Definition Kreuzzüge
Feldzüge unter Führung oder auf Veranlassung der römischen Kirche mit der Zusage der Sündenvergebung - es traf orthodoxe Christen, die als Ketzer galten, Türken und Slawen, die als barbarische Götzendiener bezeichnet wurden, später abtrünnige Katholiken, aufständische Bauern. Papst Urban hat nicht dazu aufgefordert, den Islam zu bekämpfen. Die Leute hätten gefragt: Wo ist er? Kann man ihn sehen? Damals.
Das Papsttum wird offensiv. Der Ost-Westkonflikt bis 1059
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Kirchenspaltung. Politik und Kirche im zerfallenden Römischen Reich
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Peter Milger

Von Päpsten veranlasste Militäroperationen gegen Ostrom (Byzanz) im Vorfeld des ersten Kreuzzugs und danach
Abstract. Im 11. Jahrhundert geht die römische Kirche in die Offensive. Die erste von einem Papst initiierte Militärexpedition fand 1081 statt und war nicht gegen die Türken, sondern gegen Ostrom gerichtet. Die kaiserlichen Truppen hatten alle Mühe, den Angriff abzuwehren. Beim sogenannten ersten Kreuzzug 1095 stellten die Streiter Christi in Ostrom den Kriegszustand her. 1111 erfolgte unter Mithilfe eines Papstes ein weiterer Angriff mit dem Ziel Konstantinopel, der ebenfalls scheiterte. 1204 war es soweit. Kreuzzügler erobern Konstantinopel und große Teile des Reichs und errichten eine Fremdherrschaft. Verwerflich? Es gab noch keine Ächtung von Eroberungskriegen. Die Grundregel lautete, der Sieger ist im Recht. Und was passiert heute, wenn die Uno ächtet?

Westrom, 11. Jahrhundert - alle Macht den Päpsten

Hauptproblem der Päpste im weströmischen Reich: Sie mussten sich immer wieder dem Willen des römischen Adels und des römischen Königs beugen, weil sie sich keine Streitkräfte leisten konnten. Während der Regentschaft König Heinrich III. spitzte sich der sogenannte Investiturstreit zu. Dabei ging es um das lukrative Recht, Bischöfe ein- und abzusetzen. Streitpunkt war auch, wer die Oberherrschaft im Reich innehabe. Rechtzeitig taucht ein Text auf, der belegen soll, dass sie dem Papst zukomme. Ein Original wurde nicht präsentiert. Laut Kopie hat Kaiser Konstantin im Jahr 316 dem damaligen Papst Silvester und dessen Nachfolgern den Westteil des römischen Reichs geschenkt.

Damit die päpstliche Krone an Macht und Würde die irdische Kaisermacht überragt ... übergeben wir ... die Provinzen, Orte und Städte der Stadt Rom, Italiens bzw. aller westlichen Territorien ... an unseren Vater Silvester.

Ausdrücklich begehrt: Waffen

Übergeben worden seinen neben anderen Zugaben auch kaiserliche Zepter, Waffen, Fahnen und Ehrenzeichen. Das heißt, die Könige im Westen empfangen ihre Länder als Lehen des Papstes. Der erste Satz hätte argwöhnisch machen müssen. Auch war der Text nicht in dem Latein des 4. Jahrhunderts verfasst. Dass die Konstantinische Schenkung eine reine Erfindung war, wurde aber erst im Vorfeld der Reformation entlarvt.

1020 bis 1071: Ostrom wird im Krieg mit den Normannen geschwächt

Anfang des 11, Jahrhunderts begann die aggressive Landnahme durch die Normannen in Süditalien. Das betraf auch Regionen in Apulien und Kalabrien, die unter oströmischer Verwaltung standen. Aus den ersten Kampfhandlungen wurde ein wechselvoller Krieg zwischen Ostrom (im Westen auch Byzanz genannt) und den Normannen. Aus der Sicht der Kaiser in Konstantinopel waren die Invasoren Verbündete der Päpste, was ja über weite Strecken auch der Fall war. Mehrfach gelang es in Bari gelandeten oströmischen Truppen, von Normannen eroberte Territorien wieder einzunehmen. Zum letzen Mal 1066. Das gewonnene Terrain ging aber auch diesmal zum größten Teil wieder verloren. Im April 1071 eroberte Robert Guiscard die Stadt Bari, den letzen Stützpunkt Ostroms im Westen. Näheres HIER.

Rom - Konstantinopel 1054. Kirchenspaltung verfestigt. Oströmer der Häresie bezichtigt

Glaubenssätze: Kommt der Heilige Geist nur aus Gott (Ostkirche) sondern auch aus Jesus (Westkirche)? Reicht der Priester beim Abendmahl ungesäuertes oder gesäuertes Brot? In Konstantinopel kommt es bei Verhandlungen zum einem Eklat. Der Patriarch bannt die Delegierten aus Rom, im Gegenzug exkommuniziert der Vertreter des Papstes Leo IX. gleich alle Ostchristen, die auf ihrer Glaubenpraxis bestehen. Der Text ist überliefert:

Wer dem Glauben des heiligen römischen und apostolischen Stuhls sowie seinem Abendmahlopfer penetrant widerspricht, sei gebannt ... man soll ihn nicht für einen katholischen Christen halten, sondern einen Ketzer ... (Prozymita haereticus) so sei es, so sei es, so sei es (fiat, fiat, fiat)

Näheres HIER. Zu dem alten theologischen Streit kommen politische Divergenzen, die auch mit dem Vorgehen der Normannen zu tun haben. Der Patriarch von Konstantinopel und der Papst in Rom versagen sich mehrfach gegenseitig die Anerkennung. Besonders Gregor VII. wird den Standpunkt vertreten, der Oberherr über alle christlichen Kirchen und deren Güter sei der Nachfolger Petri und residiere in Rom. Bei ihm wird sich der Gedanke, alle Ostchristen seinen Ketzer, verfestigen.

Melfi 1059 - Normannen im Reich integriert

Papst Nikolaus II. versuchte 1059 die Süditalien vorherrschenden und ständig Fehden austragenden Normannen unter seine Kontrolle zu bringen, in dem er Robert Guiscard zum Herzog erhob. Er agierte damit als Lehnsherr, die Normannen wurden seine Vasallen. Ihre Rolle: Schutztruppe des Päpste.

