Richard Löwenherz - Lebenslauf
Richrad Löwenherz
3. Kreuzzug. Kreuzzritter-Tat? Nachdem die muslimische Garnison in Akkon kapituliert hatte, lässt Richard wegen Problemen bei Lösegeldzahlung seine Geiseln umbringen. Nach Ambroise (christlicher Augenzeuge) waren es zweitausendsiebenhundert Männer, Frauen und Kinder. Miniatur 14. Jh.
Aus: Peter Milger: Die Kreuzzüge - Krieg im Nahmen Gottes, Biographie Richard Löwenherz / Dritter Kreuzzug

TOD IN FRANKREICH

26. März 1199. Ein kleines Aufgebot von Rittern belagert die Burg Chalus im Herzen Frankreichs. Im Abendlicht nimmt ein Armbrustschütze einen Ritter im Vorfeld ins Visier. Der Ritter geht ungedeckt, sein Schild bleibt ungenutzt. Der Armbrustschütze löst die Sperre und trifft Richard Löwenherz, König von England und berühmtester Kreuzfahrer seiner Zeit. Die Umstände der Verletzung waren schon banal genug, nun stellt sich auch noch das Wundfieber ein. So stirbt kein Löwenherz. Richard lässt den Todesschützen an das Sterbebett holen und begnadigt ihn. Zur Größe verpflichtet, nimmt er Abschied mit einer großen Geste. Dem Todesschützen hat die Begnadigung nichts genützt: Er wurde doch noch umgebracht. Genützt hat die letzte große Geste des Richard Löwenherz allein dem Ruhm des Richard Löwenherz.

EHER FRANZOSE

Zur Welt kam Richard in England, vermutlich im Schloß Beaumont in Oxford, am 8. September 1157. Das Schloß ist verschwunden, aber an Richards ersten Auftritt erinnert eine Tafel am Straßenrand. In Richards Ahnentafel stammt nur Großmutter Matilde, die Tochter König Heinrichs I., aus England. Großvater Gottfried Plantagenet, der Ehemann Matildes, war ein Graf von Anjou. Aus dieser Ehe stammt Richards Vater, Heinrich von Anjou. Richards Mutter, Eleonore von Aquitanien, heiratete Heinrich von Anjou im Mai 1152. Ihre Ehe mit König Ludwig VII. war erst einige Wochen vorher von vier französische Bischöfen annulliert worden. Eleonore heiratet keinen armen Mann. Heinrich Plantagenet ist mit zweiundzwanzig Jahren schon Graf von Anjou und Herzog der Normandie. Eleonore bringt das reiche Herzogtum Aquitanien mit in die Ehe. Doch dabei bleibt es nicht. Als König Stephan von England stirbt, erkennt er Heinrich als Erben an. Im Dezember 1154 wird der junge Plantagenet als Heinrich II. zum König von England gekrönt. König Ludwig muss sich von dieser Machtzusammenballung bedroht fühlen. Um den Konflikt zu entschärfen, erkennt Heinrich den französischen König als Oberherren über die Normandie, Anjou und Aquitanien an. Aber diese Unterwerfung bleibt ein formaler Akt. Der Streit um den kontinentalen Besitz der Plantagenets wird sich über Jahrzehnte hinziehen und das Leben Richards überschatten.

AUSBILDUNG ZUM RITTER

Wie lange Richard in Beaumont blieb, ist nicht bekannt. Vater Heinrich war ständig unterwegs, er herrschte immerhin über England und halb Frankreich. Mutter Eleonore und die Amme dürften mit der Erziehung des Knaben Richard begonnen haben. Höfisches Benehmen und Singen lernte er wohl bei den Damen, lateinisch bei den Klerikern. Auch in der Dichtkunst war Richard geübt und er liebte den Kirchengesang. Die wichtigsten Fähigkeiten für das Leben eines Ritters erprobten adlige Jungmänner bei der Jagd und auf Turnieren, die oft das Ausmaß von Manövern annahmen und wegen Flurschäden und tödlicher Unfälle manchmal verboten werden. Nach der Jagd wurden nicht die Geschichten der Heiligen erzählt, sondern die legendären Abenteuer der kriegerischen Vorfahren. Nicht christliche Moral leitete den Helden im Epos, sondern ritterliche Tugenden. In der Praxis hielt man sich allerdings selten daran.

KRIEG OHNE SCHLACHTEN

Im Jahr 1168 herrscht Krieg zwischen Heinrich und Ludwig. Die Söldnertrupps standen sich bei diesen Kriegen selten in Schlachtformation gegenüber. Adlige kamen gelegentlich auf Turnieren um, aber im realen Gefecht hielten sie meist den gebotenen Abstand. Die häufigste Kriegshandlung war die Belagerung von Burgen. Gefangene waren viel zu wertvoll, um sie zu töten. Adlige wurden gegen Lösegeld freigelassen und die Söldner schonten sich gegenseitig, weil sie dem gleichen Stand angehörten und oft miteinander befreundet waren. Eroberte Burgen wurden geschleift oder von Gefolgsleuten des Siegers übernommen. Wenn eine Burg den Belagerungsmaschinen standhielt, wurden die Bauern und Handwerker des Gegners ausgeplündert. Wer finanziell soweit geschwächt war, dass er keine Söldner mehr anmieten konnte, hatte den Krieg verloren. Da Heinrich reicher war als Ludwig, behielt er in der Regel die Oberhand. Im Friedensvertrag des Jahres 1169 wird Richards Verlobung mit Alice, einer Tochter Ludwigs, bestätigt. Das Mädchen wird der Obhut der der englischen Krone übergeben.

