Das Konzil in Clermont

Die Fakten & die Verklärung durch begeisterte Historiker
UNTERSCHLAGUNGEN

Papst Urban hat den Kreuzzug überwiegend realpolitisch begründet. Das wird in der Geschichtsschreibung weitgehrnd negiert. Sie bevorzugt fromme Motive
DEUS LE VULT - GOTT WILL ES?

Überliefert sind voneinander stark abweichende Berichte über das Konzil. Der sachlichste und frühste stammt von Fulcher von Chartres, ein Augenzeuge des Kreuzzugs. Für seine Version der Papstrede benutzte er die Dekrete des Konzils. Um die 15 Jahre später beginnt die Überhöhung des Konzils durch Robert von Reims. Obwohl seine Papstsrede keine Sachkenntis erkennen läßt, bevorzugen "moderne" Historiker" diese frömmelnde Version. Das "Gott will es" geht allein auf Robert zurück.
Tagungsort in Clermont HAUPTSEITE
Kreuzzug Konzil Clermont Konzil Clermont -Kitsch
Das Konzil, Miniatur 14. Jahrhundert, entspricht dem Bericht des Fulcher von Chartres. Vier Versionen der Rede im Vergleich HIER
19. Jahrhundert. Entspricht der Version des Mönches Robert aus Reims. Seine Papstrede ist eine einzige Hasspredigt. Die politische Agenda liefert Fulcher von Chartres. HIER
Nicht Gott, der Papst brauchte den Krieg

Der fromme Taumel ist eine Erfindung der Kreuzzugspropaganda. Denn nicht Glaubenseifer, sondern kühler Verstand waren angesagt. Konzil und Papst Urban II. suchten einen Ausweg aus der schweren Krise, die Kirche und Reich erschütterten. Eine Militärexpedition ins Ausland barg die Chance, mehrere innenpolitische Konflikte beizulegen. Der einzige kenntnisreiche Bericht über das Konzil (griechisch Synode) stammt von Fulcher von Chartres. Er ist informativ und dokumentiert, dass es bei der Kirchenversammlung um Politik ging. Fulcher betont ausdrücklich, die Unternehmung solle wie ein Befreiungsschlag alle Missstände aus der Welt schaffen.

Es war nötig, alle diese Übel zu beenden und durch das von Papst Urban angeregte Vorhaben das ständige Kämpfen von Christen gegeneinander nun gegen die Heiden zu wenden.
Das Parlament der abendländischen Christenheit

Laut Fulcher gibt der Papst eine hochpolitische Regierungserklärung ab. Er brandmarkt Ämterkauf und Vetternwirtschaft - vulgo die Korruption - die der Kirche finanziell enorm schaden. Er beklagt den grassierenden Straßenraub und die Kriege, die Feudalherren gegeneinader führen. Er greift Kaiser Heinrich VI. an, der nicht nur Bischöfe, sondern sogar einen Konkurrenzpapst eingesetzt hat. Ganz oben auf seiner politischen Agenda steht der Anspruch, geistlicher und weltlicher Oberherr der ganzen Christenheit zu sein. Dieses Petrusprimat wurde von den oströmischen und weströmischen Kaisern vehement bestritten. Eine Militärexpedition nach Ostrom unter seiner Führung, das kluge Kalkül, würde seine Vorragrolle unter Beweis stellen. Nach diesen sachlichen Darlegungen fügt Urban laut Fulcher hinzu, er habe Informationen, dass die Türken Anatolien besetzt hätten (das war 24 Jahre her) und es daher Christenpflicht sei, den Ostchristen beiszusterhen. Einen Hilferuf das Kaisers Alexius erwähnt Urban laut Fulcher nicht, ebensowenig Jerusalem als Endziel. Mit den mehr als 10 Jahre später verfassten Papstreden woltten die Autoren die anhaltende Kreuzzugsstimung emotional beflügeln. Sie unterschlagen daher politischen Charakter der Veranstaltung, unsterstellen den Türken ungeheurerliche Gräueltaten * und lassen Papst und Massenpublikum vor Frömmigkeit triefen. Bis ins 20. Jahrhundert halten sich Historiker an diese verklärenden Versionen. (Und seit 2015 passen sie Islambekämpfern,und Abendlandrettern wieder den Kram).

Allgemeines Bildungsgut, frühres 10. Jahrhundert.


Bildersaal deutscher Geschichte, ein in gutbürgerlichen Kreisen beliebten patriotischen Bilderbuch.