Ostrom 1071: Türkische Landnahme, die Fakten

Im August erlitt eine Söldnerarmee Ostroms in Anatolien bei Manzikert eine Niederlage gegen die türkischen Seldschuken. Da innere Machtkämpfe das Reich zusätzlich schwächten, gelang es den Türken unter Sultan Arp Arslan, Anatolien bis auf einige Küstenstriche schrittweise zu besetzten. Diese Türkische Landnahme - ursprünglich wahrscheinlich nicht beabsichtigt - verlief weitgehend unblutig. Die Schonung der christlichen Bevölkerung entsprach der pragmatischen Einsicht, dass Tote nichts wert waren, nichts erwirtschaften und keine Steuern zahlen. Muslimische Herrscher pflegten ihre christlichen Untertanen als Volk des Buches (Bibel) anzusehen. Sie durften ihre Religion ausüben und sich selbst verwalten. Auch nach der Besetzung bildeten Christen in Anatolien die Mehrheit.

Die Türkische Landnahme im Spiegel der Propaganda

Kam das so auch im weströmischen Reich an? Nein. Papst Gregor wird drei Jahre später in einem Rundbrief behaupten, die Christen seien wie Vieh abgeschlachtet worden. Propaganda und Hetze zwecks Gewinnung von Anhängern und als Begründung für Kriege - das wird sich bewähren. Besonders vor und während der beiden Weltkriege und dem Kreuzzug (US-Präsident G.W. Bush) gegen den Irak. Neuerliche Begriffsbildungen wie fake-news und post-faktisches Zeitalter suggerieren, irgendwann hätten Menschen es beim Austausch nachprüfbarer Beobachtungen belassen. Vielleicht als sie noch sammelten und jagten, vor der Erfindung der Götter.

Kirchenstaat 1073/74. Papst Gregor VIII. in Bedrängnis

Am 27. September 1073 lässt Gregor einen Mailänder Adligen wissen: Die Normannen ... beschädigen den (Kirchen-) Staat und die Heilige Kirche. Robert Guiscards Normannen unternehmen Raubzüge im Patrimonium Petri. Papst Gregor VIII. exkommuniziert ihn mehrfach, zuletzt auf einem Konzil in Rom am 6. März 1075.
Der Herzog und der oströmische Kaiser Michael VII. einigen sich auf einen Ehevertrag für ihre Kinder. Gegen ein Bündnis zwischen Ostrom und den Normannen ist der Papst machtlos. Seinem Anspruch nach sollte die päpstliche Krone an Macht und Würde die irdische Kaisermacht überragen. Offensichtlich ist niemand bereit, sich überragen zu lassen. Auch König Heinrich IV. nicht.

Gregor braucht einen Plan. Und hat einen genialen Einfall

Wie kann er sich als oberster Herr der Christenheit ausweisen? In dem er den von den Türken bedrohten Brüdern im Osten beisteht. Wie kann er Streitkräfte unter seine Befehlsgewalt stellen? In dem er zu einer Militärexpedition aufruft. Wie kann er den Feldzug finanzieren, obwohl es ihm notorisch an Barem mangelt? In dem er den Teilnehmern die Vergebung ihrer Sünden verspricht.

Rom Februar 1074. Papst Gregor ruft zu einem Feldzug nach Ostrom auf. Mit allen Merkmalen der später sogenannten Kreuzzüge.

Brief Anfang Februar an den Herzog von Burgund mit der Bitte, ihn an weitere ihm bekannte Fürsten weiterzuleiten.

Wir fordern dich auf, eine Streitmacht aus deiner Kriegerschaft aufzustellen, um die Freiheit der Römischen Kirche zu erhalten. Wenn es nötig sein wird, trete mit deiner Armee in den Dienst der Kirche ... Wenn die Normannen befriedet sind, können wir nach Konstantinopel übersetzen, um den Christen beizustehen, die durch die häufigen Verwüstungen durch die Sarazenen schwer bedrängt werden und begierig eine helfende Hand erflehen. Gegen die rebellierenden Normannen haben wir genug Krieger ... Dich und alle, die sich mit Dir bei dieser Expedition abmühen, ... werden die Apostelfürsten Petrus und Paulus mit doppelten, gar vielfältigen Belohnungen beschenken. ( ... te et omnes , qui tecum in hac expeditione fuerint fatigati , dupplici immo multiplici remuneratione … PETRUS et PAULUS principes apostolorum donabunt).

Meldungen über eine Antwort des Burgunderherzogs oder über Truppenbewegungen liegen nicht vor. Große Ideen brauchen Zeit, um zu reifen, Gregor gibt nicht auf,

Rom März 1074 - Gregor schärft das Feindbild und ruft erneut zu einer Hilfsexpedition nach Ostrom auf


In einer Enzyklika ruft Papst Gregor dazu auf, den christlichen Glauben und das Reich von Konstantinopel zu verteidigen. Der Überbringer des Briefes, ein Reisender aus Übersee, habe wie viele vor ihm über ein Volk der Heiden berichtet,

welches mit großer Macht über das christliche Reich gekommen ist und mit beklagenswerter Grausamkeit fast alles bis zu den Mauern von Konstantinopel zerstört hat und mit tyrannischer Gewalt besetzt hält und viele Tausend Christen wie Vieh getötet hat ...( ad muros Constantinopolitane civitatis omnia devastasse et tyrannica violentia occupasse et multa milia christianorum quasi pecudes occidisse).

Am Ende des Briefes bittet der Papst, den Brüdern sofort Hilfe zu bringen und um eine schnelle Antwort in dieser Angelegenheit. Schriftliche Zusagen wurden nicht gefunden. Gregor gibt nicht auf.

Ergänzung der Kriegsziele: Unterwerfung der Ostkirchen

Am 7. Dezember 1074 wendet sich der Papst an König Heinrich IV.

Gregorius episcopus servus servorum Dei Heinrico glorioso regi salutem et apostolicam benedictionem.

Nach einigen frommen Floskeln kommt er zur Sache. Er plane einen Feldzug nach Jerusalem ...


... da die Christen in den überseeischen Ländern - deren größter Teil von den Heiden durch unerhörte Beschädigung zerstört wurde - wie Vieh täglich abgeschlachtet und das christliche Volk ausgelöscht wird. ( ... more pecudum cotidie occiditur, gensque christiana ad nichilum redigitur).

Die Bereitschaft das christliche Gesetz zu verteidigen sei in Italien und jenseits der Berge groß ...