VOM SINN DER EHE

Richard wird 1172 in Poitiers der Titel eines Herzogs von Aquitanien verliehen, er tritt also das Erbe seiner Mutter an. Wenn Eleonore in Poitiers Hof hielt, herrschte sicher Weltoffenheit. In Aquitanien blühte die Kunst der Troubadoure und Eleonore soll den Minnesang geschätzt haben. Über ihren realen Liebesaffairen liegen die Nebel des Tratsches und der Legende. Der Chronist Wilhelm von Newburgh merkt an, Eleonore habe in ihrer ersten Ehe unter der Keuschheit ihres Gatten gelitten:

Eleonore nahm am meisten an der Lebensweise Ludwigs Anstoß und klagte, sie habe einen Mönch und keinen König geheiratet. Man sagt auch, dass sie noch während der Ehe... einer Heirat mit dem normannischen Herzog (Heinrich) zuneigte.

Heinrich war alles andere als ein Mönch: Eleonore hat acht Kinder zur Welt gebracht. Richard muss allein mit drei männlichen Erben als Mitbewerbern rechnen: Mit Heinrich, der vor ihm geboren wurde, mit Gottfried und Johann. Heinrich sollte England und Anjou erben, Richard Aquitanien, die anderen den Rest. Der Plan enthält Zündstoff. Als König Heinrich dem erst fünfjährigen Johann drei bedeutende Festungen übereignet, ist alles klar: Der alte Heinrich will die Burgen selbst verwalten und so dem Zugriff des jungen Heinrich entziehen. Als Richard in Poitiers die Insignien der Herzöge von Aquitanien empfängt, wird er nur dem Namen nach Herzog. König Heinrich setzt seine Söhne nämlich nur symbolisch ein. Die reale Macht und das Steueraufkommen behält er für sich. Der junge Heinrich besteht darauf, einen Teil seines Erbes sofort zu übernehmen, aber Vater Heinrich winkt ab. Die Beziehungen zwischen König Heinrich und Eleonore waren nach der Geburt des achten Kindes (Johann) merklich abgekühlt. Ob die beiden sich je im heutigen Sinn >geliebt< haben, ist zweifelhaft. Was der König bei Frauen suchte, fand er offensichtlich bei seiner Konkubine Rosamund. Und Eleonore handelt nicht mehr als Königin von England, sondern als Herrin über Aquitanien.

ELEONORE REBELLIERT

Da Heinrich die Übergabe ihres Erbes an Richard verweigert, rebelliert Eleonore gegen ihren Gatten. Sie wirbt Söldner in ihrer Heimat an und schickt im Frühjahr 1173 Richard und Gottfried nach Paris. Auch den jungen Heinrich hält es nicht länger beim Vater. Der Chronist Robertus de Torigneio:

Erzürnt zog sich Heinrich von seinem Vater zurück und gelangte nach Argenton. Von dort floh er zum König von Frankreich, ohne dass seine Diener, die der König für ihn abgestellt hatte, davon wussten.

Der Chronist zählt die Adligen auf, die die Partei des jungen Heinrich ergriffen hatten und fährt fort:

Der König zerstörte bei all diesen die Häuser, Setzlinge und Wälder. Ebenso entfremdeten sich Königin Eleonore und ihre Söhne, Graf Richard von Aquitanien und Gottfried von der Bretagne.

Der französische König Ludwig ist über die Anwesenheit von drei Königssöhnen entzückt und hält erfreut einen Hoftag ab. Der Streit im englischen Königshaus stärkt seine Position. Feierlich schlägt er Richard zum Ritter.

HEINRICH VERHAFTET SEINE FRAU

Vater Heinrich lässt sich durch das Bündnis seiner Söhne mit König Ludwig nicht beeindrucken. Im November 1173 stößt er mit einem Söldnerheer bis Chinon vor und bedroht Aquitanien. Heinrich ist wesentlich reicher als seine Gegner, er kann mehr Söldner einstellen. Solche Fehden, auch unter Verwandten, waren nicht unüblich. Als Heinrich in Aquitanien eindringt, gelingt es ihm, Eleonore gefangen zu nehmen. Richard, kaum sechzehn, versucht einen Gegenangriff auf La Rochelle. Die Verhaftung seiner Mutter Eleonore kann für Richard den Verlust Aquitaniens bedeuten. Die Bürger von La Rochelle zeigen indessen wenig Neigung zum Risiko: Sie schlagen sich auf die Seite des mächtigen Heinrich. Die Stadt lebt vom Weinexport nach England. Richard muss abziehen, der Krieg geht weiter.

