begleitet. Kurz vorher waren Normannen hier entlanggezogen, die Märkte waren also erschöpft. Raimund von Aguilers, der Chronist des Grafen, sieht allerdings nicht die Franzosen plündern, sondern die Einheimischen:

In unserem Lager bei Durazzo waren wir überzeugt, uns im eigenen Land zu befinden, weil wir glaubten, Alexios und seine Gefolgschaft wären unsere christlichen Brüder und Verbündete. Doch wahrlich. Sie stürzten sich wie Löwen auf friedliche Leute, so dass sie sich verteidigen mussten. Diese griechischen Räuber bestahlen uns in der Nacht und machten unsere Leute weit vom Lager entfernt nieder.

Die Pilger ohne Harm, die kaiserlichen Söldner feindselig. Laut Raimund wurde der Legat Adhémar von Le Puy bei einem Überfall verletzt. Der Chronist über einen Präventivschlag der Franzosen:

So von verräterischen kaiserlichen Söldnern umgeben ... erfuhr Graf Raimund von einem Hinterhalt der Petschenegen in den nahen Bergen. Der Graf drehte den Spieß herum, legte ihnen einen Hinterhalt, griff sie über mit seinen Kriegern überraschend an und tötete viele und vertrieb die anderen.

Raimund hält auch das Schicksal der Bewohner einer Stadt nahe bei Konstantinopel für selbst verschuldet:

Wir erreichten Roussa , wo die Feindseligkeit der Bewohner unsere übliche Geduld so strapazierte, dass wir zu den Waffen griffen und die äußeren Wälle zerstörten. Die Stadt ergab sich, und wir machten große Beute. ... Dann kamen wir nach Rodosto, wo uns kaiserliche Truppen zur Vergeltung der Niederlage angriffen. Aber wir metzelten eine Anzahl von ihnen nieder und machten einige Beute.

Auch Graf Raimund hatte jetzt offensichtlich eilig. Jedenfalls reiste er nun mit wenigen Begleitern nach Konstantinopel ab, um mit Alexios zu verhandeln. Die Zurückgeblieben machten weiter Beute in der ganzen Umgebung, worauf reguläre kaiserliche Truppen die Südfranzosen angriffen und in die Flucht schlugen. Es gab Tote und die Sieger machten nun ihrerseits Beute. Chronist Raimund klagt:

Soll ich vom ... abscheulichen Verrat des Kaisers berichten? Oder von der schmählichen Flucht unserer Armee und ihrer unvorstellbaren Hilflosigkeit? Wenn ich von dem Tod so großer Fürsten berichte, hinterlasse ich die Erinnerung ewigen Schmerzes.

Graf Raimund traf als letzter am 16. April in der Hauptstadt ein. Bei den Verhandlungen weigerte er sich, den Vasalleneid abzulegen. Der päpstliche Legat wird im Zusammenhang mit den Verhandlungen in Konstantinopel nicht erwähnt. Die anderen Anführer drängten den Grafen, den Eid abzulegen. Raimund von Aguilers:

Nachdem sich der Graf mit den Provencalen beraten hatte, schwor er, er würde nicht selbst, und auch nicht durch andere, nach des Kaisers Leben oder Eigentum trachten. Als man von ihm die Huldigung verlangte, lehnte er ab, weil er seine Rechte gefährdet sehe. Wir könnten hinzufügen, dass ihm Alexios wegen seiner Unnachgiebigkeit nur wenige irdische Güter zukommen ließ.

Laut Anna Comnena empfing der Kaiser Raimund noch mehrere Male, schilderte ihm die Gefahren der Reise und warnte ihn vor Bohemund. Darauf sagte der Graf:

Es wäre ein Wunder, wenn er seinen Schwur halten würde. Was mich betrifft, ich werde mein Bestes tun, um mich an deine Anweisungen zu halten.

Wie vereinbart, wurden, wurden nun auch die Südfranzosen nach Kleinasien transportiert. Alexios war es gelungen, mit Waffengewalt und Diplomatie die Bewohner von Konstantinopel vor größerer Unbill zu bewahren.

Apropos Hilfeersuchen

Hat sich ein Anführer bei den Verhandlungen mit Alexios auf ein Hilfeersuchen des Kaisers berufen? Wäre doch kein schlechtes Argument gewesen. Wir sind hier, weil du uns gerufen hast. Die lateinischen Chronisten hätten bestimmt voll Entzücken darauf hingewiesen. Haben sie aber nicht. Anna auch nicht. Gab es also ein Hilfeersuchen? Sicher, wenn es im Lexikon steht.

Bilanz für Papst Urban

Der Feldzug war bisher nicht gerade glanzvoll verlaufen. Schon gar nicht für Papst Urban. Das Wüten seiner bewaffneten Pilger im Rheinland und in Ungarn war gegenüber Kaiser Heinrich ja schlecht als Förderung des Landfriedens zu verkaufen. Und die Erfolgsmeldung aus Jerusalem blieb aus, weil sich die Pilger unterwegs zu lange mit der Aneignung oströmischer Territorien aufhielten.

Kein Friede im Abendland

Die anscheinend pfiffige Idee, ihn zu stiften, in dem man die Gewaltbereiten einem äußeren Feind an den Hals schickt, erwies sich natürlich als realitätsfern. Die Feudalherren waren es gewohnt, ihren Besitz mit Gewalt zu mehren oder zu verteidigen. Das Recht dazu sahen sie als ihr natürliches an und ihr später als ritterlich romantisierter Lebensstil war darauf ausgerichtet. Auch die Kirchenfürsten entstammten dem Adel und waren auf Gewaltanwendung angewiesen .Urbans Nachfolger Paschalis II. formulierte 1116 laut Ekkehard das Anliegen eines Konzils so:

Ich sah täglich überall Raub und Brand, Mord und Vergewaltigung. Diese und ähnliche Übel wollte ich von der Kirche und dem Volk Gottes abwenden.

Keine Wiedervereinigung der Kirchen

Auch kirchepolitisch war das ganze eine einzige ziemliche Pleite. Die Hoffnung auf eine friedliche Vereinigung beider Kirchen unter dem römischen Stuhl konnte Urban nach den Vorfällen in Konstantinopel getrost begraben. Offenbar hat sein Legat in Konstantinopel gar nicht erst verhandelt. Falls Bohemund ein robustes Mandat hatte, war auch daraus nichts geworden. Jedenfalls vorläufig. Die Staatskirche Ostroms bestand aus den drei großen Patriarchaten Konstantinopel, Antiochia und Jerusalem. Bei den beiden letzteren hat der mitreisende höhere Klerus die Gelegenheit dann sehr robust wahrgenommen.

First crusade
Antitürkische Propaganda
Psychologische Kriegsführung: Kreuzzritter schießen Köpfe getöteter Türken in die Stadt. Propaganda: Türken besudeln Kirchen. Kreuzzugschroniken 14. und 15. Jahrhundert.
(14) Unterwegs in Kleinasien

Nikaia voller Christen

Die Südfranzosen hatten es nun eilig, denn die schon abgefertigten Pilgerscharen schlugen sich schon mit er türkischen Garnison der reichen, sprich Beute verheißenden Stadt Nikaia herum Eine kleine kaiserliche Abteilung mit Belagerungsmaschinen begleitete sie. Die Pilger hatten den griechischen Brüdern beträchtlichen Schaden zugefügt, aber im Kampf gegen die seldschukischen Türken, wurden sie nun zeitweilig auch zum Nutzen und auf Kosten Ostroms tätig. Die milites Christi erhielten zunächst in ihren kleinasiatischen Lagern weiter Zuwendungen aus der kaiserlichen Kasse und kauften damit auf den Märkten ein. Nikaia war im Jahr 1078 kampflos mit einer türkischen Garnison belegt worden. Die Zivilbevölkerung bestand weiterhin aus Christen, die ihre Steuern nun an die neue Verwaltung zahlten. Das konnten die Chronisten nicht übersehen, sie vermeiden aber jeden direkten Hinweis darauf. Eigentlich hätte sie erstaunt sein müssen.

Starke Worte und bessere Panzer

Die türkische Garnison in Nikaia kämpfte ohne ihren Chef. Der Seldschukensultan Kilidsch Arslan war mit seiner Truppe unterwegs, weil er sich mit der Verwandtschaft herumschlagen musste. Als der Sultan von der Belagerung hörte, eilte er mit seinen Truppen nach Nikaia. Die milites Christi stellen sich zur Schlacht, laut Albert von Aachen gestärkt durch eine Ansprache des päpstlichen Legaten:

Du gottgeweihtes Volk. Alles hast du Gott zuliebe verlassen, Reichtümer und Äcker, Weinberge und Burgen. Und nun ist das ewige Leben dem bereitgestellt, dem es vergönnt ist, die Krone des Martertodes zu erringen. Greift ohne Verzagen die Feinde an, die Widersacher des lebendigen Gottes. Denn heute werdet ihr mit Gottes Gnade den Sieg erringen.

Die Chronisten lieferten den Grundstock für die geistige Rüstkammer des christlichen Abendlandes, hier konnten sich die Feldgeistlichen über Jahrhunderte bedienen, und das Grundmuster taugt noch immer.

