Gott will es - das Konzil in Clermont - verklärt von begeisterten Historikern (7)
Kreuzzüge -Konzil in Clermont -Tagungsort
Überliefert sind voneinander stark abweichende Berichte über das Konzil sowie diverse Versionen der Rede Urban II. (Papstreden). Schon 16 Jahre später der beginnt die Überhöhung des Konzils durch einen Cronisten namens Robert von Reims. Obwohl seine Version keine Sachkenntis erkennen läßt, wird sie auch von "modernen" Historikern" als die einzig wahre weitergegen. Das "Gott will es" geht allein auf Robert zurück.
Kreuzzug Konzil Clermont Konzil Clermont -Kitsch
Das Konzil, Miniatur 14. Jahrhundert, entspricht dem kenntnisreichen Bericht des Fulcher von Chartres. Er kannte die Dekrete, war also wohl Augezeuge.
Illustration 19. Jahrhundert. Entspricht der Version des Mönches Robert aus Reims. Seine "Papstrede" ist eine einzige Hasspredigt. Robert will für Kreuzzüge werben. Propaganda, wie im Krieg üblich.
Türken - die Schmach Gottes

In fast jeder illustrierten Geschichte aus dem 19. Jahrhundert wird Genrebildern das Gemüt der Leser heimgesucht. Hier im Bildersaal deutscher Geschichte, einem in gutbürgerlichen Kreisen beliebten patriotischen Bilderbuch.

.... Als bald darauf auch Kaiser Alexius um Beistand gegen die Türken bat, beschloss Urban einen Heerzug nach dem heiligen Land zu organisieren um dies den Türken zu entreißen. Zu diesem Zeck berief er 1095 eine Kirchenversammlung nach Piacenza und später nach Clermont. Hier, wo ganze Scharen von Bischöfen, Fürsten und Herren erschienen waren, suchte der Papst mit flammenden Worten die Herzen zum Kampfe zu entflammen. „Wehe uns, dass wir stille sitzen und ruhig zusehen der Schmach Gottes. Darum auf, meine Geliebten, waffnet euch! Ablass der Sünden und ewiges Leben sei der Lohn im heiligen Streit!" Unbeschreiblich war die Wirkung. „Gott will es!" rief die Menge und viele ließen sich zum Zeichen der Teilnahme ein Kreuz an die Schulter heften.

Wie das? Hatte Urban die Kreuze vorher anfertigen lassen? Fulcher von Chartres , sofern er in Clermont war, muss die Versammlung zu früh verlassen haben. Die Stoffkreuze sah Fulcher erst unterwegs:

Viele Leute mit diesem oder jenem Ruf hörten von der Vergebung der Sünden und gelobten mir gereinigter Seele den ihnen gewiesenen Weg einzuschlagen. Oh wie wohlgefällig sahen wir alle die Kreuze aus Seide oder goldenen Bändern oder anderen schönen Stoffen, die Laien und Kleriker auf ihren Umhängen trugen.

Moderne Fachwelt mitgerissen

Die Gott-will-es-Szene ist auch in die hochseriöse Geschichtsschreibung geraten. Unter Mithilfe auch des berühmtesten unter den Historiographen der Feldzüge: Steven Runciman
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Die geistliche und weltliche Menge, welche sich einfand, war zu riesig, um in der Kathedrale, wo das Konzil bisher getagt hatte, Platz finden zu können. Also wurde der päpstliche Thronsessel auf einem Podium auf freiem Feld vor dem 0sttor der Stadt aufgestellt; und hier erhob sich Urban inmitten der versammelten Massen, um zu ihnen zu sprechen ... Urban sprach mit glühendem Eifer und aller Kunst des großen Volksredners. Der Widerhall erfolgte unverzüglich und war überwältigend. Der Ruf „Deus le volt!" - „Gott will es!" - unterbrach immer wieder seine Rede. Der Papst hatte noch kaum geendet als der Bischof von Le Puy sich von seinem Sitz erhob, vor dem Thronsessel niederkniete und um Erlaubnis bat, sich dem heiligen Zug anschließen zu dürfen. Hunderte drängten sich alsbald heran, um seinem Beispiel zu folgen ... Jedes Mitglied der Expedition sollte als Sinnbild seiner Weihe das Zeichen des Kreuzes tragen; ein Kreuz aus rotem Zeug war auf die Schulter des Überrocks aufzunähen.