SCHARMÜTZEL IN DER KIRCHE

Weil die Fehden der Feudalherren die allgemeine Wohlfahrt gefährdeten und dabei auch Kleriker und Kirchenschätze Schaden nahmen, hatte die Kirche solche Kriege verboten. Aber Heinrich und Richard verstoßen wie alle anderen ständig gegen das Gebot des Gottesfriedens. Auf einigen Miniaturen tragen Heinrich und Richard Kirchen in der Hand: Sie zeigen die Könige als Schutzherren der Kirche. Als besonders fromm galten sie den Zeitgenossen nicht. Richard hat die Messe gerne besucht, weil er den Gesang liebte. Im Frühjahr 1174 demonstrieren Vater und Sohn in Saintes eine sachliche Beziehung zur Kirche. Heinrichs Söldner kämpfen gegen die Gefolgsleute Richards, die in der Kirche Zuflucht gesucht hatten. Richard kann fliehen, hat aber keine Truppen mehr. Da König Ludwig und seine Brüder die Fronten gewechselt haben, muss Richard aufgeben. Im September 1174 unterwirft sich der Sohn dem Vater und bittet tränenreich um Vergebung. Heinrich verzeiht ihm, weil es die Staatsraison erfordert. Der Staat braucht Erben, und keine Gefangenen im Verlies. Heinrich beauftragt seinen Sohn, gegen rebellierende Barone vorzugehen. Richard sammelt Erfahrungen.

ALICE IN ENGLAND

Im Jahr 1177 befindet sich Alice, die Tochter Ludwigs, fast acht Jahre lang im Gewahrsam des englischen Königs. Die Ehe zwischen Alice und Richard kommt nicht zustande, weil Heinrich große Gebiete um die Stadt Bourges als Mitgift fordert. Schließlich erreicht Ludwig, dass Papst Alexander III. König Heinrich mit dem Bann droht, falls die Heirat weiter verzögert würde. Im September 1177 halten die beiden Könige eine Friedenskonferenz in Nonancourt ab. Sie verhandeln erneut über strittige Besitzrechte, bekräftigen den Heiratsplan und schließen einen Waffenstillstand.

KREUZZUGSPLÄNE

Zuletzt kommen beide Könige überein, gemeinsam dem Königreich Jerusalem gegen Saladin beizustehen. Die Erklärung, eine Kreuzfahrt antreten zu wollen, dient aber nur der Imagepflege. Alle Beteiligten haben ganz andere Sorgen. Heinrich rundetet seinen Besitz durch Landkauf ab und Richard übt sich weiter im Belagern von Burgen. Im Mai 1179 gelingt es ihm, an der Spitze seiner Truppen in die mächtige Festung Taillebourg einzudringen. Die Belagerung hatte nur drei Tage gedauert. Richard wird allmählich berühmt. In Paris stirbt im Herbst 1180 Ludwig VII. Als Nachfolger wird Ludwigs Sohn als Philipp II. zum König von Frankreich gekrönt. Richards Geschick wird von nun an mit diesem Mann verbunden sein - gelegentlich als Freund, meistens als Feind. Sie werden erbittert um jeden Hektar Boden in Frankreich streiten, ohne je eine Schlacht zu schlagen. Richard wird auf gemeinsamer Kreuzfahrt der Erfolgreichere sein. Nach Richards Tod aber wird Philipp II. über Richards Bruder Johann triumphieren - auf dem Schlachtfeld.

RICHARD - GRAUSAM UND LÜSTERN?

Bei einer Konferenz im Jahr 1182 in Grandmont beklagen sich aquitanische Adlige bei Heinrich über die Grausamkeit, mit der Richard bei der Niederwerfung von Rebellionen vorgeht. Einige Chronisten werfen ihm vor, er habe seine Untertanen unterdrückt und ungerechte Forderungen an sie gestellt. Der englische Chronist Roger von Hoveden zeichnet das düsterste Bild:

Er entführte die Frauen, Töchter und Mägde seiner Untertanen mit Gewalt und machte sie zu seinen Konkubinen. Wenn er seine Lust mit ihnen gehabt hatte, gab er sie an seine Soldaten zur Erfreuung weiter.

Vater Heinrich scheint die Beschwerden über seinen Sohn nicht ernst genommen zu haben. bekannt. Gemeinsam bekämpfen der König, Richard und der junge Heinrich eine Rebellion im Limousin. Aber die Einigkeit hält nicht an. Der junge Heinrich ist zwar formal der Haupterbe, verfügt aber immer noch nicht über eigene Territorien und Steuereinnahmen. Er erwägt eine Wallfahrt nach Jerusalem, versucht aber dann, seine irdischen Ziele durch ein Bündnis mit den Rebellen im Limousin zu erreichen. Bei Aix an der Vienne führt Richard seine Truppen 1183 gegen die Verbündeten seines Bruders Heinrich und behält die Oberhand. Die gefangenen Söldner lässt er in der Vienne ertränken. Das grausame Vorgehen sollte wohl als Warnung verstanden werden. Richards Sinn für symbolische Akte entwickelt sich. Das Gefecht an der Vienne ist Richards einzige Begegnung in Frankreich, die einer Schlacht nahe kommt.

