Peter Milger: Propaganda der Kreuzzüge
Der 2. Kreuzzug und Bernhard von Clairveaux König Konrad III. vor Damaskus
Tod oder Taufe - Bernhard von Clairveaux
Sanft im 19. Jahrhundert gesehen, im Prinzip aber Hassprediger
König Ludwig VII. von Frankreich und König Konrad III. versuchen nach verlustreicher Reise vergeblich, Damaskus zu erobern. Bernhards Parole ging insofern an der Sache vorbei, als nach diversen Gefechten überwiegend tote Kreuzfahrer das Schlachtfeld bedeckten.
Tod oder Taufe

So die Parole des Bernhard von Clairvaux, der mittels eifernden Briefen und Predigten zwei Könige zum Kreuzzug drängte, und zwar zu deren Verhängnis.

Kreuzzug Schlacht
Miniaturen 15. Jahrhundert
(30) Kolonien am Tropf des Abendlandes

Imame mobilisieren die Strasse

Die benachbarten muslimischen Machthaber bekamen es zunehmend mit ihren empörten Untertanen zu tun, die von ihren Oberen ein gemeinsames Vorgehen verlangten. Im Februar 1111 reisten Theologen, Asketen und Kaufleute aus dem bedrohten Aleppo nach Bagdad. Ibn al-Qalanisi schildert die Krawalle, die sie dort inszenieren:

Sie sprachen in der Moschee des Sultans vor und baten um Beistand (für den Glauben). Sie jagten den Prediger von der Kanzel, die sie in Stücke brachen. Sie schrieen und weinten wegen des Unglücks, das dem Islam durch die Franken zugefügt worden sei, wegen der Abschlachtung der Männer und der Versklavung der Frauen und Kinder. Sie verhinderten den Gottesdienst, während die Vorsteher sie zu beruhigen versuchten. Sie versprachen ihnen im Namen des Sultans, Armeen zu entsenden und den Islam gegen die Franken und Ungläubigen zu verteidigen.

Ibn al-Athir beschreibt die Fortsetzung der Demonstrationen:

Am Freitag begaben sich die Männer aus Aleppo zu der Moschee des Hofes und sogar bis zum Palast des Kalifats. Viele Leute aus der Stadt hatten sich ihnen angeschlossen. Der Wärter des Palastes konnte sie nicht am Eindringen hindern. Sie erzwangen den Zutritt, drangen in die Moschee ein, zerbrachen die Gitter vor dem Eingang zu dem Sitz des Kalifen und zerstörten die Kanzel.

Die Theologen und Asketen werden keine Ruhe mehr geben, bis der letzte Franke an Bord geht. Der letzte von den überlebenden.

In ähnlicher Lage wie Israel

Als König Balduin im März 1118 an den Spätfolgen einer Verwundung verstarb, war die lateinische Landnahme auch im Königreich praktisch abgeschlossen .Es erstreckte sich vom See Tiberias bis zum Golf von Aqaba. Während im Abendland zur Werbung für weitere Feldzüge der Alexios-Brief weiter verbreitet wurde, schloss König Balduin gelegentlich Handels-, Friedens- und Beistandsverträge mit benachbarten türkischen Machthabern. Realpolitik, durch die sich das Königreich in das System rivalisierender türkischer und arabischer Regentschaften einfügte. Die Rivalität war quasi die Bestandsgarantie für die Kolonie. Ihre Grenzen waren nach 20 Jahren fortwährender Landnahme etwa mit denen Israels nach der Besetzung der West Bank identisch. Die Ausgaben für die Truppe und der Bau mehrerer Burgen vom See Tiberias bis zum Golf von Aqaba verschlangen den größten Teil der Einkünfte des Königs und der inzwischen gegründeten Militärorden. Im Abendland wurden Spenden gesammelt und später sogar Sondersteuern erhoben, es gab aber Klagen, was die Ablieferung betraf. Für den ständigen Zustrom bewaffneter Pilger sorgten die Propagandisten. Fulcher von Chartres:

Wer im Abendland arm war, den machte Gott in diesem Land reich, wer wenig Geld hatte, besaß unzählige Goldmünzen, wer nicht einmal einen Landsitz hatte, besaß durch Gottes Gnade eine Stadt.

Schreckensnachrichten dagegen wirkten irgendwie nicht. Schon 1101 waren Tausende von Pilgern losmarschiert, um ihr Glück zu suchen. Sie trafen aber in Kleinasien auf verärgerte Feinde Gottes, was die meisten nicht überlebten. Trotzdem rückten sie immer wieder an, einzeln, in kleinen Trupps, ganze Armeen. Klar war ihnen nur, dass die barbarischen Heiden besaßen, was sie begehrten, dass sie ihnen also im Weg standen und vernichtet werden mussten. Der Fanatismus der Zugereisten wurde mehrfach ein ernstes Problem für die Machthaber in Jerusalem. Wenn sie in größeren Haufen eintrafen, schritten sie gleich zum Erobern und begingen dabei Exesse wie die Pilger der ersten Stunde. Die politische Balance und Verträge waren ihnen fremd oder egal.

Es wird eng für die Kolonisten

... dass jede Stadt jenseits des Meeres, die den Heiden entrissen werden kann, für immer ohne Widerspruch behalten werden soll ...


... erwies sich nun im Nahen Osten als leichter beschlossen denn getan, weil die Pilger auf eine Gesellschaft gestoßen waren, die ökonomisch und kulturell höher entwickelt war, als ihre eigene. Beide Seiten lernten voneinander. Die Pilger wussten die vorgefunden zivile Errungenschaften der Barbaren zu schätzen, die Muslime sahen, was die Ungläubigen auf den Feldern des Waffenhandwerks und der Propaganda leisteten. Letzteres war folgenreicher.

Der Fall von Edessa

Im Juni 1128 begann Imad ad-Din Zengi, Atabeg von Mosul mit der Vereinigung der syrischen Machtzentren. Ibn al-Qalanisi:
Es traf die Nachricht ein, der Emir Imad ad-Din Atabeg Zengi sei mit seiner askar in Aleppo eingezogen, mit der Entschlossenheit, den Dschihad zu führen.

Zengi war lange mit den üblichen Händeln beschäftig, doch Ende 1144 machte er Ernst. Die Verteidiger und die Mauern Edessas hielten einen Monat lang stand. Dann war es soweit: Ibn al-Qalanisi beschreibt die Erstürmung der Stadt:

Die Muslime erzwangen den Eintritt in die Stadt, nachdem auf beiden Seite viele gefallen waren. So viele Franken und Armenier wurden getötet und verwundet, dass sie gezwungen waren, die Stadt zu verlassen. Die Muslims nahmen sie mit dem Schwert in Besitz. Die Truppen plünderten, metzelten, nahmen gefangen, vergewaltigten und raubten. Ihre Hände füllten sich mit solchen Mengen von Geld, Möbeln, Tieren, anderer Beute und Gefangenen, dass sie frohen Herzens waren und voller Jubel. Imad ad­-Din Atabeg gab den Befehl, das Töten und Plündern einzustellen und das Zerstörte wiederaufzubauen ... die Einwohner beruhigte er, indem er ihnen eine gute Behandlung und Gerechtigkeit versprach.

Nach Ibn al-Athir waren die Sieger geradezu großherzig:
Den Truppen wurde befohlen, alle Gefangenen, Männer, Frauen und Kinder, seien zu ihren Häusern zurückzuführen. Was von ihnen erbeutet worden sei, sollte ihnen zurückgegeben werden.

Dagegen Wilhelm von Tyros:
Als sich die Feinde nun Eingang verschafft hatten, stürzte das Heer von allen Seiten in die Stadt und machte ohne Rücksicht auf Alter, Stand oder Geschlecht alles nieder, was ihnen begegnete ... Auch der Herr Erzbischof Hugo soll mit einigen seiner Kleriker umgekommen sein. Augenzeugen versichern, dass der Bischof nicht ohne Schuld an dem Unglück gewesen sei. Dieser hatte nämlich eine unermessliche Menge Geld angesammelt, aber statt es den Kriegern auszubezahlen und der Stadt so zu helfen, wollte er lieber als ein Geizhals auf seinen Schätzen liegen.

Die Eroberung Edessas wurde in der islamischen Welt als ein Triumph im Glaubenskrieg gefeiert. Zengi machte aber keine Anstalten, seine Offensive gegen die Lateiner fortzusetzen. Zwei Jahre später kam er bei der Belagerung von Damaskus im Schlaf zu Tode, durch den Dolch eines Dieners.