.... Als bald darauf auch
Kaiser Alexius um Beistand gegen die Türken bat, beschloss Urban einen Heerzug nach dem heiligen Land zu organisieren um dies den Türken zu entreißen. Zu diesem Zeck berief er 1095 eine Kirchenversammlung nach Piacenza und später nach Clermont. Hier, wo ganze Scharen von Bischöfen, Fürsten und Herren erschienen waren, suchte der Papst mit flammenden Worten die Herzen zum Kampfe zu entflammen. „Wehe uns, dass wir stille sitzen und ruhig zusehen der Schmach Gottes. Darum auf, meine Geliebten, waffnet euch! Ablass der Sünden und ewiges Leben sei der Lohn im heiligen Streit!" Unbeschreiblich war die Wirkung. „Gott will es!" rief die Menge und viele ließen sich zum Zeichen der Teilnahme ein Kreuz an die Schulter heften.

Moderne Fachwelt mitgerissen

Die Gott-will-es-Szene ist auch in die hochseriöse Geschichtsschreibung geraten. Unter Mithilfe auch des berühmtesten unter den Historiographen der Feldzüge: Steven Runciman
.

Die geistliche und weltliche Menge, welche sich einfand, war zu riesig, um in der Kathedrale, wo das Konzil bisher getagt hatte, Platz finden zu können. Also wurde der päpstliche Thronsessel auf einem Podium auf freiem Feld vor dem 0sttor der Stadt aufgestellt; und hier erhob sich Urban inmitten der versammelten Massen, um zu ihnen zu sprechen ... Urban sprach mit glühendem Eifer und aller Kunst des großen Volksredners. Der Widerhall erfolgte unverzüglich und war überwältigend. Der Ruf „Deus le volt!" - „Gott will es!" - unterbrach immer wieder seine Rede. Der Papst hatte noch kaum geendet als der Bischof von Le Puy sich von seinem Sitz erhob, vor dem Thronsessel niederkniete und um Erlaubnis bat, sich dem heiligen Zug anschließen zu dürfen. Hunderte drängten sich alsbald heran, um seinem Beispiel zu folgen ... Jedes Mitglied der Expedition sollte als Sinnbild seiner Weihe das Zeichen des Kreuzes tragen; ein Kreuz aus rotem Zeug war auf die Schulter des Überrocks aufzunähen.

(Steven Runciman, Der erste Kreuzzug, Übers. Karl Heinz Siber, München, 1981.)

Nach Lambert von Arras, Fulcher von Chartres und Bernold von Konstanz waren etwa 300 Teilnehmer angereist. Keiner von ihnen erwähnt eine Rede im Freien und eine mitgerissene Menschenmenge. Muss man das als Historiker ernst nehmen? Offenbar nicht, wenn man selbst mitgerissen ist. Und zwar vom Schwung, der für sie mit dem Kreuzzug nun in die europäische Geschichte kommt. Und mitgerissen von ihrer Vorlage, die rund 15 Jahre nach dem Konzil getextet wurde:

Als der Papst Urban in dieser urbanen Predigt dieses und mehr dieser Art gesagt hatte, da vereinte die Begeisterung alle Anwesenden als sie ausriefen: "Gott will, Gott will".

Sein wir Mal kleinlich, weil Runciman sonst so akribisch ist. Er bringt noch mehr Schwung in die Szene, in dem er die Rede gleich mehrfach unterbrechen lässt. In seiner Vorlage wird erst am Schluss geschrieen, und zwar nur: Deus vult, Deus vult. Jetzt zur dieser Vorlage.

Das Konzil ganz groß

Ein gewisser Robert genannt Monachius, weil Mönch in einem Kloster zu Reims, erhält um Jahr 1110 von seinem Abt den Auftrag, die Gesta Francorum des Anonymus zu bearbeiten. Robert erläutert im Vorwort, was seinem Vorgesetzten an der Gesta missfiel: Sie enthalte den Anfang der Geschichte in Clermont nicht und sei literarisch wertlos. Offensichtlich hat Robert seinem Abt erzählt, er sei in Clermont dabei gewesen, denn das behauptet er auch gegenüber seinen Lesern. Er tut so, als hätte er mitgeschrieben oder die Rede wörtlich memoriert, und er ist nicht der einzige. Guibert von Nogent und Baldrich von Dol verfassten ihre Reden ebenfalls um 1110. Thematische Berührungspunkte mit Fulcher sind nur der Aufruf zum Heerzug , die Bedrohung durch die Türken und die himmlische Entlohnung. In allen nach Fulcher verfassten Papstreden fehlen kirchenpolitische Stellungsnahmen. Neue thematische Schwerpunkte: Die Gräuel der Türken, die Entweihung der Grabeskirche und die Verheißung irdischen Gewinns. Beim Wortlaut gibt es keine Übereinstimmung. Das gilt auch für die von William von Malmesbury (um 1125) und Wilhelm von Tyros (um 1180) verfassten Reden. Das muss doch zu denken geben. Es sind also fünf längere Texte in wörtlicher Rede überliefert, aber alle weichen im Wortlaut voneinander ab. Wie auch anders, 15 oder mehr Jahre nach dem Ereignis konnte nur noch kompiliert und fabuliert werden. Die Zunft der Feldzugs-Historiker drückt sich um diese Feststellung. Die Behauptung Roberts, er habe am Konzil teilgenommen, lässt sie einfach so stehen