FAMILIENKRISE

König Heinrich eilt mit Verstärkungen herbei, um die Rebellion seines Sohnes Heinrich zu beenden. Auf der anderen Seite entsendet König Philipp Truppen zur Unterstützung der Rebellen. Damit ist der Waffenstillstand gebrochen und von der Kreuzfahrt gegen Saladin ist keine Rede mehr. Der junge Heinrich, der sich durch Kirchenplünderungen mit Geld versorgt hatte, beginnt gerade die Oberhand über Vater und Bruder zu gewinnen, als er im Juni 1184 plötzlich stirbt. Die Rebellion bricht zusammen und die Erbfolge hat sich für Richard scheinbar vereinfacht. König Heinrich ist bereit, Richard zum Haupterben zu erklären, verlangt aber dafür Aquitanien für Bruder Johann. Empört begibt sich Richard nach Aquitanien, das ihm wichtiger ist als die Anwartschaft auf die englische Krone. Johann und Gottfried hausen daraufhin mit ihren Söldnern im Süden, Richard fällt im Gegenzug in die Bretagne ein. König Heinrich ruft erschrocken seine Söhne nach England, um den Streit zu beenden. Er entlässt Eleonore aus der Haft und zwingt Richard, Aquitanien an Eleonore zurückzugeben. Heinrich erneuert im Frühjahr 1186 bei einem Treffen mit König Philipp die Abmachungen, die er mit König Ludwig im Jahr 1183 getroffen hatte. Richards Position als Erbe ist gestärkt, der Verlierer Gottfried begibt sich nach Paris. Bei einem Turnier im August 1186 gerät er unter die Hufe eines Streitrosses und stirbt an den Folgen.

ALICE NOCH IMMER IN ENGLAND

Im Frühjahr 1187 fordert König Philipp die Herausgabe nordfranzösischer Territorien und die Erfüllung des Heiratsversprechens. Philipps Schwester Alice befindet sich seit fast zwanzig Jahren in Heinrichs Obhut. Gerüchte besagen, der König hätte sie entjungfert. Im Juni 1187 stehen sich vor Châteauroux zwei große Armeen gegenüber. Heinrich und Richard auf der einen Seite, König Philipp auf der anderen. Es geht nicht um Alice, sondern wie immer um Burgen und Äcker. Auch die Schlacht von Châteauroux findet nicht statt. Das Risiko ist beiden Seiten zu hoch, man verhandelt und schließt, wie schon so oft, einen Waffenstillstand. Ein päpstlicher Legat ist auch dabei und erinnert Heinrich an sein altes Versprechen, einen Kreuzzug zu unternehmen. Saladin bedränge die Christen in Palästina, lässt der Papst ausrichten, und die Feudalherren
sollten lieber Heiden bekämpfen, statt in Europa Ländereien zu verwüsten.

SCHÜSSEL UND BETT

Nach der Konferenz begibt sich Richard mit Philipp nach Paris. Warum, bleibt ein Rätsel. Der Chronist Roger von Hoveden:

Nach diesem Frieden blieb Richard gegen den Willen seines Vaters beim König von Frankreich. Der König ehrte ihn, dass sie an manchen Tagen aus der selben Schüssel aßen und sie in den Nächten das Bett nicht trennte. Wegen dieser heftigen Zuneigung, die zwischen ihnen zu bestehen schien, war der König von England sehr erstaunt... Er schickte häufig Boten nach Frankreich, um seinen Sohn Richard zurückzurufen. Dieser schützte Friedfertigkeit vor.., zog aber nach Chinon und nahm gegen den Willen der Wächter den größten Teil der Schätze seines Vater weg.

Richard benutzt das Geld, um seine Burgen in Aquitanien zu befestigen. Aber plötzlich unterwirft sich Richard aus ebenfalls nicht erkennbaren Gründen wieder seinem Vater. Roger von Hoveden:

Aber es kam durch Gottes Erbarmen, dass Richard nicht auf die Ratschläge schlechter Leute hörte und wieder zu seinem Vater zurückkehrte. Er wurde wieder sein Lehnsmann und schwor vor vielen Leuten, Klerikern wie Laien, auf die heiligen Evangelien die Treue ...