Tod oder Taufe! Der Feldzug Bernhards von Clairvaux

Der Abt Bernhard von Clairvaux, der später seiner Verdienste wegen heilig gesprochene, warb so heftig und so kunstvoll für einen Feldzug zur Rückeroberung Edessas, dass auch König Ludwig VII. von Frankreich und König Konrad III. nicht umhin kamen, das Kreuz zu nehmen. Auszug aus einer Rede Bernhards:
Jetzt bewirken es unsere Sünden, dass dort die Feinde des Kreuzes ihr gottloses Haupt erhoben haben und mit der Schärfe des Schwertes das gesegnete Land verwüsten ... Was tut ihr, tapfere Männer, was tut ihr, Diener des Kreuzes? Werdet ihr so das Heilige den Hunden und die Perlen den Säuen vorwerfen ...? Wohl könnte der Allmächtige mehr als zwölf Legionen Engel senden ...ich aber sage euch: Euer Gott versucht euch.

Doch warum nur in die Ferne schweifen.? Ganz in der Nähe nahmen ebenfalls Heiden Land zu Unrecht in Beschlag, nämlich Slawen. Also wandte sich Abt Bernhard an einen Reichstag in Frankfurt:
Wir verlangen auf den Rat des Herrn Königs und der Bischöfe und Fürsten hin, die in Frankfurt versammelt sind, dass die Heeresmacht der Christen gegen sie (die Slawen) bewaffnet werde und das Heilszeichen nehme, um jene Heiden völlig zu vernichten oder sicher zu bekehren. Wir verheißen ihnen dieselbe Sündenvergebung, wie jenen, die nach Jerusalem aufgebrochen sind ...Wir untersagen auf jeden Fall, mit den Heiden auf irgendeine Weise ein Bündnis zu schließen, weder für Geld noch Tribute ...

Blamage vor Damaskus

Das galt natürlich auch für die Teilnehmer des zweiten Kreuzzuges in der offiziellen Zählung. Der geriet nun aus christlicher Sicht zum Desaster. Jetzt bewirkten es unsere Sünden, dass unterwegs die Streitkräfte beider Könige durch Kämpfe und sonstige Unbill fast völlig aufgerieben wurden. Konrad musste 1147 nach seiner Ankunft im Königreich sogar Söldner anheuern, um weiter mitmischen zu können. Dann hielt man Rat mit den einheimischen Fürsten und befand, ein Vorstoß auf Edessa sei zu gefährlich. Stattdessen zogen sie alle zusammen nach Damaskus, das gerade mit Jerusalem gegen den Nachfolger Zengis verbündet war. Hatte Bernhard Bündnisse mit Heiden nicht ausdrücklich verboten? Jetzt bewirkten es unsere Sünden, dass sich die Belagerer vor Damaskus sich derart dilettantisch anstellten, dass sie schwere Verluste erlitten und Gefahr gerieten, selbst umzingelt zu werden. Ibn al-Qalanisi beschreibt den Rückzug der Bekreuzten:

Die Muslime ... folgten ihnen und beschossen sie mit Pfeilen. So töteten sie viele Männer, Pferde und andere Tiere in der Nachhut. Zwischen den Resten ihres Lagers und am Wegrand fand man unzählige Leichen der Erschlagenen und ihrer prächtigen Pferde. Die Kadaver stanken so sehr, dass die Vögel beinahe vom Himmel fielen.

Die zwei mächtigsten Fürsten das Abendlandes kläglich gescheitert. Ihr glanzvolles Aufgebot vernichtet. Am Ende schmachvolle Flucht. Das Abendland war entsetzt. Der Autor der Kölner Königschronik:
Das Land der Heiden füllte sich mit der Beute, und den Waffen, welche dem abendländischen Heer auf dieser Expedition abgenommen wurden. Weil also alles, was auf diesem Zug geschah, von Trauer und Elend und von keinem Sieg zeugt, so ist es besser, davon zu schweigen, das Schamgefühl der Abendländer zu schonen und die Ereignisse nicht der Nachwelt zu überliefern.

Wilhelm von Tyros über die Bilanz für die Kolonien:

Von diesem Tag an verschlimmerte sich die Lage der Lateiner des Ostens ganz offensichtlich, denn unsere Feinde sahen, wie unsere Fürsten und großen Könige, welche die festen Stützen des christlichen Volkes zu sein schienen, ihre Mühe fruchtlos verschwendet hatten und wie ihr Ruhm versunken war.

Viele fragten nun doch irritiert, wo Gottes Segen geblieben sei. Otto von Freising, ein Chronist des Feldzuges, hilft bei der Suche:
Wenn ... unser Feldzug nicht gut war zur Ausweitung unserer Grenzen noch für die Wohlfahrt unseres Leibes, so war er dennoch gut für das Heil vieler Seelen.

Bernhard von Clairvaux war über die einsetzende Kritik enttäuscht. Er rechtfertigt sich ausführlich gegenüber Papst Eugenius und weist dabei jede Schuld von sich:
Wir eilten nicht dorthin wie ins Ungewisse, sondern auf deinen, ja durch dich auf Gottes Befehl.

So geht das. Wir soll heißen: Alle die seinem Aufruf gefolgt waren. Er selbst war zuhause geblieben.

Nur ad-Din und Saladin

Der heilige Mann war so verbittert, dass er seinen Gott für das Missgeschick verantwortlich machte. Dem Gläubigen musste es nun tatsächlich so vorkommen, als habe der Alleslenker die Fronten gewechselt und den Kolonisten seine schützende Hand entzogen, in dem er ihnen zwei Talente an des Hals schickte.

(29) Saladin, Dschihadparolen und Realpolitik

Die Einkreisung der Kolonien

Als sich Zengis Nachfolger Nur ad-Din 1149 das Fürstentum Antiochia vornahm, wurde das Aufgebot der Kolonie unter ihrem Vorsteher Raimund gleich bei der ersten Schlacht völlig aufgerieben. Bagdad jubelte und der Kalif hatte seine Freude an dem präparierten Kopf des gefallen Raimund, der zusammen mit den guten Nachrichten eingetroffen war. Antiochia kam noch einmal davon, aber laut Ibn al-Qalanisi nur, weil sich Nur ad-Din von den Bewohnern bestechen ließ. Dafür ging der Herr über Allepo und Mosul nun an der Propagandafront in die Offensive. Er förderte den Bau von Schulen und Moscheen und verpflichtete Geistliche und Poeten, für den heiligen Kampf zu werben. Die einleuchtende Parole: Vertreibung der Ungläubigen und Rückeroberung der heiligen Stadt Jerusalem. Praktisch ging Nur ad-Din aber nicht auf die Franken los, sondern auf die Machthaber in Damaskus, die mit den Feinden Allahs in Jerusalem verbündet waren. Im Frühjahr 1154 versammelte Nur ad-Din seine Truppen vor Damaskus und forderte die Übergabe der Stadt. Laut Ibn al-Qalanisi. kommentiert er in seiner Botschaft das Bündnis mit den Franken:

Es erregt das Missfallen Gottes und aller Muslime.

Das Vorschützen frommer Motive war auch bei Muslimen ein alter Brauch, so dass die Reaktion der Regenten von Damaskus verständlich war. Sie antworteten laut Ibn al-Qalanisi:
Zwischen uns und euch gibt es nichts als das Schwert, und eine Abteilung der Franken ist unterwegs um euch zurückzuschlagen, wenn du weiter gegen uns vorgehst.

Weil die Ungläubigen tatsächlich anrückten,, musste Nur ad-Din von der Einnahme der Stadt absehen. Bei der nächsten Belagerung von Damaskus klappte es. Ibn al-Qalanisi:

Die Tore wurden geöffnet ... und die Truppen konnten in die Stadt eindringen. Dann zog Nur ad-Din mit seinen Unterführern in die Stadt ein, zur Freude des Volks, und der Bewaffneten, die unter Hunger, den hohen Preisen und der Furcht vor den Franken gelitten hatten.

Nur ad-Din, nunmehr Herr über Mosul, Aleppo und Damaskus, benutzte den Machtzuwachs allerdings keineswegs, um die Freng aus Jerusalem zu verjagen. Dschihad, schön und gut, aber jetzt war Realpolitik angesagt. Ibn al-Qalanisi:

Im Mai 1155 wurden die Bedingungen für einen Waffenstillstand zwischen Nur ad-Din, dem Herrn von Damaskus, und dem König der Freng für den Zeitraum eines Jahres abgeschlossen.

