Kinderkreuzzüge 1212. Kreuzzüge - children's-crusade croisade-des-entfants cruzada-de-los-ninos cruzada-infantil
Kinderkreuzzug 1212 -Wahrheit oder Legende?

Aus: Peter Milger: Geschichte der Kreuzzüge - History of the Crusades
Kinderkreuzzuege
Kreuzzugsstimmung. Kreuzzugschronik 15. Jahrhundert.
Seelenrettung und Paradiesverheißung

Sowie ein Papst zum Kreuzzug aufgerufen hatte, machten sich Prediger ans Werk. Die Ausmalung der angeblich von Muslimen begangenen Gräueltaten brachten die Gemüter in Wallung, die Rede von den Reichtümern des Orients erweckten Begierden, die Versprechungen der Seelenrettung durch Vergebung der Sünden war geeignet, die Zuhörer in eine abgehobene Stimmung zu versetzen. In Texten, die offensichtlich als Vorlagen für Prediger dienten, wird das Land wo Milch und Honig fließen, also quasi der Zugang zum Paradies als Belohnung versprochen.. Und zwar vor allen jenen, die beim Kampf gegen die Ungläubigen ihr Leben lassen würden. Es gibt also nicht nur im Islam konkrete Angebote für Glaubenskämpfer, die bereit sind, sich aufzuopfern. Natürlich kam es für die prinzipiell lustfeindliche Kirche nicht in Frage, mit 72 Jungfrauen als Belohnung zu winken (in Worten zweiundsiebzig, nach der Überlieferung des Abu Musa). Streng theologisch gesehen, hätten die Prieser das Jenseits betreffend keine konkreten Versprechungen machen dürfen. Da es kirchenpolitisch nützlich und einträglich war, haben die Päpste es aber geduldet. Damals hätte niemand die Frage beantworten können: Was ist ein Kinderkreuzzug? Das Wort Kreuzzug war noch nicht in Gebrauch. Kein schreibender Augenzeuge merkt an, er habe bewaffnete Kinder umherschweifen sehen oder gar in der Schlacht gesichtet. Ein Halbwüchsiger war ja auch nicht in der Lage, mit Schwert oder Lanze gegen Erwachsene vorzugehen. Mit Maschinenpistolen geht das, und so müssen wir heute beobachten, dass es Menschen gibt, die Kindersoldaten ins Gemetzel schicken. Nicht nur in Afrika. Die kaiserliche Heeresleitung hat 16-Jährige Gymnasiasten (sogenannte Einjährige) auf den Schlachtfeldern bei Flandern im Maschinengewehrfeuer verbluten lassen. Und die Heeresleitung im 3. Reich hat es zugelassen, dass Hitler 14jährige für sein letztes Aufgebot rekrutieren ließ. Der Führer und seine Propagandisten haben den Krieg übrigens zunehmend als Glaubenskrieg ausgegeben, mit Unterstützung von kirchlicher Seite. Siehe auch
http://ibka.org/artikel/militaer.html
Koppel-
schlösser Weltkriege.


Adolf Hitler zeichnet
Angehörige
des Volks-
sturms
aus.
Kindersoldaten

Kinderkreuzzüge oder bekreuzte Kinder?

Papst Innozenz III. ruft auch nach dem Kreuzzug gegen das christliche Ostrom weiter zur bewaffneten Walfahrt gen Jerusalem auf. Der Appell und die anschließende Predigt richtet sich nicht nur an Kaiser und Könige, sondern an alle. Die permanente Mobilmachung füllt die Kirchen und fördert die Spendenbereitschaft. Schwärmerische Stimmungen sind die Folge. Die dritte Fortsetzung der Kölner Königschronik meldet zum Jahr 1212:

In diesem Jahr bezeichneten sich aus ganz Frankreich und Deutschland Knaben verschiedenen Alters und Standes mit dem Kreuz und erklärten, es sei ihnen von Gott aufgetragen zur Unterstützung des heiligen Lande nach Jerusalem zu ziehen. Nach ihrem Beispiel nahm eine Menge von Jünglingen und Frauen das Kreuz und verlangten, mit ihnen zuziehen. Auch einige schlechte Menschen mischten sich unter sie, und was jene mit sich genommen hatten und was sie täglich von den Gläubigen empfingen, unterschlugen diese heimlich und in nichtswürdiger Weise und machten sich mit dem gesammelten Geld heimlich davon. Einer von diesen wurde in Köln ergriffen und seines Lebens durch den Strang beraubt. Von jenen aber gingen viele in Wäldern und Einöden durch Hitze, Hunger und Durst zu Grunde. An der wurden sobald sie die Alpen überschritten hatten und Italien betraten von den Lombarden beraubt und zu rückgejagt und kehrten mit Schande heim.

Kinder in den Krieg geschickt?

Die Bezeichnung Kinderkreuzzüge hat dazu geführt, dass dieser schwärmerische Pilgerzug heute als besonders verwerflich angesehen wird. Dabei ist zu bedenken, dass ein achtjähriger Junge im Jahr1212 sicher genau so erwachsen war, wie ein siebzehnjähriger Oberschüler, der 1916 für Gott, Kaiser und Vaterland vor Verdun verblutete. Eine unbeschwerte Kindheit und Jugend gibt es erst seit der Abschaffung der Kinderarbeit in den industrialisierten Ländern. In der zweiten Fortsetzung der Kölner Königschronik wird registriert, dass einige Knaben vor ihrem Aufbruch gearbeitet haben.

Um Ostern und Pfingsten haben aus Deutschland und Frankreich ohne irgend einen Antrieb oder eine Predigt, man weiß nicht von welchem Geist getrieben, viele tausend Knaben von sechs Jahren bis zum Mannesalter, gegen den Willen ihrer Eltern, Verwandten und Freunde ... das Kreuz genommen. Einige verließen die Pflüge und Wagen, welche sie führten, andere das Vieh, welches sie hüteten, oder was sie sonst unter den Händen hatten und liefen plötzlich einer dem anderen nach. So begannen sie zu zwanzig, fünfzig oder hundert mit aufgerichteten Banner nach Jerusalem zu ziehen.

In den folgenden Jahrzehnten füllen die Chronisten die knappen Meldungen der Augenzeugen mit legendären Stoffen auf. Der Chronist Alberich von Troisfontaines berichtet zum Beispiel in seiner Kompilation ausführlich über einen französischen Kinderkreuzzug: Ein junger Schafhirte namens Stephan zieht in der Umgebung von Paris von Dorf zu Dorf und fordert mit dem Ruf Herr Gott, erhöhe die Christenheit andere auf, ihnen zu folgen. Schließlich ziehen dreißigtausend junge Pilger nach Marseille. Zwei Kaufleute erklären sich bereit, sie unentgeltlich nach Palästina zu bringen. Zwei der sieben Schiffe mit den jungen Pilgern an Bord versinken bei Sardinien, die anderen landen in Bugia (Algerien) und Alexandria. Die Fracht wird auf den muslimischen Sklavenmärkten angeboten. Der Kalif soll allein vierhundert Priester gekauft haben.

Legende?

Dana C. Munro hat an Hand zahlreicher Stadtchroniken, die in der Regel von Augenzeugen verfasst worden sind, den Hintergrund der Darstellungen aufgedeckt. Demnach zogen im Jahr1212 in Nordfrankreich Prozessionen durch Dörfer und Städte, die von einem Hirten namens Stephan angeführt wurden. Jungen und Mädchen, aber auch Erwachsene, trugen Fahnen und Kerzen, schwangen Kreuze und Weihrauchfässer und riefen: Herr Gott, erhöhe die Christenheit, Herr Gott, gib uns das Wahre Kreuz zurück. Papst Innozenz hatte solche Bittgänge für die Befreiung Jerusalems angeordnet. Die Teilnehmer haben sich wahrscheinlich nicht als Jerusalempilger verstanden, jedenfalls ist von einem Gelübde keine Rede. Die junge Gefolgschaft des Hirten Stephan wurde schließlich von den Behörden zur Heimkehr gezwungen. Für einen Pilgerzug von Paris nach Marseille hat Dana C. Munro in Stadtchroniken keinen Beleg gefunden. Der französische Kinderkreuzzug ist offensichtlich eine Legende.

