Kreuzzug Ostrom - Kreuzzüge Eroberungen - Kolonien Kreuzfahrerstaaten - crusader states in the near east
Erster Kreuzzug Antiochia
Kreuzzritter plündern und metzeln in Antiochia. Die mitreisenden Chronisten fanden unter den Toten auch orientalische Christen. Miniatur 15, Jahrhundert.
Peter Milger - Kreuzzugspropaganda

(20) Expedition am Scheideweg

Kerbogha belagert Antiochia mit großem Aufgebot

Die Pilger kümmerten sich nicht um die Besitzrechte und zogen einfach in die Häuser der Toten ein. Echtes Wohlgefühl kam aber nicht auf. Es gab keine Lebensmittel mehr in der Stadt, sodass die erbeuteten Wertsachen und Barschaften momentan keinen Tauschwert hatten. Außerdem machten sich um die Stadt herum jede Menge gut genährter Türkenkrieger zu schaffen. Kerbogha hat die Phantasie der Chronisten besonders angeregt. Was macht der Oberheide, bevor er in den Krieg zieht? Er sucht Trost bei seiner Mutter. Und der Anonymus war dabei. Der Dialog geht über Seiten und endet so:

Liebe Mutter, sage mir die Wahrheit über einige Dinge, die mein Herz mich nicht glauben lässt.

Gern mein lieber, wenn du mir sagst was du nicht verstehst.

Sind Bohemund und Tankred die Götter der Franken, durch die sie ihre Feinde loswerden Und essen sie 2000 Kühe und 4000 Schweine bei einem einzigen Mahl?

Lieber Sohn, Bohemund und Tankred sind sterblich, wie alle Menschen, aber ihr Gott liebt sie über alles und verleiht ihnen in der Schlacht hervorragenden Mut. Denn ihr Gott - Allmächtiger ist sein Name - erschuf den Himmel und die Erde, das Meer und alle, die dort leben., dessen Thron im Himmel Bestand hat in alle Ewigkeit, dessen Macht überall zu fürchten ist.


Woher der Anonymus das hat? Phantasie, Erzählungen am Lagerfeuer? Keine Ahnung.

Freier Markt in der belagerten Stadt

Kerbogha war mit seiner Armee zu spät gekommen, aber nun hatte er Zeit. Die belagerten Pilger nicht. Albert von Aachen:

Selbst steinhartes und faul gewordenes Leder, das drei oder sechs Jahre lang in den Häusern gelegen hatte, und das sie nun fanden, feuchteten sie an, machten es im heißen Wasser weich und verzehrten es. Ebenso aßen sie den frischen Kot und Mist des Viehs, den sie mit Pfeffer, Kümmel und anderen Spezereien zubereiteten. So erdrückend war die Hungersnot. Für ein einziges Hühnerei, so man eins finden konnte, zahlte man sechs Denare nach der Währung von Lucca, für zehn Bohnen einen Denar. Das arme und niedrige Volk war gezwungen, das lederne Schuhzeug zu verschlingen ... So erkrankten viele und tägliche Todesfälle schwächten das Heer ... Herzog Gottfried aber, wie solche erzählen, die dabei gewesen, zahlte fünfzehn Mark in Silber für das Fleisch eines elenden Kamels. Für eine Ziege, so wird ganz sicher berichtet, gab sein Küchenmeister Baldrich dem Verkäufer drei Mark.

Dies ist, nebenbei gesagt, eine der äußerst seltenen namentlichen Erwähnungen eines Koches im Zusammenhang mit kriegerischen Unternehmungen.

Kein Wunder, ein Wunder

Die Zahl der kampffähigen milites Christi nahm täglich ab. Den Augezeugen zufolge schürten Prediger die Hoffnung auf ein Zeichen Gottes. Es gab auch ein Zeichen, aber die Chronisten sind sich nicht einig, wer dafür sorgte. Ein gewisser Peter Bartholomäus grub in der Kathedrale einen länglichen Gegenstand aus und behauptet, es handle sich um die Heilige Lanze der Kreuzigung Christi. Den Hinweis hatte er, so Raimund, vom Heiligen Andreas persönlich erhalten. Die anderen Chronisten melden Zweifel an der Echtheit der Reliquie, die auch in Konstantinopel gezeigt wurde. Die von Raimund geschilderten Umstände der Ausgrabung klingen irgendwie verdächtig:

An diesem Tag sammelten zwölf Männer und Peter Bartholomäus geeignete Werkzeuge und begannen in der Kirche des Apostels Peter zu graben, nachdem alle anderen Christen hinausgehen mussten. Der Bischof von Orange, Raimund von Aguilers, der Autor dieses Werkes, Raimund von Toulouse ... und andere gehörten zu den zwölf Männern.

Ibn al-Athir, typisch Ungläubiger:

Ein angesehner Mönch und gerissener Kerl war bei ihnen der erklärte, in dem Qusjan, einem großen Gebäude in Antiochia, sei eine Lanze des Jesus vergraben. Wenn ihr sie findet, siegt ihr, wenn nicht, geht ihr unter. Er hatte vorher an einer bestimmten Stelle die Lanze begraben und alle Spuren beseitigt. Er befahl ihnen, drei Tage zu Fasten und Busse zu tun .... Am vierten Tag begannen sie zu graben und fanden sie. Er rief aus: Freut euch auf den sicheren Sieg.

Offenbar sah die Masse der Pilger in dem Fund das erwartete Zeichen Gottes. Die Anführer beschlossen, die offene Feldschlacht zu suchen. Der Anonymus macht uns mit den Kommandierenden bekannt:

In der vierten war der Bischof von Le Puy, der die Lanze des Erlösers trug und mit ihm seine eigenen Leute und die von Raimund von Toulouse.

Adhémar von Le Puy war schon vor Nikaia und bei anderen Schlachten als militärischer Anführer tätig geworden. Natürlich stürzten sich die Pilger nicht ohne Stärkung auf den Feind. Der Anonymus weiter:

Unsere Bischöfe, Priester, Kleriker und Mönche legten ihre heiligen Gewänder an und gingen mit uns hinaus, trugen Kreuze, beteten und beschworen Gott, uns zu retten und zu behüten und uns vor allen Übeln zu bewahren. Andere standen über den Toren, hielten Kreuze in den Händen, machten das Zeichen des Kreuzes und segneten uns.

Entscheidung auf dem Schlachtfeld

Am 28. Juni 1098 zogen die Pilger aus der Stadt. Kerbogha ließ die Formierung der Franken nicht stören und beging damit einen schweren Fehler. Halb verhungert, die Berittenen auf wenigen hundert abgemagerten Pferden und Maultieren, stürzten sich die Pilger in die Schlacht. Der Anonymus:

Wir riefen den wahren und lebendigen Gott an und ritten gegen sie, nahmen die Schlacht auf im Namen von Jesus Christus und des Heiligen Grabes, und mit Gottes Hilfe besiegten wir sie.

Ibn al-Athir:
Die Muslims wandten sich sogleich zu Flucht, wegen der Geringschätzung und dem Hochmut, mit dem Kerbogha sie behandelt hatte ... Ihre Niederlage war vollkommen, ohne dass nur einer sein Schwert oder Lanze benutzt, oder einen Pfeil abgeschossen hätte ... Nur eine Abteilung Glaubenskämpfer leistete Widerstand und kämpfte um den Lohn Gottes und aus Sehnsucht als Märtyrer zu sterben. Die Franken töteten Tausende von ihnen und erbeuteten alle, was im Lager war: Lebensmittel, Geld, Reittiere und Waffen.

Die Emire und ihre Krieger waren nur ein paar Tagesreisen von ihren Frauen und Kindern entfernt. Für die Christen lag die Heimat am anderen Ende der Welt. Sie hatten nichts mehr zu verlieren als ihr selbst verschuldetes Elend. Albert von Aachen hebt wie üblich die Waffentaten des Herzogs Gottfried von Bouillon hervor, erwähnt aber auch die des päpstlichen Legaten:

Der Bischof von Le Puy widerstand Kerbogha mit der ganzen Schar von Provenzalen mutig von Angesicht zu Angesicht und wandte gegen ihn die Lanze des Herrn ... Der heiligmässige Bischof verfolgte ihn mit seiner ganzen Schar, nicht lange allerdings, wegen des Mangels an Pferden und der Müdigkeit des Fußvolkes.

Die Augenzeugen äußern sich zufrieden über die Beute im Lager der Heiden. Neben Geld, Nahrungsmitteln und Pferden fanden die Pilger laut Albert auch böse Sachen:
Unzählige Bücher fanden sie im Lager der Heiden, in denen die gotteslästerlichen religiösen Vorschriften der Sarazenen und Türken und der anderen Völkerschaften aufgezeichnet waren und die gottlosen Lieder der Zauberer und Vogeldeuter mit fluchwürdigen Schriftzeichen ... Auch Weiber und zarte, vielfach noch saugende Kinder fanden sie in großer Anzahl im Lager; viele davon machten sie nieder, andere wurden von Pferdehufen zerstampft, und ihre jämmerlich zerfetzten Leichen füllten die Felder, im Stich gelassen von den fliehenden Heiden.

(21) Die Lateinisierung Antiochias

Antiochias Christen widerspenstig

Die Pilger kehrten in die von ihnen besetzen Häuser zurück. Sofern sie einheimischen Christen gehörten, gab es natürlich Ärger. Sie stellten in der Stadt immer noch die Mehrheit. Wie erinnerlich, mussten die Männer vor der Belagerung die Stadt verlassen. Jetzt fanden sie ihre Häuser ausgeplündert oder bewohnt vor. Aber manche keine Angehörigen, weil laut Albert entseelt. Die ersten Verwaltungsmaßnahmen der Befreier dürften die Befreiten nicht froh gestimmt haben. Raimund von Aguilers zitiert die Klage von Pilgern, die weiter nach Jerusalem marschieren wollten:

Die sich das Gold des Kaisers und das Steueraufkommen Antiochias angeeignet haben, mögen es behalten ...

Dass sich die Bevölkerung Antiochias sich widersetze, geht aus dem Schreiben der Anführer an Papst Urban hervor:

Wir haben die Türken und Heiden unterworfen; aber die Häretiker, Griechen, Armenier, Syrer und Jakobiten konnten wir nicht überwinden ...

Der Ärger lässt sich erklären. Anarchie herrscht nur bei der Erstürmung, danach brauchen die neuen Herrscher Ruhe und Ordnung, wozu Grundbücher gehören und andere Eigentumsregelungen. Die neue Verwaltung musste auch den einheimischen Christen Rechte einräumen, um einen Aufstand wie in Edessa zu verhindern. Kurz, die Lateiner waren gezwungen bei der Besitznahme der Stadt mehr Rücksicht walten lassen, als ihnen offensichtlich lieb war.

Die Güter der Kirche beschlagnahmt

Der Anonymus:

In Antiochia gibt es viele Kirchen und 360 Klöster. Der Patriarch ist der Metropolitan über 153 Bischöfe.

Von den Einkünften und vom Landbesitz erweckten vor allem die Bischofstühle, Kirchen und Klöster des griechisch-orthodoxen Patriarchats von Antiochia die Begehrlichkeit des hohen mitreisenden Klerus. Wilhelm von Tyros räumt etwas umständlich die Übernahme des zweitreichsten Patriarchats Ostroms ein:

Man beschloss gemeinschaftlich, es solle unverzüglich wieder ein Klerus aufgestellt werden ... Sie setzen auch den Patriarchen Johannes wieder ein ... Solange der einst gewählte Johannes lebte, wollten sie keinen lateinischen Patriarchen zu dieser Stelle erheben. Dass zwei den selben Sitz inne haben, ist bekanntlich gegen die Satzungen und Beschlüsse der heiligen Kirchenväter. Er ging aber nach zwei Jahren von selbst aus der Stadt nach Konstantinopel, da er einsah, dass er als Grieche kein passender Vorsteher für lateinische Christen sei. Nach seinem Abgang versammelte sich der Klerus und das Volk und machten den Bischof von Artasia mit Namen Bernhard aus Valence, vormals Kaplan des Bischof von Le Puy zum Patriarchen.

Während sich die Anführer über das weitere Vorgehen stritten, eroberten die Südfranzosen unter Raimund von Toulouse die nahegelegene Stadt Albara. Der Anonymus:

Sie töteten alle Sarazenen, die sie fanden Männer und Frauen, jung und alt. Nach der Machtübernahme stellte Graf Raimund den christliche Glauben wieder her. Er fragte seine Ratgeber, wie man einen Bischof einsetzen und das Haus des Satans zu einen Tempel des wahren Gottes weihen könne.

Der Chronist Raimund hat mehr mitgekriegt:

Sie schlachteten Tausende ab und brachten Tausende nach Antiochia, wo sie als Sklaven verkauft wurden ...

Ein Kleriker aus Narbonne wird zum Bischof erhoben.

Alle stimmten zu und dankten Gott, weil sie sich einen lateinischen Bischof in der Ostkirche wünschten. Graf Raimund gab Peter von Narbonne die Hälfte von Albara und seiner Umgebung.

Raimund lässt keine Zweifel an der Rechtmäßigkeit der Lateinisierung aufkommen. Gott übermittelt durch den Hl. Andreas in einer Vision den Pilgern die Anweisung:
Haltet eine Beratung über einen Patriarchen nach eurem Gesetz.

Eine oströmische Provinz wird zum lateinischen Fürstentum

Wem gehörten Land und Leute nach der Eroberung? Die Fürsten machten sich keinen Kopf und schrieben an den Papst:

Unser Herr, Jesus Christus, übergab Antiochia der römischen Religion und dem römischen Glauben.

Implizit den Streitern für den wahren Glauben. Trauen wir Wilhelm von Tyros, gab es bei Entgegennahme der Gottesgabe durch Bohemund nur wenig Ärger:

Den Besitz der Stadt überließen sie einmütig wie verabredet dem Herren Bohemund, nur der Graf von Toulouse besetze das Brückentor und die benachbarten Türme mit seiner Mannschaft. Nachdem aber der Graf die Stadt verlassen hatte, wurde diese Mannschaft vertrieben und der Herr Bohemund bekam auch diesen Teil ... in seine Gewalt. Weil er aber bei seinen Leuten Fürst genannt wurde, so blieb es bei dieser Gewohnheit und man gab dem Herren von Antiochia den Titel Fürst.

Laut Raimund ging es dagegen bei recht deftig zu, als Bohemund seinen Anspruch auf Antiochia anmeldete.

Der Graf und andere sprachen dagegen: Wir haben auf das Kreuz des Herrn und viele Reliquien geschworen, in den Ländern des Kaisers keine Stadt oder Burg ohne dessen Zustimmung zu behalten. Sie gerieten so heftig aneinander, dass sie beinahe zu den Waffen gegriffen hätten.