Nur ad­-Din nächstes Ziel war die Unterwerfung des fatimidischen Ägyptens. König Almarich, der nunmehr in Jerusalem regierte, musste das unbedingt verhindern. Gegen eine syrisch-ägyptische Großmacht konnte die Kolonie auf Dauer nicht bestehen. Almarich unternahm mehrere Feldzüge, um Ägypten erobern. Heraus kam nur Verluste auf beiden Seiten, und Nur ad-Din hatte seine Freude dran.
Salah ad-Din, kurz Saladin ergreift die macht in Kairo

Mehrere Anläufe des Almarichs schlugen fehl, weil Truppen Nur ad-Dins sich einmischten Nur ad-Dins Feldherr war der Kurde Schirkuh. Dessen Neffe Saladin führte eine Abteilung an. Beide waren sehr fähig, vor allem Saladin, gerade Mal 27 Jahre alt. 1168 belagerten die Streitkräfte der Kolonie Kairo. Ibn al-Athir über die Verhandlungen zwischen dem Wesir und dem König:
Schawar schlug Amalrich vor, Frieden zu schließen und sich mit einer Geldzahlung abzufinden, damit das Land nicht an Nur ad-Din falle. Der König stimmte zu und verlangte eine Million ägyptische Goldstücke. Schawar zahlte hunderttausend Goldstücke und forderte sie auf, in einiger Entfernung den Rest des Geldes zu erwarten.

Sehr schlau, den Schirkuh und Saladin rücken mit 8.000 Reitern an. Nicht bedacht: Amalrichs Truppe ist ausgelaugt und muss daher das Feld räumen. Ibn al-Athir:
Über diese Nachricht war Nur ad-Din froh. Er befahl, dass in seinen Ländern die Musikinstrumente zum Zeichen der Freude geschlagen werden sollten und er schickte Boten in alle Richtungen, die das glückliche Ereignis melden sollten.

Anfang Januar 1169 zogen Schirkuh und Saladin in Kairo ein und wurden vom Kalifen freundlich empfangen. Jetzt stand nur noch der Wesir Schawar im Weg. Saladin schlug ihm vor, gemeinsam eine Moschee aufzusuchen. Ibn al-­Athir:
Aber unterwegs rissen Saladin und seine Begleiter ihn vom Pferd und nahmen ihn gefangen ... Als der Kalif davon erfuhr, verlangte er von Schirkuh den Kopf von Schawar. Nun wurde Schawar getötet und sein Kopf wurde dem Kalifen übergeben.

Alsdann ernannte der Kalif Nur ad-Dins General Schirkuh zum Wesir von Ägypten. Schon im März brauchte er einen neunen, nachdem Schirkuh bei der Verdauung eines reichlichen Mahles verblichen war. Der Kalif hatte keine andere Wahl. Saladin war nun Wesir und Statthalter Nur ed-Dins. Er zeigte gleich, was in ihm steckte, in dem er alle wichtigen Ämter in Armee und Staat mit seinen Gefolgsleuten besetzte. Als die Nachricht in Damaskus eintraf, musste sich Nur ed-Din anhören:
Jetzt, da du Ägypten und Syrien für den Ruhm des Islam gewonnen hast, muss du Jerusalem von dem Schmutz des Kreuzes säubern.

So sprach Imad ad-Din, sein Sekretär und Chronist. Der fromme Hinweis stieß auf taube Ohren. Nur ed-Dins Hauptproblem war im Moment Saladin, der allzu deutlich nach der ganzen Macht griff. Er setzte seinen elfjährigen Sohn zum Erben ein und bereitete einen Feldzug nach Ägypten vor, um Saladin abzusetzen. Darüber verschied er im Frühjahr 1174. Im November traf Saladin in Damaskus ein, wo ihn die Bevölkerung als Nachfolger Nur ed-Dins begrüßte. Saladin war einverstanden und ernannte sich selbst zum Oberherrn von Syrien und Ägypten. Der Kalif in Bagdad bestätigte seinen Titel und gewährte ihm das Recht, eigene Münzen zu prägen. Saladin verpflichtete sich wie seine Vorgänger, die heiligen Stätten in Jerusalem zurückzuerobern.

Auch Saladin meidet Jerusalem

Bei der ersten großen Schlacht gegen die Franken wird Saladins Truppe völlig aufgerieben, bei der zweiten im Juni 1179 erlitten die Aufgebote des Königreichs, der Grafschaft Tripolis und der Militärorden schwere Verluste. Saladin unterließ wie sein Vorgänger in ähnlichen Situationen auf einen Vorstoß nach Jerusalem und schloss ein Jahr später sogar einen Waffenstillstand, nunmehr mit König Balduin III. Im Sommer 1181 überfiel der zuggereiste Adlige Rainald von Châtillon mit seinen Männern eine Karawane, die nach Mekka unterwegs war. Damit war der Waffenstillstand gebrochen und Saladin hatte einen Vorwand, seine Armee im Mai 1182 nach Norden in Bewegung zu setzen. Sein eigentliches Ziel war es, in Aleppo die Herrschaft zu übernehmen. König Balduin erkannte die Gefahr, aber sein Aufgebot konnte den Durchmarsch nicht verhindern. Im Juni 1183 öffnete der Regent von Aleppo die Tore. Saladin war der Herr über ganz Syrien und Ägypten.

Kreuzfahrer-Vorstoß auf Mekka

Unterdessen sorgte Rainald von Châtillon im Süden dafür, das die Propagandisten in Saladins Kanzlei keine Gräuelmärchen über die Ungläubigen erfinden mussten. Einige Boote, die der nimmermüde Baron im Golf von Aqaba bemannt hatte, bewegten sich entlang der Küste des Roten Meeres auf Mekka und Medina zu. Zum Glück für die entsetzten Muslime kamen die milites Christi nur langsam voran, weil sie immer wieder anlegen mussten, um Leute auszurauben etc. So konnte ein ägyptischer Flottenverband sie einholen und verhaften. Imad ad­-Din zitiert aus einem Briefwechsel zwischen Saladins Kanzlei und al-Adil, Saladins Bruder und Wesir in Kairo: Ein vom 3. März 1183 datierter Brief enthielt gute Nachrichten:

Der Admiral Lulu, flink wie ein Pfeil, verdient ob seines Verhaltens alles Lob, und wir gaben ihm ein rühmliches Zeugnis über seinen Anteil am Erfolg des heiligen Kampfes zu Wasser und zu Lande ... Die Gefangenen überzeugten sich von dem, was der Islam ist; die Erde muss von ihnen gereinigt werden. Keiner kehrte zurück ...

Dschihadparolen

Weniger blumig: Die Ungläubigen wurden in Kairo vor einem jubelnden Publikum geköpft. Weiter Imad ad-Din:
In einer anderen Korrespondenz an al-Adil heißt es: Nach den Schriften ist es nicht erlaubt, die Ungläubigen am Leben zu lassen ... Allah erlaubt nicht, sie dem Schwerte zu entziehen. Daher ist der Wille, sie umzubringen, auch auszuführen ... Gott wird uns mit seiner Huld beistehen. Nach einem weitren an al-Adil adressierten Brief soll kein Land der Erde den Ungläubigen gehören, vielmehr sollen sie von der See ins Feuer befördert werden ...Bleibt nur ein Bruchteil übrig, so gibt es Schwierigkeiten, daher bedarf es der Eile, um den Rest zu erobern.

Rainald kann es nicht lassen

Die nächsten Treffen auf dem Schlachtfeld brachten keine Entscheidung. 1185 mussten sich beide Seiten ihren spezifischen Problemen zuwenden. In Jerusalem kam es fast zum Bürgerkrieg, weil sich die Fraktionen nicht auf einen Nachfolger für König Balduin einigen konnten. Saladin sah sich mit einer Rebellion in Aleppo konfrontiert. Raimund von Tripolis, der als Regent fungierte, schlug einen Waffenstillstand für vier Jahre vor und Saladin willigte ein. Doch Rainald von Châtillon war nicht der Mann, der sich an solche Vereinbarungen hielt. Schon Ende des Jahres 1186 überfiel er mit seinem Anhang eine Karawane, die von Kairo nach Damaskus unterwegs war. Imad ad-Din:

Rainald, der Herr von Kerak, war einer der Schlimmsten, ein noch größerer Verräter als die anderen Freng. Durch einen Waffenstillstand hatte er um Ruhe ersucht, aber nur um sorglose Karawanen zu überfallen und in sein Raubnest zu verschleppen. Saladin setze einen Preis auf seinen Kopf und rüstete in Damaskus für den Dschihad ... Das nächste Jahr war das günstigste für den Islam, in dem Gott dem Monotheismus gegen den Glauben an die Trinität zum Sieg verhalf. Dies geschah durch ein Blutbad an den Ungläubigen und den Sieg der Dynastie Saladins.

