Kirche und Politik im zerfallenden Römischen Reich im Vorfeld der Kreuzzüge
Feldzüge gegen Ostrom (Byzanz) im Auftrag des Papstes vor 1095 HIER Hauptseite Kreuzzüge HIER
Glaubensdissens führt zum Krieg. Anno 325: Glaubensbekenntnis (Symbolum) soll Einheit herstellen. Das sogenannte Schisma (Kirchenspaltung) von 1054. Erste machtpolitische Anwendung der (gefälschten) Konstantinischen Schenkung.

Der wahre Glaube und Realpolitik

Im 3. Jahrhundert nahmen im Römischen Reich die Anzahl der Christusgläubigen sowie der Einfluss und das Vermögen kirchlicher Amtsinhaber rasant zu. Auf Konzilien wurde ein Glaubensbekenntnis (Symbolum) formuliert, um Spaltungen zu verhindern: Abweichende Texte galten als häretisch (ketzerisch), die Verbreitung war strafbar. Der Vorwurf einer Häresie wurde gern politisch benutzt, um etwa Mitbewerber um einen Bischofssitz auszuschalten. Anfang des 4. Jahrhunderts eskalierte der Streit um das Wesen Jesu. Kernsatz der orthodoxe Partei: Christus ist Gott WESENSGLEICH. Der Theologe Arius und seine Anhänger wollen nicht ganz so weit gehen. Ihr Credo: Christus ist Gott WESENSÄHNLICH. Es gab also zwei Bekenntnisse, was prompt zu Spaltung der Kirche führte (Schisma). Orthodoxe und arianische Kleriker und die von ihnen mobilisierten Anhänger zogen sogar bewaffnet gegeneinander ins Feld, wenn etwa Bischofssitze zur Disposition standen. Kurz: Eine theologische Auseinandersetzung diente als Vorwand für gewaltsame Angriffe. Ähnlich begründen in der neueren Neuzeit Politiker und Medien militärisches Eingreifen mit einem Defizit an demokratischen und anderen Werten; und zwar nicht im eigenen Land sondern beim ins Auge gefassten Gegner.

Friedenstiftende Zwangsschlichtung

Da der Bürgerkrieg ruinöse Formen annahm, zwang Kaiser Konstantin die Kirchenoberen zur Vernunft. Auf einem Konzil in Nicaea im Jahr 325 verwies er die arianischen Bischöfe des Saals und setzte ein mit Klerikern abgesprochenes Glaubensbekenntnis durch. Es war für alle Christen verbindlich und besagte im Wesentlichen auch wenn nicht sehr logisch: Jesus Christus war von Anfang an Gott und mit Gott WESENSGLEICH. Zentrale Aussage zum dritten Wesen der Trinität: Wir glauben an den Heiligen Geist... der aus DEM VATER hervorgeht. Machthabende und Klerus in Ost- und Westrom konnten trotzdem nur mit Mühe den Arianismus zurückzudrängen (1).

Das Symbolum eint

Das Symbolum von Nicaea verhinderte rund 700 Jahre lang eine tiefere Spaltung der Kirche, obwohl sich Riten und Theologie in Ost und West auseinander entwickelten. Verwaltungszentren waren die Patriarchate in Konstantinopel, Rom, Alexandria, Antiochia und Jerusalem. Die Städte Rom und Konstantinopel befanden, ihnen käme jeweils der erste Rang zu, die Amtsträger vertraten ihre Standpunkte aber nicht offensiv. Wenn ein neuer Patriarch seinen Dienst antrat, sandte er den vier anderen eine Stellungnahme zum Glauben. Man lud sich gegenseitig zu Kirchenversammlungen ein. In jedem Patriarchat gab es eine Liste, in der die anderen Patriarchen aufgeführt und damit anerkannt wurden. Auch wenn es Streit gab, sah man sich weiter unter dem Dach einer gemeinsamen Kirche (Communio).

Auseinandergelebt: Dissens bei der Rangfolge und rituellen Gebräuchen

Im Selbstverständnis Ostroms rangiert Konstantinopel als Amtssitz des Kaisers und des Patriarchen vor Rom. Dagegen die Sicht der Päpste: Den Vorrang hat die Stadt Rom. Begründung: Der Apostel Petrus gründete im Auftrag Jesu als erster Bischof von Rom die Heilige Römische Kirche. Die Bischöfe von Rom sind seine Nachfolger und Bewahrer des wahren Glaubens. Daraus folgt das Primat, die Oberherrschaft über diese Kirche aller Christen. Abweichungen im Kult betreffen etwa das Brot (gesäuert Ost) und den Wein (verwässert Ost) beim Abendmahl, das Zölibat (weniger streng Ost) den Bildgebrauch, das Fasten und anderes mehr. Bei gelegentlichen Unionsverhandlungen geht es in der Regel um diese Abweichungen.