Der Anonymus:

In der Kirche von St. Peter wurde viele Versammlungen abgehalten, um eine gerechte Lösung zu finden. Bohemund wies auf seine Vereinbarung hin und zeigte die Liste mit seinen Ausgaben. Graf Raimund weiderholte den Eid, den er dem Kaiser auf den Rat Bohemunds hin geschworen hatte ...

Die Pilger, die Antiochia nichts zu gewinnen. hatten, begannen zu murren. Raimund zitiert die Stimme des Volkes:

Die sich das Gold des Kaisers und das Steueraufkommen Antiochias angeeignet haben, mögen es behalten ... Wir haben unsere Heime wegen Christus verlassen, lasst und den Marsch fortsetzen ... Wenn der Streit weitergeht, lasst und die Mauern niederreißen ... Durch diese und andere Ansichten waren Raimund und Bohemund genötigt, einen Frieden in Zwietracht zu schließen.

Kein Vertrag mit Abmachungen

Graf Raimund zog mit seiner Gefolgschaft weiter, übergab aber mitnichten den von seinen Leuten besetzen Stadtbezirk. Als Bohemund erfuhr, dass die Südfranzosen die reiche Stadt Maarrat belagerten, rückte er mit den Seinen hastig nach und kam nicht zu spät. Der Anonymus sieht Bohemund sogar mit der Nase vorne:

Bohemund entsandte einen Dolmetscher zu den Anführern der Sarazenen und ließ ihnen ausrichten, sie sollten mit ihren Frauen, Kindern und ihrer Habe in einem Palast Zuflucht suchen. Unsere Männer drangen in die Stadt ein und jeder nahm seinen Anteil der Beute an sich ... und töteten jeden, den sie antrafen, ob Mann oder Frau ... Bohemund nahm denen, die er in den Palast befohlen hatte, ihre Habe ab, Gold, Silber und andere Wertsachen. Einige ließ er töten, andere als Sklaven nach Antiochia bringen, um sie zu verkaufen ... Die Franken schnitten die Körper der Toten auf, weil sie in den Därmen Goldstücke zu finden pflegten, andere schnitten das Fleisch der Toten zu Streifen und kochten es als Nahrung ... Sie waren durch den langen Aufenthalt sehr hungrig.

Der arabische Chronist Kamal ad-Din:

Einige Bewohner flüchteten in wehrhafte Häuser und boten die Kapitulation an. Die Franken willigten ein und verlangten eine Steuer für jedes Haus, dann drangen sie mit Gewalt ein und verbrachten die dort Nacht ... Am nächsten Tag fielen sie über sie her, mit dem Schwert in der Hand ... Es kamen in Maarrat zwanzigtausend Menschen um, Männer, Frauen und Kinder, es entkamen nur wenige ... Die Franken folterten viele zu Tode und nahmen ihnen ihre Habe ab ...

Propaganda? Auch Raimund berichtet von Folterungen:
Die Sarazenen aber schlossen sich in unterirdischen Gewölben ein, wo sie die Unseren mit Feuer und Schwefel ausräucherten. Und weil sie dort nicht viel Beute fanden, bedrängten sie die Sarazenen, die sie ergreifen konnten, wegen der Beute bis zum Tod.

Der Weitermarsch verzögerte sich, weil sich die Herren bei der Verteilung der Beute in die Haare kriegten. Daraufhin legten empörte Pilger die Stadt in Schutt und Asche.

Regelung nach Feudalherrenart

Bei Fulcher geht es so weiter:

Nachdem Marra so zerstört worden war, kehrte Bohemund nach Antiochia zurück. Dann vertrieb er die Garnison Raimunds aus dessen Stadtsektor. Bohemund besaß nun Antiochia und die ganze Umgebung. Er sagte, sie sei durch seine Verhandlungen und Maßnahmen erworben . worden.

Albert von Aachen schildert den letzten Akt der Lateinisierung Antiochias so:
Bohemund, an dessen Herz der grimmige Neid und Zorn wider den Grafen von Toulouse nagte, hielt nach der Abreise von Gottfried und während der Abwesenheit Raimunds die günstige Gelegenheit für gekommen. Durch Hornsignale rief er seine Leute zusammen, griff mit großer Gewalt den Turm über der Orontes-Brücke an, bedrängte die Ritter Raimunds, die darin zurückgeblieben waren, mit Waffen und Pfeilen und vertrieb sie aus Burg und Stadt. So behielt er allein die Herrschaft über Antiochia.

Bohemund regierte nun nach feudalem Recht als oberster Lehnsherr über das Fürstentum, so wie Balduin in Edessa. Ihr Feldzug war mit der Befreiung der Ostchristen beendet. So mussten die Pilger beim Weitermarsch ohne die kriegstüchtige Gefolgschaft der beiden auskommen. Unterwegs zeichnete sich ab, dass die vorhersehbaren Konsequenzen der Landnahme schon eingetreten waren. Raimund:

In unsrem Lager trafen Boten des Kaisers ein. Sie protestierten gegen Bohemunds Besitznahme von Antiochia , weil sie im Widerspruch zu den geleisteten Eiden stand.

Zwischenbilanz

Rund zwanzig Jahre nach dem ersten Angriff der Normannen auf Ostrom hatte Bohemund eine der wichtigsten Provinzen des Reichs an sich gebracht. Der Eidbruch störte ihn nicht weiter. Dass ab nun praktisch Krieg herrschte zwischen den Lateinern und Ostrom, auch nicht. Er hatte ohnehin vor, es ganz zu erobern. Kaiser Alexios hatte durch die Pilger einen Teil Kleinasiens zurückgewonnen, einen anderen Teil an sie verloren. Die befreiten Ostchristen lebten weiter unter fremder Herrschaft.

(22) Die geschändeten Kirchen

Heiligenbilder ohne Augen: Ekkehards Weitblick

Man könnte meinen, auch der Chronist Ekkehard von Aura sei bei Raimund fündig geworden, aber er schreibt als Augenzeuge.

Wir sahen nämlich ... in den zur Hälfte zerstörten Kirchen jenes Gebietes die Bilder selbst unseres Erlösers und seiner glorreichen Mutter oder anderer Auserwählter ... die Beschädigung an Nasen und Augen, Händen und Füssen ...

Ekkehard scheint insofern Augenzeuge zu sein, als er 1101 per Schiff nach Palästina reiste, wo er allerdings nur die Hafenstadt Jaffa und Jerusalem besichtigen konnte. Zurück ging es nach rund vier Wochen via Rom ebenfalls per Schiff. Wo aber sah der Mann das Grauenhafte?. In jenem Gebiet. Er meint aber nicht Palästina, sondern die Umgebung von Nikaia, wo er nicht war:

Die Türken ... eroberten zunächst Nikäa, einst fester Turm des katholischen Glaubens ... und verschonten keinen Christen, keine Kirche, kein Kloster, ja nicht einmal die Bilder der Heiligen. Wir sahen nämlich ... in den zur Hälfte zerstörten Kirchen jenes Gebietes die Bilder ...

Woher hat er das? Ekkehard schreibt, er habe in Jerusalem ein Büchlein über die Expedition gesehen. Von den überlieferten Augenzeugenberichten lag aber 1101 nur einer vor: Der von Raimund.

Raimunds Liste der Gräuel

Auch Raimund behauptet nicht, etwas gesehen zu haben, sondern nur, Christen hätten ihm kurz vor Jerusalem davon erzählt. Und das gibt er sehr kompakt wieder, als ziemlich vollständige Liste der uns schon vertrauten Untaten.

Wenn sie (die Christen im Libanon) die Heiden verhöhnten, mussten sie ihnen ihre schönen Kinder zur Beschneidung und Türkisierung ausliefern. Oder die Kinder wurden den Eltern genommen, der Väter getötet, während die Mutter vergewaltigt wurde Von solcher Bosheit war diese Menschenart entflammt, dass sie die Kirchen Gottes und der Heiligen niederrissen und auch die Bildnisse zerstörten. Wenn sie ihnen widerstanden, stachen sie ihnen die Augen aus oder beschossen sie mit Pfeilen. Sie stürzten alle Altäre um und machten Moscheen aus den großen Kirchen. Wenn eine arme gequälte christliche Seele ein Bildnis von Gott oder den Heiligen zu Hause haben wollte, musste monatlich und jährlich monatlich dafür bezahlt werden, oder sie wurden vor ihren Augen zertrampelt und mit Kot beschmiert. Das Weitere zu erzählen ist bitter. Sie steckten die Knaben in Bordelle und tauschten ihre Schwestern gegen Wein.

Originalton Alexios-Brief

Woher hat Raimund das? Dem Dr. Heinrich Hagenmeyer, unbestritten Fachmann auf diesem Gebiet, scheint es sicher, dass Raimund unseren Brief gekannt hat. Gemeint ist der Alexios-Brief. Sein Textvergleich in: Die Kreuzzugsbriefe, Innsbruck 1901, Seite 15. Das mit dem Kot kommt in den beiden überlieferten Versionen nicht vor. Vielleicht eine Zutat in Raimunds Vorlage.

Augen der Heiligen mit Kot wieder zugeklebt

Was Albert von Aachen zu berichten weiß, hat er nicht von Fulcher oder dem Anonymus. Sondern offensichtlich von Raimund, bei dem er sich ja mehrfach bedient.

Nach dem der Sieg errungen war, kehrten der Bischof von Le Puy und die anderen Fürsten in die Mauern Antiochias zurück. Und nun reinigten sie die Basilika des seligen Apostel Petrus, die die Türken mit ihren götzendienerischen Handlungen entweiht hatten von allem Unrat, bauten die umgestürzten Altäre wieder auf und, stellten das Bildnis unseres Herrn Jesus Christus und die Statuen der Heiligen in aller Andacht wieder her. Die Türken hatten ihnen als wären es lebendige Menschen die Augen ausgestochen und mit Kot wieder zugeklebt und aufgefüllt. Sie bestellten aus dem griechischen und lateinischen Klerus Priester zu erneuten Ausübung des rechtgläubigen Gottesdienstes.

Wilhelm von Tyros wiederum schreibt bei Albert fast wörtlich ab:

Die ehrwürdigen Heiligenbilder, ... hatten sie von den Wänden gerissen und ihnen, als hätten sie es mit lebendigen Menschen zu tun, die Augen ausgestochen und die Nasen abgeschnitten und sie mit Kot überzogen.

Pragmatismus und Moral

Die Türken hätten sich in orientalischen Kirchen übrigens nur an Ikonen vergreifen können, Statuen hat es da nicht. Und sie haben sich sicher daran vergriffen, wenn sie Städte mit stürmender Hand einnahmen. Das war aber, wie gesagt, die Ausnahme. In den Augen von Muslimen sind Heiligenbilder Götzenbilder. Sofern sie Kirchen für ihre Zwecke benutzten, haben sie die Ikonen natürlich entfernt. Bei Bedarf wurden Kirchen in Moscheen verwandelt. Was hätte es den neuen Machthabern aber gebracht, ihren christlichen Untertanen aus reiner Willkür Kirchen wegzunehmen, sie zu verunreinigen oder gar zu zerstören? Die Hebung der Steuermoral und Produktivität wohl kaum. Abgesehen davon, dass es natürlich islamischer Sitte und Moral widersprochen hätte. Wobei es mit der Einhaltung sicher ähnlich Probleme gibt, wie bei den Herren Christen. Verlässlicher sind meist pragmatische Motive. .

Wilhelm kompiliert Alexios-Brief und Albert

Als nun die Fürsten von dem Treffen zurückgekehrt waren ... lag es den Anführer des Heeres, dem ehrwürdigen Bischof von Le Puy sehr am Herzen, sowohl die größte Basilika der Stadt, die dem Fürsten der Apostel geweiht war als auch die übrigen wieder in Stand zu setzen und einen Klerus aufzustellen, welcher sich dem göttlichen Dienst widmen sollte. Das gottlose Volk der Türken hatte die ehrwürdigen Orte entweiht, die Gottesdiener hinausgeworfen und die Kirchen zu vulgären Gebrauch bestimmt. Die einen zu Ställen für Pferde und Lasttiere, die anderen für Zwecke, die für diese Orte unschicklich waren.

Vulgo zur Ausübung der Prostitution. Alexios-Brief:

Es ergeht Klage in Be­zug auf die Kirchen, die ja das Heidentum, nachdem es das Chri­stentum hinausgeworfen hatte, in Besitz hielt und in denen es Ställe für Pferde, Maulesel und andere Tiere errichtete. Sogar ihre Heiligtümer, die sie Machomariae nennen, richteten sie dort ein und trieben auch Geschäfte von grenzenloser Unsittlichkeit

Apostel Petrus Zeuge für die Schändung

Der Anonymus gibt die Vision eines bestimmten Priesters wieder, in der Christus, Maria und der Apostel Peter sich angeregt unterhalten. Letzterer sagt unter anderem auch dies:

Herr, diese Heiden haben mein Haus so lange besetzt, und haben unaussprechliche Übeltaten darin begangen.

Aber geht er hin, unser Anonymus, und schaut selbst nach, serviert uns die Details mit heißer Feder? Unaussprechliche Übeltaten, das lässt doch einen Chronisten nicht ruhen. Er war da:

Wir eilten ... dorthin, und 13 Männer gruben von morgens bis abends ... nach der Lanze.

Kein Schadensbericht. Lotterbette, Tierkot, zertrümmerte Heilige, einfach übersehen? Die Peter-Basilika soll erst nach der Entscheidungsschlacht aufgeräumt worden sein. Was sah der Anonymus vorher: Die Pilger ziehen zur Einstimmung von Kirche zu Kirche ohne etwas Auffälliges an denselben zu bemerken:

Nach drei Tagen Fasten und Prozessionen von einer Kirche zur anderen, bekannten unsere Männer ihre Sünden und empfingen die Absolution ... Dann stellten wir uns in sechs Schlachtreihen auf ...

Was der Anonymus ebenfalls sah:

In der Kirche von St. Peter wurde viele Versammlungen abgehalten, um eine gerechte Lösung zu finden.

Und auch das noch: Bohemund lässt beim Kampf um die Zitadelle aus taktischen Gründen Häuser anzünden. Das Feuer greift um sich:

Der weise Bohemund war wegen der Kirchen des heiligen Peters, der heiligen Maria und der anderen Kirchen besorgt. Nahezu 2000 Kirchen und Häuser brannten nieder.

Raimund frohgemut in der Peter-Basilika

Auch vor dem angeblichen Aufräumen. Raimund sucht mit 11 Pilgern, darunter Anführer und Bischöfe, Peter-Basilika auf. Es geht um die Ausgrabung der Heiligen Lanze.

Sie begannen in der Kirche zu graben, nachdem sie alle anderen Christen aus der Kirche gewiesen hatten ...

