Zweiter Kreuzzug Vorgeschichte (2. Kreuzzug)

Die lateinischen Kolonien und ihre Nachbarn im Nahen Osten bis zum Fall der Grafschaft Edessa 1144

DAS KÖNIGREICH JERUSALEM

Fast ein Feudalstaat nach abendländischem Muster. König Balduin II. regierte fast zwanzig Jahre lang das Königreich Jerusalem, er ist der eigentliche Gründer dieses Kreuzfahrerstaates. Durch die Eroberung und den Ausbau der Hafenstädte hatte sich die wirtschaftliche Situation stabilisiert. und die Verträge mit Damaskus hatten ein militärisches Gleichgewicht herbeigeführt. Für die Gesetzgebung diente das europäische Feudalrecht als Vorlage, es wurde aber den besonderen Bedingungen eines Kolonialstaates angepasst. Die königliche Kanzlei teilte den Grundbesitz und die Rechte zur Abgabenerhebung unter den Feudalherren, der Kirche und den Handelskolonien auf. Schwierig blieb die Lage in Jerusalem selbst. Viele Kreuzfahrer hatten ihre Häuser verlassen und waren nach Europa heimgekehrt. Es ergeht ein Gesetz, das die Eigentumsrechte nach einem Jahr Abwesenheit erlöschen lässt. Trotzdem konnte Balduin im Jahr 1118 einen Feldzug gegen Ägypten unternehmen. Im Nildelta erkrankt er und stirbt auf dem Rückweg. Wie üblich gibt es mehrere Anwärter auf den Thron. Eine der streitenden Parteien schickt Gesandte nach Europa, die den Grafen Eustachius von Boulogne, einen Bruder Balduins, überreden, die Krone anzunehmen. Eine andere Gruppe nutzt die Abwesenheit der Delegation und wählt Balduin von Burg zum König. Balduin ist ebenfalls mit dem verstorbenen König verwandt und hat bei der Verwaltung der Grafschaft Edessa Erfahrungen sammeln können. In Apulien erfährt Eustachius, dass schon ein anderer zum König gewählt worden ist. Der wohlhabende Graf verspürt keine Neigung, sich in die Händel der Barone des Königreichs verwickeln zu lassen und zieht seine Bewerbung zurück. Im Jahr 1119 nimmt der Druck auf die nordsyrischen Kreuzfahrerstaaten zu. Im Fürstentum Antiochia herrscht nach Tankreds Tod Roger vom Prinzipat. Der neue König, Balduin II. eilt mit den Truppen des Königreichs nach Norden, kommt aber zu spät. Il-Ghazi, der Regent von Aleppo, greift mit überlegenen Kräften das Aufgebot des Fürstentums Antiochia an und behält die Oberhand. Roger vom Prinzipat fällt in der Schlacht. Die Sieger metzeln alle Gefangenen nieder. Balduin trifft ein, bevor Il-Ghazi Antiochia erobern kann. Er übernimmt die Regentschaft von Antiochia für den unmündigen Sohn Bohemunds. Seine Position als König von Jerusalem ist nun gestärkt. Ende 1119 wird in Bethlehem die Krönung nachgeholt. Die Kirche ließ sich ihren Segen reich honorieren: Ein Jahr später setzt sie auf einem Konzil ihre ungeteilte Verfügung über den Kirchenzehnten durch und greift in die Gesetzgebung ein.