Schlecht informiert

Wenn Robert in Clermont dabei war, sollte man annehmen, er habe sich wenigstens Notizen gemacht. Das sieht aber gar nicht so aus. Er weiß nicht einmal, wer daran teilgenommen hat. Also fabuliert er:

In Gallien wurde im Jahre der Fleischwerdung des Herren 1095 ein großes Konzil in Alvernia abgehalten, und zwar in der Stadt, die Clara Monta genannt wird, dem Papst Urban II. mit den römischen Bischöfen und Kardinälen vorstand. Es kamen bei diesem Konzil auch viele Berühmtheiten aus Gallien und Germanien zusammen, seien es Bischöfe oder Fürsten.

Welche? Fürsten aus Germanien? Laut Fulcher stellten sich 310 Bischöfe und Äbte ein.
Lambert von Arras, der die Dekrete überlieferte, zählte:

13 Erzbischöfe, 225 Bischöfe und 90 Äbte ... und viele andere Laien und Kleriker aus der Region und Provinz.

Urban hatte in Le Puy im August die französischen Kirchenfürsten nach Clermont bestellt. Von Teilnehmern aus Germanien ist in keiner Quelle die Rede, und es gab dort auch keine Resonanz. Die Chronisten Frutolf und Ekkehard wussten nicht einmal, wo das Konzil stattgefunden hat.
Ekkehard von Aura beginnt seinen Bericht ein paar Jahre später so:

Bewegt riefen der Papst und die ganze römische Kirche ein allgemeines Konzil an der spanischen Grenze oder, wie einige sagen, in Paris ein und er gelangte mit Mühsal dorthin.

Der anonyme Autor der Gesta Francorum hat am Feldzug teilgenommen. Er nimmt an, der Papst sei mit seinem italienischen Gefolge nach Frankreich gezogen. Wohin genau weiß er nicht.

Der Papst begab sich mit seinen Erzbischöfen, Bischöfen, Äbten und Priestern über die Alpen und predigte mit Scharfsinn ...

Der Chronist Lambert von Arras, ganz unaufgeregt:

Auf dem Konzil von Clermont, das Papst Urban II. abhielt, waren mit ihren römischen Kardinälen XIII Erzbischöfe, CCXXV, Äbte XC & zahlreiche Würdenträger & Religiöse aus verschiedenen Regionen & Kleriker aus der Provinz & Laien.

Keine Rede, kein Aufruf. Bei Lambert kommt der Feldzug nur in diesem Dekret zu Sprache:

Wer nur aus Frömmigkeit, und nicht zur Erlangung von Ehre oder Geld zur Befreiung der Kirche Gottes nach Jerusalem gegangen ist, dem soll die Reise auf jede Buße angerechnet werden.

Eine völlig abweichende Version: Aufruf und Volksmenge schon im Frühjahr

Laut
Bernold von Konstanz hat Urban schon auf dem Konzil von Piacenza im März 1095 zu einem Feldzug aufgerufen. Wie bei Robert auf einer Massenkundgebung.

Es kamen ungefähr 4.000 Kleriker und 30.000 Laien zusammen ... Tatsache ist auch, dass eine so große Menschenmenge zusammenströmte, dass sie keine dortige Kirche aufnehmen konnte. Daher musste der Herr Papst außerhalb der Stadt auf freiem Feld zelebrieren ...

Dem Konzil in Clermont widmet Bernold nur ein paar Sätze, in denen weder ein Aufruf noch eine Rede erwähnt werden.

In Gallien in Clermont ... hielt der Papst eine Generalsynode ab, an der dreizehn Erzbischöfe mit ihrem Anhang und zweihundertfünfzig Bischöfe teilnahmen. Auf dieser Synode bestätigte der Papst die Dekrete Synode von Piacenza ...

Hilfersuchen in Piacenza?

Ebenso kam eine Gesandtschaft des Kaisers von Konstantinopel zu dieser Synode, die den Herrn Papst und alle Gläubigen Christi demütig anflehte, ihm gegen die Heiden eine noch so kleine Hilfe zur Verteidigung der heiligen Kirche zu bringen.