Rundum umgestürzte Altäre, kotverschmierte Heiligenbilder? Und Raimund verliert kein Wort darüber? Und welche Freude kam dann auf, mitten im Unrat, den die Heiden hinterlassen hatten:

Endlich zeigte uns Gott in seiner Gnade Seine Lanze, und ich, Raimund, Autor dieses Buches, küsste die Lanzenspitze wie sie aus der Erde kam und ich kann unsere Freude nicht beschreiben.

Raimund macht keine Mitteilung über die Verschandelung einer Kirche in Antiochia.

Hochrangiges Nichtbemerken

Bleibt die Aussage des Apostels Peter. Nicht weniger voreingenommene Augenzeugen erwähnen keine Reinigung der Basilika. In ihrem Brief an den Papst schreiben die Anführer, sie hätten Antiochia befriedet. Und weiter:

Hier wurde der Heilige Peter in der Kirche erhoben, die wir täglich aufsuchen.

Das ist alles über die Kirche und klingt nicht so, als hätten die Pilger tatsächlich Türken in der Kirche bei der gewerbsmäßigen Unzucht erwischt, mit Kuh und Esel drum herum. So was geht den Papst doch immens etwas an, das verschweigt man doch nicht.

Gott hielt sie intakt

Fulcher von Chartres über die Kirchen St. Peter und St Maria:

Sie standen lange unter der Kontrolle der Türken, aber Gott sah voraus, dass wie ihn eines Tages dort verehren würden und hat sie für uns intakt gehalten.

Steven Runciman sanktioniert für die Geschichtsschreibung:

Der Bischof von Le Puy sorgte dafür, dass die Kathedrale von St. Peter und andere Kirchen, die die Türken entweiht hatten, gereinigt und dem christlichen Gottesdienst wieder zugeführt wurden.

Den Studenten verweist der große Historiker in der englischen Originalausgabe mit der Fußnote nur auf Albert von Aachen hin. Das reicht aber nun Mal nicht.

Erster Kreuzzug Anfuehrer
Der Rat der Anführer beschließt, Jerusalem vollständig in Besitz zu nehmen - auch die Häuser und Güter der Juden und orientalischen Christen.
(23) Nach Jerusalem

Zunächst barfuss, dann mit Beute beschäftigt

Raimund von Aguilers:
Der Graf ging mit seinen Geistlichen und dem Bischof von Albara ohne Schuhe, und sie riefen Gottes Gnade und den Schutz der Heiligen an. Tankred folgte uns mit vierzig Soldaten und mit viel Fußvolk. Nachdem das die Könige aus jenem Land gehört hatten, entsandten sie arabische Adlige mit Bittgesuchen und vielen Geschenken zu den Grafen, und versprachen ihnen nun und in Zukunft tributpflichtig zu sein, und Verpflegung umsonst zu senden und sie zum Verkauf anzubieten.

Aber es kamen nicht alle in den Genuss des Geldsegens. Raimund:

Manche aus der Abteilung des Grafen zeigten ihre edlen Pferde und Reichtümer, andere aber zeigten ihre Armut. Da erging die Anweisung, dass das Volk den Zehnten der Beute ... wegen der vielen Armen und Kranken im Heer abgeben solle. Es wurde verfügt, dass sie den vierten Teil ihren Priestern geben sollten, deren Messen sie beiwohnten. Ein weiteres Viertel sollten die Bischöfe erhalten. Die beiden anderen Viertel sollten Peter dem Einsiedler übergeben werden, den sie zum Führer der Armen aus Klerus und Volk gemacht hatten. Und so erhielt er zwei Teile, nämlich einen für den Klerus und den anderen für die aus dem Volk.

Die Feudalherren hielten auch kurz vor Jerusalem an ihren Sitten und Gebräuchen fest. Raimund betrübt:

Jeder unserer Anführer schickte Boten mit Briefen an die Städte der Sarazenen und behauptete, der Anführer des ganzen Heeres zu sein. So haben damals unsere Anführer gehandelt.

Die Sehnsucht nach den heiligen Stätten hielt sich in Grenzen. Herzog Gottfried und die Seinen wurden durch die vergebliche Belagerung der Stadt Djebail aufgehalten. Die Franzosen Raimunds kamen besser voran, weil unterwegs nun gegen Lösegeld und Verpflegung mehrere Städte verschont wurden. So Hama und Shaizar. Tortosa fiel kampflos in die Hände der Pilger, weil sich die Garnison davon gemacht hatte. Doch die Bürger der Stadt Arqa waren widerspenstig. Während der Belagerung rückte auch Herzog Gottfried mit seinen Mannen an, doch es half nichts. Nach mehreren Wochen mussten sie die Belagerung abbrechen. Auf diplomatischen Feld blieben die Chefs störrisch. Kaiser Alexios ließ durch eine Gesandtschaft ausrichten, er sei mit einem Heer unterwegs und man möge sein Eintreffen abwarten. Abgelehnt. Ein Vorschlag für eine friedliche Lösung der Jerusalemfrage, den der Wesir des fatimidischen Kalifen in Kairo durch Botschafter übermittelte, wurde ebenfalls abschlägig beschieden. Und zwar erneut.

Rückblende: Friedensangebot aus Ägypten

Während der Kampfhandlungen vor Antiochia traf eine Delegation aus Kairo ein Der ägyptische Wesir al-Afdal und Kaiser Alexios unterhielten diplomatische Kontakte, da sie beide von türkischen Dynastien bedroht wurden. Der Wesir nahm an, die Fremden stünden im Dienst von Ostrom bot ihnen einen Pakt gegen die Türken an. Albert von Aachen zitiert die Botschaft des Wesirs:

Der König von Babylon hat sich über eure Ankunft und über eure bisherigen Erfolge gefreut ... die Türken, ein fremdes Volk und mir und meinem Reich feindlich, sind häufig in mein Land eingefallen und haben mir die Stadt Jerusalem weggenommen, die meiner Herrschaft untersteht. Jetzt habe ich sie vor eurer Ankunft mit eigenen Kräften zurückgewonnen und die Türken hinausgeworfen. Bündnis und Freundschaft will ich mit euch schließen. Dem Christenvolk will ich die Heilige Stadt, den Turm Davids und den Zionsberg zurückgeben.

Über die Reaktion der christlichen Anführer gibt Albert keine Auskunft. Die Gesandten blieben mehrere Wochen vor Antiochia. Laut Raimund wurden sie bei ihrer Rückkehr von einer Delegation der Pilger begleitet, die einen Freundschaftsvertrag mit Ägypten aushandeln sollte.

Was ist mit diesem Vertrag?

Raimund ist der einzige Augenzeuge, der etwas über eine Verhandlung im Lager vor Arqa mitteilt:

Ein Legat des Königs von Babylon kam nach Arqa, zusammen mit unseren Gesandten, die ein Jahr lang dort zurückgehalten worden waren.

Das Angebot des Wesirs unterstellt den Pilgern nur fromme Absichten:
Je 200 oder 300 von uns könnten unbewaffnet nach Jerusalem kommen und nach der Anbetung unseres Herr wieder zurückkehren.

War der Wesir wirklich so naiv, oder hält Raimund das Angebot so klein, das die Ablehnung plausibel wird:
Im Glauben an Gottes Barmherzigkeit pfiffen wir auf das Angebot und ließen ihn wissen, entweder er gibt Jerusalem ohne Bedingung zurück, oder wir rücken auf Babylon vor.

Gab es einen Vertrag? Albert von Aachen geht davon aus. Als die ägyptische Garnison in Jerusalem Widerstand leistet, kommentiert er:
Der König von Babylon brach das Bündnis, das seine Gesandten zu Antiochia mit den christlichen Fürsten geschlossen hatten. Dazu hatte er keinen anderen Grund, als dass Graf Raimund die Stadt Tortosa genommen und mehrere Tage lang die Stadt Arqa belagert hatte.

Kein Grund? Na ja, immerhin lagen in den beiden Städten ägyptische Garnisonen. Alexios und die Lateiner hätten mit guten Aussichten über eine Internationalisierung der Stadt verhandeln können.. Die Ägypter hatten gerade auch den armenischen, koptischen und jakobitischen Kirchen einen Winkel in der Grabeskirche zugewiesen. Da war sicher auch noch ein Platz für die Lateiner frei. Aber den lateinischen Feudalherren und Klerikern ging es nicht darum, die Lage der Christen in Jerusalem zu verbessern. Beweis, sie haben sie nach der Eroberung nicht verbessert.

Vormarsch nicht von Ägyptern behindert

Auch Tripolis kaufte sich frei, genauer, erkaufte sich eine zeitweilige Schonung., wie die andern Städte auch. Am 19. Mai 1099 überschritten die Pilger den Hundefluss und erreichten damit ägyptisches Kerngebiet. Kairo hatte kein Armee entsandt. Der ägyptische Statthalter von Beirut versorgte die Pilger, während es die Garnison von Sidon es mit einem Ausfall versuchte und kläglich scheiterte. Die Pilger erreichten ohne weitere Kampfhandlungen die Stadt Ramla.

Gedrängel bei der Landnahme

Der Anonymus:

In der Nähe von Ramola liegt eine verehrungswürdige Kirche mit den Gebeinen des Heiligen Georg ... Als wir dort waren, hielten unsere Anführer Rat und wählten einen Bischof ... Sie versahen ihn mit dem Zehntrecht und stiften Gold und Silber, Pferde und andere Tiere, so dass er und sein Haushalt anständig und in Demut leben konnten.

Am Abend des 7. Juni 1099 schlugen die Pilger ihr Lager bei Jerusalem auf. In der Nacht ziehen viele los, um sich Besitz in der Umgebung anzueignen. Der Chronist Raimund beobachtet:

Ein wildes Gedrängel wegen der Gier, Burgen und Dörfer in Besitz zu nehmen.

Doch er beklagt es nur, weil ein Prediger gefordert hatte, sich Jerusalem in Demut und nur nackten Fußes zu nähern. Die Aneignung selbst findet er natürlich in Ordnung:

Es gab folgenden Brauch: Niemand durfte sich eine Burg oder ein Dorf aneignen, über dem eine Fahne wehte, weil andere vor ihm da waren. Vom Ergeiz besessen, verließen viele um Mitternacht ihr Bett und eroberten mit ihren Genossen Bergfesten und Dörfer in der Ebene des Jordans.

Nach Albert von Aachen gab es auch frommere Taten:

Zu Herzog Gottfried kam eine Gesandtschaft der christlichen Einwohner der Stadt Bethlehem und vor allem jener anderer Christen, die beim Herannahen des christlichen Heeres unter Todesdrohungen aus Jerusalem vertrieben worden waren.

Die Boten bitten den Herzog um Hilfe, und der schickt 100 Berittene nach Bethlehm
Die christlichen Bürger ... zogen ihnen mit Hymnen und Lobgesängen und unter Austeilung des heiligen Wassers entgegen, nahmen freudig die christlichen Ritter auf und küssten ihnen Augen und Hände.

Klagt der Anonymus über eine Schändung der Kirche von Ramla? Hat der Gewährsmann von Albert in der Geburtskirche von Bethlehem Kuh oder Schaf gesehen? Wenn ja, warum hätten sie es verschweigen sollen? Wie aber meinen der hochgelehrte Ekkehard von Aura:

Schon war Jerusalem besetzt von sarazenischen Bürgern im Dienste Babylons, das nun Sitz des ägyptischen Königs ist. Schon kaufte sich vor Schwachheit die christliche Kirche durch tägliche Tribute frei. Bethlehem, das Haus des Brotes der Engel, zum Viehstall gemacht und alle Kirchen ringsum waren ungefähr seit vielen Jahren ganz der Willkür der Heiden ausgeliefert.

Jerusalem 1076

Es kommt zu heftigen Kämpfen um den Besitz der Stadt. Die Türken behalten die Oberhand und richten unter den ägyptischen Muslimen ein Blutbad an. Im christlichen Viertel Jerusalems bleibt es offenbar ruhig. Die Grabeskirche ist den Pilgern auch unter türkischer Herrschaft weiter zugänglich. Albert von Aachen erhebt gegen die Türken vor allem den Vorwurf, hohe Abgaben erhoben zu haben:

Die Türken, die ... die Jerusalem mit Gewalt überfallen hatten und lange Zeit besetzt hielten, trieben von den Sarazenen (Arabern aus Ägypten), den pilgernden Christen und den einheimischen Gläubigen schwere Tribute ein.

Inzwischen wieder ägyptisch

Raimund weist seine Leser darauf hin, dass Jerusalem sich nun wieder in ägyptischer Hand befindet:

Ich erinnere daran, dass der König von Babylon (Kairo) Jerusalem besetzt hatte, als er die Nachricht von dem Desaster der Türken vor Antiochia erfuhr ... Er übernahm Jerusalem nach dem er die Verteidiger reich beschenkt hatte, und opferte Kerzen und Weihrauch in der Grabeskirche.

Ähnlich Albert:

Der König von Babylon ... zog in Jerusalem ein und besuchte, wie es die heidnische Religion verlangt, in höchster Andacht und Demut den Tempel des Herrn (Moschee). Dann betrat er mit dem ganzen Gebaren der heidnischen Religion die Kirche vom Grab des Herrn, beschaute sie ganz friedfertig und suchte keinen Christen von seinem Glauben oder den Vorschriften seiner Religion abspenstig zu machen.

Die Lage der Christen in Jerusalem um 1060

Wilhelm von Tyros hat sich kundig gemacht.

Übrigens ist es wahr, dass der Patriarch von Jerusalem bei der Ankunft der Lateiner und auch schon viel früher den vierten Teil der Stadt als Eigentum besessen hat. Auf welche Weise er zu diesem Besitz gekommen ist, wollen wir hier in Kürze mitteilen. Durch eifriges Nachforschen ist es uns gelungen, endlich dieser Sache auf den Grund zu kommen.

Wilhelm macht es nie kurz. Kurz: um 1060 waren die Mauern durch häufige Belagerungen ziemlich ruiniert.

In dieser Zeit zeichnete sich das Reich der Ägypter durch Macht, Reichtum und weltliche Klugheit vor allen Reichen des Morgens und Mittags aus ... Der Kalif setzte Befehlshaber in den Städten ein ... legte Zölle fest und machte sich das ganze Land zinspflichtig. Auch gebot er den Bürgern jeder Stadt, ihre Mauern wieder aufzubauen ... Mehr aus Bosheit als nach richtiger Erwägung ihrer Kräfte wurde den armen Christen der vierte Teil jenes Baues angewiesen.

Die Christen bitten den Kaiser in Konstantinopel um Unterstützung.

Dieser gewährte den Gläubigen die Bitten ... und versprach liebreich so viel Geld, als sie zu dem aufgetragenen Werke brauchten. Er fügte jedoch die Bedingung hinzu, dass innerhalb des Umfangs der Mauer, die sie mit kaiserlichen Beiträgen errichteten, nur Christen wohnen dürften ...

Der Kalif von Ägypten stimmt zu.