Die Entscheidung

Im Juni 1187 begann der Aufmarsch der Streitkräfte Saladins. Guido, gerade zum König erhoben, sah sich gezwungen, alle wehrfähigen Männer zu mobilisieren. Eine Abteilung Saladins überfiel zunächst die Stadt Tiberias, um das Aufgebot der Kolonie aus einem gut gesicherten Lager zu locken. Der Plan funktionierte. Es war sehr heiß und bei den Hörnern von Hattin beim See Tiberias gibt es kein Wasser. Genau dort endete der Marsch für die schon halb verdursteten Kreuzträger. Sie waren umzingelt. Die Nacht vor der Entscheidung, wie sie Imad ad-Din sah:
Diese Nacht besitzt mehr Kraft als tausend Monate, weil in ihr die Engel und der Geist herabgestiegen sind, und am Morgen der Erfolg gesichert war. Wir waren froh, denn wir waren wie die, zu denen Allah gesprochen hatte, und denen er neben dem Lohn in dieser Welt die ewigen Freuden Paradieses des zugesichert hat, das immerwährende Abpflücken der Früchte und das Trinken aus der klaren Quelle Selsebil.

Die anderen verbrachten die Nacht weniger frohgemut. Ein anonymer Chronist, der das Werk des Wilhelm von Tyros fortsetzte:
In der Nacht befanden sich die Christen in großer Not. Im Heer war ein großes Leiden, weil weder Menschen noch Pferde zu trinken hatten. Die ganze Nacht verbrachten die Christen in Waffen ... Am nächsten Tag hielten sie sich zum Kampf gerüstet ... Die Sarazenen wollten aber nicht kämpfen, bevor die Hitze gekommen war ... sie entzündeten ein Feuer ringsum, um die Qualen der Christen zu vergrößern.

Kreuzholz perdu

Imad ad-Din heilt sozusagen die wunde Seele der Muslime:
Als der Morgen anbrach, rückten die Bogenschützen aus, um ihre Pfeilspitzen im Feuer gegen die Männer der Hölle zu glühen, und da diese vor Durst gleich Hunden die Zungen herausstreckten und gegen das Wasser vorrückten, so empfing sie hier die Hölle mit ihren Funken ... Ein quälender Durst in der Sonnenglut erschöpfte ihre Kräfte und gleichwohl hielten sie aus. Der Sultan ritt durch die Reihen, es war Samstag, der 4. Juli, das Vertrauen zu Allah weckend ... Stroh war unter ihren Füßen, und einige Freiwillige warfen Feuer hinein, so dass die Feinde mit Pfeilen geröstet wurden ... Wie Gazellen erschossen wir sie und streckten und schlugen ihnen die Köpfe ab ... Das Hauen und Stechen dauerte fort, da sie ringsum von allen Seiten umzingelt waren, doch hofften sie noch das Beste und stiegen von den Pferden ab. Als ihnen aber das große Kreuz genommen wurde, da ahnten sie das Verderben, und es regnete nun Schläge auf sie.

Der ganze Hochadel der Kolonie geriet in Gefangenschaft, darunter König Guido, die Großmeister der Orden und Rainald von Châtillon. Imad ad-Din frohlockt weiter:
Satan und seine Mannen waren Gefangene, und Sultan Saladin war wieder König. Der Islam war durch diese Niederlage gekräftigt. Die Schlacht artete aus in ein Blutbad und in das Abführen von Kriegsgefangenen. Wer die Erschlagenen sah, rief aus: Hier gibt es keine Gefangenen! Wer die Menge der Gefangenen erblickte, sagte: Hier gibt es keine Toten!. Seit die Freng das Küstenland erobert hatten, war kein Tag für die Muslims so glänzend verlaufen, wie der von Hattin. Dank der Hilfe und Macht Allahs hatte keiner der früheren Herrscher einen so großen Sieg erfochten.

Der Sultan lächelte
Am Abend des 4. Juli 1187 war es so weit. Imad ad-Din:
Der Sultan hatte Platz genommen und ließ die wichtigsten Gefangenen vorbeiziehen. In ihren Fesseln schwankten sie wie Betrunkene ... Prinz Rainald, der Herr von Kerak, verlor zuerst das Leben, weil der Sultan es geschworen hatte.
Saladin hatte seinen Gefangenen vorher bezichtigt, Eide und Verträge gebrochen zu haben. Rainalds Antwort, so der Chronist:
Dies ist die Sitte der Könige, ich bin nur allgemein betretenen Pfaden gefolgt.
Zwei Tage später ließ Saladin seine gefährlichsten Widersacher köpfen. Imad ad-Din:
Er befahl, die Gefangenen der Templer und Johanniter vorzuführen und rief aus: Ich will die Erde von diesen beiden schmutzigen Arten reinigen. Sie sollen nicht in der Gefangenschaft dienen, denn sie sind schlimmer als die Ungläubigen!

Saladin muss die Delinquenten bei denen loskaufen, die sie gefangen genommen hatten.
Als Saladin fünfzig goldene Dinare für jeden Gefangenen festsetzte, brachte man sofort hundert zu ihm, die er enthaupten ließ. Von den Kriegsfreiwilligen durfte jeder einen töten. Sie streiften die Ärmel zurück, wenn sie das Schwert zogen. Der Sultan saß lächelnden Antlitzes da. Vor ihm befanden sich die Soldaten in Reih und Glied und die Emire in zwei Gliedern. Manche von ihnen lehnten es dankend ab oder entschuldigten sich. Andere freuten sich über das Blutbad.

Die niederrangigen Gefangenen wurden mit der Beute nach Damaskus gebracht. Der Chronist Ibn al-Kadisi über den Preisverfall auf den Märkten:

Der Preis für einen Gefangenen in Damaskus betrug drei Dinare ... An Vieh, Pferden und Maultieren war eine so große Beute angefallen, dass niemand Lust hatte, sie zu kaufen. Mir wurde berichtet, dass ein armer Soldat seinen Gefangenen für ein Paar Schuhe eintauschte, da er keine hatte.

Landnahme ohne Glaubenseifer

Bei der Rückeroberung des Küstenstreifens ging es weitgehend sachlich zu. Bei friedlicher Übergabe einer Stadt oder Festung konnten Besatzungen und Bewohner mit ihrer Habe abziehen. Wer bereit war, die üblichen Steuern zu zahlen, durfte bleiben. Imad ad-Din schildert die Übergabe von Akkon, der reichsten Stadt der Kolonie:
Saladin gewährte ihnen einige Tage Frist, um ihre Habe fortzubringen. Die Muslims drangen in die Stadt ein und bereicherten sich, in dem jeder seine Lanze vor einem Haus in die Erde steckte und so sein Eigentum markierte ... Sämtliches Vermögen der Templer wies der Sultan einem Rechtsgelehrten zu. Vergrabene Wertsachen wurden an das Tageslicht befördert, die Magazine geöffnet und alle Plätze genau untersucht.

In den Burgen und Städten war ein akuter Mangel an milites eingetreten, was vernünftigen Vorgehensweisen durchaus förderlich war. Imad ad­-Din über den typischen Ablauf:

Die Belagerten verlangten freien Abzug, den wir ihnen nach einer Frist von fünf Tagen bewilligten, damit sie ihre Habe hinausbringen konnten. Vorher hatten sie einige Anführer als Geiseln gestellt ... Dieses Verfahren hielt er an allen eroberten Plätzen ein.

Setzen sich die Bewohner einer Stadt zur Wehr, wurde das übliche Verfahren angewendet. Imad ad-Din:

Sie nahmen Caesarea im Sturm, worauf Arsuf und Haifa freiwillig ihre Tore öffneten ... Ein großer Teil der Bevölkerung von Sidon und Beirut waren Muslime und schöpften Mut beim Umschwung der Dinge. Der Koran wurde vorgelesen, die Glocken verstummten und ihre Gesetze wurden ungültig.

Im Norden leisteten die Bewohner von Tyros erfolgreich Widerstand. Imad ad-Din:

Tyros ging vom Grafen von Tripolis an den Marquis (Graf Konrad von Montferrat) über. Die Stadt war der Sammelort der flüchtigen und versprengten Freng. Der Marquis, ihr Anführer, war einer der gottlosesten der Ungläubigen, ein Unglückssatan, böser als ein Wolf, gemeiner als ein Hund ... Wir dachten an Kuds (Jerusalem) und übersahen jene Vorgänge, so dass der Marquis Gräben und Verschanzungen um die Stadt ziehen konnte.