Pilgerzug nach Genua

Die Berichte der Kölner Chronik über einem deutschen Pilgerzug werden dagegen auch von italienischen Quellen belegt. Die Teilnehmer haben sich offenbar als Jerusalempilger betrachtet. Die zweite Fortsetzung der Kölner Chronik:

Sie wurden nun von vielen gefragt, auf wessen Rat ... sie sich auf den Weg begeben hätten, zumal vor wenigen Jahren viele Könige, sehr viele Fürsten und unzählige Volksscharen mit starker Hand dorthin gekommen, aber ohne Erfolg heimgekehrt wären. Sie ... sagten ihnen auch, dass sie in ihrem kindlichen Alter noch nicht die Kraft hätten, etwas auszurichten, und dass deshalb diese Sache töricht und ohne Überlegung unternommen wäre. Sie antworteten kurz, dass sie darin dem göttlichem Willen gehorchten und deshalb mit willigem und freudigem Geiste alles ertragen wollten, was Gott über sie verhängen werde.

Es handelte sich wahrscheinlich um einen Pilgerzug mit relativ vielen jungen Teilnehmern. Als Anführer wird ein Junge unbestimmten Alters aus Köln namens Nikolaus angegeben. Als Teilnehmer melden die Quellen Jungen und Mädchen, Erwachsene und sogar Frauen mit Säuglingen. Im August 1212 kam der Zug in Genua an. Eine Quelle spricht von sieben Tausend Pilgern, andere sprechen von einer großen Anzahl. Der Chronist Sicardus behauptet, sie hätten geglaubt, das Meer würde sich vor ihnen öffnen und sie könnten das Heilige Land zu Fuß erreichen. Niemand dachte daran, den Pilgern Schiffe zur Verfügung zu stellen. Die Nachrichten über ihr Schicksal sind ungenau und widersprüchlich. Die zweite Fortsetzung der Kölner Chronik meldet:

So zogen sie eine Strecke Wegs vorwärts, einige kehrten in Mainz, andere in Piacenza andere in Rom um, andere aber kamen nach Marseille. Ob diese übergesetzt sind oder nicht, und was ihr Ende gewesen sei, das hält man für ungewiss. Es steht nur fest, dass von vielen Tausenden, die ausgezogen waren, nur wenige heimgekehrt sind.

Die Marbacher Analan melden:

Diejenigen, die einstmals singend ausgezogen sind, kommen nun einsam und still, barfuß und hungrig zurück, verlacht von allen, einige der Mädchen mit Gewalt entjungfert und schwanger.
.
In den Annalen von Stade ist eine Reaktion von Papst Innozenz vermerkt. Er soll geäußert haben:

Diese Knaben beschämen uns, Sie ziehen aus, um das Heilige Land zu erobern, während wir schlafen.

Hippies?

Hans Jurt, Luzern, vergleicht die Pilgerzüge der Jugendlichen aus Bauernfamilien mit den Jugendbewegungen und Protestbewegungen der jüngsten Geschichte.
www.hansjurt.ch/text/Kinderkreuzzug1.htm

Profitable Mobilmachung

Auf dem Laterankonzil im November 1215 bereitet Papst Innozenz einen Kreuzzug unter der Führung der Kirche vor. Eine Reihe von Dekreten regelt die Geldabschöpfung. Die Geistlichkeit muss fünf Prozent ihres Einkommens abführen. Das Konzil verspricht allen den vollständigen Ablass, die einen Kreuzfahrer auf ihre Kosten entsenden. Damit sind die kirchenrechtlichen Fundamente für den blühenden Ablasshandel gelegt, der die Reformation auslösen wird. Der nächste Schritt wird die Ablösung eines Kreuzzuggelübdes durch eine Zahlung an die Kirche sein. Eine Behörde regelt die Organisation von Kreuzpredigten und Prozessionen, die Aufstellung von Opferstöcken und die Erhebung von Kreuzzugssteuern. Weltliche Herren, die das Kreuzzugsgelübde abgelegt hatten, durften bald ebenfalls Kreuzzugssteuern erheben.