Relative Autonomie im eigenen Viertel

Mit Gottes Beistand wurde jener Teil der Mauer, welchen sie zu bauen hatten, im Jahre 1063 nach der Menschwerdung des Herrn vollendet, ... sechsunddreißig Jahre vor der Befreiung der Stadt. Bis dahin hatten die Sarazenen und die Gläubigen vermischt untereinander gelebt. Aber von nun an aber mussten die Sarazenen auf Befehl des Fürsten in andere Stadtteile ziehen und das genannte Viertel den Gläubigen ohne Widerspruch überlassen. Die Diener Christi scheinen dadurch in eine weit bessere Lage gekommen zu sein, denn aus dem Zusammenwohnen mit den Abkömmlingen des Teufels entstand häufig Streit und vielfacher Verdruss. Jetzt aber, da sie für sich wohnten, ohne das Unkraut unter sich zu haben, hatten sie weit mehr Ruhe. Wenn sie Klagen vorzubringen hatten, so brachten sie die Sache zur Entscheidung vor die Kirche und unterwarfen ihre Streitigkeiten untereinander dem Spruch des jeweiligen Herrn Patriarchen. Auf diese Art und von dieser Zeit an hatte der vierte Teil der Stadt keinen anderen Richter als den Patriarchen, und die Kirche betrachtete diesen Stadtteil deswegen zu jeder Zeit als ihr Eigentum.

Siehe an, Wilhelm hat offensichtlich Besitzurkunden und Verträge gefunden. Und so kommt, abgesehen von dem Schlenker mit dem Unkraut, ja ein richtig sachlicher Ton auf.

Zur Erinnerung

Papst Urban, Brief ...

An alle in Flandern weilenden Gläubigen ...Wir glauben, dass eure Brüderschaft schon längst durch den Bericht vieler Leute erfahren hat, dass eine barbarische Raserei die Kirche Gottes im Orient durch eine elende Anfeindung verwüstet hat ... und darüber hinaus die heilige Stadt Christi ihrer unerträglichen Sklaverei ausgeliefert hat.

Robert der Mönch, Papstrede::
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Annregen soll Euch vor allem das Heilige Grab des Herrn, unseres Retters, das von unreinen Völkern besetzt gehalten wird, und die Heiligen Stätten, die entehrt und besudelt werden mit deren Unreinheiten.

(24) Die ethnische Säuberung von Jerusalem durch Kreuzfahrer im Jahr 1099

Für die christliche Freiheit

Fünf Wochen lang leisteten die Verteidiger von Jerusalem erbitterten Widerstand. Wilhelm von Tyros über die Stimmung vor dem entscheidenden Sturmangriff am 14. Juli 1099.

Alle waren entschlossen, entweder ihr Leben für Christus zu lassen oder der Stadt wieder die christliche Freiheit zu geben.

Der Anonymus meldet, ein gewisser Laetholdus habe zuerst die Mauer erklommen. Albert von Aachen:

Dies sieht das ganze Volk und mit unbeschreiblichem Geschrei rufen die Fürsten, die Stadt sei genommen. Von allen Seiten werden Leitern an die Mauern gelegt und alles eilt, um sie zu ersteigen und in die Stadt einzudringen.

In Blut gewatet

Die abendländische Geschichtsschreibung räumt durchweg ein, dass bei der Eroberung Jerusalems durch die Kreuzfahrer fast alle Bewohner umgebracht wurden. Die Berichte der Chronisten lassen auch keine andere Schlussfolgerung zu. Das Gemetzel wird verurteilt, doch zur Entlastung der Täter gesteht man ihnen gern einen Blutrausch zu, der sie bei der Erstürmung befallen habe. Die Chronisten nähren diese Vorstellung, in dem sie die Pilger in Blut ihrer Opfer regelrecht waten lassen. Warum auch immer. Rein technisch enthält der Körper zu wenig Blut, um beim Gemetzel ganze Ströme fließen zu lassen. Details sind also sicher übertrieben, dass die Pilger ohne Hemmungen ein fürchterliches Gemetzel veranstaltet haben, steht aber fest. Das gepredigte Feindbild spielte sicher eine Rolle, aber nicht nur. Kein Chronist erwähnt Wut oder Hass als Motiv.

Die erste Phase der Erstürmung

Albert von Aachen:

Und da soll an einem Tor ein ganz fürchterliches Drängen und Drücken der Einsstürmenden gewesen sein ... Durch die Bresche, die der Widder geschlagen hatte, drangen mehrere tausend Männer und Weiber in die Stadt ein. Sie scharten sich alle zusammen und liefen mit großem Geschrei zu dem Palast, brachten ihren vorausgeeilten Brüdern Hilfe und metzelten im ganzen weiten Hause die Sarazenen in grausamen Morden nieder. So ungeheuer viel Blut wurde dort vergossen, dass ganze Bäche über die Fliesen der königlichen Halle rannen und die Pilger bis zu den Knöcheln im roten Blut wateten.

Wilhelm von Tyros:

Schauerlich war es anzusehen, wie überall Erschlagene umher lagen und Teile von menschlichen Gliedern, und wie der Boden mit vergossenem Blut ganz bedeckt war. Und nicht nur die verstümmelten Leichname und die abgeschnittenen Köpfe waren ein furchtbarer Anblick. Den größten Schauer musste es erregen, dass die Sieger selbst vom Kopf bis zu den Füßen mit Blut bedeckt waren.

Raimund von Aguilers:

Als sich die Unsrigen schon der Mauern und Türme bemächtigt hatten, konnte man Wunderbares erblicken. Den einen wurden, was leichter war, die Köpfe abgeschlagen, andere wurden mit Pfeilschüssen gezwungen, von den Türmen zu springen. Wieder andere wurden lange mit Feuer gequält und verbrannt. Man sah Haufen von Köpfen, Händen und Füßen in den Häusern und Gassen. Überall liefen Menschen und Pferde auf den Leichen hin und her ... Wir kamen zum Tempel Salomons, wo sie ihren Ritus und ihre Gesänge pflegten. Was aber geschah dort? Wenn ich die Wahrheit sage, wird man mir nicht glauben. Es mag genügen, dass sie im Tempel Salomons und im Vorhof bis zu den Knien und den Zügeln ihrer Pferde im Blut ritten. Wahrlich ein gerechtes Gericht, dass der Ort das Blut derjenigen empfing, deren Gotteslästerung er solange erdulden musste.

Blutrausch?

Das Gemetzel kann nicht verharmlost werden. Aber erklärt. Hans Eberhard Maier:

Der Rausch des Sieges, der religiöse Fanatismus der Kreuzfahrer, die aufgestaute Erinnerung an die durchstandene Mühsal von drei Jahren entlud sich in einem entsetzlichen Blutbad, dem unabhängig von Religion und Rasse jedweder zum Opfer fiel, der den metzelnden Kreuzfahrer vor die Klinge geriet.

Steven Runciman:

Es war dieser blutdürstige Beweis christlichen Fanatismus, der den Fanatismus des Islam hervorrief.

Von wegen nur blutdürstig. Den kalkulierten und systematischen Teil der ethnischen Säuberung unterschlagen die beiden. Und alle anderen ihres Fachs auch.

So wurden sie Besitzer der ganzen Stadt

Die zweite Phase: Aneignung. Albert von Aachen:

Nach dem fürchterlichen und blutigen Hinmorden der Sarazenen, von denen im Tempel zehntausend erschlagen wurden, kehrten die Christen siegreich vom Palast zur Stadt zurück und machten nun viele Scharen von Heiden, die in ihrer Todesangst versprengt durch die Gassen irrten, mit dem Schwert nieder. Weiber, die in die befestigten Häuser und Paläste geflohen waren, durchbohrten sie mit dem Schwert. Kinder, noch saugend, rissen sie an den Füßen von der Brust der Mutter oder aus den Wiegen und warfen sie an die Wand und auf die Türschwellen und brachen ihnen das Genick. Andere machten sie mit den Waffen nieder, wieder andere töteten sie mit Steinen. Kein Alter und kein Geschlecht der Heiden wurde verschont. Wer zuerst in ein Haus oder einen Palast eindrang, behielt diesen in seinem Besitz, mit allem Gerät, mit Getreide, Gerste, Wein und Öl, Geld und Kleidern und allen Besitztümern. So wurden die Pilger Herren und Besitzer der ganzen Stadt.

Auch Fulcher von Chartres konstatiert zwei Phasen:

Nach dem großen Gemetzel betraten sie die Häuser und ergriffen alles, was sie vorfanden. Es geschah so, dass jeder, der zuerst ein Haus betrat, ob er reich oder arm war, nicht von einem anderen Franken bedroht wurde. Er durfte das Haus oder den Palast, oder was er fand, besetzen und besitzen, als wäre es sein eigen. So einigten sie sich gegenseitig über ihr Recht auf Besitz. Auf diese Weise wurden viele arme Leute reich.

Völlige Aneignung vorher geplant

Noch vor der Eroberung ging es bei einer Versammlung der Anführer um das Aneignungsverfahren. Raimund von Aguilers:

Wir hielten Versammlung ab, weil die Anführer schlecht miteinander auskamen. Man sprach über Tankred, weil er Bethlehem besetzt hatte und über der Geburtskirche, die Gemeineigentum ist, seine Fahne aufgezogen hatte. Besprochen wurde auch, dass einer der Fürsten zum König gewählt werden sollte, der die Stadt regieren solle ...

Geklärt wurde auch die Rechtslage, in Anlehnung an das richtungsweisende Dekret von Clermont. Wilhelm von Tyros:

Man war vor der Eroberung der Stadt miteinander übereingekommen, dass jeder seine Erwerbungen nach Eigentumsrecht ohne Widerspruch für immer besitzen solle, wenn die Stadt im Sturm genommen sei. Deshalb durchstreiften ...

Ohne Widerspruch. Man hatte in Edessa und Antiochia ja schon Erfahrungen gemacht.

Deshalb und sorgfältig

Wilhelm von Tyros fährt fort:

Deshalb durchstreiften sie die Stadt sorgfältig und drängten sehr ungestüm auf die Ermordung der Bürger, erbrachen die Winkel der Stadt, auch die Verstecke und geheimsten Gelasse der Bürger, brachten ein Schild oder ein andere Waffe am Eingang an. Das sollte den Nahenden ein Zeichen sein, hierher nicht den Schritt zu wenden, sondern vorbeizugehen, weil der Ort schon von anderen besetzt sei ... Das Haus aber, das einer erbrach, nahm er sich mit allem, was darin war, für immer rechtlich in Besitz.

In einem anderen Zusammenhang verbreitet sich Wilhelm ausführlich über das christliche Viertel, nämlich wo er mitteilt, was er im Archiv so gefunden hat. Hier schreibt er jetzt, erbrachen sie die Winkel der Stadt. Nicht verschonten das christliche Viertel. Der Anonymus:

Unsere Männer eilten durch die ganze Stadt, und brachten Gold, Silber, Pferde und Maultiere und Häuser voll Güter an sich ...

Ergo haben sich die Pilger auch die Häuser im christlichen Viertel angeeignet. Zumindest die orthodoxen Christen galten als Bürger Ostroms. Da war es besser, Fakten zuschaffen, um später Rechtshändel zu vermeiden. Wenn kein Kläger mehr da ist, wird auch nicht geklagt.

Wer waren die Opfer?

Ibn al-Athir, die Anzahl der Opfer wohl um das siebenfache übertreibend:

In der al-Aqsa-Moschee töteten die Franken mehr als siebzigtausend Muslime, unter ihnen viele Imame, Religionsgelehrte, Fromme und Asketen, die ihr Land verlassen hatten, um an diesem geheiligten Ort zu beten.

Der arabische Chronist Ibn al-Qalanisi:

Ein Teil der Bevölkerung floh zum Heiligtum, und eine große Menge wurde getötet. Die Juden versammelten sich in der Synagoge, und die Franken brannten sie über ihren Köpfen ab.

Die lateinischen Augenzeugen bezeichnen die Opfer des Gemetzels durchweg als Heiden oder Sarazenen. Das war offenbar auch die Sichtweise der Akteure. Eine Mühewaltung. Muslime, Juden und orientalische Christen zu unterscheiden, ist jedenfalls nicht erkennbar. Fulcher (der nicht dabei war), Raimund und der Anonymus verlieren kein Wort über die christlichen Bewohner Jerusalems oder ein christliches Viertel. Das gibt zu denken, finden Sie nicht auch? Bei Albert von Aachen gibt es nur einen Hinweis. Die Pilger hätten in Bethlehem Christen getroffen,

die beim Herannahen des christlichen Heeres von den Sarazenen aus Furcht vor einem Verrat unter Todesdrohungen aus der Stadt gewiesen worden waren.

Wilhelm von Tyros übernimmt die Auskunft und verschärft sie wie üblich.

Nachdem sie dem christlichen Volk durch alle Arten von Foltern ihre Güter entrissen hatten, jagten sie bis auf die Alten und Kranken, die Frauen und die kleinen Kinder alle aus der Stadt, wo sie sich in kleinen Flecken verborgen hielten und täglich den Tod erwarteten.

Und nennt die Opfer einfach Bürger:

Wie nun die Stadt unterjocht und die Bürger getötet waren ...

Gemäss seiner Auslegung der Bemerkung Alberts musste Wilhelm eigentlich annehmen, dass auch orientalische Christen zu Tote gekommen waren. Nämlich

Die Alten und Kranken, die Frauen und die kleinen Kinder ...


Aber schreiben konnte er es natürlich nicht. Auch Fulcher von Chartres äußert sich merkwürdig:

Was soll ich sagen? Niemand wurde am Leben gelassen. Weder Frauen noch Kinder wurden verschont.

Entgültige Säuberung am dritten Tag

Auch in der ersten Phase waren nicht alle Pilger außer sich. Der Anonymus:

Als die Heiden besiegt waren, nahmen unsere Männer im Tempel viele Gefangene, sowohl Männer als auch Frauen. Sie töteten, wen sie auswählten und schonten, wen sie auswählten.

Nach Albert gab es am dritten Tag noch Überlebende:

... des Geldes wegen oder aus christlichem Mitleid verschont.

Eine Konferenz der Anführer beschließt ihre vollständige Beseitigung. Albert von Aachen zitiert eine dort gehaltene Ansprache:

Heute ist die alte Stadt ihren eigenen Kindern wiedergegeben worden und aus der Hand des Königs von Babylon und vom Joch der Heiden befreit worden. Nun aber hüten wir uns wohl, dass wir sie nicht durch Habsucht und Trägheit oder Mitleid mit den Feinden wieder verlieren, indem wir die gefangenen und noch in der Stadt verbliebenen Heiden verschonen. Denn wenn wir etwa vom König von Babylon in schwerem Angriff belagert werden sollten, so würden wir bald von innen und außen bekämpft und besiegt und in ewige Verbannung und Knechtschaft weggeschleppt werden. Darum erscheint es uns als der erste und beste Rat, alle Sarazenen und Heiden, die jetzt noch gefangen gehalten sind, um vielleicht gegen Lösegeld freigelassen zu werden, unverzüglich mit dem Schwerte zu töten, damit wir nicht durch List und Betrug von ihnen Schaden nehmen.