Der Abbruch Belagerung war der größte Fehler, der Saladin je unterlaufen ist. Doch alle warteten auf die Einlösung seines Versprechens, die das heilige Kuds zurückzuerobern. Vor Askalon musste sich seine Truppe nicht lange aufhalten, da der Kommandeur die Stadt nach kurzer Belagerung übergab. Die Bewohner wurden nach Alexandria eskortiert, von wo sie im nächsten Frühjahr die Heimreise ins Abendland antreten sollten..
Jerusalem, 87 Jahre nach dem Massaker

Am 20. September 1187 war dann schließlich Jerusalem dran. Der lateinische Chronist Ernoul:
Am Freitag Morgen belagerte Saladin die Stadt vom Davidstor bis zum Stephanstor. Er forderte er die Leute in Jerusalem auf, ihm die Stadt zu übergeben ... Sie sollten wissen, dass er sie sonst mit Gewalt angreifen würde, denn dies habe er geschworen. Die Leute der Stadt ließen ihn wissen, er möge das Beste oder das Schlimmste veranlassen, aber sie würden ihm die Stadt niemals übergeben. So ließ Saladin seine Leute zu den Waffen eilen, um die Stadt einzunehmen.

Imad ad-Din leitet seinen Bericht über die Belagerung mit gehässigen Bemerkungen ein:
Balian, der große Patriarch und die Anführer der Templer und Johanniter befanden sich in der Stadt ... In dem Tempel waren verschiedenartige Bilder, wie die des Widders, des Esels, des Paradieses und der Hölle ... Da stand das Kreuz, das Licht erschien und die Finsternis hörte auf. Alle diese Betrügereien führten sie auf den von ihnen Angebeteten zurück und sagten: Am Grabe unseres Herrn wollen wir sterben.

Balian von Ibelin ließ ganze Scharen von jungen zu Rittern schlagen, um sie zu ermutigen. Es scheint funktioniert zu haben. Ibn al-Athir:
Von beiden Seiten wurde der Kampf als eine Sache des Glaubens angesehen. Auch ohne Befehle ihrer Anführer fochten sie mit Hingabe. Jeder verteidigte ohne Furcht seinen Posten.

Ernoul teilt uns mit, warum der Gott der Christen das Flehen der Seinen um Beistand nicht erhörte:
Mönche, Priester und Nonnen liefen alle ohne Schuhe und barfuss in Prozessionen über die Mauern ... Der Herr verschloss sich jedoch den Gebeten und Seufzern, die man in der Stadt hörte. Denn der Unflat des Ehebruchs und der stinkenden Wollust und die Unzucht wider die Natur ließen die Gebete zu Gott nicht emporsteigen.

Kurz, die Verteidiger standen auf verlorenem Posten. Imad ad-Din:
Während unsere Reiter die feindlichen Reiter zurückschlugen, waren die Muslime bis an die Gräben herangerückt und hatten Breschen in die Mauer geschlagen, so dass die Belagerten durch ihre Anführer den Sultan um freien Abzug ersuchen ließen.

Schacher um Lösegeld

Balian begibt sich zu Saladin, um über einen freien Abzug zu verhandeln. Imad ad-Din:
Saladin schlug die Bitte ab mit den Worten: Ich will die Stadt so erobern, wie jene sie damals ... von uns genommen haben. Die Männer werde ich töten, Frauen und Kinder wegführen.

Diese Androhung entsprach dem Tenor der Propagandazirkulare aus der Kanzlei Saladins. Nach Ernoul antwortet Balian von Ibelin:
Wir werden uns auf Tod und Leben verteidigen und unser Blut so teuer als möglich verkaufen. Keiner von uns wird verwundet sein, es sei denn, er habe zuvor zehn von euch verwundet. Die Häuser werden wir anzünden, die Türme zerstören und euch einen Schutthaufen zur Plünderung überlassen ... Die Moschee über dem Felsen ... lassen wir einstürzen ... Fünftausend muslimische Gefangene in unserer Mitte werden wir vorher umbringen, Geld und Wertsachen werden wir vernichten, unsere Weiber und Kinder werden vorher sterben und kein Stein bleibt auf dem andern. Welcher Vorteil wird euch dann aus der Ruine erwachsen?
Laut Ernoul waren die Androhungen nicht ganz so krass, und Saladin sagt bei ihm:
Die Geistlichen nach dem Gesetz Mohammeds bedrängen mich, ich soll kein Abkommen mit euch treffen, sondern Rache nehmen an denen, die in Jerusalem sind, und ihr Blut in den Straßen Jerusalems vergießen, wie Gottfried das Blut der Sarazenen vergossen hat.

Klug, gütig, pragmatisch? Etwas hat Saladin daran gehindert, seinen eigenen Kampfparolen zu folgen. Bei der nächsten Verhandlung sagte er laut Ernoul zu Balian:
Aus Liebe zu Gott und zu euch, ich will euch sagen, was ich tun werde. Ich werde Gnade über euch walten lassen, und zwar so, dass ich meinem Schwur treu bleibe. Sie werden sich meiner Gnade ausliefern, als hätte ich sie mit Gewalt erobert. Ich werde ihnen ihr Hab und Gut lassen, damit sie damit nach Gutdünken verfahren können. Ihre Leiber aber werden in meiner Haft bleiben. Wer sich freikaufen kann oder will, den werde ich gegen ein angemessenes Lösegeld ziehen lassen.

Laut Ernoul verlangte Saladin zunächst für jeden Mann dreißig, für jede Frau zehn und für jedes Kind fünf Goldstücke. Nur eine Minderheit in Jerusalem konnte solche Summen aufbringen. Ernoul:
Balian verabschiedete sich und kehrte in die Stadt zurück. Er ging zum Patriarchen und schickte nach allen Bürgern, um die Nachricht weiterzugeben.

Doch von den Wohlhaben waren zunächst nur die Johanniter bereit, etwas für den Freikauf der Armen beizusteuern. Ernoul:
Alle baten sodann Balian, er möge sich zu Saladin begeben, um den bestmöglichen Preis zu vereinbaren.

Balian erklärt, man könne nur für zwei von hundert Bürgern das Lösegeld aufbringen.
Da sagte Saladin, er würde zunächst um Gottes wegen und sodann seinetwegen ein angemessenes Lösegeld festsetzen, welches sie aufbringen könnten. So legten sie fest, dass für jeden Mann zehn, für jede Frau fünf und für jedes Kind ein Goldstück zu zahlen wäre ... Und ihre bewegliche Habe dürften sie verkaufen oder verpfänden oder unangetastet mitnehmen.

Dann fragt Balian an, wie hoch der Pauschalpreis für siebentausend Gefangene wäre.
Saladin sagte, das koste fünfzigtausend Goldstücke. Balian sagte, das ginge nicht. Saladin und Balian feilschten solange miteinander, bis sie ein Geschäft über dreißigtausend Goldstücke für siebentausend Männer abgeschlossen hatten.

Die Banner des Islam über el-Kuds

Ibn al-Athir bestätigt im wesentlichen die Preise:
Der Sultan gab nach. Er werde den Freng freien Abzug einräumen, gegen Bezahlung von zehn dinar jeden Mann, von fünf dinar für jede Frau und zwei dinar für jedes Kind. Wer innerhalb von 40 Tagen den jeweiligen aufbringe, käme frei, wer es nicht, werde versklavt. Balian bot 30.000 dinar als Lösegeld an, was angenommen wurde. Am 27 Ragab wurde die Stadt übergeben. Die Banner des Islam wehten wieder über Jerusalem. Es war ein denkwürdiger Tag.

Nämlich der 2. Oktober 1187.Ernoul beschreibt, wie die christlichen Obrigkeiten die Siebentausend weniger bemittelten auswählten::
Sie ließen die Namen der armen Leute in jeder Straße schriftlich festlegen. Je nachdem, ob sie mehr oder weniger ehrbar waren, wurden sie berücksichtigt, bis die Zahl Siebentausend erreicht war.

Es gibt noch viel mehr Arme in der Stadt. Die Templer und Johanniter legen noch Spenden nach. Ernoul:
Aber sie gaben nicht so viel, wie sie eigentlich sollten. Sie hatten überhaupt keine Angst, man würde sich mit Gewalt ihres Vermögens bemächtigen, hatten sie doch Saladins Zusicherung.