TYROS ERGIBT SICH, KÖNIG BALDUIN IN GEFANGENSCHAFT

Zwei bedeutende Hafenstädte befinden sich noch in der Hand der Ägypter (Fatimiden): Tyrus und Askalon. Der König wendet sich an Venedig, da eine Belagerung ohne Seestreitkräfte aussichtslos erscheint. Allerdings wird der König bei einer Reise nach Edessa im Jahr 1123 gefangengenommen. Als die Flotte aus Venedig eintrifft, nimmt der Vertreter des Königs die Kapitäne unter Vertrag. Durch das Los wird entschieden, die Stadt Tyrus anzugreifen. Um Ritter und Fußsoldaten zu bezahlen, leihen sich Adel und Kirche bei den Venezianern Geld. Als Sicherheit verpfänden sie Wertgegenstände aus der Grabeskirche. Die Land- und Seeblockade von Tyrus beginnt im Februar 1124. Die ägyptische Garnison kann die Stadt einige Monate lang halten, dann muss sie kapitulieren. Die Verteidiger und die muslimischen Bewohner können unbehelligt mit ihrer tragbaren Habe abziehen. Muslims, die in der Stadt bleiben wollen, wird Rechtssicherheit gewährt. Nach Wilhelm von Tyrus reagieren die besoldeten Truppen mit Verbitterung auf das Plünderungsverbot.

VENEDIG IM AUFSCHWUNG

Den größten Zugewinn haben die Venezianer zu verzeichnen. Ihr Anführer hatte dem Vertreter des Königs harte Bedingungen diktiert. Wilhelm von Tyrus zitiert die Vertragsklauseln. Die wichtigsten Privilegien lauten:

In allen Städten... sollen die Venezianer eine Kirche, eine ganze Straße, einen Platz oder Badestube und einen Backofen, zu erblichem und immerwährendem Rechte und ohne Belastung besitzen... An der Badestube in Jerusalem sollen sie so viel Eigentumsrecht haben, wie der König selbst... Dazu sollen die Venezianer keinerlei Zoll... beim Ankommen, Anhalten, Verkaufen und Kaufen zahlen. Nur wenn sich auf den ankommenden und abfahrenden Schiffen Pilger befinden, sollen diese ein Drittel der Pilgersteuer an den König abführen... Alljährlich... sind an den Oberherrn der Venezianer zu Tyrus vom König dreihundert sarazenische Goldstücke vertragsgemäß zu bezahlen...

Die venezianische Flotte erhöht unterwegs den Ertrag der Unternehmung. Fulcher von Chartres notiert:

Auf ihrer Heimreise gingen die Venezianer gewaltsam gegen Inseln des (byzantinischen) Kaisers vor, an denen sie vorbeikamen, nämlich Rhodos, Methone (Halbinsel auf dem Peloponnes), Samos und Chios. Sie rissen die Mauern ein, entführten Knaben und Mädchen in elende Gefangenschaft und nahmen alle Arten von Geld an sich. Da wir diese Tatsache nicht ändern konnten, befiel unsere Herzen auf diese Nachricht hin tiefe Trauer und Mitleid.

BALDUIN KOMMT FREI

Im Sommer 1124 verspricht König Balduin für seine Freilassung einige Burgen und Lösegeld. Unter den Geiseln, die er stellt, befindet sich auch seine vierjährige Tochter. Nach seiner Freilassung bricht er sofort die getroffenen Vereinbarungen, indem er Aleppo belagern läßt. Als der Regent von Mosul, al-Bursuqi, mit seinen Truppen anrückt, muss Balduin den Rückzug befehlen. Al-Bursuqi kann nun die Regentschaften von Moslul und Aleppo unter sich vereinen. Diese von Balduin versursachte Machtzusammenballung wird zu einer Bedrohung für die Kreuzfahrerstaaten. König Balduin sammelt alle verfügbaren Kräfte, die den Muslims unter al-Bursuqi im Mai 1125 eine vernichtende Niederlage beibringen. Mit der Beute kann Balduin die Geiseln auslösen. Die Schlacht des Jahres 1126 findet zwischen den Damaszenern und den Truppen des Königreichs statt. Nach Anfangserfolgen muss Toghtekin den Rückzug nach Damaskus befehlen. Schwere Verluste hindern Balduin II. an der Verfolgung. Die jährlichen Schlachten und Raubzüge sind keine Besonderheit des Kreuzfahrerstaates. Die muslimischen Nachbarn pflegen einen ähnlichen Umgang untereinander. Der wirtschaftliche Ertrag der Kriegsführung ist meist geringer als die Kosten. Ein entscheidender Sieg ist äußerst selten, die Verwüstungen in der Landwirtschaft sind oft das einzige Ergebnis der Feldzüge. Die Versorgung mit Lebensmitteln bleibt ohnehin ein ständiges Problem für Jerusalem. Der König erlässt daher Abgaben für die Ein- und Ausfuhr von Waren. Wilhelm von Tyrus:

Er gab auch den syrischen Christen, den Griechen und Armeniern und allen Leuten von solchen Nationen, selbst die Sarazenen nicht ausgenommen, die Erlaubnis, ohne eine Abgabe Weizen, Gerste und jede Art von Hülsenfürchten in die Heilige Stadt zu bringen... So sorgte er auch dafür, dass die Stadt mehr Einwohner bekam, was schon eine Hauptsorge seiner Vorgänger gewesen war.

Jeder Feldzug belastet auch die Staatskasse des Königreichs. Nur ein Teil der Krieger wird auf Grund von Lehnsverpflichtungen kostenlos gestellt. Die anderen erhalten Sold. Über stehende Heere verfügt das Königreich erst nach der Gründung der Militärorden.

DIE BARMHERZIGEN BRÜDER...

Im Jahr 1070 gründeten fromme Kaufleute aus Italien mit Erlaubnis des ägyptischen Statthalters in Jerusalem eine Herberge für arme und kranke Pilger. Die Pfleger gehorchten zunächst den Regeln des Benediktinerordens. Nach der Eroberung von Jerusalems entstand daraus der Orden der Ritter des Heiligen Johannes vom Hospital. Es blieb nicht bei der Armen- und Krankenpflege. Der Johanniterorden wurde direkt dem Papst unterstellt und kam durch Schenkungen in den Besitz von Häusern und Ländereien. Zu den Pflegern gesellten sich Ritter, die den Schutz der Pilger zwischen Jaffa und Jerusalem übernahmen.

...ERGREIFEN DIE WAFFEN...

1118 gründete der Ritter Hugo von Payens eine weitere Organisation mit dem Ziel, den Pilgern humanitären und bewaffneten Beistand zu leisten. Der König wies ihnen Unterkünfte bei der ehemaligen al-Aqsa-Moschee zu, die von den Kreuzfahrern Tempel Salomons genannt wurde. Daher trug der neue Orden den Namen Arme Ritter Christi und des Tempels Salomons (Templerorden). Die Herren gelobten Armut, Keuschheit, Gehorsam und die Verteidigung der Pilger. Das mit der Armut wurde großherzig ausgelegt, über das Sexualverhalten liegen keine Berichte vor. Auch der Templerorden weitete sich durch Schenkungen schnell aus, zuerst im Kreuzfahrerstaat und bald auch in Europa. Für beide Ritterorden wurden die ursprünglichen Ziele bald zweitrangig. Adlige Ritter übernahmen die Führung und stellten die schwer gepanzerte Reitertruppe. Kapläne, Fußsoldaten und Diener bildeten die unteren Ränge der Ordensbrüder. An der Spitze stand ein Großmeister, der dem Papst unterstellt war. Die Johanniter trugen weiße Kreuze auf Umhang und Rüstung, die Kreuze der Templer waren rot.

...UND WERDEN REICH

Die Einnahmen der Militärorden stammten aus frommen Stiftungen, Steuern und eigenen wirtschaftlichen Unternehmungen. Eine Überschneidung der Interessen konnte nicht ausbleiben. Geradezu symbolisch entwickelte sich später ein Konflikt zwischen den Orden in der Nähe von Akkon. Beide unterhielten Getreidemühlen am gleichen Wasserlauf. Als die Templer einen Damm errichteten, kam es zum Streit mit den Johannitern, in den sogar der Papst eingreifen musste. Später entwickelten sich die Orden zu Großorganisationen, erhoben eigene Steuern, trieben Handel, unterhielten Flotten und diplomatische Beziehungen. Ihre Finanzkraft und ihre internationalen Verflechtungen verliehen ihnen im Verlauf der nächsten Jahrzehnte eine solche Macht, dass es zu Konflikten mit der Kirche und dem König kommen musste. Wilhelm von Tyrus schreibt über die Orden:

Die Besitzungen der genannten Brüder diesseits und jenseits des Meeres sind groß... Ihr Vermögen soll königlich sein... Lange Zeit blieben sie ihren guten Vorsätzen treu und übten ihren Beruf mit großer Klugheit, nachher aber legten sie ihre Demut ab, die die Hüterin aller Tugenden ist... auch den Kirchen wurden sie beschwerlich, indem sie ihnen den Zehnten entzogen und unbillige Eingriffe in den Kirchenbesitz vornahmen.