Durch diese Worte angefeuert ... fliegen sie auf raschen Pferden mit verhängten Zügeln mitten in die Feinde, durchbohren sie mit der Lanze, werfen sie von den Pferden ab und rufen immer wieder mit mannhaften Worten des Trostes und mahnender Stimme den Gefährten zu, die Feinde niederzumachen. Da wurde im Schlachtgetümmel ein gewaltiges Krachen der Lanzen und das Klirren von Schwertern auf den Helmen gehört. Das Türkenheer wurde von diesen tapferen und jungen Helden und ihren Gefährten zu einem riesigen Trümmerhaufen geschlagen. Und da das christliche Volk nach Gottes gnädigem Willen diesen Sieg errungen hatte, flohen Kilidsch Arslan und die Seinen in die Berge zurück.

Psychologische Kriegsführung mit Köpfen

Flugblätter hatten noch keinen Sinn, weil es auf beiden Seiten an Lesekundigen mangelte. Der anonyme Augenzeuge beschreibt, wie ersatzweise die Häupter versprengter Türken zur Anwendung kamen:

Wie sie die Berge herunterkamen, wurden sie von unseren Männern enthauptet. Sie warfen die Köpfe der Erschlagenen mit Schleudern in die Stadt, um Schrecken unter der türkischen Besatzung zu verbreiten.

Diese Maßnahme erwies sich als kontraproduktiv. Sowohl die türkischen Streiter als auch christliche Bevölkerung konnten sich nun ausmalen, was bei einer Erstürmung der Stadt auf sie zukommen würde. Nur die Übergabe an kaiserliche Truppen ließ auf einen geregelten Machtwechsel hoffen. Die Pilger wollten das natürlich verhindern.

Rohe Kräfte und sinnvolles Walten

Da die Steinschleudern gegen die mächtigen Mauern nichts ausrichten konnten, setzten die milites eine hölzerne Ramme ein. Albert von Aachen:

Als nun die Türken sahen, wie die Mauern durch den ständigen Stoß des Widders erschüttert ins Wanken gerieten und wie der Turm von Haken gepackt und durchlöchert wurde, schütteten sie Fett, Öl und Pech mit Werg und brennenden Fackeln vermischt von den Mauern herunter, wodurch der hölzerne Bau des Widders und sein Flechtwerk aus Reisig in Brand gerieten und völlig in Flammen aufgingen. Andere töteten sehr viele Pilger durch Pfeil und hölzerne Bogen; wieder andere verletzten sie draußen vor den Mauern und Türmen durch Steinwürfe und bedrängten sie hart.

Alexios setzte auf Diplomatie. Seine Botschafter regelten heimlich mit dem Kommandanten die Übergabe der Stadt an kaiserliche Truppen. Der Kaiser garantierte den freien Abzug der Garnison und der Familie des Sultans.

Propaganda nimmt Kaiser ins Visier

Der Belagerungsring war unvollständig, das Nikaia an einem See liegt. Im Juni 1097 landeten kaiserliche Truppen am Strand, nahmen die türkische Garnison in ihre Obhut und besetzen die Mauern und Türme. Als die milites Christi zum nächsten Sturmangriff ansetzen, flatterten plötzlich über den Türmen die kaiserlichen Standarten. Die Anführer mussten die neue Sachlage akzeptieren, da sie durch ihren Eid gebunden waren. Raimund von Aguilers schmäht den Kaiser wegen der entgangenen Beute:

Nachdem Alexios im Besitz der Stadt war, handelte er so undankbar, dass er als Verräter geschmäht werden wird, solange er lebt.

Nach Fulcher von Chartres entschädigte der Kaiser die Fürsten durch reiche Geschenke, die niederen Ränge durch Kupfermünzen. Auch der Anonymus teilt mit, der Kaiser habe reiche Almosen verteilt, beklagt sich aber über die milde Behandlung, die den Türken zuteil wurde:

Der Kaiser war gleichermaßen ein Tor und ein Knecht, ließ sie unversehrt abziehen und unter Bewachung nach Konstantinopel bringen. Dort nahm er sie in Obhut, damit diese die Pilger weiter beleidigen und behindern konnten.

Keine Klagen über die Kirchen in Nikaia

Die enttäuschten Pilger wollten nun die Stadt Nikaia wenigstens besichtigen Anna Comnena:

Sie verlangten vom neuen Statthalter Zutritt zur Stadt, um in den Kirchen beten zu können. Der Beamte kannte ihre Art und ließ sie nicht zusammen, sondern nur in Gruppen zu zehn die Stadt betreten.

Die Kirchen waren offenbar nicht besudelt, denn die Augenzeugen lassen sich über ihren Zustand nicht aus. Dass intakt waren, ist aus mehreren Gründen plausibel. Muslimische Herrscher dulden den Kult ihrer christlichen steuerzahlenden Untertanen. So will es der Koran, und so ist auch sinnvoll. Die Christen in einer von Türken verwalteten Stadt erstellten das gesamte Sozialprodukt. Warum sollte man sie demotivieren, in dem man ihre Kirchen verunstaltete oder gar zerstörte?

Fremdherrschaft so oder so

Wilhelm von Tyros war der einzige historisch geschulte unter den Chronisten. Er benutzte die Archive der oströmischen Behörden und Kirchen, um sich über die sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse im Orient schlau zu machen. Und so wusste er etwa über das Leben in Tarsus unter türkischer Herrschaft dieses:

Die Stadt hatte wie die ganze übrige Umgebung christliche Bewohner, nämlich Armenier und Griechen. Nur wenige waren ausgenommen, die das Kriegswesen in den Händen hatten und denen die Verteidigung der Stadt zustand. Sie hielten das Volk unter Druck, ließen das Volk keinen Anteil an der Verteidigung nehmen und durften sich nur mit Gewerbe, Ackerbau und Handel beschäftigen.

Nun übten ja vorher auch die kaiserlichen Beamten und die orthodoxe Geistlichkeit Herrschaft aus, will heißen, sie hielten unter Druck, zogen Abgaben ein, verhängten Strafen, waren bestechlich etc. Die Angehörigen der armenische Kirche waren aus orthodoxer Sicht Häretiker, also auch nur geduldet. Die Verteidigung oblag Söldnern aus der Fremde, sogar Türken dienten in der kaiserlichen Armee. Viel Städte waren an die Sultane gefallen, weil die türkischen Söldner gegen ihre griechischen Kommandeure geputscht hatten.

Phantasievolle Schlachtbeschreibungen

Eine Woche nach der Übergabe Nikaias machten die Pilger an die Durchquerung Anatoliens. Ein kaiserliches Truppenkontingent unter dem Feldherren Tatikios hatte laut Anna Comnena die Aufgabe:

... den Lateinern in allen Fällen zu helfen und sie gegen Gefahren zu schützen und die Städte in Besitz zu nehmen, die erobert werden würden, wenn Gott es gefällt.

Anfänglich marschierten sie durch Landstriche, die infolge der Landnahme nicht mehr besiedelt waren. Zumindest einige ruinierte kleinere Kirchen müssten die Augenzeugen unterwegs gesehen haben. Entweder hatten sie kein Auge dafür, weil es ihnen egal war, oder sie waren zu sehr mit dem Überleben beschäftigt. Nahrung und Futter gab es kaum noch, hinter jedem Hügel lauerten türkische Reiter. Vor der verlassenen Stadt Dorylaion (Eskisehir, Türkei) griffen überlegene Kavalleriekräfte des Sultans Arslan das Lager der Normannen an. Die Schlachtbeschreibungen sind nicht sonderlich übereinstimmend. Der Anonymus:

Die Türken schossen aus erstaunlicher Entfernung mit Pfeilen auf uns. Wir hatten keine Aussichten, ihnen zu widerstehen oder der Wucht des Angriffs so vieler Feinde standhalten zu können. Die Frauen im Lager waren an diesem Tag eine große Hilfe für uns, denn sie brachten unseren Kämpfern Wasser zum Trinken und ermunterten die Streiter und Verteidiger.

Albert von Aachen über ganz anders geartete Aktivitäten der Frauen:

Die Türken mit ihrem Fürsten Kilidsch Arslan gewinnen die Oberhand, dringen kühn in das Lager ein, kämpfen mit Pfeilen und Hornbogen und töten die Pilger zu Fuß, Mädchen, Frauen, Kinder und Greise; kein Alter verschonen sie. Durch dieses grausame Morden geraten die zarten und vornehmen Frauen in Angst und Entsetzen, sie eilen, um sich festlich zu schmücken und bieten sich den Türken an, ob diese, vielleicht in Liebe zu den edlen Frauen entflammt, sich gnädig stimmen lassen.

Für Fulcher von Chartres entsteht an dieser Stelle zum ersten Mal ein Problem: Er hatte ja betont, die Unternehmung sei im Auftrag Gottes erfolgt. Ein Misslingen war damit theoretisch ausgeschlossen. Seine Erklärung für trotzdem erlittene Unbill wird für die Chronisten zur Standardformel bei der Erforschung christlicher Niederlagen:

Wir waren eingepfercht wie Schafe, furchtsam und zitternd, von allen Seiten vom Feind eingeschlossen ... Es war uns bewusst, dass dies wegen unserer Sünden geschah. Einige von uns waren vom Luxus beschmutzt, Geiz und andere Laster hatten andere verdorben. Ein großes Lärmen erhob sich zum Himmel, das nicht nur von unseren Männern, Frauen und Kindern kam, sondern auch von den Heiden, die über uns herfielen. Wir hatten keine Hoffnung mehr, mit dem Leben davon zu kommen. Wir bekannten, dass wir Sünder waren ... und baten demütig Gott um Gnade. Der Bischof von Le Puy, unser Herr, vier weitere Bischöfe und viele Priester waren dabei, alle in Weiß gekleidet. Sie baten Gott demütig, er möge die Macht der Feinde zerstören.