Auch Wilhelm von Tyros bestätigt, dass es bei dieser Konferenz um Fragen der Sicherheit ging, unterschlägt aber den Tötungsbeschluss. Albert von Aachen über die Folgen dieser Konferenz:

Von der Hinschlachtung der übriggebliebenen Heiden: Dieser Beschluss wurde gefasst und erging am dritten Tag nach der siegreichen Eroberung als Befehl von den Fürsten an das Volk hinaus. Und siehe, alle greifen zu den Waffen und werfen sich mit fürchterlichem Morden auf das ganze heidnische Volk, das noch übrig geblieben war; die einen schleppten sie aus den Kerkern und enthaupteten sie, die anderen, die sie vorher des Geldes wegen oder aus christlichem Mitleid verschont hatten, machen sie mitten in der Stadt, in den Gassen und auf den Plätzen nieder, wo sie sie gerade finden. Auch Mädchen, Weiber, vornehme Frauen, Schwangere und Mütter mit ihren Kinder stoßen sie nieder oder werfen sie mit Steinen tot ...

Auch Ibn al-Athir berichtet, die Beseitigung der Bevölkerung hätte mehrere Tage gedauert:

Die Einwohner wurden dem Schwert überliefert, und die Franken mordeten in der Stadt eine Woche lang.

Stadt ohne Menschen und Märkte

Sie hatten eine Stadt erobert, in der niemand mehr da war, der sich um das Sozialprodukt kümmern konnte. In diesem Zusammenhang entdeckt Wilhelm Erklärungsbedarf, weil es an Arbeitskräften mangelt..

Die Unseren waren so arm und so wenig, dass sie kaum eine Strasse ausfüllen konnten. Die christlichen Syrer, die von Anfang in der Stadt gewohnt hatten, waren durch die Drangsale zu Zeiten der Feindseligkeit fast völlig ausgestorben ... Als die Lateiner auf Jerusalem vorzurücken begannen, waren die genannten Diener Gottes von ihren Mitbürgern so bedrängt worden, dass viele von ihnen für jedes leichte Wort getötet worden, ohne Rücksicht auf Stand, alter oder Geschlecht.

Was ist mit den ausgewiesenen Christen? Was mit deren in der Stadt zurückgebliebenen Familien? Ein paar Seiten vorher lebten sie noch, vor der Erstürmung. Mal so, Mal so, wie er es braucht.

Was war nun mit der Grabeskirche?

Wie erinnerlich wird in fast allen Begründungen und Rechtfertigungen für den Feldzug behauptet, die Grabeskirche sei verunreinigt worden. So Robert der Mönch:

Annregen soll Euch vor allem das Heilige Grab des Herrn, unseres Retters, das von unreinen Völkern besetzt gehalten wird, und die Heiligen Stätten, die entehrt und besudelt werden mit deren Unreinheiten.

Leider sind sich die Chronisten nicht einig, wann die mit der Aneignung der Stadt beschäftigten Pilger sich die Zeit genommen haben, Mal in der Grabeskirche vorbei zu schauen. Beim Anonymus klingt es nicht so, als hätten sie sich vorher gewaschen und umgezogen:

Als die Heiden besiegt waren ... hasteten unsere Männer in der ganzen Stadt herum und ergriffen Gold und Silber, Pferde und Maultiere, Häuser und Güter aller Art. Dann kamen sie alle froh und vor übergroßer Freude weinend zur Andacht am Grab unsres Erlösers zusammen und lösten so ein, was sie geschworen hatten.

Auch Raimund sieht keinen Unrat in der Kirche:

Nach der Eroberung der Stadt war es der Mühe Lohn, die Andacht der Pilger vor dem Grab des Herrn zu sehen, wie sie klatschten, jubilierten, und dem Herrn ein neues Lied sangen. Ihre Seelen boten sich dem siegreichen und triumphierenden Gott mit Lobgebeten, die man mit Worten nicht ausdrücken kann.

Waren auch einheimische Christen unter den Jubelnden? Die beiden Augenzeugen erwähnen überhaupt keine, also auch jetzt nicht. Willhelm sollte keine erwähnen, denn wie gesagt waren:

Die christlichen Syrer, die von Anfang in der Stadt gewohnt hatten, durch die Drangsale zu Zeiten der Feindseligkeit fast völlig ausgestorben.

Hände und Kirche sauber

Laut Wilhelm klebte beim Kirchgang kein Blut mehr an den Händen der Pilger:
Als endlich auf diese Weise in der Stadt die Ordnung hergestellt war, wuschen sie sich die Hände, zogen reine Kleider an und gingen dann mit demütigen und zerknirschten Herzen mit bloßen Füßen unter Seufzen und Weinen an den ehrwürdigen Orten umher, die der Erlöser durch seine Gegenwart heiligte und küssten dieselben in größter Andacht.

Überraschung, wer kommt uns denn da entgegen?

Bei der Kirche zum Leiden und der Auferstehung des Herrn kamen ihnen sodann das gläubige Volk der Stadt und der Klerus entgegen, die seit so vielen Jahren ein unverschuldetes Joch ertragen hatten, voll Dankes gegen ihren Erlöser, der ihnen die Freiheit geschenkt hatte.


Für Christen, die richtig einschätzten, was sich bei der Erstürmung abspielen würde, lag es nah, in der Grabeskirche Zuflucht zu suchen. Aber sie war zu klein für das gläubige Volk der Stadt. Und schon gar für eine gemeinsame Feier. Es dürfte kaum für die Chefs mit ihrem näheren Anhang und den höheren Klerus gereicht haben. Am Grab Jesu mit häretischen Christen jubeln? Nicht sehr glaubhaft, aber Wilhelm besteht darauf:

Mit Kreuzen und Bildern der Heiligen gingen alle in die genannte Kirche. Es war ein lieblicher Anblick, der das Herz mit frommer Lust erfüllte, das Volk in inbrünstiger Andacht die heiligen Orte betreten zu sehen. Mit welchem Jubel und mit welch geistiger Freude sie die Stätte küssten, wo der Herr gelitten hatte. Überall Tränen, überall Seufzer, aber nicht aus Angst und Betrübnis, sondern aus glühender Andacht, aus der höchsten Freude des inneren Menschen, Gott zum Opfer dargebracht. Sowohl in der Kirche als auch in der ganzen Stadt, erhob sich von dem Volk, das dem Herrn seinen Dank darbrachte, ein solches Getöse, dass es sich bis zu den Sternen zu erheben schien, dass man mit Recht sagen konnte: Man singt mit Freuden vom Sieg in den Hütten der Gerechten.

Wilhelm hat viele Quellen benutzt, und die Widersprüche nicht ausgebügelt. Er kompiliert aus Archivmaterialien, Chroniken und bis 1180 entstandenen romanhaften Erzählungen. Obiges klingt aber wie selbst gedichtet.

Bleibt festzuhalten:

Die Augenzeugen verlieren kein Wort über den Zustand der Grabeskirche. Albert von Aachen und Ekkehard von Aura betonen ausdrücklich ihre Unversehrtheit, fügen aber hinzu, die Heiden hätten sie nur der Tribute wegen verschont. Robert der Mönch und andere nach ihm blieben trotzdem bei der Behauptung, die Grabeskirche sei verunreinigt worden.

Der Säuberung letzter Teil

Der Anonymus beendet seinen Bericht über die Eroberung der Stadt:
Es erging der Befehl, dass die Leichen der Sarazenen vor die Mauern der Stadt geworfen werden sollten. Der Gestank war fürchterlich, weil die ganze Stadt voller Toter war. So zerrten die überlebenden Sarazenen die toten vor die Stadttore und türmten sie zu Haufen so groß wie Häuser. Niemand hat je von einer solchen Abschlachtung von Heiden gehört, denn sie wurden auf Scheiterhaufen verbrannt, die so groß waren, wie Pyramiden. Gott allein weiß, wie viele es waren.

Es waren Zehntausende. Noch Monate später lag der Leichengeruch über der Stadt. Die Moscheen wurden für den christlichen Kult präpariert oder profanen Zwecken zugeführt. Die Pilger führten ohne jede Irritation durch, was sie den Muslimen unterstellt hatten. Es wird auf sie zurückfallen. Die Werber für den heiligen Kampf gegen die Invasoren brauchten die Entweihung der Felsenmoschee und das Massaker im drittgrößten Heiligtum des Islam nicht zu erfinden. Im Gegensatz zu ihren christlichen Kollegen konnten die islamischen Propagandisten ja die Wahrheit verkünden. Und tun dies, was nicht verwunderlich ist, in unsren Tagen wieder vermehrt. Immer wieder sorgt jemand dafür, dass das Massaker von Jerusalem bei den Muslimen nicht in Vergessenheit gerät. Im Westen wird es heute als Betriebsunfall abgelegt, so dass dem Publikum das Epochale des Pilger-Auftritts verborgen bleibt: Das Methodische an ihm.

Entsetzen in Bagdad

Einige Tage nach dem Massaker sprachen einige Flüchtlinge beim Kalifen vor. Ibn al-Athir notiert:

In der Kanzlei des Kalifen gaben sie einen Bericht, der alle zum Weinen brachte und die Herzen bewegte. Am Freitag erflehten sie in der großen Moschee das göttliche Erbarmen. Sie waren in Tränen, und die Zuhörer waren in Tränen, als sie das Unglück der Muslime schilderten. Die Männer getötet, die Frauen und Kinder gefangen, aller Habe beraubt.

Und dann, praktisch als Menetekel:

Wir haben Blut in die strömenden Tränen gemischt

Der Herrenmensch

Die barbarischen Heiden, Feinde Gottes: Keine Menschen, keine Rechte. Auf Eigentum nicht, auf Leben nicht. Orthodoxe Griechen: Häretiker, Verräter, keine Menschen, keine Rechte. Schwarze Neger , rote Indianer, gelbe Schlitzaugen ... Kolonialherrenart. Konzept entwickelt um 1080. Erste Exempel: Antiochia und Jerusalem. Der weiße, westliche und vor allem christliche Herrenmensch ist erstanden. Er erobert nicht nur, das taten alle, die dazu militärisch in der Lage waren. Er tut dies im Namen des Kreuzes, zur Ausbreitung des Christentums, und später, der Zivilisation. Pausenlos am Rechtfertigen, als sei Erobern unmoralisch. Den Muslimen hat ihr Prophet das Erobern ausdrücklich erlaubt, jedoch mit der Auflage, den Eroberten Rechte einzuräumen.

Vom Friedensfürsten zum obersten Kriegsherrn

Der Jesus der Bergpredigt hat den Christen mit dem Gebot der Feindesliebe das Erobern praktisch untersagt. Mt 5,43:

Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist, du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen, damit ihr Söhne eures Vaters im Himmel werdet.


Um das zu übertönen war, um mit Wilhelm zu reden, tatsächlich ein himmelschreiendes Getöse erforderlich., vor und nach dem Gemetzel. Getöse mit Worten. Rechtfertigungen und Gräuelpropaganda: Gott hat die Erde mit ihren Gütern an die einzig wahren Christen vergeben. Was sind die, die Teile davon zu Unrecht besetzt haben? Feinde Gottes, die zudem Christen zu Tote quälen, wo sie nur können. Also schlechthin böse und Menschen nur der Gestalt nach. Vulgo Unmenschen. Kann man beliebig mit verfahren, weil rechtlos. Enteignung, Vertreibung, Vernichtung alles im Namen Christi. Das Feindbild musste so krass ausfallen, um die wenigen Sätze über die Feindesliebe in der Bibel vergessen zu machen. Merkwürdige Folge gut gemeinter Sätze. Der Herr befielt es, so der Papst laut Fulcher. Jesus Christus, vormals Friedensfürst. Mt 5,9:

Selig sind, die Frieden stiften, denn sie werden Söhne Gottes genannt werden.

Jetzt oberster Kriegsherr der westlichen Christenheit. Wilhelm:

Man singt mit Freuden vom Sieg in den Hütten der Gerechten.

Scheinheilig, dass es wehtut. Kaum hatten die Pilger ausgesungen, ging es schon zur Sache.

Kreuzzu Aqsa Moschee in Jerusalem
Kreuzzuege  al-Aqsa-Moschee
Das Gemetzel in der al-Aqsa-Moschee. Miniatur 14. Jahrhundert.
(25) Neuordnung ohne Befreite

Parteienbildung und übliche Händel

In das sofort einsetzenden Gerangel um Pfründe, Privilegien, Grundstücke, Kirchen und Häuser musste Ordnung gebracht werden, mit Brief und Siegel. Sie brauchten eine Regierung. Das einzige noch vorhandene staatsähnliche Gebilde war das orthodoxe Patriarchat mit seinen Kirchen, Einkünften, Landgütern und anderem Grundbesitz. Besonders wertvoll war die Grabeskirche. Ihre Hüter pflegten darauf hinzuweisen, dass die sündenmindernde Wirkung des Besuchs mit der Höhe der hinterlegten Spende schon etwas zu tun habe. Wie es sich fügte, war der Patriarch bei Annäherung der Pilger nach Zypern geflohen und dort verschieden. Die Begehrlichkeit bei Adel und Geistlichkeit war unverhohlen. Einig war man sich nur, dass der orthodoxe Klerus ausgespielt hatte. Raimund von Aguilers:

Am achten Tag begannen die Anführer feierlich zu verhandeln, um einen König zu wählen, der für alles Sorge tragen und die Abgaben eintreiben sollte ...

Hinzutreten einige Kleriker und melden sich zu Wort:

Wir loben Euch, dass ihr zur Wahl schreitet, doch ihr sollt sie rechtlich und nach der Ordnung durchführen. Aber wie die ewigen Angelegenheiten vor den weltlichen kommen, so wählt zuerst einen geistlichen Statthalter, danach erst einen König, der die anstehenden Regelungen in weltlicher Weise leite. Wenn es anders geschieht, so halten wir Eure Wahl für unwirksam.

Der zuerst gewählte hatte die besten Chancen, alles an sich zu reißen. Raimund:

Als aber die Fürsten das hörten, waren sie äußerst erzürnt und beschleunigten die Wahl um so mehr. Sie ermunterten den Grafen von St. Gilles, die Königswürde zu übernehmen. Jener aber gestand, dass er vor dem Namen eines Königs in dieser Stadt zurückscheue, doch er biete den anderen seine Zustimmung, wenn sie das annähmen. Deshalb wählten sie zugleich den Herzog Gottfried und führten ihn zum Grab des Herrn.