... und so sind mehr als Fünfzigtausend dazu bereit, und wenn sie mich als Anführer und Priester der Expedition haben können, wollen sie die bewaffnete Hand gegen die Feinde Gottes erheben und unter seiner Führung zum Grab des Herrn gelangen.


Eine Militärexpedition also nach Jerusalem. Die brüderliche Hilfe nur noch nachrangig? Die Ostchristen waren ja im Prinzip Ketzer.

Auch spornt mich zu diesem Werk letztendlich an, dass die Kirche von Konstantinopel, deren Lehre über den Heiligen Geist von der unseren abweicht, die Einigkeit mit dem apostolischen Stuhl erwartet. Die Armenier irren fast alle vom Katholischen Glauben ab und fast alle Orientalen erwarten, dass der Glaube des Apostels Petrus zwischen ihren verschiedenen Lehrmeinungen entscheidet.

Mit einer Armee im Rücken in Konstantinopel über eine Vereinigung der Kirchen unter römischer Oberhoheit verhandeln? Der Kaiser hätte das Anliegen als Kriegserklärung verstanden und seine Truppen mobilisiert. Nachrichten über Truppenbewegungen oder eine Antwort des Königs liegen nicht vor.

Rom, Ende 1074. Gregor glaubt, in Ostrom sei der Teufel am Werk


Am 16. Dezember 1074 diktiert Gregor einen Brief an alle Gläubigen, und zwar besonders an die jenseits der Alpen. Er erinnert an seine Aufrufe, unseren Brüdern in Übersee beizustehen. Christlichen Brüdern oder nur Brüdern?

... unseren Brüdern ... die im Reich von Konstantinopel leben, das der Teufel selbst in Versuchung führt, sich vom wahren katholischen Glauben abzuwenden (quos diabolus per se ipsum a fide catholica conatur avertere) und durch seine Unterglieder nicht aufhört, sie täglich wie Vieh grausam zu töten.


Weitere Schreiben Gregors zum Thema brüderliche Hilfe liegen nicht vor. Fazit, als Ostrom wirklich der Hilfe bedurfte, blieb sie aus.

Rom 22. Januar 1075. Gregor bricht gedanklich endgültig mit der Ostkirche.

Voller Weltschmerz offenbart sich Gregor in einem vertraulichen Ton dem Abt des Klosters Cluny. Er beklagt sich über die Turbulenzen in der Welt und in seinem Herzen. Er habe Jesus gebeten, ihn von seiner Aufgabe zu entbinden. Es sei ihm nicht gelungen, zum Nutzen der Kirche zu wirken. Die meisten Bischöfe und Fürsten im Reich hätten nur weltliche Ambitionen.

Die Römer, Lombarden und Normannen, unter denen ich lebe, beschuldige ich andauernd, sie seien schlimmer als die Heiden und Juden.


Und wer ist noch schlimmer?

Unermesslicher Kummer und allumfassende Sorge umhegen mich, weil die Ostkirche durch die Einflüsterungen des Teufels vom Katholischen Glauben abgefallen ist. (... orientalis ecclesia instinctu diaboli a catholica fide deficit).

Drei Jahre lang kommt Gregor mit seinen ostpolitischen Ambitionen keinen Schritt weiter. Er hat genug zu tun. Es gilt, seiner innenpolitischen Gegner Herr zu werden. König Heinrich und dessen Gefolgschaft. Es ging nicht nur um die Einsetzung von Bischöfen durch weltliche Fürsten (Laieninvestitur).

Rom März. 1075. Pontifex maximus - Oberherr und Oberhirte der ganzen Christenheit

In feindselig abgefassten Pamphleten beanspruchten König Heinrich IV. und Papst Gregor VII. den universellen Charakter ihrer Herrschaft, sie sei von Gott unmittelbar eingesetzt und damit über die jeweils andere gestellt. Dictatus Papae. Gregor, als Mönch noch Hildebrand genannt, diktiert im März 1075 ein Rundschreiben, es sei von nun ab Gesetz:

Dass allein der römische Papst mit Recht universal genannt wird.

Das ging natürlich auch gegen den Kaiser und die Kirche in Ostrom. Und implizit auch diese Bestimmungen:

Dass er allein Bischöfe absetzen und wieder einsetzen kann.
Dass er allein die kaiserlichen Herrschaftszeichen verwenden kann.
Dass alle Fürsten nur des Papstes Füße küssen.
Dass es ihm erlaubt ist, Kaiser abzusetzen.


Heinrich IV, römischer König, Anwärter auf die Kaiserkrone, holte alsbald nach einem Hoftag in Worms zum Gegenschlag aus. Er ließ den Papst durch seinen Kanzleischreiber in grob gehaltenem Latein wissen: Falso mononachodescende, descende. Zu Deutsch:

Heinrich, nicht durch Anmaßung, sondern durch Gottes gerechte Anordnung König, an Hildebrand, nicht mehr Papst, sondern falscher Mönch ... Ich sage dir zusammen mit allen meinen Bischöfen: Steige herab, steige herab!

Papst Gregor im fernen Rom erklärte ungerührt, absetzen könne nur der Papst, abgesetzt und gebannt sei hiermit er, Heinrich. Die Folge: Eine Reihe von Reichfürsten brachen mit dem König. Um seine Absetzung zu verhindern, einigte sich Heinrich Anfang 1077 in Canossa mit Gregor auf einen Kompromiss, der daraufhin den Bann aufhob. Trotzdem wählte die Opposition im Mai einen neuen König. Heinrich wehrte sich und überstand die Krise mit Gewalt und Diplomatie. Nachdem der Gegenkönig zu Tode gekommen war, stand die Partie wieder unentschieden. Der Bann hatte seine Wirkung verloren, für ein für ein militärisches Vorgehen mangelte es Gregor an Verbündeten. Für die Normannen gab es nördlich der Alpen keine Verlockungen, außerdem brauchte Gregor Robert Guisrard im Nahen Osten.