An diese exklusive Nachricht klammert sich die ältere abendländische Geschichtsschreibung geradezu verzweifelt. Nach dem katastrophalen Ausgang der Kreuzzüge - am Ende ging ganz Ostrom verloren - soll sie beweisen, das die Absicht wenigstens eine gute gewesen sei. Inzwischen sind Zweifel an der Version Bernolds aufgekommen. Ein oströmischer Kaiser wähnte seinen Thron unwittelbar unter dem Himmel, er hätte eher Selbstmord begangen, als irgend jemanden demütig angefleht. Kaiser Alexios brauchte 1095 längst keinen Beistand mehr. 1081, als er ihn dringend brauchte, hatte ein normannischer Heerhaufen Ostrom im Auftrag des Papstes Gregor von Westen her angegriffen. Alexios konnte sich im Zweifrontenkrieg behaupten, Die türkischen Sultane wurden zurückgedrängt und hielten sich an den Waffenstillstandsvertrag. Alexios war erschrocken, als die Nachrichten vom Vormarsch der Kelten eintrafen. So seine Tochter, Anna Comnena. Bernold, ein Gegner Kaiser Heinrichs IV., läßt Alexios quasi knien, um den Papst zu erhöhen. Und er verlegt den Aufruf zum Kriegszug wahrscheinlich nach Piacenza, weil es auf Reichsgebiet liegt.

Zu dieser Hilfeleistung flehte der Papst viele Leute so an, dass sie ihm sogar mit einem Eide versprachen, mit Gottes Hilfe dorthin zu ziehen.

Die allgemeine Geschichtsschreibung bevorzugt indessen den Aufruf von Clermont. Also Hilfeersuchen in Piacenza ja, Aufruf in Piacenza nein. Wer jubelndes Volk bei einem Konzil erfunden hat, Bernold oder Robert, oder beide, bleibt unklar. Moderne Historiker, die glauben, jemand hätte Gefahren und Geld riskiert, um Ostchristen beizustehen, sind offenbar von einem romantischen Idealismus befallen. Weniger überzeugt vom Guten im Menschen hatten der Papst und seine Strategen überzeugendere Beweggründe ersonnen. Versprochen wurde Wohlergehen im Paradies (Sündenvergebung) und auf Erden. Laut Fulcher schlug Papst Urban ein Dekret vor, das den Soldaten Christi erlaubte, Eroberungen zu machen. Er bekam Beifall.

Auf dem Konzil zu Clermont... wurde mit einmütigem Beifall dekretiert, dass jede Stadt jenseits des großen Meeres, die den Heiden entrissen werden kann, für immer ohne Widerspruch behalten werden soll.

Die Kirchenfürsten und einige anwesende Feudalherren waren Realisten. Sie dachten nicht daran, die den Heiden abzunehmenden Gebiete an den Vorbesitzer, den oströmischen Kaiser, zurückzugeben. Das galt nicht als verwerflich, weil es war (und ist ) ja allgemein der Brauch: Die Grenzen zieht der Sieger. Die Behauptung, die Rede von der brüderlichen Hilfe hätte die Gemüter bewegt, ist mit dem Gebot du sollst nicht Lügen, nicht vereinbar. Die als Kämpfer vorgesehenen Laien hatten nie etwas von Christen in Ostrom gehört und die Kleriker hielten sie für Abweichler vom einzig Wahren Glauben, sprich für Ketzer. Weil die, die zum Schwert greifen sollten, an Gott glaubten, musste natürlich zugesichert werden, das Unternehmen habe den höchsten Segen. Laut Fulcher sagte Urban: Christus befiehlt es. Auch das fromme Beiwerk war Teil des realpolitischen Vorgehens beim Konzil in Clermont. Die fromme Verklärung begann mit drei weiteren Papstreden etwa nach zehn Jahren und sie hält an, und zwar mit Methode: Das Eroberungs-Dekret wird in den Erzählungen der Historiker einfach unterschlagen. Abendländischer Patriotismus: Die Kreuzfahrer wollten ja nur helfen.

Frage jetzt, ob ich das Dekret zuverlässig zitiere

Weil in der Fachliteratur das Dekret nicht zitiert wird, war es für mich eine echte Fundstelle, als ich Fulchers Chronik gelesen habe. Jetzt wird es für Sie zur Fundstelle. Ich werde sie daher jetzt vollständig belegen.

Nam in Concilio Alvernensi tam authentico et nominatissimo constituo unanimi adsensu fuit, ut quaecumque civitas, mari magno transito, a paganorum posset excutingo, sine contradictione perenniter obtineretur.

HISTORIA HIEROSOLYMITANA, Heinrich Hagenmeyer, Herausgeber, Heidelberg 1931, Seite 740 (Buch III, XXXV)

Frage jetzt auch, können wir Fulcher trauen. Wir bräuchten eine zweite Quelle, um sicher zu sein. Es gibt sie. In einem PRIVILEGIUM regelt Papst Paschalis II. Besitzrechte in Jerusalem und beruft er sich dabei auf das Konzil in Clermont. Wie er sich erinnert und weiß ... hat Papst Urban dekretiert .... dass die eroberten ... Städte für immer der Kirche zurückgegeben werden.