Für die Verteidigung des Kreuzfahrerstaates werden die Militärorden unentbehrlich. Die Ritter stellen nicht nur ein stehendes Heer, sie lassen auch mächtige Burgen bauen und unterhalten. Den Muslims sind mit den Ordensrittern erbitterte Feinde erstanden.

TUMULTE IN BAGDAD

Während die Kreuzfahrerstaaten in Zeiten höchster Gefahr ihre Rivalitäten meistens zurückstellen und sich gegenseitig Beistand leisten, kommen gemeinsame Aktionen der muslimischen Machthaber selten zustande. In den von den arabischen Chronisten gemeldeten Briefwechseln zwischen den türkischen Machtzentren ist oft die Aufforderung enthalten, den heiligen Kampf aufzunehmen. Angesichts der Machtkämpfe, die die türkischen Dynastien untereinander austragen, klingen diese Appelle scheinheilig. Allerdings haben Geistliche und Poeten für einen verschärften Kampf gegen die >Ungläubigen< geworben und konnten gelegentlich die Bevölkerung der Städte mobilisieren. Im Februar 1111 reisen Theologen, Asketen und Kaufleute aus Aleppo nach Bagdad. Ibn al-Qalanisi schildert die Krawalle, die sie dort inszenieren:

Sie sprachen in der Moschee des Sultans vor und baten um Beistand (für den Islam). Sie jagten den Prediger von der Kanzel, die sie in Stücke brachen. Sie schrieen und weinten wegen des Unglücks, das dem Islam durch die Franken zugefügt worden sei, wegen der Abschlachtung der Männer und der Versklavung der Frauen und Kinder. Sie verhinderten den Gottesdienst, während die Vorsteher sie zu beruhigen versuchten. Sie versprachen ihnen im Namen des Sultans, Armeen zu entsenden und den Islam gegen die Franken und Ungläubigen zu verteidigen.

Ibn al-Atir beschreibt die Fortsetzung der Demonstrationen:

Am Freitag begaben sich die Männer aus Aleppo zu der Moschee des Hofes und sogar bis zum Palast des Kalifats. Viele Leute aus der Stadt hatten sich ihnen angeschlossen. Der Wärter des Palastes konnte sie nicht am Eindringen hindern. Sie erzwangen den Zutritt, drangen in die Moschee ein, zerbrachen die Gitter vor dem Eingang zu dem Sitz des Kalifen und zerstörten die Kanzel.

Im gleichen Jahr drängt der Sultan von Bagdad den Regenten von Mosul, Mawdud, gegen die Franken aktiv zu werden. Eine Koalition türkischer Regenten unternimmt einen Feldzug, sie zerfällt aber bevor es zum Kampf kommt.Die einigende Wirkung des gemeinsamen Glaubens bleibt weiterhin aus. Im November 1126 wird Il Bursuqi, der Regent von Mosul und Aleppo erdolcht. Sein Tod löst ein Problem der Kreuzfahrerstaaten und stürzt die türkischen Dynastien erneut in Nachfolgekämpfe. Der Einfluss des Hofs von Bagdad auf die syrische Politik nimmt weiter ab. Aber die Kreuzfahrerstaaten im Norden sind nicht in der Lage, die innertürkischen Wirren auszunutzen. Inzwischen hatte der Sohn Bohemunds als Bohemund II. das Fürstentum Antiochia übernommen. Statt zusammen mit dem Grafen von Edessa, Joscelin, einen Feldzug gegen Aleppo zu unternehmen, entfacht Bohemund einen Krieg mit seinem christlichen Nachbarn. Joscelin plündert mit türkischen Söldnern im Fürstentum Antiochia. Balduin II. gelingt es schließlich, die Kontrahenten zu versöhnen.