Konstantinopel - Rom 1078. Kriegserklärung. Papst Gregor bannt einen oströmischen Kaiser

Kaiser Michael VII, der für Verhandlungen einer Annäherung der beiden Kirchen ein offenes Ohr gehabt hatte, dankte 1078 ab und trat in ein Kloster ein, nachdem sich der General Nikephorus Botaneiates zum Gegenkaiser hatte proklamieren lassen. Das Vorgehen war nicht unüblich und legitim, weil es mehrheitlich vom Klerus und Adel gebilligt wurde. Papst Gregor erklärte trotzdem, der Umsturz sei unrechtmäßig um so die schon lange geplante militärische Intervention juristisch zu begründen. Folgerichtig sprach er gegen Kaiser Nikephorus III, den Kirchenbann aus. Im Protokoll eines Konzils in Rom am 19. Novembrer steht: excommunicatus est constantinopolitanus imperator Nikephoros. (Die meisten Dekrete regeln das Geldeinsammeln des Klerus, das letzte lautet schlicht: Jeder Christ soll bei der Heiligen Messe ein Geldopfer spenden.)

Rom 1080 - Militärintervention mit Kreuzzugs-Privilegien

Herzog Guiscard wechselt erneut das Lager. Der Ehevertrag seine Tochter und den Sohn Kaiser Michaels betreffend, war mit dem Machtwechsel in Ostrom nämlich hinfällig geworden . Ende Juni 1080 leistet der Herzog dem Papst wieder den Lehnseid. Jemand hat einen griechischen Mönch aufgetrieben, der behauptet, der gestürzte Michael zu sein. Nun kann verbreitet werden, der noch immer legitime Kaiser Ostroms habe den Papst ersucht, ihm zurück zur Macht zu verhelfen. Ein Feldzug gegen Ostrom ist beschlossenen Sache. Papst Gregor wendet sich am 25. Juli 1080 an die Bischöfe von Apulien und Kalabrien:

Ihr wisst bestimmt ... dass der ruhmvolle Kaiser von Konstantinopel, nämlich Michael, vom Sitz seiner kaiserlichen Würde gestürzt wurde, unverdient und zwar böswillig statt rechtlich und mit guten Gründen. Er kam nach Italien und bat den Heiligen Petrus und unseren ruhmvollen Sohn, Herzog Robert, um Beistand ... daher haben wir entschieden, dass die Gläubigen des Heiligen Petrus Beistand leisten werden ... Ermahnt diejenigen, die mit dem Herzog und dem Kaiser ausziehen wollen, gebührend Busse zu tun ...; dann sprecht sie, auf unsere Autorität gestützt, sogar auf Vollmacht des Heiligen Petrus, von ihren Sünden los (… imo beati Petri potestate, a peccatis absolvite).

April 1081. Konstantinopel. Alexios I. Komnenos auf dem Kaiserthron.

Über die Absichten Roberts informiert, konsolidiert Alexios unverzüglich die Lage an der Front zu den Türken in Anatolien. Anna, die Tochter und Chronistin des Kaisers:

Der Sultan sah sich gezwungen, um einen Waffenstillstand zu bitten. Alexios stimmte gern Verhandlungen zu, denn er war über die weitgehenden Ambitionen Roberts aus verlässlichen Quellen informiert.

Alexios handelt mit König Heinrich und mit Venedig Bündnisse aus. Die Seerepublik fürchtet um ihre Vorherrschaft in der Adria.

März 1081 Normannen landen in Albanien (Ostrom)

Roberts Guiscards Sohn Bohemund (1096 einer der Anführer beim ersten Kreuzzug) landet im März mit einer Vorhut an der Küste des heutigen Albanien auf der Höhe von Korfu. Die Normannen hausen in der Umgebung von Avlona und besetzen eroberte Burgen. Robert folgt auf zumeist gemieteten Schiffen mit circa 10. 000 Mann und 1.300 Pferden im Mai. Eine Seeschlacht mit einer Flotte aus Venedig endet unentschieden

Mai 1081. Heinrich vor Rom

König Heinrich gab keine Ruhe. Auf einem nach Brixen einberufenen Konzil wählten die ihn unterstützenden Bischöfe im Juni 1080 Wibert von Ravenna zum Papst und setzten Gregor ab. Dass der Adel in Rom dem Papstaustausch zustimmen würde, war nicht zu erwarten. Also rief Heinrich zur Heerfahrt nach Italien auf. Frutolf von Michelsberg:

1081. Heinrich zieht mit seinem Heer nach Italien und gelangt am 22. Mai nach Rom. Da Hildebrand (Gregor) mit den Römern Widerstand leistet, schlägt er sein Lager vor der Burg St. Peter auf. Zwei Jahre lang setzen ihm Bewohner durch Überfälle zu.

1081. Alexios ersucht Heinrich, gegen Robert vorzugehen und schickt Geld

Der Brief des Kaisers an Heinrich ist überliefert: Edler und wahrhaft christlicher Bruder. ... deine Entscheidung, sich am Krieg gegen diesen bösartigen Mann (Robert) zu beteiligen ... bezeugt die Güte deines Herzens ... Obwohl im allgemeinen meine Angelegenheiten zum Besten stehen, werden sie doch geringfügig durch die Unternehmungen Roberts gestört.

König Heinrich soll nicht unendgeldlich gegen Gregor vorgehen. Die Geschenke, die wir vereinbart haben ..., werden jetzt überbracht, nämlich 144.000 Goldstücke ... Der Handel kam zustande. Frutolf: Es trafen (vor Rom) griechische Gesandte ein, die zahlreiche große Geschenke aus Gold und Silber ... überbrachten.

Das Geld konnte Heinrich gut gebrauchen, Heerfahrt und Belagerung waren kostspielig. Sich mit dem bösartigen Mann anzulegen war im Augenblick gar nicht möglich, weil er im Ausland zugange war.

1081 - 1082. Marsch auf Konstantinopel

In mehreren Gefechten behielten Roberts Süditaliener die Oberhand. Zur Hauptschlacht kommt es im Oktober 1081 bei Durazzo. Die bunt aus ausländischen Söldnern zusammengewürfelte kaiserliche Truppe kommt unter die Räder, Alexios muss zurückweichen, der Widerstand bricht zeitweilig zusammen. Robert schreibt einen Brief an seinen Gönner. Papst Gregor bekundet in seiner Antwort, der Feldzug entspreche weiter seinen Intentionen, nun aber gelte es gegen den inneren Feind, den Sohn der Sünde, vorzugehen. Zunächst Zuckerbrot:

Es war klug, ... uns und die Römer über die im Krieg errungene Siegespalme zu informieren. Was du durch das Flehen der Freunde glorreich gewonnen hast, ... kann so durch deren Gratulationen noch mehr Ruhm und Glück hervorbringen.