Sancte memorie venerabilis Urbanus papa, quando concitium
populosissime congregationi in Monte Claro celebravit viamque
lerosolimitanain suscitavit, decrevisse memoratur et scitur quod qui-
cunque principes provincias vel civitates super gentiles conquirerent ,
eiiminiatis gentium ritibus, eorum principatibus ecclesie restitute
pertinerent.


Cartulaire de l'église du Saint Sépulchre de Jérusalem: publié d'après les manuscrits du Vatican, Rom 1848, Seite 8

Problematische Übersetzungen der Chronik Fulchers

Käuflich erhältlich:

A HISTORY OF THE EXPEDITION TO JERUSALEM, 1095-1127. Translated by Frances Rita Ryan. Edited with an Introduction by Harold S. Fink. Seite 268

Lesenswert, aber Vorsicht. Bei der Übersetzung des Dekrets wird Schwester Rita Ryan unsachlich.

whatever city ... could be wrested from the yoke of the pagans, should be held ... jede Stadt, die vom Joch der Heiden befreit werden kann ...

Es ist aber keine Rede von einem Joch.

a paganorum posset excutingo ... die den Heiden entrissen werden kann

Ryan hat hinzugedichtet. Abendländische DNA. Der Christ befreit, der Heide unterdrückt. Das weiß doch jeder.

Die Vorzüge von Papst Paschalis


Der bekennende Deutsche, Bayer und Abendländler Manfred Hiebel bietet eine Übersetzung ins Deutsche auf seiner Website an. Dabei habe er, sagt er, die Übersetzung von Frau Ryan benutzt. Ich hätte gern nachgeprüft, ob Hiebel das Yoke als Joch übernimmt. Nun zeigt die Seite von vielen Kapiteln nur die Überschrift. Auch vom Buch III,XXXV, das das Dekret enthält. Und zwar so.

XXXV. Der besondere Vorzug von Papst Paschalis
(10 €)

Das (10 €) ist zwar rot, aber kein Link. Soll das heißen, man soll 10 Euro zahlen?
Auch die Frage, welche Vorzüge der Papst hat, bleibt offen. Raucht er nicht, trinkt er mäßig, hält er das Zölibat ein? Schauen wir uns die Überschrift im Original an.

XXXV. Privilegium Paschalis Papae.

In einem Privilegium werden etwa Eigentumsrechte zugewiesen. Also lieber Herr Liebel, so rettet man die Kultur des Abendlands nicht.


* Ostrom 1071: Türkische Landnahme, die Fakten

Im August erlitt eine Söldnerarmee Ostroms in Anatolien bei Manzikert eine Niederlage gegen die türkischen Seldschuken. Da innere Machtkämpfe das Reich zusätzlich schwächten, gelang es den Türken unter Sultan Arp Arslan, Anatolien bis auf einige Küstenstriche schrittweise zu besetzten. Diese Türkische Landnahme - ursprünglich wahrscheinlich nicht beabsichtigt - verlief weitgehend unblutig. Die Schonung der christlichen Bevölkerung entsprach der pragmatischen Einsicht, dass Tote nichts wert waren, nichts erwirtschaften und keine Steuern zahlen. Muslimische Herrscher pflegten ihre christlichen Untertanen als Volk des Buches (Bibel) anzusehen. Sie durften ihre Religion ausüben und sich selbst verwalten. Auch nach der Besetzung bildeten Christen in Anatolien die Mehrheit.
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Gräuelpropaganda mit hoher Auflage

Nachdem Robert den Kreis der Teilnehmer vervielfältigt hat, verlegt er durchaus konsequent die Schlussveranstaltung ins Freie:

Nachdem die kirchlichen Angelegenheiten erledigt waren, begab sich der Papst auf eine sehr breite Straße heraus, weil keine Kirche die Menge der Leute fassen konnte. Er sprach mit wohlklingenden Worten zu den Anwesenden.

Diese Papstrede wurde für damalige Verhältnisse massenhaft verbreitet. 87 Handschriften sind noch erhalten. Urban laut Robert:

Volk der Franken nördlich der Berge ... An Euch richtet sich unsere Rede, und Euch gilt unsere Mahnung. Ihr sollt wissen, welch traurige Gründe uns zu Euch geführt haben und welche Gefahren Euch und allen Gläubigen drohen.

Zu den Gründen gehören bei Robert nicht: Ämterkauf, die Spaltung der Kirche und die Unsicherheit auf den Straßen kein Thema.