1013 bis 1053: Der Heilige Geist spaltet - Abgrenzung ohne reale Wirkung

Um 1013 änderte Papst Benedikt VII. das Glaubensbekenntnis, in dem er das Wort FILIOQUE einfügte. Wir glauben an den Heiligen Geist... der aus DEM VATER und DEM SOHN hervorgeht. Die Gründe waren wohl innenpolitischer Natur. In Teilen des Reichs wurde der Glaube schon lange mit dem FILOQUE bekannt. Dass Benedikt damit die Communio aufkündigen wollte, ist unwahrscheinlich. Ob damit ein schwerwiegendes Schisma vorlag, ist strittig. Wann und wie der Alleingang in Konstantinopel wahrgenommen wurde, ist wegen der dürftigen Quellenlage ebenfalls strittig. In seinem Buch Die Spaltung der Christenheit kommt Axel Bayer, zu diesem Befund:

Papst Sergius übersandte eine Inthronistika mit dem Zusatz „filioque" in. der Glaubensdarlegung an den gleichnamigen Patriarchen von Konstantinopel ... eine Synode verweigerte dem neuen Inhaber des Stuhls Petri die Communio. Die Tilgung des Papstnamens drückte diesen Entscheid aus (2).

Jedenfalls war nun für jede Seite das Symbolum der anderen im Prinzip eine Häresie. Direkte realpolitische Auswirkungen lassen sich aber nicht erkennen. Beim Interessenkonflikt geht es nicht um Geistwesen, sondern um irdisch Gut, nämlich die oströmischen Territorien und Bistümer in Süditalien.

Papst Leo verweigert Ostrom militärischen Beistand

Anno 1051. Normannische Adlige sind dabei, ihren Herrschaftsbereich in Süditalien mit Waffengewalt zu vergrößern und zwar vor allem auf Kosten oströmischer Gebiete. Der Reformpapst Leo IX. sieht die normannische Landnahme offenbar zwiespältig. Einerseits trifft sie ihn selbst, andererseits könnte sich ein Ende oströmischer Herrschaft in Italien zu seinen Gunsten auswirken. Jedenfalls verweigert der Papst den vom Statthalter Ostroms geforderten militärischen Beistand. Dessen Heer erleidet darauf hin eine Niederlage gegen die Normannen, aber die Verluste sind nicht kriegsentscheidend. Anfang 1053 kann Papst Leo IX. ein Heer aufbieten und verabredet mit dem Statthalter Ostroms einen Feldzug gegen die Normannen. Bevor sich die beiden Aufgebote vereinigen können, wird das des Papstes von den Normannen bei Civitate am 18. Juni angegriffen und besiegt. Einer ihrer Anführer ist der Gewohnheitseroberer Robert Guiscard. Leo musste die Eroberungen der Normannenführer legalisieren, als Landesherren werden sie seine Vasallen.

Ideologische Offensive

Der oströmische Bischof Leon de Archida sendet Anfang 1053 ein Traktat an einen lateinischen Kollegen mit der Bitte, ihn per Kopien an die italienischen Bischöfe weiterzuleiten. Darin legt er weitschweifig dar, die Verwendung von ungesäuertem Brot beim Abendmahl sei unchristlich und mahnt eine Rückkehr zum gemeinsamen Glauben an.

Der Gegenschlag

Ein von Papst Leo IX unterzeichneter Brief geht mit Vehemenz auf die Vorwürfe ein. (als Verfasser oder Miautor gilt Kardinal Humbert von Silva Candia). Gerichtet ist er an die Bischöfe Michael von Konstantinopel und Leon von Archida. Hauptvorwurf: Es sei anmaßend, die lateinische Kirche ohne Anhörung zu öffentlich dafür verurteilen, dass sie es wage, das Gedächtnis des Herrn mit ungesäuertem Brot (Azymen) zu feiern. In Rom liegen anscheinend Berichte vor, nach denen in Konstantinopel lateinische Kirchen geschlossen wurden. Jedenfalls wird in der Antwort festgestellt, die römische Kirche sei gekränkt ...

weil ihr mittels Bannspruch und Schlägen versucht, (anathemate et flagellis) ihre Lämmer von ihr zu trennen ... ihr habt alle bei euch befindlichen lateinischen Kirchen geschlossen und habt den Mönchen ihre Klöster weggenommen, weil sie nach euren Regeln leben sollen.

Feinsinnige theologische Erwägungen zu den Gebräuchen fehlen, dafür werden reihenweise Argumente aufgeführt, die einen Vorrang der römischen Kirche gegen über den anderen belegen sollen. Dazu wird eine Urkunde zitiert, die Kaiser Konstantin der Große im 4. Jahrhundert ausgestellt haben soll - die berühmt & berüchtigte Konstantinische Schenkung.