Der oberste der Freunde war selbstredend Papst Gregor, dem das Unternehmen ja so am Herzen lag, dass er den beteiligten Militärs den Erlass der Sünden versprochen hatte. Den Glückwunsch verband er mit der Feststellung, das Werk sei nur durch den Schutz des Heiligen Petrus gelungen und dafür schulde er diesem Dank und Gehorsam. Weiter mit der Peitsche:

Denke an deine Mutter, die Heilige Römische Kirche, die dich besonders liebt und daher vertaut ... und daran, was du ihr gelobt hast ... schiebe es nicht länger hinaus ... Du weißt ja, welchen Sturm der sogenannte König Heinrich gegen die Kirche entfacht hat ... und wie sehr sie deine Hilfe, die ihres Sohnes, braucht ...

Der Kaiserthron in Konstantinopel liegt Robert offensichtlich näher am Herzen als Papst und Kirche. Er eilt nicht nach Rom, sondern beginnt im Frühjahr mit dem Vormarsch auf Konstantinopel. Die Besatzung der Festung Castoria ergibt sich. Der halbe Weg bis nach Thessaloniki ist geschafft. Im April treffen schlechte Nachrichten aus Italien bei Herzog Robert ein. Zuhause revoltiert Verwandtschaft. Das kann er nur selbst regeln, also übergibt er seinem Sohn Bohemund das Kommando und schifft sich nach Apulien ein. Dort zieht sich die Niederschlagung des Aufstands hin, während in Rom Papst Gregor vergeblich auf das Eingreifen seines Vasallen wartet.

1083 Ostrom. Robert fehlt, sein Sohn scheitert

Bohemund soll den Vormarsch nach Osten fortsetzen, wendet sich aber nach Süden. Im April 1083 stellt sich Alexios bei Larissa mit frisch ausgehobenen Truppen - darunter 7.000 türkische Söldner - erneut zur Schlacht. Seine Männer behalten diesmal die Oberhand und können das Feldlager der Italiener samt der Kriegskasse erobern. Bohemund kann seine Söldner nicht mehr bezahlen. Alexios verhandelt mit den Unterführern der Italiener und bietet Bares an, worauf die meisten Söldner die Seite wechseln. Bohemund tritt die Heimreise an.
1084. Heinrich IV., römischer Kaiser

Die Römer gaben im März 1084 ihren Widerstand auf und lassen den König und seine Gefolgschaft in die Stadt. Gregor verschanzt sich in der Engelsburg. Wibert wird von königstreuen Bischöfen in der Laterankirche im März als Clemens III. zum Papst erhoben, der nun seinerseits ein paar Tage später König als Heinrich IV. zum Kaiser krönt.

1084. Roberts Söldner brennen und morden in Rom, Gregor muss fliehen

Im Mai ist Robert in Süditalien abkömmlich und marschiert mit seiner Truppe nach Rom. Darüber informiert zog es Kaiser Heinrich vor, samt seinen Mannen die Stadt und Italien zu verlassen. Papst Clemens flieht nach Tivoli. Die Normannen dringen trotzdem in die Stadt ein und hausen dort auf das Übelste. Nachdem sie ganze Stadtteile in Trümmer gelegt haben, ziehen sie ab. Gregor, die Rache der Römer fürchtend, verdrückt sich nach Salerno, wo er ein Jahr später stirbt. Der Adel der ruinierten Stadt wechselt mehrheitlich das Lager, so dass Papst Clemens wieder in den Papstpalast einziehen kann. Dort konnte er 12 Jahre regieren. Als 1096 bekreuzte milites Christi aus Frankreich in Rom eintreffen, verlässt Clemens den Regierungssitz. (Laut von Chartres, Augenzeuge). Ob freiwillig oder unter Zwang, ist nicht ganz klar.

Herbst 1084 - Robert Guiscards nächster Angriff auf Ostrom

War der Herzog für die weitgehende Ruinierung der Stadt Rom verantwortlich? Sicher ist nur, dass er sie nicht verhinderte. Und nicht aus der Bahn warf. Im Herbst 1084 überquerten 120 Schiffe unter dem Kommando Roberts und seiner vier Söhne die Adria. Eine Flotte aus Venedig lieferte ihnen vor Korfu drei Seeschlachten, gewann zwei, verlor aber die dritte. Nach der Landung brach im Lager der Italiener eine Seuche aus und verschonte auch die Anführer nicht. Bohemund begab sich schwer erkrankt auf die Heimreise und seinen Vater raffte es im Juli 1085 auf Corfu dahin. Bohemund genas, musste aber seine Ostpläne einige Jahre zurückstellen, da es mehrerer Feldzüge bedurfte, um seinem Bruder - Herzog Roger - Teile des väterlichen Erbes abzujagen. Er war am Ende Landesherr über einige wichtige Regionen in Süditalien, einen Titel aber hatte er nicht geerbt.

1088: Papst Urban II. - ein überzeugter Parteigänger und Vertrauter Gregors

Die Bischöfe der Gregor-Partei wählten im März in Terracina einen Franzosen als Urban II. zum Papst. Die Römer standen aber weiter zu seinem Konkurrenten, Papst Clemens. Fulcher von Chartres, Chronist des ersten Kreuzzugs:

Solange Urban von seiner Kirche ausgeschlossen war, reiste er durch die Provinzen und versöhnte das in wichtigen Dingen abtrünnige Volk wieder mit Gott

Weniger poetisch - Urban setzte den Kleinkrieg gegen Papst Clemens fort und unterstützte mehre Koalitionen von Reichfürsten bei ihrem Versuch, Kaiser Heinrich zu stürzen. Daraus wurde nichts. Werden Machthaber ihrer inneren Feinde nicht Herr, pflegen sie ihr Heil in der Außenpolitik zu suchen. Mittels Gewalt, durch eine Militärinvasion, oder durch Bündnisse. Da Urban keine Gewaltmittel zu Gebote standen, versuchte er es mit Diplomatie.