RICHARD NIMMT DAS KREUZ

Etwa zur gleichen Zeit wird das Heer des Königreichs Jerusalem bei Hattin vernichtet. Als im Herbst 1187 die Nachrichten aus Palästina eintreffen, gelobt Richard in der Kathedrale von Tours die Kreuzfahrt. Sein Sinn für Symbolik zeigt sich erneut: Er ist von den großen Fürsten der erste, der das Kreuz nimmt. Ende 1188 bricht Philipp den Waffenstillstand und belagert Gisors. Die Festung war als Mitgift für Alice gedacht. Philipp sieht nach Richards Kreuznahme keine Chance mehr für die Ehe und fordert Gisors zurück. Wieder kommt es nicht zum Kampf. Bei den Verhandlungen zwischen Heinrich und Philipp steht plötzlich Jerusalem im Vordergrund. Der Bischof von Tyrus war angereist und hält eine bewegende Predigt. Beide Könige nehmen das Kreuz. Sie handeln unter dem Druck der öffentlichen Meinung. Der Fall Jerusalems hatte die Kreuzzugspropaganda wiederbelebt. Prediger und Troubadoure machen Stimmung für einen Kreuzzug.

MEILENSTEIN DER GELDSCHÖPFUNG

In Le Mans zieht Heinrich Ende Januar 1189 finanzielle Konsequenzen aus der Kreuzzugsstimmung. Mit dem Edikt von Le Mans wird der Saladin-Zehnte eingeführt. Steuerpflichtig ist jeder, der nicht am Kreuzzug teilnimmt. Roger von Hoveden zitiert das Edikt von Le Mans:

Nachdem König Heinrich das Kreuz genommen hatte ..., ging er nach Le Mans, wo er in einer Versammlung anordnete:

(I.) Jeder gibt in diesem Jahr den Zehnten seiner Abgaben und beweglichen Habe zur Unterstützung des Königreichs Jerusalem. Dabei sind ausgenommen: Waffen, Pferde und Kleider der Ritter; Pferde, Bücher, Kleider und Mäntel aller Art der Kleriker; Edelsteine bei Klerikern wie Laien. Dabei wird die Exkommunikation... über jeden ausgesprochen, der den festgesetzten Zehnten nicht gegeben hat.
(II.) Dieses Geld soll in den einzelnen Pfarreien in Anwesenheit des Pfarrpriesters, des Archipresbyters, eines Templers, eines Johanniters, eines Dienstmanns des Königs, eines Geistlichen des Königs, eines Dienstmanns des Barons, eines Geistlichen des Barons sowie eines Geistlichen des Bischofs gesammelt werden. Wenn einer nach dem Wissen dieser Leute weniger gegeben hat, als er sollte, so sollen aus der Pfarrei vier oder sechs Männer rechtmäßig gewählt werden, die unter Eid den Betrag nennen sollen ...
(III.) Geistliche und Ritter, die das Kreuz genommen haben, sollen nichts von diesem Zehnten geben ...

Roger von Hoveden zitiert auch den Erlass des Papstes:

(I).Es ist vom Herrn Papst bestimmt worden, dass jeder Kleriker und Laie, der das Kreuz genommen hat, von allen Sünden, die er bereut und bekannt hat, frei und gelöst ist, kraft der Autorität Gottes und der seligen Apostel Petrus und Paulus.

Die Bestimmungen über die Abgabe des Zehnten im Erlass des Papstes entsprechen den Bestimmungen des Edikts von König Heinrich. Roger von Hoveden zitiert weiter:

(IV). Bürger und Bauern, die ohne Erlaubnis ihres Herrn das Kreuz genommen haben, sollen trotzdem den Zehnten zahlen.
(V). Auch wurde angeordnet, dass keiner übermäßig Eide leistet, keiner Würfelspiele treibt, keiner nach dem nächsten Osterfest Pelze, Zobel oder Scharlachstoffe benutzt, keiner eine Frau auf die Pilgerfahrt mitnimmt, außer vielleicht einer Wäscherin zu Fuß, die über jeden Verdacht erhaben ist, und dass keiner zerschnittene oder zerrissene Kleider tragen soll.


Die päpstlichen Bestimmungen regeln weiter den Zinserlass für Kreuzfahrer und die Verteilung des Vermögens von Kreuzfahrern, die unterwegs sterben sollten. Das Edikt von Le Mans ist ein Meilenstein christlicher Finanzpolitik. Die abgeschöpften Gelder wurden nur zum Teil für Kreuzzüge ausgegeben.

VERBRANNTE ERDE

Die Könige denken noch nicht an den Aufbruch. Im Herbst 1188 marschieren Heinrich und Richard in Richtung Paris gegen Philipp. Wieder herrscht Krieg wegen strittiger Besitzrechte. Bei Pacy-surEure kreuzt Richard mit dem besten Ritter Philipps die Waffen. Niemand kommt zu Schaden und beide bezichtigen sich hinterher gegenseitig, beim Kampf gemogelt zu haben. Rittergeschichten dieser Art liebten die Leute. Der Krieg wird aber nicht nach ritterlichen Regeln geführt. Heinrichs Söldner plündern auf dem Gebiet des französischen Königs. Der Chronist Roger von Hoveden beschreibt, wie das Feindesland behandelt wurde:

Er (Heinrich) verwüstete die umliegende Gegend mit Feuer und Schwert und ließ Weinstöcke und Obstbäume ausreißen.