DIE ASSASSINEN

Der Mord an Il-Bursuqi war wahrscheinlich von einem Anhänger der islamischen Sekte der Assassinen verübt worden. Ihren Namen (Mörder) verdanken die Mitglieder dieser Sekte ihrer Gewohnheit, politische Angelegenheiten mit Hilfe des Dolches zu regeln. Togthekin erlaubt der Sekte, sich in Damaskus zu betätigen. Als sich die sunnitische Bevölkerung über das Anwachsen der Assassinen empört, weist der Regent der Sekte die Stadt Banijas an der Grenze zum Königreich Jerusalem zu. Im Frühjahr 1128 stirbt Togthekin. Sein Nachfolger als Atabeg, Tay al-Mulk Buri, hetzt die Bewohner von Damaskus gegen die Assassinen auf. Sie werden niedergemetzelt. Der Anführer der Sekte in Banijas bittet Balduin II. um Beistand. Der König ist hocherfreut. Er hatte ohnehin vor, die erhofften Nachfolgewirren in Damaskus für einen Angriff zu nutzen. Der Großmeister der Templer war nach Europa gereist, um Streiter anzumustern.

BALDUIN SORGT VOR

Im Jahr 1127 war es an den Grenzen des Königreichs Jerusalem ruhig geblieben. Dafür bricht ein Jahr später der alte Konflikt mit der Kirche wieder aus. Der neue Patriarch von Jerusalem klagt den alten Anspruch auf die Hafenstadt Jaffa ein. Als der Patriarch kurz darauf nach kurzer Krankheit stirbt, geht das Gerücht um, es sei Gift im Spiel gewesen. König Balduin II. beginnt, sich um seine Nachfolge zu sorgen. Da es an einem männlichen Erben fehlt, bittet er den französischen König, einen Ehemann für seine Tochter Melisendis auszusuchen. Der König empfiehlt den Grafen Fulko von Anjou. Der Kandidat ist einverstanden und reist mit einigen Gefolgsleuten nach Palästina. Jerusalem feiert die Heirat im Mai 1129. Nun kann sich Balduin II. seinem Lieblingsprojekt zuwenden: der Eroberung von Damaskus. Inzwischen sind auch die Verstärkungen aus Europa eingetroffen. Im Herbst rückt die Armee des Königreichs nach Banijas vor, angeführt von Balduin II. und Fulko von Anjou. Da sich die türkischen Grenztruppen zurückgezogen haben, marschieren sie weiter in Richtung Damaskus. AlMulk Buri, der neue Atabeg, hat die Nachfolgewirren glänzend überstanden und erwartet mit seinen Truppen die Christen zehn Kilometer vor der Stadt. Balduin II. zögert mit dem Befehl zum Angriff. Tagelang liegen sich die beiden Armeen gegenüber. Ein Fouragetrupp, der vor allem aus Neuankömmlingen besteht, wird von der türkischen Kavallerie aufgerieben. Nun entschließt sich Balduin zum Angriff, aber ein heftiger Regen verwandelt den Untergrund plötzlich in Schlamm. Balduin gibt seinen Plan auf und ordnet den Rückzug an.

ZENGI & HEILIGE KAMPF (DSCHIHAD)

So findet das entscheidende Ereignis im Norden statt. Mit der Unterstützung des Sultans in Bagdad und des Kalifen wird Imad ad-Din Zengi Atabeg von Mosul. Die Bürger von Aleppo sind der Wirren überdrüssig und tragen Zengi die Regentschaft an. Im Juni 1128 zieht Zengi in Aleppo ein. Der Vorgang ist in doppelter Hinsicht von Bedeutung: Es entsteht eine Großmacht und ihre Oberherr sieht sich als Vorkämpfer des Islam. Ibn al-Qalanisi notiert:

Es traf die Nachricht ein, der Emir Imad ad-Din Atabeg Zengi sei mit seiner 'askar in Aleppo eingezogen, mit der Entschlossenheit, den heiligen Kampf (Dschihad) zu führen.