Aus den Gebieten Jerusalems und aus der Stadt Konstantinopel erreichen uns wie schon so oft schlimme Nachrichten. Ein Volk aus dem Reich der Perser, ein fremdes Volk, ein Volk, das Gott gar nicht kennt, ein Geschlecht, dessen Herz nicht fest war, und dessen Geist sich nicht treu an Gott hielt, ist in die Länder jener Christen eingedrungen, hat sie mit Schwert, Raub und Brand verwüstet. Dieses Volk hat die Gefangenen teils in sein eigenes Land entführt, teils auch in elendem Morden niedergemetzelt und die Kirchen Gottes entweder von Grund auf zerstört oder zur Feier ihres eignen Kultes in Besitz genommen.

Außer Fulcher von Chartres teilt keiner der Redeschreiber Details über den Ablauf des Konzils mit. Daraus kann man schließen, dass er tatsächlich am Konzil teilgenommen hat. Sicher ist das keineswegs. Fulcher benutzte für seine Version die Dekrete des Konzils und kannte den Tenor oder den Wortlaut in Umlauf befindlicher Botschaften. Um 1110 lagen weitere einschlägige Texten vor, von denen Robert der Mönch Gebrauch machen konnte. Auch die Chronik Fulchers. Bei ihm leitet der Papst seine Rede so ein:

Wie den meisten von Euch schon gesagt wurde, haben sich die Türken ausgebreitet bis zum Mittelmeer, das St. Georg-Arm genannt wird. Dieses Volk aus Persien hat die Länder der Christen bis zu den Grenzen des oströmischen Reiches mehr und mehr besetzt und sie in siebenfältigem Kampf besiegt, wobei viele getötet oder gefangen wurden, Kirchen zerstört worden sind und das Reich Gottes verwüstet wurde.

Entweder hat Robert die Einleitung von Fulcher übernommen oder einen Text benutzt, der auch Fulcher vorlag. In beiden Fällen wäre zu konstatieren, das Robert zu Übertreibungen neigt. Der Papst weiter bei Robert:

Sie wandeln Altäre um, die sie mit ihren Abscheulichkeiten befleckt haben, beschneiden die Christen, und verspritzten das Blut der Beschneidung über die Altäre oder gießen es in die Taufbecken

Das Ansehen Urbans bedarf der Fürsprache Er war, nach allem was wir wissen, ein kluger Mann. Ihm zu unterstellen, er hätte so was gesagt, ist nicht gerade freundlich. Ein ihm vorliegender Bericht mit diesen Details der Gräueltaten hätte ihn schon wegen der damit verbundenen Anstrengungen stutzig machen müssen. Moderne Historiker ziehen es vor, ihrem Publikum diesen Text vorzuenthalten, trotz seiner Verbreitung und Langzeitwirkung. Unvorstellbar: Einer der Großen des Abendlandes hält eine derart detailbesessene Hetzrede und beliefert das Abendland höchst persönlich mit dem Bild vom muslimischen Untermenschen? Muss man nicht zitieren. Die Studenten des Fachbereichs können sich ja den Text besorgen, wenn die unbedingt wollen. Der Skandal wäre geringer, wenn man Urban davon freisprechen würde, diese Rede tatsächlich gehalten zu haben. Aber damit wäre natürlich die Glaubwürdigkeit Roberts erledigt, und damit auch die unverzichtbare Gott-will-es-Szene. Entweder wurden keine Nachforschungen nach Vorlagen angestellt, die Robert benutzt haben könnte, oder das Resultat missfiel. Die oben zitierten Sätze stehen nämlich fast wörtlich im sogenannten Alexios-Brief.

Denn sie beschneiden die Knaben und jungen Männer der Christen über den christlichen Taufbecken, gießen das Blut der Beschneidung aus Missachtung gegenüber Christus in dieselben Taufbecken ...

Weiter Roberts Urban:

Und denen, die sie mit einem schmählichen Tod bestrafen wollen, schlitzen sie den Bauch auf, reißen ihnen bei lebendigem Leib den Kopf ab, binden sie an einen Pfahl und treiben sie so unter Schlägen umher, bis sie, mit heraushängenden Eingeweiden, zu Boden gestreckt zusammenbrechen. Einige binden sie an einen Pfahl und beschießen sie mit Pfeilen; einige lassen den Hals ausstrecken, bedrängen sie mit blankem Schwert und probieren, ob sie ihn mit einen Streich durchhauen können.

Robert war sicher in der Lage, solche Scheußlichkeiten selbst zu ersinnen. Musste er aber nicht. Im Namen der Kirchenoberen des Erzbistums Magdeburg und mehrerer Adliger wurde um 1108 ein Aufruf zu einem Feldzug gegen die Slawen verfasst.