Machterhalt und Welteroberung

Von nun ab wird praktisch jeder Feldzug, der den Interessen der Kirche dient, als Kreuzzug geführt. Mehrere Landeoperationen weltlicher Herren in Nordafrika sollen offiziell noch immer der Rückeroberung Jerusalems dienen. Die Kolonisierung im Osten durch den Deutschen Ritterorden beginnt als Kreuzzug. Für die Beteiligung an Feldzügen gegen aufständische Bauern (Stedinger, siehe weiter unten), gegen sogenannte Häretiker, gegen ungehorsame Landesherren und Kaiser sowie gegen schismatische Päpste werden die Kreuzzugsprivilegien gewährt. Im 15. Jahrhundert fangen Portugiesen entlang der Küste Westafrikas Sklaven im Rahmen eines Kreuzzuges. Die Lenker der katholischen Christenheit entwickeln eine fundamentalistische Ideologie: Die Welt ist erst dann wirklich gut und von allem Bösen befreit, wenn sie ausschließlich von rechtgläubigen Katholiken bewohnt sein wird. Beim Feldzug gegen die Katharer hatte Papst Innozenz die Parole ausgegeben:

Nehmt dem Grafen von Toulouse die Ländereien weg, damit katholische Einwohner die vernichteten Häretiker ersetzen können ...

Europa schickt sich an, die Welt zu erobern. Die Kirche erklärte alle, die dabei im Weg standen, zu Feinden Gottes, womit sie ihr Recht auf Eigentum und Leben verwirkt hatten. Es geht um Kolonisierung, aber die Rede ist weiter von der Befreiung Jerusalems oder der Verbreitung des Christentums. Die propagandistische Verknüpfung der eigenen hohen Ideale mit Feindbildern wird Schule machen. Verbreitung der Zivilisation, Verbreitung ...
Wandernde Möche als Kreuzzugsprediger. Miniatur 15. Jahrhundert.
Wollte die Kirche einen Kinderkreuzzug?

Die Prediger wollten in der Regel ihre Zuhörer nicht zur Teilnahme an einem Feldzug gegen die Ungläubigen, Feinde Gottes, Schänder der Grabeskirche etc. aufforden. Sie boten ein Geschäft an: Wer den Kreuzzug finanziell unterstützt, kommt ebenso in den Genuss der Sündenvergebung wie die Kreuzfahrer. Die Kirche war an derlei guten Werken, vulgo Geldopfern natürlich interessiert, nicht aber an der Teilnahme vom gemeinen Volk , also Bauern und Handwerkern. ( Wegen des kathastrophalen Ausgangs des Volkskreuzzuges im Jahr 1096). Herumziehende schwärmerische Pilgerscharen waren dem höheren Klerus auch nicht recht, weil die Eiferer hoch anfällig für häretische, vulgo ketzerische Ideen waren. Wenn sie als Reiseziel Jerusalem angaben, so es so aus, als haben die Kirche etwas veranlasst, was für jeden, der bei Sinnen war, zum Scheitern verurteilt war. Und zwar elendig und zum Schaden der Kreuzzugsidee. Ergo: Nichts spricht dafür, die Kirche habe einen Kinderkreuzzug gewollt oder initiert. Dass sehr junge Menschen eine märchenhafte Vorstellung vom Paradies hatten und es verlockend fanden, der alltäglichen Unbill zu entrinnen, ist allerdings wahrscheinlich.
Kreuzzug gegen den Aufstand der Stedinger Bauern