Das eingesammelte Geld reichte bei weitem nicht aus, um alle Unbemittelten freizukaufen. Laut Ernoul löste Saladin auf eigene Kosten weitere 11.000 Christen aus:
Also befahl er ... man solle in ganz Jerusalem verkünden, die armen Leute sollen die Stadt verlassen. Weiter befahl er ... den Wärtern am Davidstor, sie sollten alle in Haft nehmen, die Geld für ihren Freikauf bei sich hätten,.. Dies war das Almosen, das Saladin zahllosen armen Leuten gab.

Sie wurden nach Tripolis eskortiert: Ernoul:
Saladin befahl, sie in drei Gruppen einzuteilen. Die Templer sollten den einen Teil führen, die Johanniter den anderen, Balian und der Patriarch den dritten. Saladin ... wies jeder Gruppe von ihnen fünfzig Ritter zu, um sie unversehrt in die Christenheit zu führen.

Sieg gefeiert, so oder so
Imad ad-Din berichtet, dass siebentausend Männer und achttausend Frauen und Kinder versklavt wurden.:
Wir teilten sie unter uns die Hoheit des Reiches lächelte über ihr Weinen. Wie viele gut behütete Frauen wurden entehrt, herrschendende und Untergebene, Mädchen geheiratet ... Schöne mit roten Lippen ausgesaugt ...

Und so weiter. Doch es blieb auch Zeit für fromme Übungen und andere geistige Anregungen. Imad ad-Din:
Saladin ... ließ die Deputationen von Emiren, Richtern und Theologen zur Beglückwünschung antreten ... Sein Blick verriet Mäßigkeit und Bescheidenheit, sein Gesicht leuchtete vor Freude ... Da saßen Koranleser und lasen und lehrten, die Dichter standen und trugen vor.

Imad ad-Din hat viel zu tun:
Meine Anwesenheit war wegen der vielen Siegesdepeschen notwendig, welche die anderen Schreiber nicht nach dem Geschmack von Saladin aufgesetzt hatten. Ich ließ an diesem Tage siebzig Briefe abgeben, darunter ein Schreiben an den Diwan in Bagdad ... Mir fielen Weiber und Jünglinge als Beuteanteil zu.

Die Behandlung der heiligen Stätten

Ibn al-Athir:
Die Templer hatten im Westen von al-Aqsa Gebäude mit Latrinen errichtet ... und einen Teil von al-Aqsa einbezogen Der Sultan befahl, die Moschee und den Felsendom von jeder Besudelung zu reinigen.

Laut Imad ad-Din rieten einige Emire, die Grabeskirche der Erde gleich zu machen, damit den Wallfahrten ein Ende bereitet werde:
Die meisten aber sagten: Es bringt nichts, sie zu zerstören ... denn sie verehren nicht das Gebäude, sondern den Ort ... Die christlichen Völker werden weiter pilgern, auch wenn die Trümmer in den Himmel geworfen würden. Als Kalif Umar am Anfang des Islams Kuds eroberte, hat er den Christen den Besitz bestätigt und das Gebäude nicht zerstören lassen.

Saladin entschied wie der Kalif. Ibn al-Athir beschreibt, wie die Kirchen ihres Altarschmucks beraubt wurde:

Der große Patriarch der Freng verließ die Stadt mit den Schätzen der Kirchen ... und mit ebensoviel Geld. Aber Saladin hinderte ihn nicht daran wie ihm geraten wurde ... Er antwortete, er gedenke nicht, sein Wort zu brechen. Er nahm ihm nur zehn dinar ab, und ließ alle unter Gutem Schutz nach Tyros ziehen.

Exodus der Lateiner

Ibn al-Athir:

Die fränkischen Einwohner verkauften ihre Habe, Kostbarkeiten und Güter, die sie nicht mitnehmen konnten, zu sehr niedrigen Preisen. Die Kaufleute des Heeres und die nichtfränkischen Christen kauften diese Sachen auf. Letztere blieben mit Erlaubnis von Saladin in ihren Häusern und entrichteten die Kopfsteuer.

Der Chronist Abu Sama:

Es wurden ... vier Priester zum Dienst in der Kumâme (
Grabeskirche) bestimmt, die von der Steuer befreit wurden.. Tausende von Christen blieben in der Stadt und ihrer Umgebung und gingen friedlichen Beschäftigungen nach.

Für die diese Lösung gab es auch außenpolitische Gründe. Der Kaiser in Konstantinopel hatte Saladin zu seinem Sieg gratuliert und um die Rückgabe der Grabeskirche gebeten. So bat nun wieder die orthodoxe Kirche die Pilger zur Kasse. Und auch, natürlich, der Statthalter Saladins.

Lateiner nehmen Flüchtlinge aus

Die Lateiner im Norden behandelten Flüchtlinge wenig brüderlich, jedenfalls laut Ernoul:

Die Leute von Tyros und Tripolis benahmen sich übler als die Sarazenen. Denn die Sarazenen führten sie in die Rettung, wie ihr es gehört habt, und spendeten ihnen große Mengen Proviant. Jene aber raubten sie aus und sperrten ihnen die Zuflucht ...

Ein Teil der Flüchtlinge harrte vor Tripolis aus, die anderen wurden erst in Antiochia eingelassen. Ernoul fährt fort:
Die Leute aus Askalon ... begaben sich nach Alexandria, wo sie im Land der Sarazenen besser empfangen wurden, als die anderen in Tripolis. Der Amtmann brachte sie unter ... und ehrenwerte Männer schenkten den Christen große Mengen Brot, Wein und Geld ... Im Hafen überwinterten achtunddreißig Schiffe von Pisanern, Venezianern und Genuesern ... bei denen die Flüchtlinge im März Überfahrten buchten.
Die Kapitäne wollen aber nur zahlende Passagiere an Bord nehmen. Daraufhin weigert sich der Amtmann, ihnen die bei der Hafenbehörde als Pfand hinterlegten Schiffsruder zurückzugeben.
Die Kapitäne ... waren nun bereit, sie an Bord zu nehmen

Saladins Truppe setzt sich ab

Sommer 1187 schwor König Guido, er wolle ganz friedlich ins Abendland abreisen, worauf Saladin ihn aus der Gefangenschaft entließ. Der Edelmann aber begab sich nach Tyros und ließ sich von einem Priester versichern, vor Heiden abgelegte Eide seien ungültig. Aber was ist das für ein König, der nicht einmal eine Stadt besitzt? Der Regent von Tyros, mithin sein Vasall, winkte ab. So blieb Guido nichts übrig, als eine Stadt zu erobern. Er stellte arbeitslose und aus Sizilien frisch eingetroffene milites Christi ein und zog mit ihnen im August 1187 nach Akkon. Saladin konnte die Belagerung nicht verhindern, weil sich die meisten Emire samt ihren Kriegern abgesetzt hatten, um sich Haus und Herd zu kümmern. Nach der Eroberung von Jerusalem ließ die Wirkung der Dschihad­-Parolen zwangsläufig nach. Imad ad-Din erklärt, warum Saladin auch den geplanten Feldzug nach Antiochia abblasen musste:

Der Sultan hätte sich gern gegen Antiochia gewendet, wenn er nicht die Ermüdung des Heeres, namentlich der fremden Kontingente, eine gewisse Lauheit für den Dschihad, sowie eine starke Sehnsucht nach der Heimat und nach der Ruhe in der Armee bemerkt hätte.

Weil Saladin es mit Jerusalem zu eilig gehabt hatte, hielten die Lateiner noch mehrere Territorien: Antiochia, Tripolis, Tortosa und Tyros. Und auf einer Landzunge vor Akkon hatte sich eine Belagerungsarmee festgesetzt.

Verschärfte Propaganda im Abendland

Die Nachrichten über die Ereignissen in Palästina trafen entweder schon gefälscht im Abendland ein, oder sie wurden sogleich zum Zwecke der Werbung für die nächste Expedition umgearbeitet. Der Tenor: die barbarischen Heiden überziehen das Königreich mit Feuer und Schwert. Ein Kölner Chronist:

Sie badeten im Blute der unseren ... Das heilige Grab ist geschlossen.