Bohemund hatte, auf die Kraft der irdischen Waffen setzend, einen Boten an die anderen Abteilungen geschickt. Die Lothringer und Franzosen trafen im letzten Moment ein Der Anonymus überliefert die Tagesparole:

Steht fest zusammen, vertraut in Christus und den Sieg des Heiligen Kreuzes. Heute wird euch, wenn Gott es gefällt, große Beute zuteil.

Den massiven Attacken der schwer gepanzerten Pilger war die türkische Reiterei nicht gewachsen. Auf der Flucht mussten die Türken sogar ihr Lager zurücklassen. Albert von Aachen zählt dreitausend gefallene Türken. Der Anonymus:

Wir verfolgten sie und töteten sie den ganzen Tag, und wir machten große Beute, Gold, Silber, Pferde, Esel, Kamele, Ochsen, Schafe und viele andere Sachen, die wir nicht kannten.

Den Chronisten zufolge erschienen auserwählten Pilgern vor wichtigen Schlachten der Hl. Georg, der Hl. Andreas und sogar Jesus. und sagen Botschaften für die milites Christi auf. Die Wiedergabe erfolgt in wörtlicher Rede, manchmal seitenlang und in Dialogform. Spezialist dafür ist Raimund von Aguilers. Für ihn ist der Ausgang der Schlacht nicht verwunderlich, weil durch ein Wunder verursacht.

Obwohl wir es selbst nicht gesehen haben, erzählten einige von einem bemerkenswerten Wunder. Zwei ansehnliche Ritter in blitzender Rüstung ritten unseren Soldaten voran und schienen unverwundbar gegenüber den Lanzen der Türken.

Pilger in Not

Das Frohlocken über den Sieg der christlichen Waffen und die Beute im Lager der Türken hielt nicht lange an. Albert von Aachen:

Während eines Samstages war der Mangel an Wasser sehr groß geworden ... weshalb, wie Augenzeugen erzählen, ungefähr fünfhundert Pilger beiderlei Geschlechts ihre Seele aushauchten, erdrückt von der Angst des Verdurstens ... Es gab viele schwangere Frauen, denen die Kehle heiß war ... In der Sonnenglut und Hitze der ausgebrannten Landschaft trockneten ihnen alle Adern ihres Leibes aus. Jetzt gebaren sie auf freiem Feld vor aller Leute Augen und ließen die Leibesfrucht am Boden liegen. Andere der Armen wälzten sich neben den Neugeborenen mitten auf der Straße und entblößten in ihrer schlimmen Not des Durstes schamvergessen ihre geheimen Körperteile.

Ihre Not schien ein Ende zu haben, als sie die fruchtbare Hochebene im Inneren Anatoliens erreichten. Der anonyme Autor der Gesta:

Wir kamen endlich in ein fruchtbares Land, gefüllt mit guten und wohlschmeckenden Speisen und vielen Vorräten.

Die Hoffnung trog. Der Sultan hatte in Anwendung bringen lassen. was später die Taktik der verbrannten Erde genannt wurde. Die Türken ließen sämtliche Vorräte mitgehen und verseuchten die Brunnen mit Tierkadavern.

Die Folgen der Invasion für die zu Befreienden

Der Anonymus registriert auch die Beraubung christlicher Gotteshäuser, die längst hätten beraubt sein müssen:

Die Türken ...raubten in den Städten die Kirchen und Häuser aus, nahmen Pferde, Esel, Maultiere, Gold und Silber mit und was sie noch fanden. Sie raubten auch kleine Kinder und verbrannten und zerstörten alles, was für uns nützlich und hilfreich gewesen wäre, als sie sich bei unserer Annäherung in großem Schrecken zur Flucht wandten. Wir kamen nur knapp mit dem Leben davon, denn wir litten an Hunger und Durst.

Wie schon erwähnt, war der Anonymus der einzige Augenzeuge ohne kirchliche Anstellung. Ihm war die Implikation dieser Mitteilung offensichtlich egal. Die anderen Chronisten nicht: sie lassen sie weg. Einfach unschön, dass die zu befreienden Mitbrüder durch das Auftauchen der Pilger Schaden nahmen.

Was ist nun mit den Kirchen?

Bislang gibt es nur zwei Meldungen von beschädigten Kirchen und beide macht der Anonymus. Die gerade behandelte und eine, die schon zitiert wurde und vom Vorgehen der Pilger in Konstantinopel handelt:

Diese Christen benahmen sich niederträchtig, plünderten die Stadtpaläste und zündeten sie an, stahlen das Blei von den Kirchendächern und verkauften es an die Griechen.

Die Pilger beginnen mit der Landnahme

Im September erreichten sie Armenien. Der Autor der Gesta:

Die Hauptarmee, die von Raimund, dem hervorragenden Bohemund, Gottfried und anderen geführt wurde, kam nun auf armenisches Gebiet. Sie dursteten und fieberten nach dem Blut der Türken.

Der christliche Tatendrang traf momentan keine geeigneten Objekte mehr an. Der Sultan hatte einsichtig den organisierten Widerstand eingestellt. Auch die türkische Garnison von Kaisareia trat rechtzeitig den Rückzug an und die christlichen Bürger öffneten Tore. Beschwerden über zerstörte Kirchen: Fehlanzeige. Der kaiserliche General stellte die Stadt wieder unter oströmische Verwaltung. Das war es dann mit der Einhaltung des Eides. Die Anführer Tankred und Balduin verließen das Heer mit ihrer Gefolgschaft, um die reichen Städte im Süden zu erobern. So Tarsus und Adana. Das Muster blieb gleich: Die türkischen Krieger und Verwalter suchten das Weite, die lateinischen Zugereisten bezogen die Kasernen und Stadtpaläste und das Leben ging weiter.

Bekreuzte gegen Bekreuzte - quasi Bürgerkrieg

Und die Pilger unterwegs in Kleinasien? Die Anführer Tankred und Balduin trafen sich mit ihren jeweiligen Mannen vor der Stadt Tarsus, die von Christen bewohnt wird. Die türkische Garnison hatte sich davongemacht. Balduin schlug vor, sich die Stadt zu teilen. Der Anonymus:

Graf Balduin, ein Mann mit großen Verdiensten, stritt mit Tankred und sagte: Lass uns zusammen die Stadt plündern, und wer sich am meisten aneignet, soll sie behalten. Der äußerst tüchtige Tankred erwiderte: Das sei fern von mir. Ich will keine Christen Plündern ... Aber so tapfer Tankred war, mit den Truppen Balduins konnte er es nicht aufnehmen und musste abziehen.

Balduin hinterließ eine Besatzung in Tarsus und zog weiter, auf der Suche nach weiteren Städten. Der zum gleichen Zwecke umherstreifende Tankred erfuhr, wo Balduin sein Lager aufgeschlagen hatte. Albert:

Er brach mit 500 gepanzerten Kriegern zu Pferd in das Lager Balduins ein ... Es kam zur schwerer Schlacht und schlimmem Blutvergießen. Doch die Schar Tankreds war an Zahl und Kräften schwächer ... Tankred und entrann mit Mühe und Not dem Schlachtgetümmel ... Sehr viele Reiter und Fußgänger Tankreds blieben zurück, die einen getötet, die anderen verwundet ...

Das blieb kein Einzelfall. Sie verhielten sich eben auch unterwegs nach Feudalherrenart. Stoffkreuze hin, Stoffkreuze her. Zwischendurch frommes Besinnen. Albert:

Am anderen Morgen besann man sich, beide Teile hätten durch Störung der Andacht des heiligen Zuges nach Jerusalem gesündigt und so schlossen sie nach dem Rat des Ältesten wieder Frieden.

(15) Über die Unzucht und andere Sünden

Fast eine Romanze

Eine interkulturelle Liebesaffäre aus Alberts Feder: Eine Nonne aus Trier aus dem Gefolge des Einsiedlers wird von einem Türken erbeutet und zu schändlichem Umgang gezwungen. Nach der Übergabe Nikaias kommt sie frei, offenbart sich einem Beichtvater und erlangt Absolution. Doch schon am nächsten Tag, so Albert:

... kehrte sie zu dieser blutschänderischen verbotenen Ehe zurück. Der Türke war nämlich in Liebe zu ihrer unaussprechlichen Schönheit entbrannt und vermochte ihre Abwesenheit nicht zu ertragen Er hatte ihr Versprechungen gemacht, die ihre Herzen so berührte, dass sie zu ihrem sündigen Gemahl zurückkehrte. Der Türke versprach nämlich, er wolle Christ werden ... Niemand im Heer wusste, welche List und welche Schamlosigkeit sie wieder entführt hatte. Erst später wurde durch andere Leute bekannt, das sie jenem Türken in die Verbannung gefolgt sei, und zwar nur, weil sie der Wollust nicht wiederstehen konnte.