Und schon gab es Streit. Der Graf von St. Gilles sah die Davidsburg mit ihrem mächtigen Turm als sein Eigentum an und seine Mannen hielten sie besetzt. Raimund:

Doch der Herzog Gottfried wollte auf alles lieber verzichten als auf den Turm. Und so nahmen die Streitigkeiten weiter zu ... Da ihm Verbündete und Freunde nicht halfen, fügte sich der Graf diesem Beschluss und übergab den Turm an den Bischof von Albara.

Es geht zu wie in der fernen Heimat. Weiter Raimund:

Der Bischof aber übergab, ohne eine Entscheidung abzuwarten, den Turm dem Herzog. Als der Bischof daher Verräter genannt wurde, verteidigte er sich, er sei mit Gewalt dazu gezwungen worden. Aber ich habe in Wahrheit erfahren, dass viele Waffen in das Haus des Patriarchen gebracht worden seien ... Nach der Übergabe des Turmes entbrannte der Graf in großem Zorn gegen die Seinen und sagte, er sei entehrt und könne so nicht in jenem Land bleiben.

Auch wenn er sich nicht so nannte, war der Herzog aus Lothringen nun faktisch König. Es gab viel zu tun. Die Machthaber in Kairo setzen Truppen in Marsch und verstärkten ihre Garnisonen in den nahen Küstenstädten. So sah Gottfried sich gezwungen, die Militäraktionen zu organisieren und gleichzeitig seiner Gegner in den eignen Reihen Herr zu werden.

Streit um das Patriarchat

Der orthodoxe Patriarch Simeon stand nicht mehr im Weg, andere
orthodoxe Würdenträger waren entweder noch nicht zurückgekehrt oder hielten es für klüger, die Sachlage hinzunehmen. Der neue lateinische Patriarch würde für die Seelsorge und Armenpflege zuständig sein, aber auch über eine beträchtliche Finanzmasse verfügen. Die Abgaben und Opfer der Pilger in der Grabeskirche bildeten die größte Einnahmequelle in Jerusalem. Dazu kam der Kirchenzehnte, Einnahmen aus kirchlichem Landbesitz, der meist aus Schenkungen stammte und Privilegien wie die Herstellung von Backwaren. Gottfried brauchte das Geld, um die Feldzüge zu finanzieren. Es galt also einen Kleriker zum Patriarchen zu erheben, von dem kein Widerstand zu erwarten war. Natürlich setzten sich Gottfrieds klerikale Gegner zur Wehr, aber sein Anhang behielt die Oberhand und machte niedereren Kleriker namens Arnulf zum ersten lateinischen Vorsteher des Patriarchats von Jerusalem. Für die Gegner allenfalls Verwalter und von den falschen Leuten gewählt. Raimund:

Arnulf, ein Kaplan des Grafen der Normandie, wurde von einigen zum Patriarchen gewählt. Das war gegen den Willen der guten Kleriker, die einwandten, Arnulf sei nicht einmal Subdiakon und der Sohn eines Priesters. Er wurde auch beschuldigt, auf der Fahrt ein Schürzenjäger gewesen zu sein, soweit, dass man schmutzige Geschichten über ihn erzählte. Es ist nutzlos zu sagen. dass der ehrgeizige Arnulf die kanonischen Dekrete nicht einhielt ... Er fuhr fort, von den Kirchenmännern, die am Grab des Herrn Altäre unterhielten, Abgaben zu erheben.

Albert von Aachen hält den Mann für qualifiziert:

Man verschob die Sache, bis man einen fände, der für das bischöfliche Amt geeignet wäre. Doch ernannten sie Arnulf von Zokes, einen Kleriker von ganz wunderbarer Klugheit und Beredsamkeit, zum Kanzler der heiligen Kirche von Jerusalem, zum Wächter der heiligen Reliquien und Verwalter der Almosen der Gläubigen.

Wilhelm von Tyros schmückt Raimunds Erzählung noch aus:

Arnulf war der Sohn eines Priesters und im Heer für seine Ausschweifungen so bekannt, dass er leichfertigen Gesellen, die sich gerne in Gesängen ergingen, Stoff für ihre Spottleider lieferte.

Aber in einem Punkt waren sich alle einig: Den christlichen Vorbesitzern sollte nichts mehr gehören. Unter muslimischer Herrschaft durften auch armenische, jakobitische und die koptische Kleriker einträgliche Altäre besitzen. Die ganze orientalische Geistlichkeit kommt bei den Chronisten einfach nicht mehr vor. Was mit ihr passierte, lässt eine Bemerkung Alberts erahnen:

Herzog Gottfried und die Fürsten beschlossen, dass in der Kirche vom Grab des Herrn zwanzig Brüder zur Abhaltung des Gottesdienstes bestellt werden sollten.

Wilhelm von Tyros:

Er stelle sofort in der Kirche zum heiligen Grab und zum Tempel des Herrn Kanoniker auf und wies ihnen reiche Einkünfte zu, die man Präbenden nennt und dazu würdige Wohnungen in der Nähe der gottgeliebten Kirche. Nach seiner Thronerhebung wies er ihnen wunschgemäss weitere Unterkünfte im Josophatal an und versah den Ort mit reichen Besitzungen ...

Ein Bischof aus Pisa plündert in Ostrom

Bischof Daimbert, mit Amtsitz in Pisa, war Ende 1098 von Papst Urban II. beauftragt worden, mit einer pisanischen Flotte zum Feldzug zu stoßen. Im Frühjahr 1099 landeten die Pilger auf Korfu und stellten sogleich den Kriegszustand her. Anna Comnena:

Als die Franken ausrückten, um die Städte Syriens zu erobern, machten sie dem Bischof von Pisa große Versprechungen falls er ihnen beistehe. Sie rüsteten 900 schnelle Schiffe aus ... und brachen nach Syrien auf. Eine große Abteilung der Flotte wurde zum Plündern nach Corfu, Leucas, Kephalonia und Zacynthos entsandt.

Die Pisaner segelten nicht nach Jaffa, um die Streitkräfte Gottfrieds zu verstärken, sondern Latakia. Dort musste sich die kaiserliche Garnison gegen Pilger im Dienst Bohemunds zu Wehr setzen. Daimbert und die Pisaner waren sofort bereit, ihren Beitrag zu Arrondierung des Fürstentums Antiochia zu leisten. Graf Raimund und die Seinen lagern in der Nähe. Albert von Aachen:

Während sie dort verweilten, wurde ihnen gemeldet, Bohemund habe, unersättlich in seiner Gier zu erwerben und zu raffen, Latakia, Stadt und Wohnsitz orthodoxer Griechen, in langwährender Belagerung eingeschlossen. Und er habe zwei Türme, die am Meer gelegen die Stadt beherrschen ... von der Seeseite aus mit Hilfe der Schiffe der Pisaner und Genuesen überfallen. Auch habe er diese erstürmt und ihre christliche Besatzung teils niedergemacht, teils geblendet und so aus diesen Türmen vertrieben.

Graf Raimund greift ein und zwingt Bohemund, von seinem Vorhaben abzulassen.

Wie Ostrom das Patriarchat von Jerusalem los wird

Die Chefs der beiden Kolonien im Norden unternahmen im Dezember mit großem Gefolge (darunter auch Daimbert und Fulcher) eine Reise nach Jerusalem. Dann Fürstentreffen bei der gemeinsamen Weihnachtsfeier in der Geburtskirche in Bethlehem: Bohemund, Herr über Antiochia, Balduin, Herr über Edessa, Tankred, inzwischen Herr über Galiläa und Gottfried, Herr über Jerusalem. Graf Raimund war nicht gekommen, weil noch ohne Fürstentum und den anderen Gram. Die wandten sich nun anstehenden Problemen zu. Das größte: Wer ist eigentlich oberster Lehnsherr der Lateiner in den Kolonien. So was wurde gebraucht um Besitzstände zu regeln, an Stelle von Kaiser Alexios, der ja nicht mehr in Frage kam. Die rechtliche Vertretung Ostroms oblag dem Patriarchen von Jerusalem. Brilliante Idee jetzt: Der Patriarch wird oberster Lehnsherr, quasi Rechtsnachfolger des Kaisers. Das nächste Problem: So hochgestuft kam für das Amt nur ein Mann mit höheren Weihen in Frage, den der Papst bestätigen würde. Die Lösung: Bischof Daimbert, anwesend. Ein mächtiger Fürsprecher war auch da: Fürst Bohemund. Daimberts Erhebung war also unvermeidlich, was immer Gottfried und sein Anhang davon hielten. Sein Chronist Albert hielt nichts davon:

Er erreichte dies mehr durch Bezahlung von Geld, als durch die Wahl.

Womit sich schon andeutet, dass auch Daimbert umstritten sein wird. Gelohnt hätte sich eine Bestechung der Wahlberechtigten allemal.

Wilhelm über den nun folgenden geradezu fundamentalen Rechtsakt:

Als nun der genannte Mann Gottes den Patriarchenstuhl bestiegen hatte, nahmen sowohl Herr Gottfried sein Königtum als auch der Herr Fürst Bohemund sein Fürstentum in aller Demut vom Patriarchen zum Lehen ... Hierauf wurden dem Herrn Patriarchen Besitzungen angewiesen, damit er sein Haus damit ehrenvoll unterhalten könne. Sie bestanden zum Teil aus denen, die schon zur der Zeit der Heiden, noch von der griechischen Herrschaft her, der griechische Patriarch besessen hatte, teils auch aus neu hinzugekommenen.

Die Kolonien waren jetzt ein Teil des christlichen Abendlandes. Ganz einfach so.

Anmerkung zu den Chronisten

Alberts wichtigster Gewährsmann behandelt offenbar auch die Gründerjahre und seine Kompilation und ist Gottfried und seinen Nachfolgern zugetan. Wilhelm hält zum Patriarchen. Fulcher spielt die Händel herunter oder verschweigt sie gar. Er sitzt nämlich zwischen den Stühlen, als Kirchenmann eher dem Patriarchen verpflichtet, als Kaplan eher seinem Dienstherrn Balduin von Edessa.

(26) Patriarch Daimbert geht aufs ganze

Setzt König Gottfried unter Druck


Die militärische Lage war weiter bedrohlich, aber Daimberts Hauptsorge galt offensichtlich nicht der Landesverteidigung. Wilhelm von Tyros über die Ouvertüre der Verteilungskämpfe:
:
Unterdessen entstand in Jerusalem durch die Bemühung einiger Böswilliger ... ein Streit zwischen dem Herrn Patriarchen und dem Herrn Herzog. Der Patriarch forderte nämlich von ihm die heilige, Gott geweihte Stadt, mit der Burg, sowie ganz Jaffa. Nachdem der Streit eine Zeit lang gedauert hatte, gab der Herzog, weil er ein demütiger und milder Mann war, der vor Gottes Wort Achtung hatte ...gab er den vierten Teil von Jaffa ... die Stadt Jerusalem mit der Davidsburg und allem, was dazugehört ... in die Hand des Patriarchen.

Wilhelm mag es nicht glauben:

Was wir hier erzählen, ist uns von anderen berichtet worden, und es ist sogar aufgeschrieben. Wundern müssen wir uns aber, wie der Herr Patriarch dazu gekommen sein sollte, diesen Streit mit dem Herzog anzufangen.

Wilhelm wundert sich insofern zurecht, als Gottfried nicht daran dachte, mit seinen Mannen die Burg zu räumen. In der Folge wird Daimbert behaupten, Gottfried habe Stadt, Burg und ein Teil der Hafenstadt in seinem Testament dem Patriarchat vermacht.

Daimbert paktiert gegen Gottfrieds Nachfolger Balduin

Gottfried starb im Juli 1100. Zu seinem Nachfolger hatte er seinen Bruder Balduin von Edessa bestimmt, wodurch der Papst-Partei die Felle davonzuschwimmen drohten. Daimbert und Bohemunds Neffe Tankred holten sogleich zum Gegenschlag aus und riskierten damit einen Bürgerkrieg. Albert von Aachen:

Sie beschlossen.. eine Botschaft an Bohemund, den Onkel Tankreds nach Antiochia zu schicken. Er solle mit dem ganzen Heer nach Jerusalem kommen und das Reich in Besitz nehmen, ehe ein anderer Erbe Gottfrieds den Thron des Reichs besteige. Und es wurde diese Botschaft des Patriarchen und Tankreds sofort abgeschickt. Aber diese Botschaft geschah mit Hinterlist und wider den Eid, den der Patriarch und Tankred dem Herzog geschworen hatten.

Die Verschwörer hatten in mehrfacher Hinsicht Pech. Albert:

Der Geheimschreiber des Patriarchen namens Morellus, fiel in Latakia in die Hände des Grafen Raimund. Und so waren Brief und Botschaft nutzlos und die ganze Treulosigkeit kam an den Tag.

Die Königstreuen waren also gewarnt und ihr Bote nach Edessa kam durch. Fulcher von Chartres:

Als Balduin erfuhr, das die Bewohner Jerusalems von ihm erwarteten, als erblicher Fürst im Königreich die Nachfolge anzutreten, so trauerte er etwas über den Tod seines Bruders, aber er freute sich mehr über die Erbschaft. Nachdem Rat gehalten worden war, verlieh er seine Ländereien an einen gewissen Grafen Balduin von Le Bourg, seinen Cousin. Er versammelte eine kleine Armee von etwa zweihundert Rittern und siebenhundert Fußsoldaten und begann seine Reise nach Jerusalem am 2. Oktober.

Balduin hatte es eilig. In Jerusalem zogen Tankred und Daimbert alle Register, um in den Besitz der Davidsburg zu gelangen, aber die Gefolgschaft Gottfrieds wankte nicht. Albert:

Tankred ritt nach Jerusalem, um die Fürsten und die Besatzung zu bestechen, dass sie ihm selbst oder seinem Onkel Bohemund das Reich übertragen sollten. Er tat dies nach Anstiftung, mit der Hilfe und Zustimmung des Patriarchen.

Laut Albert scheitert Tankred in Jerusalem und belagert Jaffa, weil sich die königstreue Besatzung weigert, die Stadt zu übergeben. Zu Unrecht, meint Wilhelm:

Die vom Herzog mit der Vollstreckung seines Testaments betrauten, kümmerten sich nicht um den Willen des Verstorbenen ... Sie übergaben weder die Davidsburg dem Patriarchen, noch stellten sie die Stadt unter seine Herrschaft.

Gottfried setzt seinen Bruder zum Erben ein, und verschenkt vorher die Filetstücke des Königreichs? Nicht glaubwürdig. Hätte Wilhelm ein Testament gefunden, hätte er es uns wissen lassen. Gefunden hat er indessen jenen Brief des angeblich begünstigten Daimberts an Bohemund. Wilhelm zitiert aus dem Brief:

Als Herzog Gottfried noch lebte ...., hat er der Kirche kaum das zum Besitz übrig gelassen, was der Patriarch schon zu Zeiten der Türken besaß.