Die Ablass-Prediger warben, die Kirche mahnte, Sondersteuern wie der Saladin-Zehnte wurden eingezogen. Die drei mächtigsten Fürsten des Abendlandes nahmen das Kreuz: Kaiser Friedrich I. (Barbarossa), König Richard I. von England (Löwenherz) und König Philipp II. von Frankreich. Gedrängt von der erzeugten Stimmung und in der Verfolgung eigner Interessen wohl auch.
Kaiser und Könige auf Kreuzfahrt - erneute Blamage

Die Pilgerscharen des Kaisers und des französischen Königs schmolzen auf dem Landweg dahin. Friedrich ertrank in einem Flüsschen in Kleinasien, der Rest seiner Truppe verstreute sich. Philipp kam mit wenigen milites knapp davon. Richard hatte auch eine Buchung auf der Habenseite zu verzeichnen, in dem er zu Schiff unterwegs das oströmische Zypern der englischen Krone einverleibte. Als Feldherr brachte er Saladin in Bedrängnis, aber am Ende kam doch ein Unentschieden heraus. Nach zähen Verhandlungen sah sich Saladin allerdings gezwungen, der Übergabe von Akkon an die Lateiner zuzustimmen.
Das Licht ging fort

Saladin hielt sich an den Vertrag, den er mit Richard ausgehandelt hatte. Seine Truppen waren kriegsmüde, und er wahrscheinlich auch. Damit nahm er hin, dass die Kolonisten weiter einen schmalen Küstenstreifen zwischen Jaffa und Tyros und Antiochia besetzt hielten. Aber über Jerusalem wehte das Banner des Islam, Ägypten und Syrien waren vereint. Im Prinzip hatte Saladin die Fundamente für das Osmanische Reich gelegt. An manchen Winterabenden des Jahres 1192 lauschte die Sonne des Islam den philosophischen Debatten gelehrter Männer. Ende Februar erkrankte Saladin. Sein Sekretär Imad ad-Din beschreibt den Abend des 1. März 1193:
In der Nacht auf Sonntag traten wir in sein Zimmer als die Krankheit schon fortgeschritten war. Die Herzen verzagten, da wir das Unglück nahen sahen. So ging er aus der Wohnung der Vergänglichkeit ein in die Wohnung des Bleibens am Morgen des Mittwoch. Das Licht ging fort, und es wurde dunkel als seine Sonne erlosch.

Kreuzfahrer stürmen Konstantinopel Kreuzfahrer marodieren in Konstantinopel
Der scheinheiligste aller Kreuzzüge -es ging schlicht um die Eroberung Ostroms. Die mitreisenden Bischöfe erklärten die Bewohner Konstantinoples zu Feinden Gottes, und so wurden sie auch nach der Erstürmung behandelt. Plündern, Foltern, Niedermetzeln. Dann teilten die Anführer das Reich unter sich auf.
Die Eroberung Konstantinopels. Gemälde im Dogenpalast zu Venedig.
(31) Die finale Befreiung der Griechen

Kreuzzug nach Konstantinopel umgeleitet

Papst Innozenz III. erhöhte 1198 gleich nach seinem Amtsamtritt die Intensität der Werbung für einen neuen Feldzug zur Befreiung Jerusalems. In Frankreich nahmen etliche Barone das Kreuz, wollten aber die Spesen nicht selbst übernehmen. Da die im ganzen Abendland erhobenen Sonderabgaben schon bei der Eintreibung versickerten, verzögerte sich die Abreise. Schließlich erklärte sich die Republik Venedig bereit, den Transport mit ihren Schiffen zu übernehmen. Als die Barone mit ihrer Gefolgschaft in Venedig ankamen, eröffnete ihnen der Doge Dandolo, sie müssten entweder für die Überfahrt bezahlen, oder unterwegs einen Auftrag für die Republik erledigen. Die Barone zogen die kostenfreie Lösung vor und erstürmen unterwegs im November 1202 die adriatische Küstenstadt Zadar, wobei sie die katholischen Bewohner dem üblichen Verfahren unterzogen.

Christliche Brüder - nunmehr Feinde Gottes

Da wäre noch ein Auftrag, sagte dann der Doge, man müssen dem legitimen Anwärter auf den oströmischen Kaiserthron beistehen und daher in Konstantinopel Halt machen. Unterwegs klärten die Barone und der Doge ab, das mit dem Thronanwärter sei natürlich nur ein Vorwand und teilen per Vertrag das Oströmische Reich schon Mal unter sich auf. Die milites Christi stellten bei ihrer Ankunft vor Konstantinopel sofort den Kriegszustand her, aber die kaiserlichen Truppen leisteten trotz innenpolischer Wirren zunächst erfolgreich Widerstand. Vor dem Generalangriff ernannte die Geistlichkeit die Unternehmung zu einem Kreuzzug. Der Chronist Robert von Clari zitiert die Erklärung mehrerer mitreisender Bischöfe:

Dieser Krieg ist rechtmäßig, denn alle Griechen sind Verräter und Mörder und sie sind treulos, weil sie ihren rechtmäßigen Herrn ermordet haben und sie sind schlimmer als die Juden ... Allen, die am Angriff auf die Griechen teilnehmen, wird im Namen Gottes und des Papstes vergeben. Habt keine Angst, die Griechen anzugreifen, denn sie sind die Feinde Gottes.

Damit hatten die Griechen ihr Recht auf Eigentum und Leben verloren, und die Kreuzfahrer gingen dann auch nach dieser Devise vor. Robert von Clari zitiert aus der vorher getroffenen Vereinbarung:

Wenn der Kaiser ein Franzose sein sollte, sollte der Patriarch ein Venezianer sein ... Alle vom Heer mussten auf die heiligen Reliquien schwören, dass sie die Beute an Gold, Silber und neuen Kleidern zur gerechten Verteilung abliefern würden.

Am 9. April 1204 war es soweit. Und das hat sich nach der Überwindung der Mauern laut dem lateinischen Augenzeugen Gottfried von Villehardouin abgespielt:

Ihr hättet sehen sollen, wie die Griechen niedergemetzelt wurden, wie Pferde, Paraderosse, Maultiere und andere Reichtümer genommen wurden. Es gab so viele Tote und Verletzte, dass man sie nicht zählen konnte.

Der griechische Augenzeuge Nikitas Choniates:

Das Unheil kam über jedes Haupt. In den Gassen war Weinen und Jammern, die Strassen erfüllte Klagen und Geheul, aus den Kirchen ertönte Wehgeschrei. Männer seufzten, Frauen schrieen, überall wurden Menschen verschleppt, versklavt, gezerrt, aus den Armen ihrer Lieben gerissen ... Sie nahmen allen alles, Geld und Gut, Haus und Kleider und ließen die rechtsmäßigen Besitzer nichts mehr benutzen ... Die Feinde schwelgten und prassten und ließen sich zügellos gehen, besonders bei allem, was unsittlich ist und verspotteten rhomäische Einrichtungen. Sie zogen sich purpurgesäumte Gewänder an, bloß um diese lächerlich zu machen ... Viele setzten die von ihnen vergewaltigten Frauen auf ihr Pferd, darunter auch manche vornehme Frau, die in ihrem langen Gewand, entblößten Hauptes, die Haare zu einem Knoten im Nacken zusammengerafft, umhergeschleppt wurden, während ihre Frauenhaube mit dem dichten, weißen Haar über den Schädel des Pferdes gestülpt war. Den ganzen Tag schwärmten die Eroberer umher, tranken ungemischten Wein und fraßen.

Bittere Worte, lieb Abendland

Für Schulbücher besonders schlecht geeignet ist die Klage des griechischen Chronisten über Diskrepanz zwischen den Taten der Bekreuzten und ihrer Propaganda.

Ja, das waren die verständigen, weisen Männer, wofür sie sich hielten, die wahrheitsliebenden, treu die Eide bewahrenden Hasser alles Schlechten, das waren die Männer, die so viel frommer waren als wir, die elenden Griechen, so viel gerechter und genauer im Befolgen der Gebote Christi, das waren die Männer, die, was noch schwerer wiegt, das Kreuz auf ihren Schultern trugen, die oft auf dieses Kreuz und die Heilige Schrift den falschen Eid geschworen hatten, sie würden die Christenländer ohne Blutvergießen durchziehen, nicht nach links abweichen, nicht nach rechts abbiegen, weil sie nur gegen die Sarazenen ihre Hand gewaffnet hätten und ihr Schwert nur mit dem Blut der Zerstörer Jerusalems färben wollten. Das waren die Männer, die gelobt hatten, keine Frau zu berühren, solange sie das Kreuz auf ihren Schultern trügen, weil sie als Gott geweihte Schar im Dienst des Allerhöchsten zögen! Ja, als Schwätzer, als Verfertiger leerer Worte erwiesen sie sich in Wahrheit.