So sind sie, diese Türken:

Sie zwingen die Jungfrauen zu zur Unzucht und töten sie, wenn sie sich weigern. Ja sogar den Frauen nützt ihr reiferes Alter nichts gegen solche Schändlichkeiten.

Fasst Wilhelm von Tyros in seiner Version der Papstrede die entsprechende Passage des Alexios-Briefs zusammen. Demnach wären praktisch alle Christinnen vergewaltigt worden. Den Augenzeugen Fulcher, Raimund und dem Autor der Gesta ist aber entweder kein einziges Opfer sexueller Gewalt begegnet, oder sie zogen es vor, darüber zu schweigen Das Thema ist ja insofern ungut, weil es bei dem Leser die Frage evoziert, wie es die Pilger so hielten, wenn sie durch die eroberten Städte tobten oder sonst wie Frauen gefangen nahmen..

Aufspießen keuscher als Vergewaltigen

Nach einer siegreichen Schlacht fallen die Pilger über das Lager der Unterlegen her und belassen es nicht beim Plündern. Albert:

Auch Weiber und zarte, vielfach noch saugende Kinder fanden sie in großer Anzahl im Lager; viele davon machten sie nieder, andere wurden von Pferdehufen zerstampft, und ihre jämmerlich zerfetzten Leichen füllten die Felder, im Stich gelassen von den fliehenden Heiden.

Fulcher ahnt wohl, was der Leser für plausibel halten könnte:

Was die Frauen in den Zelten des Feindes betrifft, so taten die Franken ihnen nichts Schlimmes an, sondern stießen Lanzen in ihre Bäuche.

Das Triebleben der Kreuzträger

Unsere Schriftsteller wollen Gott preisen, ihre Anführer und den ganzen Feldzug. Für den Alltag der Pilger zeigen sie leider wenig Interesse. Dass die Pilger ihre Triebe nach Schlacht und Marsch nicht unterdrückten, kommt erst zur Sprache, als der Feldzug vor und in Antiochia durch Hunger und Krankheiten in eine Krise geriet. Fulcher:

Wir glaubten, das Unglück sei der Sünden wegen über die Franken gekommen und wir daher Antiochia so lange nicht einnehmen konnten. Luxus, Geiz, Hochmut und Raub hatten sie beschmutzt. Nach einer Beratung wurden die Frauen aus dem Heer verwiesen, die verheirateten wie die unverheirateten. Die letzteren weil sie Gott möglicherweise wegen der Unreinheit ihres zügellosen Lebens missfielen

Alles klar, die Männer blieben im Rahmen des Gottgefälligen. Albert ergänzt das Sittengemälde. Die Kirchenfürsten sehen die hohe Sterblichkeit durch Sünden verursacht:

Daher hielten sie Rat mit den Bischöfen und dem ganzen Klerus und bestimmten, dass alle Ungerechtigkeit und Sünde im Heer ausgetilgt werden müsse: Niemand darf mehr bei Maßen und Gewichten, beim Wechseln von Gold und Silber, bei irgendeinem Tausch oder Geschäft seinen christlichen Bruder betrügen. Keiner darf sich durch Unzucht oder Ehebruch beflecken.

Was die Herren Christen sonst für Vorlieben hatten, erfahren wir aus der Verbotsliste, die uns Wilhelm von Tyros überliefert: Obwohl es nichts zu essen gibt, wird ein dreitägiges Fasten angeordnet.

Als man dieses Fasten in aller Ergebung gehalten hatte, beschließt man weiter: Alle Weiber von leichten Sitten werden von dem Heer entfernt. Ehebruch und jede Art von Unzucht sind bei Todesstrafe verboten. Schlemmerei und Trinkgelage, das gefährliche Würfelspiel, unvorsichtige Schwüre, Fälschung bei Maß und Gewicht, aller Betrug, Raub und Diebereien sind untersagt.

Jesus: Es stinkt zum Himmel

Raimund erzählt, wie sich die Christen einmal fürchteten und Christus einem Priester namens Stephan erschien:

Jesus: Wenn sie Christen sind, warum fürchten sie sich vor den Horden der Heiden? ... Steht nicht geschrieben, dass ich der Herr bin, mächtig und stark in der Schlacht? Wer ist euer Anführer?

Stephan: Herr, wir haben kein einheitliches Kommando, aber wir vertrauen Adhemar (dem Legaten) mehr als den anderen.

Jesus: Sag dem Bischof, dass diese Leute sich mir durch ihre bösen Taten entfremdet haben. Daher soll er befehlen: Wendet auch ab von euren Sünden, und ich kehre zu euch zurück ...

Mutter Maria kommt hinzu und fragt: Was erzählst du diesem Mann?

Jesus: Ich fragte, was das für Leute in Antiochia seien.

Maria: Oh mein Meister, es sind Christen, für die ich so oft bei dir Fürbitte hielt.

Beim Anonymus erscheinen neben Mutter und Sohn auch der Apostel Petrus einem gewissen Priester. Die Sünden betreffend sagt Jesus:

Ich habe euch zeitweilig geholfen und gesund und sicher in die Stadt gebracht. Aber ihr befriedigt eure schmutzigen Lüste sowohl mit Christen als auch mit losen heidnischen Frauen, dass es zum Himmel stinkt.

Wir können davon ausgehen, dass der Anonymus oder sein Gewährsmann die Beschlafung von heidnischen Frauen durch Pilger direkt beobachtet hat. Ob die Frauen freiwillig mitmachten oder als Gefangene vergewaltigt wurden, lässt er offen..

(16) Edessa, die erste Kolonie

Balduin wird in Armenien sesshaft

Anfang Februar kam Balduin mit nur achtzig Mann in Edessa (Urfa, Türkei) an, weil die anderen die unterwegs eroberten Burgen und Städte bewachen mussten. In der vornehmlich von armenischen Christen bewohnten Stadt regierte im Palast des kaiserlichen Gouverneurs der griechisch-orthodoxe Armenier Thoros. Der Regent wollte die Lateiner als Söldner zwecks Bekämpfung der Türken engagieren, doch Balduin hatte weitergehende Ambitionen. Er zwang Thoros, ihn an Sohnes statt anzunehmen und zum Mitregenten und Nachfolger zu erheben. Der Erbfall trat erstaunlich schnell ein. Fulcher, der dabei war, wäscht die Hände seines Herrn in Unschuld:

!5 Tage nach unserer Ankunft verschworen sich die bösartigen Bürger um ihren Fürsten zu töten und Balduin in den Palast als Regenten des Landes einzusetzen

Balduin war einwandfrei Nutznießer. Der armenische Chronist Matthäus von Edessa behauptet, die Verschwörer hätten Balduin über ihr Vorhaben informiert. Unschön in jedem Fall: Die Lateiner hatten versprochen, Thoros zu beschützen. Balduins Vater wurde von einer aufgebrachten Menge eine Zeitlang in der Zitadelle belagert. Wilhelm von Tyros:

Balduin versuchte in Treue die Angriffe der Bürger von ihm abzuhalten ... Als ihm das wegen der Verbitterung der Bürger nicht gelang, kehrte er zu Thoros zurück, er solle selbst für seine Rettung sorgen ... Thoros wollte sich an einem Seil durch das Fenster herablassen, wurde aber von tausend Pfeilen durchbohrt, bevor er unten ankam.

Und damit wir ja nichts Schlechtes denken:

Am andern Tag machten sie Herrn Balduin zu ihrem Herrscher, obwohl er nicht einwilligen wollte und sich dagegen sträubte.

Die neuen Herren machen sich unbeliebt

Balduin brach ohne Zögern den vor Kaiser Alexios abgelegten Eid, in dem er sich von den Bürgern zum Grafen von Edessa erheben ließ und damit den ersten lateinischen Feudalstaat auf oströmischen Territorium gründete. Die nunmehr sesshaften Pilger übernahmen die Oberverwaltung, Steuereintreibung und Verteidigung des Territoriums. Die alteingesessenen Familien wehrten sich gegen die drohende Enteignung ihres Grundbesitzes. Balduin nannte es Verschwörung und ließ die reichsten Bürger einkerkern Zwei wurden geblendet, anderen die Nase oder ein Fuß abgeschnitten. Balduin nahm an, dass die Angehörigen ein Teil des Barvermögens versteckt hatten und bot die Freilassung der Gefangenen gegen Lösegeld an. Was blieb den Angehörigen übrig? Der Chronist Matthäus von Edessa hatte die Ankunft der Lateiner von ganzem Herzen begrüßt. Am Ende meint er, die Lateiner hätten den Untergang der Christen erst herbeigeführt, statt sie zu retten.

(17) Die Christen im belagerten Antiochia


Zweitgrößte Stadt, fast alle Bewohner Christen

Antiochia hatte bessere Tage gesehen, aber konnte noch immer Begehrlichkeit erwecken. Die Paläste, Kirchen, Märkte und Häuser zwischen den Mauern erstreckten sich über mehrere Quadratkilometer. Die Türken hatten im Jahr 1085 kampflos die oströmische Herrschaft abgelöst. Wilhelm von Tyros standen um 1180 noch Dokumente und Schriften zu Verfügung, die nicht auf die Nachwelt gekommen sind.