September 1089: Kaiser Alexios zeigt kein Entgegenkommen

Aus oströmischen Quellen wissen wir, dass Papst Urban sich schriftlich bei Alexios nach dem Stand des Schismas von 1054 und den Möglichkeiten einer Annäherung beider Kirchen erkundigte. Der Brief selbst ist nicht erhalten. Die Legaten, die ihn überbracht hatten, lösten im Auftrag des Papstes den Bann, mit dem Papst Gregor Alexios belegt hatte. Da die lateinischen Quellen keinen Erfolg melden, ist anzunehmen, dass Alexios und der Patriarch von Konstantinopel keine Zugeständnisse gemacht hatten. Wie auch, Ostrom kam auch ohne den Papst zurecht. In den Quellen gibt es auch keinen Hinweis auf ein gegenüber den Legaten ausgesprochenes Ersuchen um militärischen Beistand. Der war laut Anna Comnena auch gar nicht nötig.

Urban kommt nicht weiter - er braucht einen Plan

Während eines Konzils in Melfi im September 1089 legalisiert Urban die Eroberungen Bohemunds, der ihn im Gegenzug als Lehnsherr anerkennt. Der Normanne ist aber offenbar nicht bereit, gegen Clemens in Rom vorzugehen. Urban wird nur von einer Minderheit der Bischöfe in Westeuropa als Papst anerkannt. Wie wenigen er vertrauen konnte, zeigt ein Rundschreiben im November 1093 an die Bischöfe und Äbte in Südfrankreich und Galicien. Er erklärt: Ich hoffe sehr, bald die Freiheit des apostolischen Stuhls zurückzugewinnen. Wie will er das anstellen? Warum sollten Heinrich und Clemens einlenken? Der Kleinkrieg gegen die beiden hatte nichts gebracht.

Der Plan - Aufruf zu einem Kreuzzug (näheres Aufruf von Clermont)

Was sich anbot, war ein großer Krieg gegen einen auswärtigen Feind, auf den sich alle einigen konnten, um sich als der wahre Papst und oberster Schutzherr der Christenheit auszuweisen. Das Geniale: Dazu genügte es schon, ihn zu erklären. Den Feind hatte schon sein Mentor, Papst Gregor, ausgemacht und übelster Gräueltaten bezichtigt: Die Türken. Ob Urban die Idee übernommen hat oder eigenständig entwickelt hat, wissen wir nicht.

Oder war es die Idee von Kaiser Alexios?

Ein glühender Parteigänger Urbans namens Bertold von Konstanz exklusiv in seiner Weltchronik über ein von Urban einberufenes Konzil im März 1095 in Piacenza:

Ebenso kam eine Gesandtschaft des Kaisers von Konstantinopel zu dieser Synode, die den Herrn Papst und alle Gläubigen Christi demütig anflehte, ihm gegen die Heiden eine noch so kleine Hilfe zur Verteidigung der Heiligen Kirche zu bringen. Zu dieser Hilfeleistung flehte der Papst viele Leute so an, dass sie ihm sogar mit einem Eide versprachen, mit Gottes Hilfe dorthin zu ziehen ...

Das kann aus mehreren Gründen nicht stimmen.

Alle anderen zeitgenössischen Quellen melden einen Aufruf in Clermont im November und keinen in Piacenza.

Alexios war keineswegs in einer bedrohlichen Lage.

Ein oströmischer Kaiser der fleht, gar demütig fleht ist unvorstellbar. Die Herren wähnten ihren Thron unmittelbar unter dem Himmel.

Alexios soll einen Papst angefleht haben? Nach den Erfahrungen, die er mit den von Papst Gregor zur Invasion aufgerufenen Normannen gemacht hatte? Urban hatte den Kreuzzug nicht angemeldet. Als die Meldungen über den Anmarsch marodierender Milizen in Konstantinopel eintrafen, befielen Alexios düstere Ahnungen. Und er sollte recht behalten. Anna Comnena:

Er fürchtete ihre Ankunft, weil er ihre unkontrollierten Leidenschaften kannte, ihren unsteten Charakter, ihren Wankelmut. Zu erwähnen sind auch die anderen Eigenschaften der Kelten und ihre unvermeidlichen Folgen: Ihre Geldgier zum Beispiel ...

Hilfeersuchen? Propaganda wird zur Geschichtsschreibung.

Bertolds agiert offensichtlich als Lobschreiber Urbans. Seht, Alexios erkennt ihn als Papst an, schaut gar zu ihm auf, seht, Urban handelt aus reiner Güte. Der Text taugt als Beispiel für Kriegspropaganda, zur Wahrheitsfindung nützt er nichts. Trotzdem berufen sich die meisten Historiker auf Bertold, wenn sie befinden: Der Kreuzzug erfolgte auf ein Hilfeersuchen des Kaisers, um den Ostchristen beizustehen. Und so steht es auch in den meisten Nachschlagewerken. Näheres: Hilfeersuchen Alexios

Brüderliche Hilfe - nicht nötig

Seit 15 Jahren verhielten sich die türkischen Sultane defensiv, eine aktuelle Bedrohung lag also nicht vor. Anna Comnena:

Alexios drängte den Feind bis weit hinter den Bosporus und verjagte sie aus den Distrikten von Bithynia und Thynia und den Grenzen von Nicomedia. Der Sultan sah sich gezwungen, um einen Waffenstillstand zu bitten ...

Ein Friedensvertrag legte den Fluss Drakon als Grenze fest. Ein Beistandsersuchen war im Licht der leidvollen Erfahrungen mit einer marodierenden Armee im Dienste des Papstes sogar mit Gefahren verbunden.

Propaganda

Wer einen Krieg anzetteln will, braucht ein mobilisierendes Feindbild. Urban greift auf ein solches zurück. Es stammt aus einem Rundschreiben Gregors, verfasst vor rund 20 Jahren: Darin geht es um das Volk der Heiden ... ,

welches mit großer Macht über das christliche Reich gekommen ist und mit beklagenswerter Grausamkeit fast alles bis zu den Mauern von Konstantinopel zerstört hat und mit tyrannischer Gewalt besetzt hält und viele Tausend Christen wie Vieh getötet hat ...

Seit dem hatten Päpste Ostrom trotzdem im Stich gelassen und sogar mit Krieg überzogen. In seiner Begründung für den Feldzug behauptet Urban gar nicht, er habe 1095 neue Nachrichten aus Ostrom. Aufruf in Clermont laut Fulcher von Chartres:

Ihr müsst Euren notleidendenden Mitbrüdern, die im Orient leben und schon oft um Unterstützung baten, schleunigst zur Hilfe eilen. Wie den meisten von Euch schon gesagt wurde, haben sich die Türken ausgebreitet bis zum Mittelmeer, das St. Georg-Arm genannt wird. Dieses Volk aus Persien hat die Länder der Christen bis zu den Grenzen des oströmischen Reiches mehr und mehr besetzt und sie in siebenfältigem Kampf besiegt, wobei viele getötet oder gefangen wurden, Kirchen zerstört worden sind und das Reich Gottes verwüstet wurde. Wenn Ihr sie weiter gewähren lässt, werden sie noch viel weiter die Oberhand über die Getreuen Gottes gewinnen.