Das größte Geschenk aller Zeiten

Diese Übertragung an das Papsttum umfasst unter anderem alles Land im Westen des römischen Reichs, dazu Schätze und Privilegien aller Art. Der Wert ist so gigantisch, dass der Verdacht nahe liegt, hier habe jemand pro domo gefälscht. Trotzdem wurde der Text erst im Vorfeld der Reformation als Fälschung entlarvt (kein Original, falsches Latein, Text taucht erst im 9. Jahrhundert auf). Nun erfolgt die erste realpolitische Verwendung von Auszügen. Kaiser Konstantin übergibt demnach sowohl seinen Palast ...

als auch die Stadt Rom und ganz Italiens oder der westlichen Regionen Provinzen, Orte und Städte dem berühmten seligsten Priester, unseren Vater Silvester, dem allgemeinen Papst ... und den Nachfolgern desselben ...

und räumt der heiligen römischen Kirche entsprechende Rechte ein. Permansura - immerwährend. Das habe er mit festem kaiserlichen Urteil auf göttlichen Befehl und durch tatsächliche Verordnung entschieden.

Zuspitzung: Der Eklat von 1054

Die Zitierung in einer Stellungnahme eines Papstes macht die „Schenkung" zu einem amtlichen Dokument. Die römische Kirche wird von nun darauf beharren, alles Land im Westen des Reichs gehöre dem Papst und damit sei er dort auch weltlicher Oberherr und alle Fürsten seine Vasallen. Das hieß, wenn ganz Italien dem Papst gehört, gehören ihm auch die oströmischen Territorien in Süditalien. Eine Kriegserklärung also. Das hielt Papst Leo wahrscheinlich davon ab, das Schreiben abzuschicken. Dafür spricht, dass der Papst eine Delegation nach Konstantinopel entsandte, um dort seine Forderungen für ein Zusammengehen vorzulegen. Leo ließ sich durch Humbert von Silva vertreten, Autor oder Mitautor des Schreibens. Hat er es zur Richtlinie beim den Verhandlungen gemacht? Hat die Gegenseite entsprechend hart reagiert? Sieht so aus. Während der Kaiser für ein Bündnis gegen die Normannen eintrat, zerstritten sich die Kleriker beider Seiten heillos und bedachten sich gegenseitig mit beleidigenden Traktaten. Reclams Lexikon der Päpste (3) fasst die Ereignisse so zusammen::

Im Januar 1054 schickte Leo ... eine von Humbert geleitete Delegation nach Konstantinopel. Auf Grund der unnachgiebigen Haltung beider Verhandlungspartner erwies sich die Mission als verheerender Fehlschlag. Humbert legte vor den Augen der versammelten Gemeinde eine Bulle auf den Hochaltar der Hagia Sophia, mit welcher der Patriarch mit seiner Gefolgschaft exkommuniziert wurden (16.07.1054).

Die dramatische Szene in der Kirche folgt dem Bericht Humberts. Der Vorwurf der Häresie in seinem Bannspruch richtet sich nicht nur gegen die Gebannten:

Wer dem Glauben des heiligen römischen und apostolischen Stuhls sowie seinem Abendmahlopfer penetrant widerspricht, sei gebannt ... man soll ihn nicht für einen katholischen Christen halten, sondern einen Ketzer ... (Prozymita haereticus) so sei es, so sei es, so sei es (fiat, fiat, fiat)

Da die orthodoxe Kirche an ihrer Abendmahlspraxis festhielt, war sie damit insgesamt als häretisch abgestempelt. Dass der Kardinal dazu autorisiert war, ist unwahrscheinlich. Kein Papst und kein Konzil hat den Bann des Kardinals nachträglich bestätigt oder widerrufen. Papst Leo war am 19. April gestorben. Der Vorwurf der Häresie blieb also in der Schwebe und er wird aufgegriffen werden. Historiker, die dazu neigen, in der Geschichte Zäsuren aufzuspüren, haben den Vorgang als großes Schisma beschrieben. Nüchtern betrachtet war der verbale Schlagabtausch in Konstantinopel im Jahr 1054 Ausdruck eines realen Schismas, das sich kontinuierlich entwickelt hatte. Patriarch Kerullarios sah jedenfalls keine Zäsur in den Beziehungen zum Papsttum. Er bannt im Gegenzug nur den Kardinal und sein Gefolge.

(1) In den Patriarchaten von Alexandria, Antiochia und Jerusalem führten arianische Strömungen zu Bildung von Kirchen, die von der Orthodoxie abwichen.. (Armenische Kirche, Koptische Kirche u.a.m.) In Westrom bekannten sich etwa westgotische Anführer und Bischöfe zur arianischen Lehre Sie wurden von katholischen Franken und Arabern gewaltsam „bekehrt".

(2) Böhlau Verlag, Köln 2002, S. 41

(3) Reclams Lexikon der Päpste, J. N.D. Kelly, Stuttgart 1988, S. 165
Das Konzil von Nicaea 325. Unter Vorsitz non Kaiser Konstantin
Rechts oben: Arianische Bischöfe werden verhaftet
Auf Anweisung des Konzils läßt Kaiser Konstantin Schriften der Arianer verbrennen
Von Päpsten veranlasste Militäroperationen gegen Ostrom (Byzanz) im Vorfeld des ersten Kreuzzugs und danach
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