Es waren kaum 14 Jahre verflossen, seit die trefflichen Bürger dem gewaltigen Ansturm der Feinde nicht mehr widerstehen konnte. Da ihre Kräfte durch lange Belagerung erschöpft waren, mussten sie die Stadt den Feinden des christlichen Glaubens übergeben. So kam es, dass bei der Ankunft unseres Heeres beinahe alle Einwohner Gläubige waren. Sie hatten keine Herrschaft in der Stadt, durften aber Handel und Gewerbe treiben. Kriegsdienste leisten und die höheren Ämter der Verwaltung einnehmen durften nur Türken und Ungläubige ... Als die Stadt belagert wurde, wurden sie argwöhnisch beaufsichtigt und durften nur an bestimmten Stunden aus ihren Häusern gehen.

Belagerung zieht sich hin

An den Reichtümern Antiochias führte kein Weg vorbei. Das war auch Emir Yaghi, dem Statthalter klar. Er verstärkte die Garnison und die Befestigungen, und bat die benachbarten türkischen Regenten um Hilfe. Die Pilger scheiterten bei den ersten Sturmangriffen. Die Belagerung und schwere Kämpfe zogen sich über Monate hin. Wie erging es dabei den orientalischen Christen diverser Bekenntnisse in der Stadt? Ibn al-Qualanisi über die Vorbereitungen des Regenten:

Er bat sie (die Nachbarn) um Beistand und forderte sie auf, zum Dschihad zu eilen, verstärkte die Befestigungen von Antiochia und verwies die christliche Bevölkerung der Stadt ...

Laut Ibn al-Athir hatte Yaghi Siyan die christlichen Männer vor der Stadt Gräben ausheben lassen:

Als sie Abend heimkehren wollten, verweigerte er es ihnen. Er sagte: Antiochia gehört euch, aber ihr müsst es mir solange überlassen, bis ich weiß, wie es zwischen mir und den Franken ausgeht. Sie sagten: Wer beschützt unsere Kinder und Frauen. Er sagte: Ich werde mich für euch um sie kümmern. Sie resignierten und lebten neun Monate im Lager der Franken ... Er beschützte die Christen in Antiochia und erlaubte nicht, dass ihnen ein Haar gekrümmt wurde.

Orientalische Christen auf Seiten der Verteidiger?

Der Anonymus erwähnt in seinem Bericht mehrfach die zu Befreienden, wenn auch recht feindselig:

Die Armenier und Syrier, die in der Stadt lebten, kamen heraus und gaben vor, auf der Flucht zu sein. Sie waren täglich in unserem Lager, aber ihre Frauen und Kinder waren in der Stadt. Diese Männer horchten uns aus und meldeten den Belagerten alles, was wir erzählten.

Die Augenzeugen konnten die Angehörigen der verschiednen christlichen Glaubensgemeinschaften offensichtlich nicht auseinanderhalten, also etwa koptische, armenische oder griechisch-orthodoxe Christen. War ja auch egal, da sie ihnen ohnehin allesamt als häretisch galten. Die weiteren Auskünfte der Augenzeugen bezüglich der orientalischen Christen sind ungemein verwirrend. Der Anonymus:

Die Armenier und Syrier unter türkischem Kommando mussten Pfeile auf uns schießen, ob sie wollten oder nicht.

Die römischen Mauern Antiochias wurden von vierhundert Türmen gesichert und galten als unüberwindlich. Die Kreuzfahrer trafen auf eine erbittert kämpfende türkische Garnison, die über große Lebensmittelvorräte verfügte. In wie weit sich Christen an der Verteidigung beteiligten, bleibt unklar. Eine Einnahme der Stadt mit stürmender Hand war automatisch mit Plünderungen verbunden. Daran konnte den Christen nicht gelegen sein, selbst wenn sie in den Lateinern Befreier sahen. Der Anonymus behauptet sogar:

Tankred begann die Blockade der Stadt zu verbessern. An diesem Tag kamen Armenier und Syrier in großer Zahl sorglos von den Bergen und schleppten Vorräte für die Türken herbei, um den Belagerten in der Stadt zu helfen. Tankred traf aus sie und ergriff beides: sie und ihre Ladung, Weizen, Wein, Gerste Öl und andere gute Sachen.

Es gab auch Beifall für die milites Christi, sofern der Anonymus richtig hingeschaut hat. Er beschreibt, wie sich bei einem Ausfall der Belagerten der Fluss vom Blut niedergemetzelter Türken rötet:

Die christlichen Frauen in der Stadt kamen an die Fenster der Stadt, und als sie das Geschick der Scheusale sahen, klatschen sie heimlich Beifall.

Wilhelm von Tyros benutzte hauptsächlich die Gesta, Alberts Chronik und eine unbekannte Quelle für sein Antiochia-Kapitel. Das mit den Frauen steht nur in der Gesta, aber Wilhelm meinte wohl, der Autor habe sich geirrt, denn erlässt die Frauen nicht klatschen, sondern klagen:

Die Frauen der Stadt, mit ihren Töchtern und kleinen Kindern, auch die Greise und das Volk, das nicht waffenfähig war, beklagen auf den Türmen und Mauern, wo sie die Niederlage der Ihren sahen, ihren Untergang mit Seufzen und Weinen.

Augenzeugen und Albert mäßig interessiert

Raimund kann nur dies über die Christen in der Stadt beitragen:

Es sei daran erinnert, dass die Türken Antiochia vor 14 Jahren besetzt haben und weil es ihnen an Dienern mangelte, Armenier und Griechen als solche benutzte und ihnen Frauen gaben. Trotzdem neigten sie dazu, mit Pferden und Waffen zu uns zu fliehen, sobald es ging.

Ein besonders großes Interesse an den zu Befreienden liegt bei den Augenzeugen offenbar nicht vor. Fulcher war keiner, weil in Edessa staatsgründend tätig, weiß aber dies über die Christen in Antiochia zu berichten:

Oh wie viele Christen in der Stadt, Griechen, Syrer und Armenier, haben die Türken voller Wut getötet und im Angesicht der Franken ihre Köpfe mit Schleudermaschinen über die Mauern geworfen.

Wo waren Raimund und der Anonymus? Waren sie zufällig jedes Mal mit etwas anderem beschäftigt?. Aber so was spricht doch im Lager der Pilger herum, so abgestumpft können sie doch nicht gewesen sein. Wie auch immer, sie verlieren kein Wort über eine Munitionierung türkischer Schleudern mit Christenköpfen. Vielleicht hat Fulcher etwas derartiges läuten hören, aber die Geschosse falsch zugeordnet. Albert weiß nämlich zu erzählen:

Die siegreichen Christen schnitten den Türken die Köpfe ab, knüpften sie an ihre Sättel und brachten sie mit großer Freude zu ihren Gefährten im Lager vor Antiochia ... Um den Schmerz der Türken zu vermehren, warfen die Christen die abgeschnittenen Türkenköpfe über die Mauer.

Christen in der Stadt natürlich Leidtragende

Wilhelms Erzählung lässt durchblicken, dass sich Lage der orientalischen Christen durch das Auftauchen der Lateiner verschlimmerte. Die türkische Obrigkeit betreffend schildert der Chronist zunächst ein pragmatisches Vorgehen:

Die Bürger hatten nach der Ankunft der Unseren die Griechen, Armenier, Syrer und was sonst noch an Christen in der Stadt war, sehr argwöhnisch angesehen. Sie hatten sogleich die Ärmeren, die zuwenig Lebensmittel für ihr kleines Hauswesen vorrätig hatten, aus der Stadt geschafft, damit sie nicht zur Last fielen. Nur die Reichen mit großem Vermögen und vielen Vorräten durften innerhalb der Mauern bleiben.

Laut Wilhelm mussten die wohlhabenden Christen an den Steinschleudern Schwerarbeit leisten.

Wenn sie dann ihre Geschäfte in Demut besorgt hatten, so erhielten sie Schläge und Ohrfeigen. Doch daran hatten die unreinen Hunde nicht genug.

Und Wilhelm auch nicht:

Um das Maß ihre unerhörten Bosheit voll zu machen hatten sie in einem geheimen Rat beschlossen, alle Gläubigen in der Stadt plötzlich in der Nacht zu töten.

So gesehen wären die Christen in der Stadt durch die Umtriebe der Kreuzträger sogar in Lebensgefahr geraten. Sie müssen also gerettet werden, in letzter Sekunde, als die unreinen Hunde den Dolch schon gezückt hatten. So Wilhelm:

Als die unseren die Stadt eingenommen hatten, fand man in den Häusern der Gläubigen viele Feinde, die den Auftrag hatten, die Gläubigen unvermutet zu ermorden.

Raimund und der Anonymus, also die Augenzeugen, machen uns keine derartige Mitteilung. Nach ihnen ging es bei der Erstürmung völlig chaotisch zu. Und doch. In den Häusern der Gläubigen wartet je einer der unreinen Hunde die Hand schon am Dolche, bis er von den Rettern überwältigt wird.? Und gesteht dann seinen Auftrag? Merkwürdige Quelle, die der Chronist da benutzt hat. Und da stand noch mehr romanhaftes drin. Kommt gleich.