Schließlich bricht Heinrich den Feldzug ab. Die Beute ist beträchtlich, das Land verwüstet, der Krieg geht weiter. Das gemeinsame Kreuzzugsgelübde stiftet keinen Frieden.

RICHARD REBELLIERT

Im Oktober verhandeln Heinrich, Richard und Philipp in Châtillon-sur-Indre erneut über einen Frieden. Es kommt zum Streit zwischen Vater und Sohn. Heinrich weigert sich, Richard als Erben einzusetzen. Im Gegenzug huldigt Richard dem französischen König und erkennt dessen Oberherrschaft über den kontinentalen Besitz der Familie an. Der Krieg geht weiter. Richard kämpft nun an der Seite Philipps gegen seinen Vater. Mehrfach treffen sich die Kontrahenten zu Verhandlungen, aber selbst ein eigens angereister Legat des Papstes vermag keinen Frieden zu stiften. Im Juni befindet sich Heinrich auf der Flucht vor Richards Söldnern und gerät beinahe in Gefangenschaft. Im Juli ist es dann soweit. Bei den Verhandlungen Anfang Juli 1189 in Ballon muss Heinrich nachgeben. Richard soll die englische Krone erben und nach dem Kreuzzug doch noch Alice, die Schwester Philipps, heiraten. Der Beginn des Kreuzzuges von Richard und Philipp wird auf das Frühjahr 1190 festgelegt.

RICHARD, KÖNIG VON ENGLAND

Heinrich II. ist krank und stirbt im Juli 1189, ohne sich mit Richard versöhnt zu haben. Seine Leiche wird in der Abteikirche von Fontefraud beigesetzt. Richard besucht kurz darauf die Grabstätte ohne Anzeichen einer Bewegung. England verdankt Heinrich die Ursprünge der modernen Finanzverwaltung. Aber das ist kein Stoff für Legenden. Am 13. September 1189 wird Richard in Westminster Abbey zum englischen König gekrönt und gesalbt.

JUDENPOGROM

Die Londoner sind freudig erregt, die Kreuzzugsstimmung tut das Übrige. Während der Feier entsteht ein Tumult vor dem Palast, der in heftige Angriffe auf das jüdische Viertel mündet. Der Chronist Richard von Devizes:

Am Tag der Krönung Richards ... begannen sie in der Stadt London die Juden ihrem Vater, dem Teufel, zu opfern. Sie brauchten so lange, um dieses Mysterium zu feiern, dass der Holocaust am zweiten Tag mit Mühe vollbracht wurde. Die anderen Orte und Städte des Landes eiferten dem Glauben der Londoner nach und entsandten mit gleicher Hingabe ihre Blutsauger blutig zur Hölle. Ähnlich, wenn auch nicht überall gleich, tobte der Sturm gegen die Unbelehrbaren im ganzen Königreich. Nur Winchester schonte seine Würmer, die Bevölkerung war klug und vorsichtig und die Stadt handelte immer zivilisiert.

Die Besatzung des Towers, für Ruhe und Ordnung verantwortlich, greift nicht ein. Die Juden standen eigentlich unter dem Schutz des Königs. Richard ist empört, weil die Juden treue Steuerzahler sind. Warum er das Pogrom nicht verhindern konnte, ist nicht bekannt.

GANZ LONDON VERKAUFT?

Zur Finanzierung des Kreuzzuges verkauft Richard alles, was sich zu Geld machen lässt. Richard von Devizes:

Alle, denen das Geld eine Last war, erleichterte der König äußerst bereitwillig und er vergab an jedermann, der ihm beliebte, Ämter und Besitz nach ihrer Wahl. Als der König eines Tages mit seinen Leuten scherzte, die bei ihm standen, versetzte er: >Wenn ich einen Käufer gefunden hätte, hätte ich sogar London verkauft.<

Richard braucht das Geld vor allem für Schiffe, die er in allen Häfen requirieren lässt. Er zahlt einen Teil der Kaufsumme, den Rest muss ein reicher Beamter, Bürger oder Feudalherr aufbringen. Richard von Devizes schildert die Flotte:

Das war die Reihenfolge und die Ausrüstung: Das erste Schiff hatte drei Extraruder, dreizehn Anker, dreißig Riemen, zwei Segel und drei Sätze Seile aller Art ... Ein äußerst tüchtiger Kapitän wurde ernannt und vierzehn auserwählte Knechte wurden ihm unterstellt. Das Schiff war mit vierzig kostbaren Pferden beladen, die für den Kampf ausgebildet waren und Waffen für ebenso viele Ritter. Dazu kamen vierzig Fußsoldaten, fünfzehn Matrosen und Nahrung für ein Jahr für diese Anzahl von Männern und Pferden ... Der Schatz des Königs, der außerordentlich groß war und unschätzbar, wurde auf die Schiffe verteilt.