(Steven Runciman, Der erste Kreuzzug, Übers. Karl Heinz Siber, München, 1981.)

Nach Lambert von Arras, Fulcher von Chartres und Bernold von Konstanz waren etwa 300 Teilnehmer angereist. Keiner von ihnen erwähnt eine Rede im Freien und eine mitgerissene Menschenmenge. Muss man das als Historiker ernst nehmen? Offenbar nicht, wenn man selbst mitgerissen ist. Und zwar vom Schwung, der für sie mit dem Kreuzzug nun in die europäische Geschichte kommt. Und mitgerissen von ihrer Vorlage, die rund 15 Jahre nach dem Konzil getextet wurde:

Als der Papst Urban in dieser urbanen Predigt dieses und mehr dieser Art gesagt hatte, da vereinte die Begeisterung alle Anwesenden als sie ausriefen: "Gott will, Gott will".

Sein wir Mal kleinlich, weil Runciman sonst so akribisch ist. Er bringt noch mehr Schwung in die Szene, in dem er die Rede gleich mehrfach unterbrechen lässt. In seiner Vorlage wird erst am Schluss geschrieen, und zwar nur: Deus vult, Deus vult. Jetzt zur dieser Vorlage.

Das Konzil ganz groß

Ein gewisser Robert genannt Monachius, weil Mönch in einem Kloster zu Reims, erhält um Jahr 1110 von seinem Abt den Auftrag, die Gesta Francorum des Anonymus zu bearbeiten. Robert erläutert im Vorwort, was seinem Vorgesetzten an der Gesta missfiel: Sie enthalte den Anfang der Geschichte in Clermont nicht und sei literarisch wertlos. Offensichtlich hat Robert seinem Abt erzählt, er sei in Clermont dabei gewesen, denn das behauptet er auch gegenüber seinen Lesern. Er tut so, als hätte er mitgeschrieben oder die Rede wörtlich memoriert, und er ist nicht der einzige. Guibert von Nogent und Baldrich von Dol verfassten ihre Reden ebenfalls um 1110. Thematische Berührungspunkte mit Fulcher sind nur der Aufruf zum Heerzug , die Bedrohung durch die Türken und die himmlische Entlohnung. In allen nach Fulcher verfassten Papstreden fehlen kirchenpolitische Stellungsnahmen. Neue thematische Schwerpunkte: Die Gräuel der Türken, die Entweihung der Grabeskirche und die Verheißung irdischen Gewinns. Beim Wortlaut gibt es keine Übereinstimmung. Das gilt auch für die von William von Malmesbury (um 1125) und Wilhelm von Tyros (um 1180) verfassten Reden. Das muss doch zu denken geben. Es sind also fünf längere Texte in wörtlicher Rede überliefert, aber alle weichen im Wortlaut voneinander ab. Wie auch anders, 15 oder mehr Jahre nach dem Ereignis konnte nur noch kompiliert und fabuliert werden. Die Zunft der Feldzugs-Historiker drückt sich um diese Feststellung. Die Behauptung Roberts, er habe am Konzil teilgenommen, lässt sie einfach so stehen

Schlecht informiert

Wenn Robert in Clermont dabei war, sollte man annehmen, er habe sich wenigstens Notizen gemacht. Das sieht aber gar nicht so aus. Er weiß nicht einmal, wer daran teilgenommen hat. Also fabuliert er:

In Gallien wurde im Jahre der Fleischwerdung des Herren 1095 ein großes Konzil in Alvernia abgehalten, und zwar in der Stadt, die Clara Monta genannt wird, dem Papst Urban II. mit den römischen Bischöfen und Kardinälen vorstand. Es kamen bei diesem Konzil auch viele Berühmtheiten aus Gallien und Germanien zusammen, seien es Bischöfe oder Fürsten.