Kreuzitter ritterlich
Kreuzfahrer plündern und töten in Antiochia. Der Buchmaler der Kreuuzugschronik setzt um, was er im Text des Augenzeugen liest.
(18) Die Fürsten auf der Mauer von Antiochia
Abweichende Lobgesänge

Die Chronisten heben die jeweiligen Verdienste der ihnen nahestehenden Anführer bei der Eroberung der Stadt vor, um deren Besitzansprüche zu untermauern. Beim Erzählen zeigen sie, was sie literarisch so drauf haben. Heraus kommen dabei voneinander abweichende Versionen. Wenn Sie sich quälen wollen, lieber Leser, dann stellen sie sich beim Studium der Augenzeugenberichte vor, sie müssten, quasi Historiker, das Geschehen auf der Mauer am Ende auf einer Seite zusammenfassen. Die von nun an gültige Historiker-Version sozusagen.

Wem soll die Stadt gehören?


Der Anonymus über die Politik Bohemunds:

Es gab einen gewissen Emir türkischer Herkunft namens Pirus, der eine große Freundschaft mit Bohemund geschlossen hatte. Bohemund ließ öfter durch Boten bei ihm anfragen, ob er ihm der Freundschaft wegen Zugang zur Stadt verschaffen könne. Er versprach ihm, er könne Christ werden und große Ehren und Reichtümer erlangen. Pirus nahm das Angebot an und sagte: Ich bin der Wärter von drei Türmen und verspreche sie Bohemund. Ich werde ihn jederzeit dort einlassen ... Mit sich zufrieden aussehend trat er vor den Rat der Fürsten und sagte scherzend: Edle Krieger, Reiche und Arme sind in Not und Elend., und wir wissen nicht, ob es besser wird ... Einer von uns sollte über die anderen erhoben werden, wenn er die Stadt einnehmen kann oder ihren Fall bewerkstelligt, mit eigenen Mitteln oder denen anderer. Die anderen Anführer lehnten ab und sagten: Die Stadt wird keinem gegeben, sondern wir werden sie teilen, da wir die gleichen Mühen hatten ...
Doch bei der nächsten Versammlung gaben die Fürsten nach, weil ein türkische Entsatzheer anrückte. So der Anonymus:
Unsere Anführer sagten: Wenn Bohemund die Stadt einnehmen kann, selbst oder durch andere, werden wir ihm gerne die Stadt übergeben. Wenn aber der Kaiser zu unserer Hilfe kommt und seine eidlichen Verpflichtungen erfüllt, werden wir ihm die Stadt zurückgeben wie es rechtens ist ... Sonst gehört die Macht über sie Bohemund.

Raimund, dessen Chef Graf Raimund die Pläne Bohemunds mitnichten guthieß, teilt keinerlei Vereinbarung mit:
Einer der belagerten Türken vertraute unseren Anführern an, er wolle uns die Stadt übergeben. Bei der nächsten Beratung beauftragten die Fürsten Bohemund, Gottfried und den Grafen von Flandern, dieses Angebot auszuprobieren.

Jesus greift ein

Soweit die beiden Augenzeugen. Fulcher lässt Jesus Christus bei der Aneignung der Stadt persönlich mitwirken, womit sie rechtlich und moralisch als zweifelsfrei korrekt ausgewiesen ist. Das musste doch selbst Kaiser Alexios einsehen.

Unser Herr erschien einem gewissen durch seine Gnade auserwählten Türken und sagte ihm: Erwache aus deinem Schlaf. Ich befehle dir, die Stadt den Christen zurückzugeben. Der Mann wunderte sich und hielt die Sache geheim. Erneut erscheint ihm unser Herr und sagte zu ihm: Ich, der dir das befiel , bin Christus. Verunsichert ging der Mann zum Fürsten von Antiochia und erzählte ihm von seiner Erscheinung. Der Fürst antwortete: Du dummer Mann, willst du, dass ich einem Geist gehorche? Der Mann ging weg und sagte nichts weiter.

Jesus erscheint ihm erneut, und diesmal endet seine Rede:
Ich, der dir das befehle, bin der Herr von allem. Jetzt hatte der Mann keinen Zweifel mehr und machte eine heimliche Verschwörung mit unsren Männern, durch die sie der Stadt habhaft wurden. Nachdem diese Vereinbarung getroffen wurde, übergab der Türke seinen Sohn als Geisel an Bohemund, dem dieser Plan zuerst angetragen worden war.

Wer wird erster?

Fulcher verliert nicht viele Worte:

Am verabredeten Tag ließ der Türke mit Strickleitern 20 unserer Männer über die Mauern steigen. Ohne Verzögerung wurden die Tore geöffnet ... Die Franken rannten mit gezogenen Schwertern durch die Strassen und waren wie wild beim Töten der Leute ...

So einfach geht das. Und bei Raimund so:
Als sie um Mittenacht bei einem Hügel ankamen befahl ihnen ein Bote der verräterischen Türken: Bewegt euch nicht, bis eine Lampe vorbeikommt. Als die Lichter vorbei waren, legten unsere Männer im Schatten der Mauer eine Leiter an und begannen auf ihr hochzusteigen. Ein Franke namens Fulger ... erklomm furchtlos die Mauer. Dicht hinter ihm folgte der Graf von Flandern, der Bohemund und den Herzog zum Nachkommen aufforderte. Da zerbrach die Leiter durch den hastigen Aufstieg. Die schon auf der Mauer waren, ließen sich herunter und brachen die Tore auf. Die Pilger kamen herein und töteten alle, die sie antrafen.

Unser Anonymus lässt sich noch ein bisschen mehr einfallen und sieht seine Normannen als Erstbesteiger. Bohemund begibt sich mit seinem Männern zu besagtem Turm und sagt:

Geht mit Zuversicht und glücklicher Eintracht und erklimmt auf der Leiter Antiochia, denn wenn Gott es gefällt, ist es sogleich unter unserer Herrschaft.

Die Männer kamen zu der Leiter, die schon angebracht war und erklommen die Mauern der Stadt. Fast sechzig von ihnen stiegen hinauf und besetzten die Türme, die Pirus bewachte. Aber als Pirus sah, da so wenige Männer oben waren, fürchtete er, sie könnten in die Hände der Türken fallen und rief:

Mikró Francos echomé. (Das heißt: Wir haben wenige Franken) Wo ist der Held Bohemund? Wo sind die unbesiegbaren Krieger?

Ein Knecht aus der Lombardei rennt zu Bohemund und sagt ihm, drei Türme seien schon erobert. Frohgemut erklimmen nun Bohemund und seine Mannen die Mauer und rufen:

Gott will!

Eine erstaunliche Anzahl von Männern kletterte nun hoch und eilte zu den anderen Türmen. Wen sie auch antrafen, machten sie nieder, darunter auch den Bruder des Pirus. Inzwischen brach die Leiter, auf der die Männer hochkletterten, und wir stürzten in tiefe Verzweiflung und Trauer. Nicht weit von uns zur Linken befand sich ein Tor ... Wir rannten hin, brachen es auf und drangen ein. Jetzt ertönte ein ungewöhnliches Lärmen von vielen in der ganzen Stadt. Bohemund verlor keine Zeit und ließ sein glorreiches Banner auf einen Berg bringen. Die Menschen in der Stadt begannen sogleich zu schreien. Als die Männer draußen in den Zelten im Morgengrauen den Lärm hörten, eilten sie hinaus und sahen die Banner Bohemunds auf dem Berg. Sie rannten so schnell sie konnten, drangen durch die Tore ein und töteten alle Türken und Sarazenen, außer denen, die in die Zitadelle fliehen konnten ... Dies geschah am 3. Juni, an einem Donnerstag. Alle Straßen der Stadt lagen voller Leichen. Man konnte es vor Gestank kaum aushalten. Niemand konnte in den engen Gassen der Stadt laufen, außer über die Kadaver der Toten.


Die Chronisten lassen auf der Mauer den Mantel der Geschichte wehen. Nicht zu Unrecht. Desertionen, Hunger Strapazen und Krankheiten hatten die Reihen der Pilger gelichtet, die stolzen Ritter gingen mehrheitlich zu Fuß, weil ihnen die Rosse abhanden gekommen waren. Sie mussten in die Stadt, bevor das Entsatzheer eintraf. So entschied sich auf den Mauern das Schicksal der Expedition und Momente wie diese beflügeln die Dichter. Jedenfalls hat ein unbekannter solcher eine Art Roman über den Mann geschrieben, den die Augenzeugen für einen Verräter halten. Das Original ist verschollen, aber Wilhelm von Tyros konnte noch Gebrauch davon machen. (Ich halte es für unwahrscheinlich, dass Wilhelm die Geschichte selbst erfunden hat).

Der gute Mensch von Antiochia

Emir Feir, so heißt der Mann bei Wilhelm, stammt aus einer angesehenen christlichen Familie, und ist trotzdem Turmkommandant, mit dem Stadtoberhaut gut bekannt und Notar bei diesem. Er nimmt gleich nach der Ankunft der Pilger Kontakt mit Bohemund auf und unterrichtet diesen täglich über die Vorgange in der Stadt. Die beiden schließen eine tiefe Brieffreundschaft und pflegen sie sieben Monate lang. Dann lässt Emir Feir bei Bohemund durch seinen Sohn anfragen:

Kann ich meiner Vaterstadt wieder zu ihrer alten Freiheit verhelfen und die unreinen Hunde hinausjagen, die uns mit gewaltsamer Herrschaft unterdrücken und das Volk, das den wahren Gott verehrt ...