Oft brechen sie in unser Gebiet ein, rauben, morden, zerstören schonungslos und bedrängen uns mit ausgesuchten Foltern: die einen enthaupten sie und opfern ihre Köpfe den Dämonen. Anderen reißen sie die Eingeweide heraus, binden die abgeschnittenen Hände und Füße zusammen und verhöhnen unseren Christus: Wo ist deren Gott? Andere lassen sie gefesselt mit noch größeren Qualen ein Leben fristen, das elender ist als jeder Tod, weil sie lebendig mit ansehen müssen, wie sie durch das Abschneiden der einzelnen Glieder zu Tode gequält werden und wie ihnen schließlich der aufgeschnittene Bauch erbärmlich ausgeweidet wird.

Die im Alexios-Brief ausgebreiteten Obszönitäten erspart Robert seinen Lesern:

Was soll ich sagen über die gotteslästerliche Schändung der Frauen, worüber zu sprechen ärger ist als zu schweigen? Das Reich der Griechen ist von ihnen schon so verstümmelt und zu ihren Gebräuchen überführt worden, dass es in nicht zwei Monaten durchwandert werden kann.

Hass & Habgier & Seelenheil

In den Aufruf-Texten wird inzwischen unverblümt dazu aufgefordert, sich zu bereichern. Urban laut Robert:

Entreißt jenes Land dem gottlosen Volk und unterwerft es Euch, jenes Land ... darin Milch und Honig fließen. Jerusalem ist der Nabel Welt, ein Land fruchtbarer als alle anderen, gleichsam ein zweites Paradies der Lustbarkeiten.

Aufruf gegen die Slawen:

Die Heiden hier sind übel, ihr Land aber ist höchst ergiebig an Fleisch, an Honig, an Mehl an Vögeln. Und wenn es sorgfältig bebaut wird, wird ein solcher Überfluss an allem Wachstum aus der Erde sein, dass kein Land mit ihm verglichen werden kann.

Aus dem Handbuch für Prediger? Zentraler Versand von Textbausteinen für Aufruf-Schreiber? Unwahrscheinlich. Aber eine gewisse Standardisierung ist offensichtlich eingetreten. Tendenz: Radikalisierung. Das Motiv der Befreiung der Ostchristen in Anatolien lässt Robert weg, sie galten ja inzwischen als Feinde.

Das heilbringende Jerusalem

Feindbildpflege. Angelehnt an den Alexios-Brief sagt Roberts Papst noch:

Anregen soll Euch vor allem das Heilige Grab des Herrn, unseres Retters, das von unreinen Völkern besetzt gehalten wird, und die Heiligen Stätten, die entehrt und besudelt werden mit deren Unreinheiten.

Marketing. Die Vertreibung der unreinen Völker vom Heiligen Grab stand um 1110 nicht mehr an, sondern seine Verteidigung. Grund genug, weiter für die Kreuznahme zu werben.

Jerusalem ist der Nabel Welt, ein Land fruchtbarer als alle anderen, gleichsam ein zweites Paradies der Lustbarkeiten ... Sie ist deshalb die königliche Stadt, in der Mitte des Erdkreises gelegen, nun von ihren Feinden besetzt gehalten und von Menschen, die Gott nicht kennen, und sie dient nun heidnischen Zeremonien ... Begebt Euch auf diesen Weg zur Vergebung Eurer Sünden, dann ist Euch der unvergänglicher Ruhm des Himmelreiches gewiss.

Die hohe Produktivität der Kopisten zeugt von dem Bemühen der Kirche, eine Kreuznahme-Stimmung aufrecht zu erhalten. Sie förderte die Bereitschaft zum Kirchebesuch, Geld zu spenden und in die Feudalstaaten im Nahen Osten überzusiedeln. Vor allem das Königreich Jerusalem war ständig in militärische Auseinandersetzungen mit seinen Nachbarn verwickelt und daher wie der Staat Israel auf Nachschub aus dem Westen angewiesen. Robert übertreibt und kompiliert ganz offensichtlich, um etwas zu propagieren und nicht, um einen Beitrag zur Geschichtsschreibung zu leisten. Womit sich die Frage stellt, was Historiker betreiben, die seinen Bericht übernehmen, ohne seine Zuverlässigkeit zu erörtern. An Robert Geschick als Werber gibt es keinen Zweifel. Am Ende verklärt Robert das Unternehmen Ostkolonisierung, in dem er auch der Anfang verklärt: Das Konzil zu Clermont.

Gottes Wille


Jetzt kommt die Szene, mit der Robert es geschafft hat, in jedem Lexikon und sonst wo zitiert zu werden.