Die ersten Handlungen Zengis sind nach Auskunft des Chronisten allerdings nicht von der Idee islamischer Gemeinsamkeit bestimmt. Zengi fordert den Atabeg von Damaskus auf, für einen Feldzug gegen die Franken Truppen zu stellen. Als tatsächlich ein Kontingent aus Damaskus eintrifft, nimmt Zengi die Anführer gefangen und läßt sie erst nach der Zahlung eines Lösegeldes frei. Die Stadt Hama, die zu Damaskus gehört, bringt er in seinen Besitz. Zengi kann sich ungestrört der Konsolidierung seiner Macht widmen, da Graf Joscelin von
Edessa einen Waffenstillstand mit ihm geschlossen hat.

VERWIRRUNG IM NORDEN

Balduin II. unternimmt keinen Versuch, die Machtzusammenballung in Syrien zu verhindern. Er hat anderes zu tun. Im Februar 1130 fällt Bohemund II. von Antiochia bei einem Feldzug gegen seinen armenischen Nachbarn. Alice, die Ehefrau Bohemunds und Tochter Balduins, reißt die Regentschaft über Antiochia an sich. Es kommt zu Unruhen, weil die Ritterschaft des Fürstentums Alice nicht als rechtliche Nachfolgerin Bohemunds akzeptiert. Balduin eilt nach Norden, um die Verhältnisse zur ordnen. Alice fordert Zengi auf, Truppen zu ihrem Beistand zu entsenden. Der Bote wird von Balduins Aufgebot abgefangen und auf der Stelle aufgehängt. Alice lässt die Stadttore schließen als die Truppen ihres Vaters vor Antiochia eintreffen, aber einige ihrer Gegner öffnen sie wieder. Balduin lässt Milde walten und bestraft den Verrat seiner Tochter, in dem er sie nach Latakia verbannt. Er übernimmt ein zweites Mal die Regentschaft über Antiochia.

DIE ZWEITE GENERATION TRITT AN

Im Sommer 1131 erkrankt Balduin II. Am Totenbett versichern die Barone des Königreichs, Fulko von Anjou als Nachfolger anzuerkennen. Balduin legt das Mönchsgewand an und stirbt am 21. August. Joscelin von Edessa zieht sich eine schwere Verletzung zu und verabschiedet sich ebenfalls mit einer großen Geste: Er lässt sich in einer Sänfte in sein letztes Gefecht tragen. Als seine Gegner von der Anwesenheit des Grafen erfahren, räumen sie kampflos das Feld. Auf dem Rückweg nach Edessa erliegt er seiner Verletzung. Die beiden letzten großen Fürsten der ersten Generation der Kreuzfahrer sind tot.

MACHTKÄMPFE & RÄNKESPIELE WIE GEHABT

Am 14. September 1131 werden Melisendis und Fulko in der Grabeskirche gekrönt. Ihr ein Jahr alter Sohn Balduin III. gilt aber als der eigentliche Erbe des Königreichs. König Fulko muss sogleich im Norden intervenieren, da dort sein Anspruch auf die Oberherrschaft über die Kreuzfahrerstaaten nicht anerkannt wird. Alice versucht erneut, die Regentschaft über Antiochia zu gewinnen. Fulko übernimmt sie selbst. Den ebenfalls rebellierenden Grafen von Tripolis zwingt Fulko mit Waffengewalt zum Einlenken. Im Königreich selbst regt sich ebenfalls Widerstand. Den revoltierenden Grafen von Jaffa versucht Fulko aus dem Weg zu schaffen, indem er ihn vor dem Kronrat des Hochverrats bezichtigt. In Jerusalem kursieren Gerüchte, der Graf sei mit Königin Melisendis intim geworden. Nachdem er auch noch den Beistand ägyptischer Truppen angefordert hatte, muss der Graf von Jaffa das Königreich verlassen. Er stirbt an einer schweren Verletzung im Exil. In Jerusalem munkelt man, die Wunde sei ihm bei einem Mordanschlag zugefügt worden, den der König veranlasst habe. Eine weitere Darstellung der inneren Zustände der Kreuzfahrerstaaten würde das Thema Kreuzzüge nur noch am Rand berühren. Die zweite Phase der Normalisierung tritt mit der Machtübernahme durch die zweite Adelsgeneration ein. Die Ränkespiele und Machtkämpfe an den Höfen der Kreuzfahrerstaaten haben mit christlichen Idealen sowenig zu tun, wie in europäischen Feudalgesellschaft insgesamt.