Schon längst. Urban schreibt im Dezember 1095 an den Grafen von Flandern:

An alle in Flandern weilenden Gläubigen ... Wir glauben, dass eure Brüderschaft schon längst durch den Bericht vieler Leute erfahren hat, dass eine barbarische Raserei die Kirche Gottes im Orient durch eine elende Anfeindung verwüstet hat ...

Urban schildert also einen vor mehr als 20 Jahren eingetretenen Zustand mit groben Übertreibungen. Dass es alte Nachrichten sind, wird sogar eingeräumt.

Zeitpunkt richtig für Urban. Die Gründe werden genannt

Dass es nicht Alexios ist, der jede Menge Probleme hat, sonder er selbst, wird offen eingestanden. Benannte Übel: Ämterkauf , Straßenraub, Laieninvestitur, die Fehden der Feudalherren, die Machenschaften seiner innenpolitischen Feinde. Fulcher:

Der Teufel, stets bemüht den Menschen zu schaden und wie ein Löwe auf Beute aus, bot gegen Urban zur Verwirrung des Volkes einen Gegner namens Guibert (Papst Clemens) auf. Dieser vom Hochmut aufgestachelten Mann hatte mit Unterstützung des bayrischen Kaisers (Heinrich) schon begonnen, sich das apostolische Amt anzueignen, als Gregor es noch rechtmäßig auf dem heiligen Stuhl saß und schloss diesen von der Schwelle zur Basilika des heiligen Petrus aus.

Es war nötig, diese Übel abzuwenden

Gegen die Ungläubigen, sagt der Herr, sollen jetzt diejenigen zu einem Kampf ausziehen, ... die zuvor ihre Privatfehden missbräuchlich sogar gegen Gläubige auszudehnen pflegten. Wer eben noch ein Räuber war, soll jetzt Streiter Christi werden; wer früher gegen Brüder und Verwandte kämpfte, soll nun mit vollem Recht gegen Barbaren kämpfen ..,

Krieger, die katholische Christen bekämpft hatten, sollen geeignet sein, an den Brüdern im Osten Werke der Nächstenliebe zu verrichten? Kaum glaublich, dass Urban an einen solchen Gesinnungswandel für möglich hielt. Fulcher bringt die eigennützigen Gründe für den Aufruf auf den Punkt:

Es war nötig diese Übel zu beenden und in Übereinstimmung mit dem von Papst Urban initiierten Plan, dieses dauernde Kämpfen von Christen untereinander gegen die Türken zu wenden.

Die Streiter Christi legten ihre Gebräuche nicht ab. Als sie nach dem Anmarsch durch oströmische Gebiete gegen die Türken die Schwerter erhoben, klebte schon das Blut Tausender christlicher Brüder daran. Alle Chronisten der Feldzugs schildern die unfromme Taten der Bekreuzten , ohne darüber erstaunt zu sein..

Realisten am Werk - überzeugende Angebote

Das Konzil und Urban propagierten das Beistandsmotiv offensichtlich ohne zu glauben, genügend Feudalherren und Waffenträger könnten plötzlich ihr Herz für die Ostchristen entdecken. Denn sie machten laut Fulcher überzeugendere Angebote. Paradies:

Allen jedoch, die dorthin gehen, wird die sofortige Vergebung der Sünden zuteil, wenn sie, sei es auf dem Marsch, bei der Überfahrt oder im Kampf gegen die Heiden, ihr Leben vorzeitig verlieren.

Landgewinn, falls der Märtyrertod nicht eintritt.

Auf dem Konzil zu Clermont ... wurde mit einmütigem Beifall dekretiert, dass jede Stadt jenseits des Meeres, die den Heiden entrissen werden kann, für immer ohne Widerspruch behalten werden soll.

Land war ein begrenztes Gut in Europa. Die Fehden der Feudalherren, die Urban laut Fulcher anprangerte, dienten in der Regel der Aneignung von Grundbesitz samt der Erträge, die er abwarf. Das Dekret ermöglichte also die Errichtung von Feudalherrschaften und lateinischen Bistümern auf den eroberten Territorien ohne Rücksicht auf die oströmischen Vorbesitzer. Fürwahr ein Reichtum (Feudalherren) und Karriere (Kleriker) verheißendes Angebot.

Papst Urban wurde der erste Nutznießer seines Aufrufs zum Kreuzzug


Seit Urban 1088 die Nachfolge Gregors angetreten hatte, musste er außerhalb Roms wirken. Fulcher von Chartres:

Solange Urban von seiner Kirche ausgeschlossen war, reiste er durch die Provinzen und versöhnte das in wichtigen Dingen abtrünnige Volk wieder mit Gott ... er kam in jenem Jahr, da die Franken auf ihrem ersten Jerusalemzug durch Rom kamen, erst in den vollen Genuss der apostolischen Macht.

Westkirche unterwegs - Ostkirche enteignet - Brüder Untertanen der Lateiner

Wie ausgeführt, hielt Papst Gregor die Ostchristen für Ketzer. Er wollte sie nicht nur befreien, sondern sie im Rahmen eines Feldzuges zum einzig wahren Glauben, dem des Nachfolgers Petri, zurückführen. Dass Urban in diesem Punkt anderer Ansicht war als sein Vordenker, ist unwahrscheinlich. Kein Papst konnte die Überwindung der Kirchenspaltung von der Agenda streichen. Welche kirchenpolitische Aufträge Urban erteilte, teilt Fulcher nicht mit, aber wer sie durchsetzen sollte, lässt er uns wissen. Demnach ernennt
Urban einen Bischof namens Ademar von le Puy zu seinem Statthalter

... der als apostolischer Vikar fungierte und dann die ganze Armee Gottes klug und weise anführte.