Etc, etc, etc ... halbe Seite Verherrlichung. Dann weiter:

Ich will die diesen Turm, der völlig in meiner Gewalt ist, übergeben ...

Damit keiner denkt, Bohemund sei selbst darauf gekommen, stellt Emir Feir, die Bedingung:

Aber nicht in dem Sinn, dass ihr die eroberte Stadt untereinander verteilt ...

Nein, die Sache sei erst perfekt, wenn die Fürsten die Übergabe der Stadt an Bohemund garantieren. Die sind bereit, nur der Graf Raimund von Toulouse ist anderer Meinung. Boten kamen, Boten gingen, und die Brieffreunde nährten so ihre Liebe. Die Fürsten verhandeln weiter und segnen den Plan ab. Nur der Graf will seinen Teil der Stadt behalten. Inzwischen ist Emir Feir oft aus dem Haus und als sein Sohn unerwartet bei der Mutter reinschaut:

Musste dieser etwas Abscheuliches sehen.. Er fand nämlich seine Mutter im unerlaubten Umgang mit einem der höheren türkischen Fürsten.

Der Sohn rennt gleich los und petzt es dem Vater. Der sagt jetzt:

Diese unreinen Hunde haben uns nicht nur unschuldig unter das Joch der Knechtschaft und uns mit täglichen Erpressungen um unser Erbgut gebracht, sondern sie verletzen auch die Bande der Ehe ... Ich will mit Gottes Hilfe dieser Unverschämtheit ein Ende bereiten.

Befreiung der Christen, Liebe zu Gott und Bohemund, Hass auf die Türken. Kein Flecken kommt auf den Mantel der Geschichte. In Alberts Text hat Wilhelm ein anderes Motiv gefunden, aber nicht übernommen. Über den Mann Gottes erfahren wir bei Albert nur, was Bohemund zu den versammelten Anführern sagt:

Unzählig viel Geld habe ich vereinbart dem Verräter zu geben und habe unter Eid versprochen, ihn unter den Meinen nicht weniger zu erhöhen als meinen Schwestersohn Tankred.

Zurück zur Version des Wilhelm von Tyros.

Brudermord

In der Nacht nach dem Ehebruch soll es losgehen. Jetzt gilt es für den Dichter denn Spannungsbogen nicht gleich loszulassen. Und siehe, Emir Feir gerät unter Verdacht und muss beim obersten Rat antreten. Da fängt er so an zu reden:

Eure Besorgnis ist berichtigt, ehrwürdige Männer und hohe Fürsten, sie ist löblich und kann nur klug geheißen werden ...

Etc, etc, etc. Kurz, der Schlaumeier schlägt vor, die Kommandanten der Türme häufiger zu wechseln, damit sie keine Zeit hätten, mit dem gegenüberliegen Chef der Ungläubigen anzubandeln. Mit dieser List kommt er davon und lacht sich eins, weil es ja noch in dieser Nacht losgehen soll. Aber nicht gleich. Der Dichter spannt uns weiter auf die Folter und führt erst noch einen Halbbruder von Emir Feir ein.

Nun hatte der Mann Gottes, der den unseren so viel liebes erwies, einen Bruder von mütterlicher Seite, der ganz anderen Sinnes war.

Letzteres kommt aber erst bei einem längeren Gespräch heraus, das die beiden führen und dem wir beiwohnen dürfen. Als Emir Feir merkt, dass sein Bruder nicht zu den Pilgern hält:.

Dachte er daran, wie er ihn aus dem Leben schaffen könne, denn das allgemeine Wohl der Gläubigen ging ihm über die Bruderliebe.

Jetzt aber Handlung. Bohemund kennt kein Zögern mehr.

In der Hand hatte er schon eine Strickleiter aus Hanfseilen mit eisernen Hacken, die an die Vorsprünge der Mauern angelegt werden sollte.

Sie begeben sich zur Mauer. Emir Feir schickt einen Boten an Bohemund, der ihn zum Turm führen soll und durchbohrt inzwischen seinen Bruder. (In der Gesta erledigen das die Pilger). Bohemund und die anderen kommen an und Emir Feir zieht die Strickleiter an einem Seil hoch.

Aber niemand wollte den Befehl seines Anführers oder Bohemunds folgen und hinaufsteigen. Darauf stieg Herr Bohemund unerschrocken selbst hinauf.

Der Normanne legt oben seine Hand auf die Mauerbrüstung.

Emir Feir, der wusste, dass es Bohemunds Hand war, soll sie ergriffen haben und gesagt haben: Diese Hand soll leben. Und um die Liebe Bohemunds und aller Gläubigen in noch höherem Grad zu gewinnen, zeigte er ihm seinen toten Halbbruder, der dem heiligen Werk nicht zustimmte und den er durchbohrt hatte.

Alberts Wind

Die Szene an der Mauer übernimmt Albert weitgehend aus der Gesta, fügt aber eine Ermunterungsrede ein, als die Männer zögern. Natürlich hält sie Alberts Hauptheld Herzog Gottfried:

Wohlan ihr getreuen Streiter Christi, nicht um irdischen Lohn zieht ihr in diese Gefahr ... Sterben müssen wir ohnehin einmal auf diese oder jene weise. Seht, schon droht das Tageslicht unsere Pläne zu offenbaren, und wenn die Türken und Bürger uns entdecken, wird keiner lebend entrinnen. Ersteigt die Mauer und bietet euer Leben Gott zum Opfer dar ...

Das war des Herzogs Anteil am Erfolg:

Diese hochgemuten Worte verjagten aus den Herzen der meisten Leute die Zweifel. Sie nahmen eine Leiter, die aus rindsledernen Stricken zusammengeflochten war.

Ein Dolmetscher verhandelt mit dem verräterischen Türken, der zieht die Leiter hoch und die ersten klettern hoch, aber nur 25 und alles bleibt ruhig da oben, sie wollen sich nicht durch Rufen verraten Unten beginnen sie abzuhauen, weil sie glauben, die Türken hätten ihre Kameraden oben aller Stille abgeschlachtet. Ist aber nicht so. Oben die sind auch verwirrt, weil keiner nachkommt. Der Mantel der Geschichte hängt schlaff, kein Wind weht. Endlich fasst oben einer genug Mut, guckt über die Mauer und sagt denen unten, sie könnten ruhig kommen. Jetzt beginnt der Wind zu wehen:

Nun wetteiferten sie, die Leiter zu erklimmen und wegen des Gedränges und dem großen Gewicht der Aufsteigenden lösten sich aus der brüchig gewordenen Mauer einige Steine. So fiel auch die Leiter mit den darauf befindlichen Kriegern herunter. Unten an der Mauer lehnten Lanzen und Speere, auf denen sich die Herabfallenden aufspießten. Andere wurden von den Mauerblöcken erschlagen, andere Getroffene blieben halbtot liegen. Da erschrak das Volk Gottes sehr und glaubte, es sie durch die Hinterlist der Türken geschehen und die oben seien alle getötet worden. Obwohl die Aufgespießten einen großen Lärm machten, hörten die Türken in der Stadt und auf den Mauern keinen Laut Gott der Herr hatte nämlich in dieser Nacht einen großen Wind erregt.

Der Türke hat vorsorglich ein zweites Seil parat, der Dolmetscher macht allen wieder Mut und nun kommen 60 Streiter auf die Mauer, so viele wie in der Gesta.

Bedauernswerte Historiker

Der Laie wundert sich. Wie kann man diesen, ihrem irdischen Herren ergebenen, frömmelnden, wundergläubigen und, was das Schlimmste ist, literarisch ambitionierten Schreibern trauen? Aber, so ist das nun Mal, die Historiker machen es sich zu Aufgabe, uns zu erzählen, wie es wirklich war. Zum Beispiel damals in Antiochia. Jeder Historiker, der aus diesen Quellen eine Zusammenfassung anfertigt, bringt notgedrungen eine weitere Version zustande. Wenn man die muslimischen Chronisten zu Rate zieht, wird es auch nicht viel besser.

(19) Kolateralschaden bei der Aneignung

Bevölkerung ... getötet

Ibn al-Qualanisi :

Anfang Juni traf ein Bericht ein: Einige Waffenschmiede aus dem Gefolge von Yaghi Siyan gingen mit den Franken eine Verschwörung gegen Antiochia ein und vereinbarten mit ihnen die Auslieferung der Stadt. Sie hatten durch ihn Unrecht und Beschlagnahmen erlitten. Sie brachten ein Bastion in ihren Besitz und verkauften sie an die Franken und ließen sie dort in die Stadt ein. Bei Sonnenaufgang stießen sie ihren Schlachtruf aus Yaghi Syan ergriff die Flucht ... In Antiochia wurden von der Bevölkerung unzählige Männer, Frauen und Kinder getötet und gefangen genommen und versklavt ... Die Franken hatten die Stadt am 3. Juni erobert durch die Machenschaften eines armenischen Waffenschmieds namens Nairuz.