ZENGI KANN SICH BEHAUPTEN

Zengi lässt weiter Dschihad-Parolen verkünden, bemüht sich jedoch vorrangig um die Herrschaft über Damaskus. Zwei Feldzüge in den Süden muss er aber ohne Erfolg abbrechen. Der Atabeg von Damaskus führt trotz der Bedrohung durch seine Glaubensbrüder seine Truppen im Jahr 1134 gegen das Königreich Jerusalem. Fulkos Aufgebot kann den Angriff zurückweisen. Drei Jahre später stehen byzantinische Truppen vor Antiochia. Kaiser Johannes II. lässt den von Fulko zum Regenten ernannten Raimund den Lehnseid schwören und verzichtet zunächst auf eine Besetzung der Stadt. Der Kaiser, Fulko und Raimund vereinbaren einen gemeinsamen Angriff auf Aleppo. Sie schließen einen Vertrag, der Raimund das zu erobernde Aleppo zuspricht und die Rückgabe von Antiochia an Byzanz vorsieht. Das Vorhaben scheitert an der mangelnden Beteiligung fränkischer Truppen. Damit hat das christliche Lager seine letzte Chance vertan, der Machtentfaltung Zengis Einhalt zu gebieten.

KAISER NICHT WILLKOMMEN

Kaiser Johannes zieht nun mit einer kleinen Begleitmannschaft in Antiochia ein. Um den Verlust der Stadt abzuwenden, mobilisiert Graf Joscelin II. von Edessa die lateinischen Einwohner gegen die Byzantiner. Der Kaiser muss die Stadt verlassen, da das byzantinische Heer zu spät eintrifft. Antiochia bleibt unter lateinischer Herrschaft, aber die Franken haben einen wichtigen Verbündeten verloren.

BÜNDNIS ZWISCHEN JERUSALEM UND DAMASKUS

Auch im Lager der Muslims führt der gemeinsame Glauben nicht zum gemeinsamen Handeln. Kaum ist der Bruch zwischen Byzanz und den Kreuzfahrerstaaten vollzogen, verschärft Zengi den Konflikt mit Damaskus. 1139 belagern nordsyrische Truppen die Stadt. Der Regent sieht als einzigen Ausweg ein Bündnis mit Jerusalem. Fulko und die Barone des Königreichs setzen sofort auf diese Karte. Das Bündnis stellt das Gleichgewicht der Kräfte wieder her, und Zengi muß die Belagerung aufheben. In den nächsten fünf Jahren verwickelt er sich in die Händel der Hofpolitik Bagdads. Das Königreich nutzt die Ruhepause zum Ausbau seines Burgensystems. Kaiser Johannes unternimmt 1143 einen erneuten Versuch, Antiochia zurückzugewinnen. Zwei Unfälle machen in diesem Jahr Geschichte. Der Kaiser von Byzanz verletzt sich im Norden bei der Jagd, der König von Jerusalem im Süden. Beide sterben an den Folgen. Antiochia bleibt lateinisch und in Jerusalem entstehen die üblichen Probleme um die Nachfolge. Der Sohn Balduins II. wird als Balduin III. zum König gekrönt, aber er ist erst dreizehn Jahre alt. Melisendis, seine Schwester und Witwe des Königs, übernimmt die Regentschaft.