Als der Papst Urban in dieser urbanen Predigt dieses und mehr dieser Art gesagt hatte, da vereinte die Begeisterung alle Anwesenden als sie ausriefen: Gott will! Gott will. Als der ehrwürdige römische Bischof das hörte, wandte er die Augen zum Himmel, dankte Gott, gebot mit der Hand Schweigen und sprach:

...obwohl nämlich Eure Stimme zahlreich klang, hatte sie doch einen gemeinsamen Ursprung. Deshalb sage ich Euch, dass Gott, der sie Euren Herzen eingegeben hatte, sie aus Euch herausbrachte. Es sei also dieser Ruf für Euch im Krieg ein Schlachtruf, denn dieses Wort ist von Gott eingesetzt. Wenn Ihr im Angriff mit Gewalt gegen den Feind stürmt, sei für alle auf der Seite Gottes dies der einzige, Ruf: „Gott will! Gott will!"

Fulcher von Chartres lässt den Papst sagen: Christus befiehlt es. Dass Robert weiter geht, hat gute Gründe. 1101 wurden drei Expeditionscorps unterwegs völlig aufgerieben, und die Kolonien schwebten ständig in der Gefahr, überrannt zu werden. Für den Fall des Scheiterns menschlicher Vorhaben ist es christlicher Brauch darauf hinzuweisen, gewaltet habe letztlich der Wille Gottes. Und das kling auch heute noch gut: Es war ein Desaster, aber ein von Gott gewolltes.

Stoffkreuze, Nadel und Faden zur Hand

Wer sich entschlossen hat, diese heilige Pilgerschaft anzutreten und Gott gelobt sich als lebendiges, heiliges und Gott wohlgefälliges Opfer darzubringen, der trage das Zeichen des Herrn an seiner Stirn oder Brust vor sich her.

In der späteren Poetik wurden die Kreuze rot, seiden und auf der Stelle zugeschnitten und aufgenäht. Dabei bleibt offen, ab auch Damen dabei waren, die den Entflammten mit Nadel und Faden zu Hand gingen. Für die Verwandlung der Szenerie in eine Schneider-Werkstatt ist Baudri von Deuil verantwortlich, der seine Papstrede wie Robert um 1100 komponierte.

Als der apostolische Herr dieses und anderes mehr den Anwesenden gehörig bekannt gemacht hatte, brachen die einen in Tränen aus, andere zitterten oder redeten darüber. Sofort nähten alle das Zeichen des heiligen Kreuzes auf ihre Oberkleider.

Die Gründe für die anhaltende Werbe-Kampagne

In der Praxis der nächsten Feldzüge wird die Kreuznahme zunehmend mit einem Gelübde verbunden. Die Ablösung des Eides konnte durch eine geldliche Buße erfolgen. Die neue Finanzquelle mündete in das exzessive Ablasswesen, das Luther und Adel zum Eingreifen veranlasste. Es gab also nach der Eroberung Jerusalems hinreichende Gründe für eine Fortsetzung und Verschärfung der Propaganda. Die Papstreden und der Alexios-Brief dürften den Predigern als Vorlagen gedient haben. Roberts Chronik wurde eine Art Bestseller. Im 15. Jahrhundert lagen dann auch für den deutschen Laien Übersetzungen vor:

... und das blüt der besnydunge daz gießent sie uff die elter ... und die sie wollent schemelich doten, den durchgrabent sie den nabel ... waz soll ich sagen von der bosen süntlichen notzogünge der fraüwen? Ist da von besßer geswigen dann geredt ...

Das Rührstück hat Bestand

Wenn die Ausschmückungen erst mal losgetreten sind, ist kein Kraut mehr gegen sie gewachsen. Im Widerspruch zu den Darstellungen von Fulcher, Lambert und Bernold und trotz der dürftigen frühen Resonanz des Konzils hat sich die abendländische Geschichtsschreibung für die Inszenierungen von Robert und Baudri entschieden und sogar weiter ausgemalt. Baudri und die anderen Kollegen müssen übrigens gerade eingeschlafen sein, als das Robertsche deus vult aufbrauste. Es kommt jedenfalls bei ihnen nicht vor. Die Verfasser der Nachschlagewerke braucht es nicht zu kümmern, weil sie sich auf die Elite der Feldzugshistoriker berufen können. Siehe oben Steven Runciman. Auch an Hans Eberhard Mayers Geschichte der Kreuzzüge (Stuttgart 1985) kommt kein Student der Materie vorbei. Und liest dann auf Seite 14:

Der Erfolg dieser Ansprache muss außerordentlich gewesen sein. Deus lo volt, Gott will es, so brach der Ruf aus der Masse hervor. Der Bischof Adhemar von Le Puy, ohne Zweifel schon seit längerem in die päpstlichen Pläne eingeweiht, nahm als erster das Kreuz, und viele der Versammelten taten es ihm nach. Gewänder mussten zu Stoffkreuzen zerschnitten werden, die die Einzelnen sich bei der Kreuznahme in Nachfolge Christi (Matth. 10, 38) auf die Schulter hefteten.