Das Land gehört den Rechtgläubigen

Im 13, Jahrhundert hatten die Verfertiger leerer Worte auch an anderen Fronten Gelegenheit, ihre Künste zu verfeinern. Die Werbung für Kreuzzüge und den Kauf von Ablassbriefen entwickelte sich zum festen Bestandteil kirchlicher Verlautbarungen. Wohin auch die milites Christi zum Erobern in Marsch gesetzt wurden, trugen sie das Kreuz auf den Schultern. Bei den Militäraktionen zur Kolonisierung des europäischen Ostens ging es offiziell um die Bekehrung der Slawen. Die Feldzüge der französischen Krone zur Unterwerfung der Grafschaft Toulouse zielten der Propaganda zur Folge auf die Ausrottung der verketzerten Katharer. Papst Innozenz III. verknüpfte in seinem Aufruf in guter Tradition das Heilige mit dem Nützlichen:

Widmet euch der Vernichtung der Häresie mit allen Mitteln, die Gott euch eingeben wird. Seit gewissenhafter als bei den Sarazenen, denn sie sind gefährlicher. Wenn der Graf von Toulouse ... der Kirche und Gott keine Genugtuung leistet, dann verjagt ihn und seine Mittäter aus den Zelten des Herrn. Nehmt ihm seine Ländereien, damit Rechtgläubige die vernichteten Häretiker ersetzen können.

Es bedurfte mehrerer Kreuzzüge. Die Kampagne verlief so furchtbar, wie von Innozenz angesagt. Die Scheiterhaufen brannten bis 1244. Ein paar Jahre später übernahm der Bruder des Königs die Herrschaft über die Grafschaft Toulouse.

(32) Die Türken vor Wien

Das Ende der Kolonien

Im Jahr 1250 beendete die mameluckische Leibgarde in Kairo gewaltsam die Herrschaft der Aiyubiden und erhob einen der ihren zum Sultan. Die neue Führung bewährte sich zunächst militärisch, in dem sie die Mongolen zum Rückzug zwang. Dann wandte sie sich den lateinischen Kolonien zu. Im Jahr 1265 fielen Caesarea und Arsuf, im Juli 1265 die Templerfestung Safed,, im März 1268 Jaffa. Die Bewohner wurden versklavt oder, sofern wehrhaft und männlichen Geschlechts, auch umgebracht. Sultan Baibars war nicht an der Nutznießung der Eroberungen gelegen, er wollte die Kolonien quasi ausradieren. Er ließ Festungen und Städte zerstören, so dass jeder Anreiz für eine Rückeroberung entfiel. Antiochia dagegen nahm der Sultan in Besitz, nachdem seine Männer bei der Erstürmung am 18 Mai 1268 in der für sie üblichen Manier vorgegangen waren. Nein, Saladin war kein Vorbild für die Mamelucken. Im Sommer 1270 reagierte König Ludwig IX. von Frankreich mit einem Kreuzzug. Doch wo ging sein Expeditionsheer an Land? Vor Tunis. Inwiefern das den verblieben Kolonisten in Palästina nützen sollte, ist völlig unerfindlich. Selbst Tunis kam ohne Schaden davon, weil der König im Lager vor Erschöpfung dahinschied und die Bekreuzten sich darauf hin einschifften. Im Abendland lief die Werbung für einen weiteren Kreuzzug auf Hochtouren, und das Publikum kaufte auch eifrig Ablassbriefe mit einem entsprechenden Vermerk, es ginge um Jerusalem. Was auch immer mit den Erlösen angestellt wurde, für ein Expeditionsheer hat es nicht mehr gereicht. Hilfreicher für die Restkolonien war ein erneuter Vorstoß der Mongolen, der Sultan Baibars bis zu seinem Tode beschäftigte. Seine Nachfolger gingen 1278 wieder in die Offensive und eroberten Laodicea und Tripolis.

Die letzte Bastion fällt

Im April 1291 brachten sie vor der noch immer sehr reichen und gut befestigten Stadt Akkon schwere Belagerungsmaschinen in Stellung und am 15. Mai zerbröselten die ersten Mauern. Die wenigen Schiffe im Hafen waren schnell überfüllt, sodass es am Kai zu sehr hässlichen Szenen kam. Drei Tage später drangen die Streiter für den Islam in die Stadt ein, metzelten alle nieder, die sich ihnen in den Weg stellten und versklavten die Zivilisten. Nach der Räumung der wenigen verblieben Stützpunkte durch die Kolonisten und der Schleifung aller Küstenstädte, lag das Königreich Jerusalem regelrecht in Trümmern und war somit in die in die Geschichte eingegangen.

Lateinisches Kaiserreich Episode

Das lateinische Kaiserreich im Osten schwächelte von Anfang an. Die meisten Pilger waren unter Mitnahme ihrer Beute abgereist, bevor alle Landesteile erobert waren. Ganze Bezirke von Konstantinopel lagen in Schutt und Asche. Die Staatkasse war notorisch leer. So hatte die Armee Ostroms relativ leichtes Spiel bei der Rückeroberung. 1261 zog Kaiser Michael VIII. auch in Konstantinopel ein, und die Lateiner packten die Koffer. Doch sie waren bei der Plünderung allzu gründlich vorgegangen.

Das Banner der Islam über Ostrom

Es lag ökonomisch und militärisch danieder und so trat 1453 die Situation ein, die Papst Urban zur Begründung des ersten Feldzugs beschworen hatte: Die Truppen des nunmehr osmanischen Sultans Mehmed II . gingen vor den Mauern Konstantinopels in Stellung. Papst Nikolaus V. hatte den Adel des Abendlandes vergeblich aufgerufen, den Brüdern in Christo beizustehen. Am 29. Mai waren die Verteidiger am Ende ihrer Kräfte. Die Streiter für den Islam hausten in Konstantinopel zunächst wie die milites Christi im Jahr 1204, aber nach ein paar Stunden gebot der Sultan ihnen Einhalt. Na ja, viel zu Plündern gab es ohnehin nicht mehr. Viele Feinde hatten das oströmische Reich zermürbt, jetzt existierte es nicht mehr. Aus dem Bildersaal deutscher Geschichte:

Seitdem die Türken im Jahre 1453 Konstantinopel erobert hatten, wurden sie Jahrhunderte lang eine ständige Gefahr für die abendländische Christenheit. Mit jugendlicher Volkskraft und mit der Glut religiösen Fanatismus suchten sie in einem wilden Eroberungslauf besonders nach den österreichischen Ländern fortzusetzen.

Das Osmanische Reich und Urbans Menetekel

1683 brachte Sultan Mohammed IV. 200.000 Mann vor den Mauern Wiens in Stellung. 60 Tage lang lebten die allerchristlichsten Bewohner in der Furcht, die Feinde Gottes kämen jeden Augenblick über sie, bis ein polnisches Entsatzheer die Invasoren zur Schlacht stellte und 10.000 von ihnen niederstreckte. Die abendländische Christenheit ließ ihre Glocken läuten und wandte sich dann wieder ihren internen Kriegen zu. Es reichte gerade noch zur Vertreibung der Türken aus Ungarn. Bilanz der Kreuzzüge: Über dem ehemals christlichen oströmischen Reich weht nun das Banner des Islam, von Ungarn bis Nordafrika. Papst Urban laut Fulcher im Jahr 1095:

Verjagt dieses verbrecherische Volk rechtzeitig vom unseren Ländern und steht den Christen bei.

Dumm gelaufen.

Das Abendland, unverzagt

Die Propaganda für die Kreuzzüge hatte eine folgenreiche Doktrin tief im abendländischen Bewusstsein hinterlassen: Heiden sind rechtlos, alles Land, das von ihnen bewohnt wird, gehört den wahren, sprich lateinischen Christen. Wo sie auch immer Heiden entdeckt wurden, gab es also keine Hemmungen. Und Gott fügte es, dass sie praktisch wehrlos waren.

Tainos auf Haitie Manche sind so verzweifelt, dass sie freiwillig aus dem Leben gehen. Andere zeugen keine Kinder mehr. Man sagt auch, manche nähmen Mittel, um die Frucht des Leibes abzutreiben, weil sie wissen, dass sie nur Sklaven der Christen werden ... Die Zahl der unglücklichen Einwohner Hispaniolas ist stark zurückgegangen. Viele berichten, es waren einst eine Million und zweihunderttausend. Ich schrecke zurück, den heutigen Stand anzugeben.

Pietro Martire, ein Freund von Kolumbus. Bild: De Bry, Amerikae 1590)
Kolumbus in Sevilla als Heiliger verehrt
Kolumbus wird in der Kathedrale von Sevilla wie ein Heiliger präsentiert.