Welche? Fürsten aus Germanien? Laut Fulcher stellten sich 310 Bischöfe und Äbte ein. Lambert von Arras, der die Dekrete überlieferte, zählte:

13 Erzbischöfe, 225 Bischöfe und 90 Äbte ... und viele andere Laien und Kleriker aus der Region und Provinz.

Urban hatte in Le Puy im August die französischen Kirchenfürsten nach Clermont bestellt. Von Teilnehmern aus Germanien ist in keiner Quelle die Rede, und es gab dort auch keine Resonanz. Frutolf und Ekkehard wussten ja nicht einmal, wo das Konzil stattgefunden hat.

Gräuelpropaganda mit hoher Auflage

Nachdem Robert den Kreis der Teilnehmer vervielfältigt hat, verlegt er durchaus konsequent die Schlussveranstaltung ins Freie:

Nachdem die kirchlichen Angelegenheiten erledigt waren, begab sich der Papst auf eine sehr breite Straße heraus, weil keine Kirche die Menge der Leute fassen konnte. Er sprach mit wohlklingenden Worten zu den Anwesenden.

Diese Papstrede wurde für damalige Verhältnisse massenhaft verbreitet. 87 Handschriften sind noch erhalten. Urban laut Robert:

Volk der Franken nördlich der Berge ... An Euch richtet sich unsere Rede, und Euch gilt unsere Mahnung. Ihr sollt wissen, welch traurige Gründe uns zu Euch geführt haben und welche Gefahren Euch und allen Gläubigen drohen.

Zu den Gründen gehören bei Robert nicht: Ämterkauf, die Spaltung der Kirche und die Unsicherheit auf den Straßen kein Thema.

Aus den Gebieten Jerusalems und aus der Stadt Konstantinopel erreichen uns wie schon so oft schlimme Nachrichten. Ein Volk aus dem Reich der Perser, ein fremdes Volk, ein Volk, das Gott gar nicht kennt, ein Geschlecht, dessen Herz nicht fest war, und dessen Geist sich nicht treu an Gott hielt, ist in die Länder jener Christen eingedrungen, hat sie mit Schwert, Raub und Brand verwüstet. Dieses Volk hat die Gefangenen teils in sein eigenes Land entführt, teils auch in elendem Morden niedergemetzelt und die Kirchen Gottes entweder von Grund auf zerstört oder zur Feier ihres eignen Kultes in Besitz genommen.

Außer Fulcher von Chartres teilt keiner der Redeschreiber Details über den Ablauf des Konzils mit. Daraus kann man schließen, dass er tatsächlich am Konzil teilgenommen hat. Sicher ist das keineswegs. Fulcher benutzte für seine Version die Dekrete des Konzils und kannte den Tenor oder den Wortlaut in Umlauf befindlicher Botschaften. Um 1110 lagen weitere einschlägige Texten vor, von denen Robert der Mönch Gebrauch machen konnte. Auch die Chronik Fulchers. Bei ihm leitet der Papst seine Rede so ein:

Wie den meisten von Euch schon gesagt wurde, haben sich die Türken ausgebreitet bis zum Mittelmeer, das St. Georg-Arm genannt wird. Dieses Volk aus Persien hat die Länder der Christen bis zu den Grenzen des oströmischen Reiches mehr und mehr besetzt und sie in siebenfältigem Kampf besiegt, wobei viele getötet oder gefangen wurden, Kirchen zerstört worden sind und das Reich Gottes verwüstet wurde.