Es folgt eine Würdigung der Weisheit des Herzogs. Weiter:

Er verzichtete auf allen Pomp ... und nach einem Wink des Himmels gab er der Kirche alles, was sie anzusprechen hatte und wurde unser Vasall ... Er übergab uns die Davidsburg mit der ganzen Stadt Jerusalem und was dazu gehört sowie das, was er noch in Jaffa besaß ...

Es folgt einer Verurteilung der Gefolgschaft Gottfrieds. Feinde Gottes, die den Vertrag gebrochen hätten. Bohemund möge Balduin mit allen Mitteln daran hindern ...

... das Eigentum der heiligen Kirche in Besitz zu nehmen.

Dazu war der Adressat aber beim besten Willen nicht mehr in der Lage.

Auszeit für Bohemund

Der Fürst von Antiochia musste inzwischen mit einer militärischen Intervention des Kaisers rechen, weil er den orthodoxen Patriarchen von Antiochia aus dem Amt verdrängt hatte. Indessen eröffnete sich für Alexios die Möglichkeit, seines Gegners auch ohne größere Umstände habhaft zu werden. Bohemund war nämlich in türkische Gefangenschaft geraten, und zwar nach Gottes Ratschluss, wie Albert bissig anmerkt. Eine wertvolle Beute stand zum Freikauf an. Alexios bot mit.

Daimbert abgesetzt, wegen Missstimmung

Balduin konnte sich seiner kleinen Truppe nach Jerusalem durchlagen, worauf Tankred sich nach Galiläa zurückzog, weil seine noch kleiner war. So wurde am 11. November 1101 der Bruder Gottfrieds zum König von Jerusalem gewählt. Fulcher:

Patriarch Daimbert war bei der Versammlung nicht anwesend, weil er von bestimmten Leuten in der Umgebung Balduins angeklagt wurde und daher eine Misstimung zwischen den beiden herrschte. Die Mehrheit der Kleriker hasste Daimbert. Daher war er seinen Stuhl losgeworden und residierte auf dem Berg Zion und blieb dort bis die Sünde des Neides gesühnt war.

Wilhelm von Tyros:

Arnulf, dieser Erstgeborene des Satans ... hatte den Herr Daimbert beim Herr Grafen Balduin wegen vieler Dinge verklagt und einen Teil des Klerus gegen ihn aufgehetzt, weil er in bösartiger Mensch war und den Unfrieden liebte. Er war mächtig und übermäßig reich und bezog die Einkünfte von der Kalvarienkirche und dem Tempel des Herren.

Ja, ja die Pilger hatten die Felsenmoschee zuerst ausgeplündert und dann zur Kirche geweiht. Oder, anders besehen, besudelt. Weiter mit Wilhelm:

Da der Herr Patriarch um die Bosheit des ihn plagenden Arnulf und die Leichtgläubigkeit des Herrn Grafen kannte, fürchtete er sich vor der Ankunft des Herrn Balduins, verließ die Patriarchenwohnung und begab sich nach Kirche auf dem Zionsberg ... und verbrachte die Zeit mit beten und lesen.

Daimbert eingesetzt, weil gebraucht

Balduin unternahm sofort einen Feldzug in den Süden, um die Staatskasse durch Überfälle auf arabische Siedlungen aufzufüllen. Bei der Analyse der innenpolitischen Lage kamen Balduin und Daimbert zum gleichen Ergebnis: Man braucht einander. Wilhelm:

Sie hatten sich durch die Vermittlung einsichtiger Männer ausgesöhnt.

Daimbert durfte wieder in den Palast einziehen und krönte im Gegenzug Balduin Weihnachten 1100 in der Geburtskirche in Bethlehem zum König. Damit war das Königtum Balduins auch kirchenrechtlich perfekt. Der Nachteil: Daimbert verfügte wieder über die Einkünfte der Kirchen. Die Überlegung: Wofür braucht man ihn jetzt noch?

(27) Das Kreuz des Herrn in der Schlacht

Daimbert bewährt sich

Balduin war ständig am Erobern. Er musste Privilegien verkaufen, um an Geld zu kommen und Lehen vergeben, um seine waffentragende Gefolgschaft zu vergrößern. Um die reichen ägyptischen Küstenstädte anzugreifen, brauchte er eine Flotte. Im Mai 1101 traf eine ein, aus Genua. Der König nahm die Genuesen unter Vertrag und sicherte ihnen ein Drittel der Beute und eine Marktstraße in jeder eroberten Stadt zu. Das erste Ziel der Kampagne war Arsuf, dessen ägyptische Garnison sich allerdings ergab. So kam Daimbert nicht zum Zug, der Zwecks Anfeuerung der milites Christi mit von der Partie war. Die Ägypter in Caesarea wehrten sich zwei Wochen lang hartnäckig. Jetzt kam Daimbert zum Einsatz, bewehrt mit dem Kreuz des Herrn, das einerseits in Konstantinopel gezeigt wurde, anderseits gerade in Jerusalem zum Vorschein gekommen war. Albert von Aachen:
An diesem Tag trug der Herr Patriarch das Kreuz des Herrn zum Schutz und zur Verteidigung des katholischen Volkes voran, mit einem heiligen weißen Priestergewand als Panzer angetan.

Der Widerstand bricht prompt zusammen. So Albert:
Sie ... überstiegen auf Leitern die Mauern der starken Burg und richteten unter den Sarazenen ein schweres Blutbad an, machten die einen nieder und nahmen die anderen gefangen und plünderten eine große Menge von Gold, Silber und kostbaren Purpurstoffen.

Muslimen sollte man also besser nicht mit der neuerdings vertretenen Meinung kommen, das Kreuz sei ein friedliches Symbol. Fulcher von Chartres schämt sich ein wenig, aber nicht, weil der Name de Herrn missbraucht wurde.
Es geschah, dass unsere Männer einen Sarazenen mit der Faust ins Genick schlugen, und zehn bis sechzehn Goldstücke aus seinem Mund geschleudert wurden. Die Frauen versteckten auch schamlos Goldstücke in sich in einer Art, die böse war, und es ist für mich noch schamvoller, es zu erzählen.

Wilhelm von Tyros:
Es wurden fast überall alle erwachsenen Bürger umgebracht, und kaum schonte man junge Mädchen und Knaben ... Als nun alles Volk erschlagen war, und die Schwerter ruhten, trug man die ganze Beute ... zusammen und gab vertragsgemäß den dritten Teil davon den Genuesen, die zwei übrigen blieben dem König und den Seinen.

Fulcher will nicht, dass wir wegen der erbeuteten Frauen auf unkeusche Gedanken kommen:

Fast alle Männer wurden getötet. Aber sehr viele Frauen wurden verschont, weil man sie zur Bedienung der handbetriebenen Mühlen gebrauchen konnte. Die gefangenen Frauen, ob schön oder hässlich, kauften und verkauften sie untereinander. Und Männer ebenso.

Erfolgreiche und vergebliche Predigt

Der Krieg ist war nicht entschieden. Der Wesir in Kairo, Al-Afdal verfügte über die ökonomischen und militärischen Mittel einer Großmacht. Im Herbst 1101 rückte eine ägyptische Armee mit angeblich 30.000 Mann gegen Ramla vor. Balduin konnte dreihundert Reiter und tausend Fußsoldaten aufbieten. Die Kreuzreliquie und eine Rede Balduins stärken nach Fulcher die Kampfmoral:

Vorwärts, christliche Streiter, seid guten Mutes und fürchtet nichts ... Wen ihr erschlagen werdet, seid ihr unter den Gesegneten. Das Tor des himmlischen Königreichs steht euch schon offen. Wenn ihr als Sieger überlebt, wird euer Ruhm vor allen Christen erstrahlen. Wenn ihr allerdings zu fliehen wünscht, vergesst nicht: Frankreich ist weit.

Das hat offenbar überzeugt. Albert von Aachen:

Über vier Reihen der Unseren siegte der Stolz und die Tapferkeit der Heiden. Im Kampf wider die fünfte Reihe, in deren Mitte das heilige Holz des Kreuzes vor dem König und seinen Genossen einhergetragen wurde, begannen die Kräfte der Ungläubigen zu erlahmen und sie wurden niedergebeugt und zu Boden geworfen.

Muslime uneinig

In den benachbarten Machtzentren kommt die Werbung zum Kampf gegen die Ungläubigen langsam in Schwung. Islamische Geistliche erinnerten in ihren Predigten ihre Regierenden immer wieder an ihre religiösen Verpflichtungen. Es war vergeblich, über Jahrzehnte hin. Ibn al-Qalanisi klagt nach der Schlacht von Ramla:

In diesem Jahr gingen Berichte ein, nach denen bei den Völkern Persiens, Iraks und Syriens ständig Hass und Streit, Krieg und Unordnung, und Furcht voreinander herrschten, weil ihre Führer sie vernachlässigten und von der Aufgabe des Regierens durch Streit und gegenseitige Kriegsführung abgehalten wurden.

Die Uneinigkeit ihrer Feinde war der stärkste Verbündete der Kolonisten.

Daimbert abgesetzt, wegen Verrat und Mord

So hatte sich das kleine Heer Balduins zunächst nur mit den ägyptischen Aufgeboten auseinander setzten. Allerdings immer wieder, und das ging natürlich ins Geld. Folgerichtig richtete Balduin daher sein Augenmerk wieder auf die Kasse des Patriarchats. Nur Albert berichtet ausführlich über die Affäre:
Nicht lange danach (nach der Krönung) stellte der König vor der ganzen Kirche von Jerusalem den Patriarchen zur Rede, der Untreue wegen, die er gemeinsam mit Tankred gegen ihn verübt habe, um das Reich dem würdigen Erben Gottfrieds zu entziehen und dem fremden Blute Bohemunds auszuliefern.

Balduin wendet sich an Papst Paschalis und bittet um Klärung der Angelegenheit. Als Legat reist Kardinal Moritz von Porto nach Jerusalem. Vor der Versammlung der Bischöfe, Äbte und Gläubigen klagt Balduin den Patriarchen des Mordversuchs und des Diebstahls an.

In Gegenwart des Legaten der heiligen römischen Kirche beschuldigte Balduin den anwesenden Patriarchen auf Grund des abgefangenen Briefes der Untreue, des Verrats am Königreich Jerusalem und des Mordes, weil nämlich Balduin auf der Fahrt von Edessa nach Jerusalem hätte erschlagen werden sollen.

Der erwähnte Brief war wie erinnerlich dem Boten abgenommen worden, den Daimbert an Bohemund gesandt hatte. Ein Passus, den Wilhelm daraus zitiert, kann tatsächlich als Aufforderung zum Totschlag interpretiert werden. Daimbert hätte demnach dem Bohemund geschrieben:
Ich beschwöre dich bei dem Gehorsam, den du dem heiligen Petrus schuldig bist, dass du, auf welche Art du kannst, notfalls auch mit Gewalt, seine (Balduins) Ankunft verhinderst.

Albert fährt fort:.
Der Patriarch konnte sich von diesen Vorwürfen nicht reinigen und vor allem nicht von dem gottesschänderischen Diebstahl am heiligen Holz des Kreuzes, von dem er Stücke abgeschnitten und verteilt hatte, und so ist er seines heiligen Amtes enthoben worden. Doch wurde ihm Aufschub gewährt, ob er vielleicht noch einen Weg der Entschuldigung finden würde.

Daimbert eingesetzt, gegen Bargeld

Der Weg wurde gefunden. Daimbert suchte Balduin auf und bat ihn unter Tränen, die Anklage zurückzunehmen. Mit Tränen konnte der König nichts anfangen und lehnte brüsk ab.
Der Patriarch versprach Balduin ein Geschenk von dreihundert Dukaten ins Ohr. Da ließ sich der König bestechen und gab nun allen Bitten des Patriarchen nach, weil er nämlich von Geldnot sehr bedrängt war und gerade jetzt für die Bezahlung seiner Krieger das Geld sehr nötig hatte.

Weiter laut Albert: Der Legat stimmt der Regelung zu, so dass Daimbert wieder zu Amt und Pfründen kommt. Beim nächsten Feldzug kann das Heer nur durch den Einsatz der letzten Reserven die Oberhand behalten. Erneut fordert Balduin den Patriarchen auf, zum Unterhalt der Streitkräfte beizutragen. Daimbert sichert nur zweihundert Silbermark zu und behauptet, mehr habe er nicht. Dem König wird von Arnulf zugetragen, in der Kasse des Patriarchen befänden sich wesentlich höhere Beträge.

Starke Sprüche bei einem Gelage im Haus Daimberts

Kardinal Moritz, der Legat des Papstes ist ständiger Gast im Palast des Patriarchen.

Sie speisten im Überfluss von den Gütern des Landes und verteilten nach Gutdünken die Gaben für das heilige Grab unter sich.

Der König verlangt mehrfach, Daimbert solle die Besoldung von 40 Reitern übernehmen. Es nützt nichts.

Eines Tages saßen der Legat und der Patriarch in gewohnter Weise am Tisch zusammen und ergötzten sich an vielfältigen und köstlichen Speisen und tranken dazu unmäßig viel Wein.

Balduin erfährt davon, betritt mit einigen Vertrauten die Szene und fährt die Väter an:

Ihr verbringt hier die Zeit mit Schmausereien, wir dagegen in Trübsal Tag und Nacht in Gefahren, um des Heils unserer Brüder willen. Ihr verbraucht die frommen Gaben der Gläubigen zu euren Lüsten und wollt nichts wissen von unserer Bedrängnis und Not. Aber noch lebt der Herr Und in Zukunft werdet ihr von den frommen Gaben der Gläubigen nichts mehr erhalten und werdet davon euren Bauch nicht mehr so üppig füllen können, wenn ihr nicht meine Ritter in Sold und Löhnung nehmt ... Wir haben Jerusalem, die heilige Stadt und den ersehnten Ort des Grabes mit unserem Blut erkämpft und tragen zur Verteidigung der Heiligtümer die Last der Arbeit und des Kampfes auf unseren Schultern, und ihr wollt uns fern halten von den Gaben der Gläubigen.

Worauf auch der Patriarch ziemlich heftig wird und sich jede Einmischung in die Belange der Kirche verbittet:

Wer am Altar dient, der soll vom Altar leben. Oder erfrechst du dich, zur Söldnerin und Magd die heilige Kirche zu machen, die unser Herr Jesus Christus, der Sohn Gottes, durch sein heiliges Blut aus einer Magd zur freien Herrin gemacht und der Obhut der Apostel vertraut und hinterlassen hat?

Die rhetorische Aufrechnung der Blutleistungen war offensichtlich nicht geeignet, die Standpunkte zu versöhnen. Da Balduin droht, die Kirchenschätze gewaltsam an sich zu bringen, sagt Daimbert den Unterhalt für 30 Berittene zu.
Aber bald war er (Daimbert) wieder ihrer überdrüssig geworden und schaffte eine unglaubliche Summe Geld beiseite und ließ die Krieger arm und unbezahlt.