Was Ademar durchsetzten sollte, zeigt sich im Verlauf des Feldzugs. Nach der Eroberung von Antiochia und Jerusalem werden die dortigen Patriarchate Ostroms samt Besitztümern von lateinischen Klerikern übernommen. Auch hochrangige waren in so großer Zahl mit von der Partie, dass es für ein Konzil reichte. Dem oben zitierten Dekret, das die Inbesitznahme eroberter Territorien regelt, fügt Fulcher hinzu:

Dies wurde auf einem Konzil in Antiochia unter Vorsitz von Bischof von le Puy bestätigt und gewährt

Urbans Nachfolger, Papst Paschalis II., verteilt großzügig vormals oströmisches Eigentum. Brief an den neunen Patriarchen von Jerusalem, zitiert nach Fulcher:

So wie sich die Zeiten ändern, ändern sich die Königtümer der Erde. Daher ist es angebracht, die Grenzen von kirchlichen Bezirken zu ändern und zu transferieren. Die Grenzen der Kirchen in Asien wurden in alten Zeiten festgelegt ... in unsren Zeiten wurden die Städte Antiochia und Jerusalem mit den dazu gehörenden Provinzen wieder von christlichen Fürsten beherrscht. Entsprechend gewähren wir der Kirche von Jerusalem die Städte und Provinzen, die durch die Gnade Gottes erobert wurden ...

Ostchristen ausrotten

Was die politische Klasse, der Urban angehörte, von den Brüdern im Osten hielt, ist überliefert. Fulcher von Chartres zitiert in seiner Chronik ein Schreiben, das die Anführer des Feldzuges nach der Inbesitznahme mehrer Städte in Kleinasien im September 1998 an Papst Urban richteten.

An der verehrungswürdigen Herrn Papst Urban, von Bohemund, Graf Raimund von St. Gilles, Herzog Gottfried von Lothringen ... Wir wünschen und wollen dir Kunde zu geben, dass durch die große Gnade Gottes und seinen offenkundigen Beistand Antiochia eingenommen wurde ... Wir haben die Türken und Heiden überwunden, aber die häretischen Griechen und Armenier, Syrer und Jakobiten konnten wir nicht überwinden. Daher tragen wir dir auf und nochmals auf, dass du geliebter Vater, als Vater und Oberhaupt auf den Platz deines Vorgängers kommst ...

... gemeint ist der Patriarchenstuhl von Antiochia, nach Auslegung der Kirche vom Apostel Petrus gegründet ...

... und die Häretiker aller Art mittels deiner Autorität und unserer Stärke ausrottest und zerstörst. (eradices et destruras).

Auch bei den Chronisten des Feldzuges ist nie von Brüdern in Christo die Rede, sondern von Ketzern, Verrätern, Feiglingen. Wie Urban auf das Schreiben reagierte, ist nicht überliefert. Er starb am 29. Juli 1099.

Noch ein Kreuzzug gegen Ostrom

Von der Zunft auch nicht als solcher anerkannt. Der Normanne Bohemund war zwar nicht Kaiser von Ostrom geworden, aber er konnte sich das Fürstentum Antiochia aneignen. Das war ihm aber offensichtlich zu wenig. Er kehrte nach Italien zurück, hob mit Hilfe von Papst Paschalis eine Armee und eine Flotte aus und landete 1107 an der Balkanküste. Der Feldzug scheitere kläglich und Bohemund musste Kaiser Alexios als Oberherrn anerkennen. Laut Vertrag durfte er das Fürstentum Antiochia behalten, allerdings mit der Auflage, die Orthodoxie wieder herzustellen. Aber Bohemund kehrte nicht den Osten zurück. Er starb im Jahr 1111.

Mission accomplished

1204 gelingt es Venedig einen Kreuzzug nach Konstantinopel umzulenken. Vor dem Angriff verheißen die mitreisenden Bischöfe die mitreisende Bischöfe die Bewohner als Ketzer und verheißen den zum Angriff angetretenen Militärs himmlischen Lohn. Die Streiter Christi fackeln ganze Stadteile ab und plündern und metzeln bis zu Ermüdung. Auch in den Kirchen. Nach der Eroberung großer Teile Ostroms, errichten die Besatzer dort eine lateinische Kolonie, nennen sie Kaiserreich und eignen sich den Kirchenbesitz an. Näheres hier: Kreuzzug gegen Byzanz

Zurückerobert, aber verarmt

Die Oströmer geben sich nicht geschlagen und erobern ihr Reich Stück für Stück zurück. 1225 werden Thessaloniki und fast alle Besitzungen in Kleinasien wieder von oströmischen Kaisern beherrscht. Zuletzt besteht das Reich der Lateiner prak­tisch nur noch aus der Stadt Konstantinopel und ist trotz des Verkaufs der Reliquien völlig ver­armt. Kaiser Michael VIII. be­endet mit Hilfe der Genuesen die Fremdherrschaft in Konstantinopel im Juli 1261. Anlass zu großer Freude besteht nicht. Viele Gebäude verrotten, weil die Lateiner die Bleidächer verkauft haben. Die abgebrannten Stadtteile sind unbewohnt und zwischen den Trümmern weidet das Vieh. Handel und Wirtschaft können sich nicht wieder erholen. Die Mauern sind noch intakt, aber die Kaiser können nicht genug Söldner bezahlen, um sie vollständig zu besetzen.

Die Osmanen haben leichtes Spiel

29. Mai 1453 erfolgte der Hauptangriff gegen die Landmauern. Die ersten Angriffswellen konnten von den Verteidigern abgewiesen werden. Sie kämpften stundenlang auf den Wällen, während die Türken ständig frische Truppen in die Schlacht warfen. Schließlich gelang es den Elitetruppen des Sultans, den Janitscharen, in die Stadt einzudringen. Da sich die Verteidi­ger nicht ergeben hatten, gab Sultan Mehmed Konstantinopel zur Plünderung frei. Auf den Straßen, in den Häusern und Kirchen wurden in den ersten Stunden Tausende von Bewohnern versklavt oder beim Plündern umgebracht. Sultan Mehmed zog einige Stunden später in die Stadt ein und ließ das Plündern einstellen. Die Hagia Sophia wurde in eine Moschee verwandelt. Das oströmische Reich existierte nicht mehr.

Bilanz der Kreuzzüge gegen Ostrom


Im Jahr 1529 standen türkische Truppen vor Wien und das osmanische Reich erstreckte sich von Ägypten bis Ungarn. Es war größer als das oströmische Reich vor dem ersten Kreuzzug.



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