Entweder hat Robert die Einleitung von Fulcher übernommen oder einen Text benutzt, der auch Fulcher vorlag. In beiden Fällen wäre zu konstatieren, das Robert zu Übertreibungen neigt. Der Papst weiter bei Robert:

Sie wandeln Altäre um, die sie mit ihren Abscheulichkeiten befleckt haben, beschneiden die Christen, und verspritzten das Blut der Beschneidung über die Altäre oder gießen es in die Taufbecken

Das Ansehen Urbans bedarf der Fürsprache Er war, nach allem was wir wissen, ein kluger Mann. Ihm zu unterstellen, er hätte so was gesagt, ist nicht gerade freundlich. Ein ihm vorliegender Bericht mit diesen Details der Gräueltaten hätte ihn schon wegen der damit verbundenen Anstrengungen stutzig machen müssen. Moderne Historiker ziehen es vor, ihrem Publikum diesen Text vorzuenthalten, trotz seiner Verbreitung und Langzeitwirkung. Unvorstellbar: Einer der Großen des Abendlandes hält eine derart detailbesessene Hetzrede und beliefert das Abendland höchst persönlich mit dem Bild vom muslimischen Untermenschen? Muss man nicht zitieren. Die Studenten des Fachbereichs können sich ja den Text besorgen, wenn die unbedingt wollen. Der Skandal wäre geringer, wenn man Urban davon freisprechen würde, diese Rede tatsächlich gehalten zu haben. Aber damit wäre natürlich die Glaubwürdigkeit Roberts erledigt, und damit auch die unverzichtbare Gott-will-es-Szene. Entweder wurden keine Nachforschungen nach Vorlagen angestellt, die Robert benutzt haben könnte, oder das Resultat missfiel. Die oben zitierten Sätze stehen nämlich fast wörtlich im sogenannten Alexios-Brief.

Denn sie beschneiden die Knaben und jungen Männer der Christen über den christlichen Taufbecken, gießen das Blut der Beschneidung aus Missachtung gegenüber Christus in dieselben Taufbecken ...

Weiter Roberts Urban:

Und denen, die sie mit einem schmählichen Tod bestrafen wollen, schlitzen sie den Bauch auf, reißen ihnen bei lebendigem Leib den Kopf ab, binden sie an einen Pfahl und treiben sie so unter Schlägen umher, bis sie, mit heraushängenden Eingeweiden, zu Boden gestreckt zusammenbrechen. Einige binden sie an einen Pfahl und beschießen sie mit Pfeilen; einige lassen den Hals ausstrecken, bedrängen sie mit blankem Schwert und probieren, ob sie ihn mit einen Streich durchhauen können.

Robert war sicher in der Lage, solche Scheußlichkeiten selbst zu ersinnen. Musste er aber nicht. Im Namen der Kirchenoberen des Erzbistums Magdeburg und mehrerer Adliger wurde um 1108 ein Aufruf zu einem Feldzug gegen die Slawen verfasst.

Oft brechen sie in unser Gebiet ein, rauben, morden, zerstören schonungslos und bedrängen uns mit ausgesuchten Foltern: die einen enthaupten sie und opfern ihre Köpfe den Dämonen. Anderen reißen sie die Eingeweide heraus, binden die abgeschnittenen Hände und Füße zusammen und verhöhnen unseren Christus: Wo ist deren Gott? Andere lassen sie gefesselt mit noch größeren Qualen ein Leben fristen, das elender ist als jeder Tod, weil sie lebendig mit ansehen müssen, wie sie durch das Abschneiden der einzelnen Glieder zu Tode gequält werden und wie ihnen schließlich der aufgeschnittene Bauch erbärmlich ausgeweidet wird.

Die im Alexios-Brief ausgebreiteten Obszönitäten erspart Robert seinen Lesern:

Was soll ich sagen über die gotteslästerliche Schändung der Frauen, worüber zu sprechen ärger ist als zu schweigen? Das Reich der Griechen ist von ihnen schon so verstümmelt und zu ihren Gebräuchen überführt worden, dass es in nicht zwei Monaten durchwandert werden kann.

Hass & Habgier & Seelenheil

In den Aufruf-Texten wird inzwischen unverblümt dazu aufgefordert, sich zu bereichern. Urban laut Robert:

Entreißt jenes Land dem gottlosen Volk und unterwerft es Euch, jenes Land ... darin Milch und Honig fließen. Jerusalem ist der Nabel Welt, ein Land fruchtbarer als alle anderen, gleichsam ein zweites Paradies der Lustbarkeiten.