Alle Muslime abgeschlachtet

Ibn al-Athir:

Nachdem die Belagerung schon lange angedauert hatte, machten die Franken einen Handel mit einem Mann, der für die Türme verantwortlich war. Er ein war Rüstungsmacher namens Firuz und wurde mit einem Vermögen an Geld und Land bestochen. Er arbeitete in einem Turm, der über dem Flussufer stand, wo der Fluss die Stadt verlässt. Die Franken besiegelten ihren Pakt mit dem Rüstungsmacher - Gott verdamme ihn - und bahnten sich ihren Weg durch das Wasser-Tor. Eine andere Bande erklomm die Mauer mit Stricken. Erschrocken öffnete Yaghi Syian ein Tor und floh ... Sie drangen durch die Tore in die Stadt ein und plünderten sie, wobei sie alle Muslime abschlachteten, die sie vorfanden.

Den unreinen Hunden erging es laut Wilhelm so:

Als sie die Geharnischten durch die Stadt rennen sahen und das Blutbad erblickten, das hier und da auf den Strassen und Plätzen angerichtet wurde, erkannten sie, was los war. Sie verließen also ihre Häuser und suchten mit Weibern und Kindern zu entfliehen. Doch wo sie auch einen Unterschlupf suchten, gerieten sie erst Recht in die Mitte ihrer Feinde. Die Syrer, Armenier und andere Christen ergriffen erfreut über den Sieg der Unseren ebenfalls zu den Waffen ...

Die letzte Beobachtung haben die Augenzeugen nicht gemacht oder sie hielten sie für unwichtig. Wilhelm vermittelt hier den Eindruck, die Pilger hätten die Bewohner und ihre Häuser gut unterscheiden können. Offenbar eine andere Quelle benutzend, lässt er es chaotischer zugehen und konstatiert Emotionen, die ein selektives Vorgehen eher verhindern.

Habgier und Mordlust

Überall lagen nun Tote, überall hörte man das Klagen der Weiber. Die Familienväter lagen erschlagen, ihre Angehörigen hier und dort niedergestochen. Wer zuerst ein Haus erbrach, an den fielen die Gefäße und sonstige Habe als Beute ... Sie schonen in ihrer Habgier und Mordlust niemanden, egal welchen Ranges oder Geschlechts ... In den Häuser der Reichen ermorden sie die Bewohner, erbrechen die innersten Gemächer, stoßen die Kinder und Mütter der Edlen nieder und teilen sich den Haurat das Gold und das Silber und die kostbaren Kleider. Es sollen an diesem Tag mehr als 10.000 Bürger umgekommen sein. Ihre Leichen lagen übereinander auf den Strassen umher.

Unterschiedslos geplündert


Der Augenzeuge Raimund beobachtet eine plausible Arbeitsteilung.

Die Franken rannten durch die Strassen mit gezogenen Schwertern und töteten wie wild geworden die Leute, welche verängstigt hierhin und dorthin flohen ... Das einfache Volk ergriff unterschiedslos was es in den Strassen und Häusern fand. Die Kriegserfahrenen spürten weiter die Türken auf und töteten sie.

Entseelte Griechen, Syrer, Armenier

Albert von Aachen (Dem wie gesagt ein Augenzeugenbericht als Quelle vorlag):

Durch die Häuser, über die Plätze und Gassen der Stadt verfolgen sie die einzeln herumirrenden Türken und machen sie mit dem Schwert nieder. Kein Alter und Geschlecht der heidnischen Bevölkerung wird geschont, bis die Erde mit dem Blut und den Leichen der Erschlagenen bedeckt ist. Darunter mischen sich auch die Leichen erschlagener und entseelter Christen, Franzosen wie Griechen, Syrer und Armenier. Kein Wunder, denn kaum war es hell geworden, vielfach lag noch Finsternis über der Erde, und keiner wusste, wen er schonen und wen er treffen sollte. Denn in der Todesangst suchten viele Türken und Sarazenen die Pilger durch christliche Worte und Zeichen zu täuschen und so verloren viele beim allgemeinen Morden ihr Leben.

Hohe Übereinstimmung. Fazit also: Durch die Belagerung und bei der Erstürmung ist christlichen Brüdern großes Leid zugefügt worden, die von den barbarischen Heiden verschont worden waren.

Was nun, lieb Abendland?

Steven Runciman räumt ein, dass Ostchristen zu leiden hatten, aber eher so, als habe ein Erdbeben stattgefunden.

Many Christians perished in the confusion.

Mein Wörterbuch hat für perish umkommen, sterben, untergehen. So eine Konfusion aber auch. Die Häuser wurden geplündert, ergab sich halt so.

The houses of the citizens of Antioch, of Christians as swell as of Moslems were pillaged.

Hans Eberhard Mayer lässt die Christen kurz und bündig ganz weg.

Nach kurzer Zeit war die Stadt in der Hand der Kreuzfahrer, die alle Türken, derer sie habhaft werden konnten, niedermetzelten.

Lexikon etc? Vergessen Sie es.

Keine Geißelnahme

Die Muslime sahen in ihren christlichen Untertanen Irrgläubige, aber keine Feinde. Wenn sie in den Lateinern ihre Todfeinde sahen, war ihr Feindbild sozusagen korrekt. Sie haben es aber offensichtlich nicht auf ihre christlichen Untertanen übertragen. Selbst von den lateinischen Augenzeugen erfahren wir nur kriegsbedingte Maßnahen gegen sie. Offensichtlich hat der Regent seine Christen nicht als Geißeln benutzt: Entweder ihr lasst von der Belagerung ab, oder wir bringen sie alle um. War ihm der Gedanke fremd, die Vernichtung der arbeitenden Bevölkerung auch nur anzudrohen? Hielt er eine solche Erpressung für zwecklos, weil er den Angereisten kein sonderliches Interesse am Schicksal der Christen in der Stadt zutraute? Oder trifft ganz einfach die Mitteilung Ibn al-Athirs zu:

Er beschützte die Christen in Antiochia und erlaubte nicht, dass ihnen ein Haar gekrümmt wurde.

Will sagen, er sah sie als durch das Recht geschützte Untertanen an.. Die Christen in Antiochia wussten, was bei einer Erstürmung auf sie zukommen würde. Leider erfahren wir nicht, was sie von den angereisten Belagerern hielten. Denkbar, dass ihre Einschätzung davon abhing, welcher der orientalischen Kirchen sie angehörten. Einziger Hinweis ist die Verwirrung des Anonymus: Mal sieht er die Christen auf Seiten der Pilger, Mal auf Seiten der Heiden:

Diese Männer horchten uns aus und meldeten den Belagerten alles, was wir erzählten ... Die Armenier und Syrier unter türkischem Kommando mussten Pfeile auf uns schießen, ob sie wollten oder nicht.

Wenn diese Einschätzung im Lager der Pilger vorherrschte, warum sollten sie dann beim Aneignen und Töten selektiv vorgehen?

Entsatzheer kam zu spät

Yaghi Siyan, hatte seine muslimischen Nachbarn um Beistand ersucht. Da er kurz vorher gegen seinen Oberherrn, Ridwan von Aleppo (Syrien) rebelliert hatte, konnte er von dort keine Hilfe erwarten. Die Herren von Damaskus (Syrien), Homs (Syrien) und Mosul (Iran) waren zur Unterstützung bereit, sahen sich aber zur Vorsicht genötigt: Die rivalisierenden Sultane und Atabegs (Statthalter) könnten einen Feldzug zur Durchsetzung eigener Interessen nutzen. Duqaq von Damaskus hatte kurz vorher vergeblich die Stadt Aleppo belagert. Erst nach zeitraubenden Verhandlungen setzte sich ein Koalitionsheer in Marsch. Das Kommando hatte Kerbogha, Atabeg von Mosul. Ibn al-Athir wirft den Machthabern vor, für sie habe die Verteidigung des Glaubens nicht im Vordergrund gestanden.

Zur Sicht der Kreuzzritter von heute

Ihr Schlachtruf: Gegen die Islamisierung Europas. Sie fragen: Waren die Kreuzzüge der christliche Dschihad. Auf Sites wie www.pi-news.net (Politikally Incorrect) wird der sogenannten Islamversteherfraktion vorgeworfen, sie übersehe, dass die türkischen Muslime zuerst angegriffen haben. So ein Unfug. Gerade den Islamverstehern ist klar, dass der Islam als Ideologie kein Problem mit durchaus rabiater Landaneignung hat. Nur: In der Geschichte der Menscheit schritten sämtliche Machthaber zu Landeroberung, sowie sie über das dafür nötige militärische Potential verfügten. Mit und ohne Ideologie. Die Islamgegner und Kreuzzugsapologeten übersehen notorisch die innerchristlichen Kriege oder die räuberische Aneignung Afrikas und Amerikas durch Christen - und den damit verbundenen Völkermord ohnehin.

Im Fall Antiochia hatte der türkische Sultan bei der Eroberung einen großen Teil der christlichen Bevölkerung verschont. Nicht aus großer Menschenliebe vermutlich, sondern weil eine menschenleere Stadt ökonomisch nichts bringt. Vulgo: Tote Christen zahlen keine Steuern. Die sogenannten Kreuzritter töteten in Antiochia ihre christlichen Brüder, nunmehr Untertanen der Türken. Die Christenversteher der Website mögen erklären, warum. Zur Frage: Waren die Kreuzzüge der christliche Dschihad?. In Moscheen gepredigt wurde der Dschihad erst nach der Landnahme im Nahen Osten durch Kreuzfahrer - und zwar speziell gegen dieselben.

Wer die Kreuzzüge unkritisch für gute Werke hält, wie kann der glaubwürdig Menschenrechte einfordern?