ZENGI EROBERT EDESSA

Der Tod des Kaisers und die Führungsschwäche des Königreichs werden von Zengi genutzt. Joscelin von Edessa ist mit seinen Truppen unterwegs als Zengi die Stadt einkreist. Der Graf wagt es nicht, das Heer Zengis anzugreifen. Auch der Regent von Antiochia leistet keinen Beistand. Einen Monat lang können die Bürger Edessa gegen Zengi halten. Am Weihnachtsabend 1144 stürzen die Mauern ein. Ibn al-Qalanisi beschreibt die Erstürmung der Stadt:

Die Muslims erzwangen den Eintritt in die Stadt, nachdem auf beiden Seite viele gefallen waren. So viele Franken und Armenier wurden getötet und verwundet, dass sie gezwungen waren, die Stadt zu verlassen. Die Muslims nahmen sie mit dem Schwert in Besitz. Die Truppen plünderten, metzelten, nahmen gefangen, vergewaltigten und raubten. Ihre Hände füllten sich mit solchen Mengen von Geld, Möbeln, Tieren, anderer Beute und Gefangenen, dass sie frohen Herzens waren und voller Jubel. Imad adDin Atabeg (Zengi) gab den Befehl, das Töten und Plündern einzustellen und das Zerstörte wiederaufzubauen... die Einwohner beruhigte er, indem er ihnen eine gute Behandlung und Gerechtigkeit versprach.

Nach Ibn-al-Atir ist der Sieger großherziger:

Den Truppen wurde befohlen, alle Gefangenen, Männer, Frauen und Kinder, seien zu ihren Häusern zurückzuführen. Was von ihnen erbeutet worden sei, sollte ihnen zurückgegeben werden.

Wilhelm von Tyrus schildert die Erstürmung aus christlicher Sicht:

Als sich die Feinde nun Eingang verschafft hatten, stürzte das Heer von allen Seiten in die Stadt und machte ohne Rücksicht auf Alter, Stand oder Geschlecht alles, was ihnen begegnete nieder, so dass ihnen das Wort zu gelten schien: Witwen und Fremdlinge erwürgen sie und töten die Waisen... Die von den Bürgern, welche am klügsten oder am rüstigsten waren, flüchteten sich mit ihren Weibern und Kindern in die Burgen... Hier entstand aber an dem Eingang ein solches Gedränge..., dass viele jämmerlich erstickten. Unter diesen soll auch der verehrungswürdige Herr Erzbischof Hugo mit einigen seiner Kleriker umgekommen sein. Die, welche selbst dabei waren, versichern jedoch, dass der Bischof nicht ohne Schuld an dem Unglück gewesen sei. Dieser hatte nämlich eine unermessliche Menge Geld angesammelt, aber anstatt es den Rittern auszubezahlen und der Stadt auf diese Art Hilfe zu leisten, wollte er lieber als ein Geizhals auf seinen Schätzen liegen.. Daher geschah es, dass er die Früchte seines Geizes erntete und seinen Tod mit dem gemeinen Volke fand, und wenn sich der Herr seiner nicht erbarmt, so ist er auch vor einem strengen Gericht in der anderen Welt nicht sicher.

Die Eroberung Edessas wird in der islamischen Welt als ein Triumph im Glaubenskrieg gefeiert. Zengi macht aber keine Anstalten, seine Offensive fortzusetzen. Zwei Jahre später belagert er das muslimische Damaskus. Dabei wird er im Schlaf von einem Diener ermordet. Zengis Ruhm gründet sich auf die Rückgewinnung Edessas für den Islam. Ibn al-Atir lobt Zengi auch, weil er für den wirtschaftlichen Aufschwung Mosuls gesorgt habe und fährt fort:

Außerdem war Zengi sehr um die Ehre der Frauen besorgt, besonders um die seiner Krieger. Wenn man die Frauen nicht bewache, so pflegte er zu bemerken, gingen sie bei langen Feldzügen fremd. Er war der mutigste unter den Geschöpfen Gottes.

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Der weite Kreuzzug