Aufruf gegen die Slawen:

Die Heiden hier sind übel, ihr Land aber ist höchst ergiebig an Fleisch, an Honig, an Mehl an Vögeln. Und wenn es sorgfältig bebaut wird, wird ein solcher Überfluss an allem Wachstum aus der Erde sein, dass kein Land mit ihm verglichen werden kann.

Aus dem Handbuch für Prediger? Zentraler Versand von Textbausteinen für Aufruf-Schreiber? Unwahrscheinlich. Aber eine gewisse Standardisierung ist offensichtlich eingetreten. Tendenz: Radikalisierung. Das Motiv der Befreiung der Ostchristen in Anatolien lässt Robert weg, sie galten ja inzwischen als Feinde.

Das heilbringende Jerusalem

Feindbildpflege. Angelehnt an den Alexios-Brief sagt Roberts Papst noch:

Anregen soll Euch vor allem das Heilige Grab des Herrn, unseres Retters, das von unreinen Völkern besetzt gehalten wird, und die Heiligen Stätten, die entehrt und besudelt werden mit deren Unreinheiten.

Marketing. Die Vertreibung der unreinen Völker vom Heiligen Grab stand um 1110 nicht mehr an, sondern seine Verteidigung. Grund genug, weiter für die Kreuznahme zu werben.

Jerusalem ist der Nabel Welt, ein Land fruchtbarer als alle anderen, gleichsam ein zweites Paradies der Lustbarkeiten ... Sie ist deshalb die königliche Stadt, in der Mitte des Erdkreises gelegen, nun von ihren Feinden besetzt gehalten und von Menschen, die Gott nicht kennen, und sie dient nun heidnischen Zeremonien ... Begebt Euch auf diesen Weg zur Vergebung Eurer Sünden, dann ist Euch der unvergänglicher Ruhm des Himmelreiches gewiss.

Die hohe Produktivität der Kopisten zeugt von dem Bemühen der Kirche, eine Kreuznahme-Stimmung aufrecht zu erhalten. Sie förderte die Bereitschaft zum Kirchebesuch, Geld zu spenden und in die Feudalstaaten im Nahen Osten überzusiedeln. Vor allem das Königreich Jerusalem war ständig in militärische Auseinandersetzungen mit seinen Nachbarn verwickelt und daher wie der Staat Israel auf Nachschub aus dem Westen angewiesen. Robert übertreibt und kompiliert ganz offensichtlich, um etwas zu propagieren und nicht, um einen Beitrag zur Geschichtsschreibung zu leisten. Womit sich die Frage stellt, was Historiker betreiben, die seinen Bericht übernehmen, ohne seine Zuverlässigkeit zu erörtern. An Robert Geschick als Werber gibt es keinen Zweifel. Am Ende verklärt Robert das Unternehmen Ostkolonisierung, in dem er auch der Anfang verklärt: Das Konzil zu Clermont.

Gottes Wille


Jetzt kommt die Szene, mit der Robert es geschafft hat, in jedem Lexikon und sonst wo zitiert zu werden.

Als der Papst Urban in dieser urbanen Predigt dieses und mehr dieser Art gesagt hatte, da vereinte die Begeisterung alle Anwesenden als sie ausriefen: Gott will! Gott will. Als der ehrwürdige römische Bischof das hörte, wandte er die Augen zum Himmel, dankte Gott, gebot mit der Hand Schweigen und sprach:

...obwohl nämlich Eure Stimme zahlreich klang, hatte sie doch einen gemeinsamen Ursprung. Deshalb sage ich Euch, dass Gott, der sie Euren Herzen eingegeben hatte, sie aus Euch herausbrachte. Es sei also dieser Ruf für Euch im Krieg ein Schlachtruf, denn dieses Wort ist von Gott eingesetzt. Wenn Ihr im Angriff mit Gewalt gegen den Feind stürmt, sei für alle auf der Seite Gottes dies der einzige, Ruf: „Gott will! Gott will!"