DER AUFBRUCH

Die Verwaltung des Landes übergibt Richard dem Kanzler William Longchamp. Viele Engländer dürften aufgeatmet haben, als er schließlich abreiste. Immerhin hatte Richard in kurzer Zeit das Steueraufkommen mehrerer Jahre eingezogen. Philipp und Richard treffen sich im März 1190 in Nonancourt. Es ist klar, dass keiner ohne den anderen reisen würde. Man weiß, was man voneinander zu erwarten hat. Philipp und Richard beeiden mit ihren Baronen ausdrücklich, das Gebiet des anderen während der Kreuzfahrt nicht anzutasten und zu schützen. In den nächsten Monaten regelt Richard die Verwaltung des kontinentalen Familienbesitzes. Um die Südflanke zu sichern, wird eine Ehe mit Berengaria, der Tochter des Königs von Navarra ins Auge gefasst. Richards Bruder Johann muss schwören, drei Jahre lang nicht nach England zu reisen. Im Sommer 1190 sind Richards Vorbereitungen für die Kreuzfahrt abgeschlossen. Am 2. Juli versammeln sich beide Heere vor Vézelay. Der Augenzeuge und Chronist Ambroise reimt:

Vor Vézelay, zwischen Bergen zwar, beherbergt Gott die eigene Schar. Im Weinberg und im Felde offen, schläft mancher Mutter Sohn und Hoffen. Und jeder legt in Gottes Hand, Frau und Kinder und sein Land. Versetzten auch die ganze Habe und kauften dafür Gottes Gnade.

REALPOLITIK

Von Vézelay war ein halbes Jahrhundert früher Philipps Vater, Ludwig VII. zum zweiten Kreuzzug aufgebrochen. Diesmal haben sich weniger Kreuzfahrer eingefunden, dafür ist der Anteil der Bewaffneten größer. Wie Friedrich Barbarossa planen auch Richard und Philipp eine Militärexpedition. Bernhard von Clairvaux hatte rund vierzig Jahre vorher ideelle Ziele gepredigt und himmlischen Lohn versprochen. Diesmal wirken viele Söldner mit, weil sie von den Königen bezahlt werden und Richard und Philipp bewegt nicht die Vorstellung, die Welt von >Heiden< zu befreien. Sie sind in Vézelay damit beschäftigt, alle Eroberungen und die erwartete Beute zu teilen. Der Chronist Ambroise:

In Vézelay schworen die Könige beide, sich gegenseitig heilige Eide, dass sie zur Teilung alles bringen, was ein jeder würd' gewinnen.

Nachdem das Geschäftliche geregelt ist, brechen beide Heere getrennt nach Süden auf. Ambroise lässt die Zuschauer ausrufen:

Oh Gott im Himmel, was ist los, woher sind all die Leute bloß? Was geht hier vor. Und wer gebar der jungen Männer große Schar.


KREUZFAHRER PLÜNDERN IN LISSABON

Richards Aufgebot kommt Ende Juli in Marseille an. Seine Flotte, nach Robert von Devizes mehr als hundert Schiffe, ist noch nicht eingetroffen. Die Kreuzfahrer waren in Lissabon aufgehalten worden. Mehrere hundert Mann hatten in der Stadt geplündert und Frauen geschändet, so dass sich er König von Portugal gezwungen sah, sie zu verhaften. Richard hat keine Lust, in Marseille zu warten und bricht in gemieteten Schiffen nach Messina auf. Er geht mehrfach an Land, da er Seereisen nicht mag. Im September erreicht Richard Messina auf Sizilien. Philipp, der sich in Genua einige Schiffe gemietet hatte, ist schon da und wohnt in einem Stadtpalast. Auch Richards Flotte ist inzwischen eingetroffen.

RICHARD HERRSCHT ÜBER SIZILIEN

Ambroise über Richards Ankunft:

Und voller Schiffe war das Meer, Matrosen drauf, das ganze Heer, und kühne Streiter, Fahnen prächtig. Es kam ein König, groß und mächtig.

Richard lässt ein Lager vor der Stadt aufschlagen und führt sofort eine eigene Gerichtsbarkeit ein. Richard von Devizes:

Der König von England ließ gleich am nächsten Tag zwei Galgen außerhalb des Lagers errichten, um Diebe und Plünderer aufzuhängen. Die von ihm bestimmten Richter schonten weder Geschlecht noch Alter. Gesetz und Strafe waren für alle gleich, ob sie Fremde waren oder Einheimische.

Richard kümmert sich um seine Verwandtschaft und um die Aufbesserung seiner Kasse. Im November 1189 war König Wilhelm II. von Sizilien gestorben. Die Witwe, die er hinterlassen hatte, ist Richards Schwester Johanna. Die Ehe zwischen Wilhelm und Johanna war kinderlos geblieben. Daher steht Konstanze, die Tante Wilhelms, in der Erbfolge vorn. Dieser Umstand ist von einiger Tragweite, da Konstanze mit Heinrich, dem ältesten Sohn Kaiser Friedrichs, verehelicht ist. Die Sizilianer waren von der Idee einer staufischen Fremdherrschaft wenig begeistert und hatten gemeinsam mit Papst Clemens III. einen entfernten Verwandten namens Tankred zum König erhoben. Richard verlangt von Tankred die Herausgabe von Wertsachen, die Wilhelm Heinrich II. vermacht hatte. Es handelte sich um einen vier Meter langen goldenen Tisch, ein großes Zelt aus Seide, goldene Becher und Platten und mehrere Schiffsladungen Getreide und Wein. Richard von Devizes:

Der König von Sizilien missachtete Richards Forderungen. Er übersandte ihm seine Schwester und gab ihr nur die Möbel ihres Schlafzimmers mit. Wegen ihrer königlichen Stellung gab er ihr aber eine Million kleiner Goldmünzen für ihre Auslagen.