Daimbert abgesetzt, wegen Unterschlagung

Daimbert verliert Sitz und Amt endgültig, als der Vorwurf laut wird, er habe 1000 Goldstücke unterschlagen. Ein Pilger aus Apulien habe sie Daimbert zur Weiterleitung an den König übergeben. Durch Zeugen überführt, verstummt Daimbert. Albert:

Er wurde ohne Aufschub seiner Würde und Einkünfte beraubt Seine Kämmerer und Diener, die von der Sache gewusst hatten, wurden in Haft gelegt ...

Daimbert muss die Stadt verlassen und reist über Jaffa nach Antiochia. Trankred, der für Bohemund das Fürstentum verwaltet, beschenkt Daimbert mit einer reichen Kirche. In Jerusalem geben Daimberts Kämmerer und Diener unter der Folter das Versteck der gehorteten Schätze preis. Zwanzigtausend Goldstücke und eine Unmenge von Silber lindern fürs erste die Finanznöte des Königs. (Der päpstliche Legat. Kardinal Moritz erlag dem Lebensstil der Jerusalemer Oberschicht im Frühjahr 1102).

Eingesetzt

Im Herbst geriet das Königreich erneut in Bedrängnis. Tankred eilte mit Truppen und Daimbert aus Antiochia herbei. Die brüderliche Hilfe gab es nicht umsonst. Daimbert saß wieder auf dem Stuhls des Patriarchen, aber nicht sehr fest.

Verurteilt und gebannt wegen Verrat und Unterschlagung

Nach der Ankunft des neuen römischen Legaten, Kardinal Robert von Paris, holte Balduin zum entscheidenden Schlag aus, und diesmal mit den Waffen der Kirche. Daimbert wurde vor einem Konzil angeklagt. Alle Bischöfe der Kolonie waren anwesend, dazu acht aus Frankreich, zusammen 22. Zeugen und Ankläger waren die Bischöfe von Caesarea, Bethlehem und Ramla. Und Arnulf, noch immer Erzdiakon und Kanzler des heiligen Grabes.
Und alle beschuldigten ihn schwer und heftig, die einen des Ämterkaufs, die anderen des Mordes an christlichen Griechen, den auf sein Anstiften hin die Genuesen auf der Insel Cephali (Ionische Insel) verübten, wieder andere des Verrats an König Balduin und wieder andere endlich der Unterschlagung von Geld und Gaben der Gläubigen.

Die Versammlung bestand nicht nur aus Parteigängern Balduins. Die vorgelegten Beweise scheinen überzeugt zu haben: Daimbert wird abgesetzt und gebannt. Tankred verwendete sich erfolgreich für die Freilassung Daimberts und nahm ihn mit nach Antiochia. Neuer Patriarch wird Ebermar, laut Albert ein frommer alter Mann, von dem offenbar alle Parteien erwarteten, dass er nicht weiter stört. Fulcher und Wilhelm von Tyros verschonen ihre Leser mit den hässlichen Details der Daimbert -Affäre. Wilhelm liefert eine stark verkürzte Version mit einem geänderten Schlussakt:
Unterdessen regte sich die scheinbar beigelegte Feindschaft zwischen dem König und dem Herr Patriarchen Daimbert von Neuem. Der erwähnte Archidiakon von Jerusalem Arnulf hetzte sie weiter gegeneinander auf. Die gegenseitige Verbitterung ging so weit, dass der genannte Verführer den ganzen Klerus gegen den frommen und friedliebenden Mann aufhetzte. Da dieser die ständigen Verletzungen nicht mehr ertragen konnte verließ er seine Kirche und die Stadt und floh zu Bohemund, und arm, bedürftig und hilflos, wie er war.

Genauer, er floh nach Antiochia. Bohemund war noch immer Gefangener des Emirs Danischmend.

(28) Bohemunds letzter Angriff auf Ostrom

Lösegeld-Verhandlungen im Frühjahr 1103


Laut Albert von Aachen bot Alexios 200.000 Goldstücke für den Gefangenen, kam aber nicht zum Zug. Bohemund sicherte Danischmend Freundschaft und Bündnis zu, dafür weniger Geld. Albert:

Die Hälfte der Summe, die der Kaiser versprochen hatte, wurde dem Bohemund nachgelassen und man bestimmte, dass 100.000 Goldstücke bezahlt werden sollten

Das Lösegeld brachten mehrere Fürsten, der Patriarch von Antiochia und die italienische Verwandtschaft auf. Tankred, der Verwalter des Fürstentums, leitete keinen Beitrag zur Befreiung seines Onkels. Warum auch hätte er sollen? Mehr Grund zur Freude hatte Daimbert. Wilhelm von Tyros

Bohemund wies ihm die St.-Georgskirche innerhalb der Stadt zu, samt großen Gütern und Einkünften.

Bohemund geht zu weit


Bohemund machte weiter, wo er aufgehört hatte. Dabei kam ihm entgegen, dass die benachbarten Sultane mit Waffengängen gegeneinander beschäftigt waren Also zog er mit den Truppen der beiden Nordkolonien los und ging seiner Lieblingsbeschäftigung nach. Unter den eroberten Städten waren auch einige oströmische, so dass Kaiser Alexios nun doch einen militärischen Gegenschlag vorbereitete. In den benachbarten muslimischen Machtzentren kursierten offenbar Dschihad-Parolen. Ibn al-Qalanisi:

Es kamen Nachrichten, dass die Emire Sukman Ortuq und Jikirmish, Herr vom Mosul, ihre Streitkräfte vereinigt und feierlich vereinbart hatten, den heiligen Kampf gegen die Franken, die Feinde Gottes, aufzunehmen.

Niederlage wegen nutzloser Händel

Da sich das Blatt zu wenden drohte, mobilisierten Bohemund und Balduin von Edessa alle verfügbaren Truppen nebst Daimbert und dem Patriarchen von Antiochia. Das Aufgebot erwartete die türkische Armee vor der befestigten Stadt Harran. In der Stadt wäre besser gewesen. Die Garnison erklärte sich angesichts der Übermacht bereit, sie zu übergeben. Wilhelm von Tyros:
Nun erhob sich aber aus Neid ein Zwist unter den Fürsten. Herr Fürst Bohemund und Herr Graf Balduin stritten mit einander, wem von beiden die Stadt übergeben werden, und wessen Fahne in der Stadt aufgepflanzt werden sollte. So wurde die Besitznahme der übergebenen Stadt bis auf den anderen Morgen verschoben, während welcher Zeit sie sich noch weiter über diesen nutzlosen Handel besprechen wollten ...

Sie stritten sich noch immer vor den Mauern der Stadt, als von der andern Seite die Streitkräfte der Emire anrückten. Wilhelm:

Wie also unsere Fürsten sahen, dass sich die Feinde zum Treffen rüsten, stellten auch sie ihre Reihen und Scharen in Schlachtordnung, und die beiden Patriarchen suchten durch ihre Reden die Truppen zu ermutigen, aber alle ihre Worte und Ermahnungen fruchteten nichts, da sie von dem Beistand des Herrn verlassen waren. Sogleich beim ersten Angriff wurden die Feinde Meister über sie, sie kehrten schmählich den Feinden den Rücken, ließen das Lager und ihr Gepäck im Stich, und suchten sich durch ihre Flucht zu retten, allerdings vergeblich, denn die Feinde warfen die Bogen weg und griffen statt ihrer zu den Schwertern, mit welchen sie so auf sie einhieben, dass beinahe das ganze Heer vertilgt wurde.

Graf Balduin von Edessa und einige andere hohe Herren gerieten in Gefangenschaft. Bohemund, Tankred und die beiden Patriarchen konnten mit Mühe entkommen. Wilhelm:
Weder früher noch später wurde, wie man liest, zur Zeit der Lateiner jemals in dem ganzen Morgenlande eine so unglückliche Schlacht geliefert, wo so viele tapfere Männer fielen, und unser Volk eine so schmähliche Flucht ergriff.

Die Kolonien im Norden verloren bei Harran den größten Teil ihrer Streitkräfte. Zu ihrem Glück waren sich ihre Gegner noch nicht einig genug, um ihre Herrschaft im Norden zu beenden. Aber der Nimbus der Unbesiegbarkeit der Franken war dahin. Ibn al-Qalanisi:
Gott gab den Muslims den Sieg über ihre Feinde, sie jagten sie in die Flucht, und machten viele nieder. Ihre Zahl war größer als zehntausend Reiter und Fußsoldaten, ohne Transportknechte und Lagergefolgschaft zu zählen. Bohemund und Tankred flohen mit einer kleinen Gefolgschaft. Dies war ein großer und beispielloser Sieg für die Muslime. Er entmutigte die Franken, verringerte ihre Anzahl, brach ihre Angriffskraft. Dagegen wurden die Herzen der Muslime gestärkt und ihr Eifer für den Sieg des Glaubens und den Krieg gegen die Ketzer wurde verschärft.

Balduin verbrachte fünf Jahre in Gefangenschaft. Tankred verwaltete an seiner Stelle die Einkünfte der Grafschaft Edessa. Als die Lateiner einer türkische Prinzessin habhaft werden, bot der Regent von Mosul fünfzehntausend Goldstücke oder den Grafen Balduin für ihre Freilassung. Bohemund und Tankred nahmen das Geld. So war das, jedenfalls laut Albert.

Bohemund und Daimbert begeben sich nach Rom

Im Sommer 1104 eroberten kaiserliche Truppen ohne viel Mühe die
Städte Tarsus, Adana und Mamistra zurück. In Bohemund reifte nun offenbar die Erkenntnis, dass er Ostrom mit den Mitteln der Kolonien nicht beikommen konnte. Wilhelm:
Als der Sommer zuende ging ... setzte der Herr Bohemund nach Apulien über, um die Bezahlung seiner Schulden zu ermöglichen und um Truppen aus dem Abendland heranzuführen.

Bohemund ließ eine leere Kasse und nur wenige Bewaffnete zurück. Trotzdem gelang es Tankred, der für ihn das Fürstentum verwaltete, die Lage der Kolonien im Norden zu stabilisieren.

Daimbert eingesetzt, vom Papst

Daimbert begleitete Bohemund nach Italien. Fulcher:

Bohemund ging, um Männer aus dem Land über dem Meer zu holen. Daimbert, der Patriarch von Jerusalem gewesen war, ging um sich beim Papst zu beschweren und zu berichten, wie der König ihm geschadet habe. Er bekam, was er verlangte, aber er kam nicht zurück, denn er starb unterwegs.

Bohemunds Anwerbungskampagne war vor allem in Frankreich erfolgreich. Wilhelm:

Als er beim Herr König und in anderen Gegenden der Alpen seine Geschäfte zuende gebracht hatte, kehrte er mit einer großen Menge von Reitern und Fußgängern nach Apulien zurück, um in See zu gehen.

Das Ziel sind nicht Kolonien, versteht sich. Wilhelm sagt uns auch, warum:

Kaiser Alexios, ist ein heimtückischer und schlechter Mensch ... Gegen die erste Expedition, die ihm sehr ungelegen kam, hatte er, wie erzählt worden ist, den mächtigen türkischen Fürsten Soliman und die barbarischen Nationen des ganzen Orients in Bewegung gesetzt.

Da reibt man sich doch die Augen. So gesehen hätten die Feinde Gottes die Pilger in Anatolien mit Handschlag begrüßt, wären sie nicht von Alexios aufgehetzt worden. Gut, nun können wir uns die überraschende Feindseligkeit der barbarischen Nationen erklären Aber was ist mit den Geschenken, die der Kaiser den Pilgern reichlich zukommen ließ? Auch da hilft uns Wilhelm auf die Sprünge:

Wenn einer der Unseren zu ihm kam und vor ihm stand, so sprach er gütig mit ihm und beschenkte ihn, aber nur, um ihn dann besser betrügen zu können, ganz nach der Art der Griechen.

So gesehen hatten Griechen also durchaus verdient, was Bohemund und die Seinen ihnen nun antaten.

Kreuzzug gegen Ostrom

Wilhelm von Tyros:

All dieser Kränkungen gedachte nun Herr Bohemund ... im Namen aller Lateiner mit 40.000 Mann Fußvolk und 5.000 Reitern am zweiten Oktober in das Land des genannten Kaisers von der See her eindrang.

Im Namen aller Lateiner will heißen, auch vom Papst so gewollt. Ein Feldzug im Namen Gottes und mit sündentilgender Wirkung gegen das christliche Ostrom, um es unter lateinische Herrschaft zu bringen. Bohemund nahm den gleichen Weg, wie beim ersten Anlauf 26 Jahre zuvor. Und auch sonst passierte so ziemlich das Gleiche. Wilhelm:

Er erstürmte und plünderte beinahe alle Seestädte, verheerte das ganze Epiros, das vordere sowohl wie das hintere, belagerte Durazzo und verwüstete die Umgebung mit Brand und wie er sonst konnte, hauste in der umliegenden Gegend ganz nach seiner Willkür und schickte sich an, mit Gottes Hilfe weiter in das Reich vorzudringen, um die Lateiner zu rächen.

Das konnte Alexios mit Hilfe seiner Streitkräfte verhindern, ohne die militärische Oberhand zu gewinnen. Beide Seiten erlitten Verluste, dazu lichteten Krankheiten und Desertion die Reihen der Bekreuzten. Auf der anderen Seite erweisen sich wie üblich ganze Truppenteile des Kaisers als unzuverlässig.

Bohemund muss verhandeln

Ergo half nur noch Verhandeln. Die wichtigsten Punkte: Bohemund garantiert den Rückzug, wird Vasall des Kaisers mit allen Beistandverpflichtungen, verspricht die Auflösung des lateinischen Patriarchats und erhält fast die ganze Fürstentum Antiochia als Lehen, aber bei seinem Ableben soll es an Ostrom zurückfallen. Offenbar war Gesichtswahrung das Hauptanliegen beider Seiten, und keine glaubte so recht an die Einhaltung des Vertrages. Bohemund verließ seine Mannen und setzte nach Apulien über, um die nächste Invasion vorzubereiten. Wilhelm:

Als er von allen Seiten schon Truppen gesammelt hatte, wurde er von einer heftigen Krankheit ergriffen, an der er starb.

Das war dann im Jahr 1111. Tankred, der das Fürstentum Antiochia verwaltete, gab es natürlich nicht zurück, sondern übernahm es als Erbe. So war er endlich selbst Fürst, aber nur bis zu seinem Ableben Ende 1112. Auch jetzt fiel die das Fürstentum nicht an Ostrom zurück, sondern an Robert, den Sohn von Tankreds Schwester. Graf Raimund war schon im März 1105 verschieden. Er war beim Erobern etwas zu kurz gekommen, aber es reichte dann zur Freude seiner Nachfahren doch zur Gründung der Grafschaft Tripolis, der vierten lateinischen Kolonie im Nahen Osten.