Fulcher von Chartres lässt den Papst sagen: Christus befiehlt es. Dass Robert weiter geht, hat gute Gründe. 1101 wurden drei Expeditionscorps unterwegs völlig aufgerieben, und die Kolonien schwebten ständig in der Gefahr, überrannt zu werden. Für den Fall des Scheiterns menschlicher Vorhaben ist es christlicher Brauch darauf hinzuweisen, gewaltet habe letztlich der Wille Gottes. Und das kling auch heute noch gut: Es war ein Desaster, aber ein von Gott gewolltes.

Stoffkreuze, Nadel und Faden zur Hand

Wer sich entschlossen hat, diese heilige Pilgerschaft anzutreten und Gott gelobt sich als lebendiges, heiliges und Gott wohlgefälliges Opfer darzubringen, der trage das Zeichen des Herrn an seiner Stirn oder Brust vor sich her.

In der späteren Poetik wurden die Kreuze rot, seiden und auf der Stelle zugeschnitten und aufgenäht. Dabei bleibt offen, ab auch Damen dabei waren, die den Entflammten mit Nadel und Faden zu Hand gingen. Für die Verwandlung der Szenerie in eine Schneider-Werkstatt ist Baudri von Deuil verantwortlich, der seine Papstrede wie Robert um 1100 komponierte.

Als der apostolische Herr dieses und anderes mehr den Anwesenden gehörig bekannt gemacht hatte, brachen die einen in Tränen aus, andere zitterten oder redeten darüber. Sofort nähten alle das Zeichen des heiligen Kreuzes auf ihre Oberkleider.

Die Gründe für die anhaltende Werbe-Kampagne

In der Praxis der nächsten Feldzüge wird die Kreuznahme zunehmend mit einem Gelübde verbunden. Die Ablösung des Eides konnte durch eine geldliche Buße erfolgen. Die neue Finanzquelle mündete in das exzessive Ablasswesen, das Luther und Adel zum Eingreifen veranlasste. Es gab also nach der Eroberung Jerusalems hinreichende Gründe für eine Fortsetzung und Verschärfung der Propaganda. Die Papstreden und der Alexios-Brief dürften den Predigern als Vorlagen gedient haben. Roberts Chronik wurde eine Art Bestseller. Im 15. Jahrhundert lagen dann auch für den deutschen Laien Übersetzungen vor:

... und das blüt der besnydunge daz gießent sie uff die elter ... und die sie wollent schemelich doten, den durchgrabent sie den nabel ... waz soll ich sagen von der bosen süntlichen notzogünge der fraüwen? Ist da von besßer geswigen dann geredt ...

Das Rührstück hat Bestand

Wenn die Ausschmückungen erst mal losgetreten sind, ist kein Kraut mehr gegen sie gewachsen. Im Widerspruch zu den Darstellungen von Fulcher, Lambert und Bernold und trotz der dürftigen frühen Resonanz des Konzils hat sich die abendländische Geschichtsschreibung für die Inszenierungen von Robert und Baudri entschieden und sogar weiter ausgemalt. Baudri und die anderen Kollegen müssen übrigens gerade eingeschlafen sein, als das Robertsche deus vult aufbrauste. Es kommt jedenfalls bei ihnen nicht vor. Die Verfasser der Nachschlagewerke braucht es nicht zu kümmern, weil sie sich auf die Elite der Feldzugshistoriker berufen können. Siehe oben Steven Runciman. Auch an Hans Eberhard Mayers Geschichte der Kreuzzüge (Stuttgart 1985) kommt kein Student der Materie vorbei. Und liest dann auf Seite 14:

Der Erfolg dieser Ansprache muss außerordentlich gewesen sein. Deus lo volt, Gott will es, so brach der Ruf aus der Masse hervor. Der Bischof Adhemar von Le Puy, ohne Zweifel schon seit längerem in die päpstlichen Pläne eingeweiht, nahm als erster das Kreuz, und viele der Versammelten taten es ihm nach. Gewänder mussten zu Stoffkreuzen zerschnitten werden, die die Einzelnen sich bei der Kreuznahme in Nachfolge Christi (Matth. 10, 38) auf die Schulter hefteten.