Richard bleibt nicht untätig. Er erobert ein Kloster auf einer Insel vor Messina. Richard von Devizes nennt die griechisch sprechenden Einheimischen Griffons. Sinngemäß: Griechenhunde.

Am nächsten Tag nahm der König eine stark befestigte Burg ein, die das Kloster der Griffons genannt wurde... und baute sie aus. Gnadenlos warf er mit verschiedenen Strafen die Griffons nieder, die sich zur Wehr setzten, und machte sie zum Gespött seiner Männer.

Die Lage ist angespannt. Einheimische Diebe stehlen im Lager, einige Kreuzfahrer bändeln mit einheimischen Frauen an. Ambroise:

Die Pilger schwatzten mit den Weibern, doch ernsthaft wollten sie's nicht treiben.

Die Sizilianer dürften die Annäherung an ihre Frauen anders beurteilt haben. Streitpunkt sind auch die Preise, die wegen der hohen Nachfrage gestiegen sind. Es kommt zu Tumulten. Richard versammelt seinen Unterführer und hält eine flammende Rede. Richard von Devizes:

„Ich werde entweder sterben oder für die Beleidigungen, die auch eure sind, gerächt werden. Wenn ich hier abreise und noch lebe, wird Saladin mich nur als Sieger sehen. Wenn ihr flieht, werdet ihr mich, euren König, verlassen, um der Gefahr allein entgegenzusehen." Der König hatte kaum seine Rede beendet, da lärmten seine tapferen Männer, weil sie glaubten, der König traue ihnen nicht. Sie versprachen ihm von Herzen, jeden seiner Befehle auszuführen, Berge abzutragen und Bronzemauern zu durchbrechen ... Sie würden Sizilien für ihn im Schweiße ihres Angesichts unterwerfen. Wenn er es befehle, würden sie bis zu den Säulen des Herkules im Blut waten.

ANGRIFF AUF MESSINA

Nach weiteren Zwischenfällen führt Richard einen Angriff auf Messina an. Nach heftigen Kämpfen fällt die Stadt. Ambroise:

Die Tat war schneller noch vollbracht, als der Priester Frühandacht. Ein Blutbad drohte in der Stadt, was Richard dann verhindert hat. Doch nun
hob an, du kannst es glauben, ein großes Plündern und Berauben. Gut und Geld sie an sich nahmen und Mägde schön und edle Damen.

Richard lässt seine Fahnen über Messina aufziehen und nimmt Geiseln. Nachdem Tankred sie mit Gold ausgelöst hat, wird ein Waffenstillstand geschlossen. Das Wesentliche ist geregelt, aber Winterstürme verhindern die Weiterreise. Das Glücksspiel nimmt solche Ausmaße an, dass einfachen Soldaten und Matrosen das Würfeln verboten wird. Kleriker und Ritter dürfen zwanzig Schillinge am Tag verspielen. Die Kreuzfahrer verbringen ein halbes Jahr in Messina.

ALICE BLEIBT LEDIG

Im Frühjahr wird bekannt, dass Eleonore eine neue Braut für Richard nach Messina bringen wird: Berengaria, die Tochter des Königs von Navarra. Philipp ist empört, denn seine Schwester Alice wartet ja noch immer auf Richard. Richard bringt vor, sein Vater Heinrich habe mit seiner Verlobten geschlafen und eine Ehe mit der entehrten Alice käme nicht in Frage. Philipp kann sich gegen diese Beleidigung nicht zu Wehr setzen. Er löst gegen Bargeld den Ehevertrag und segelt nach Palästina ab. Im April treffen Eleonore und Berengaria in Messina ein. Weil die Zeit drängt, wird die Hochzeit verschoben. Eleonore kehrt nach England zurück und Richards Flotte bricht nun ebenfalls nach Palästina auf. Berengaria reist mit.

RICHARD HERRSCHT ÜBER ZYPERN

Ein Sturm treibt die Flotte auseinander. Richard bleibt ein paar Tage auf Rhodos, um sich von der Seekrankheit zu erholen. Drei Schiffe werden nach Zypern abgetrieben. Zwei von ihnen stranden Ende April 1191 an der Südküste, das dritte, mit Johanna und Berengaria an Bord, ankert vor Limassol. Die einheimischen Griechen eignen sich die Wertsachen der gestrandeten Kreuzfahrer an und nehmen die Überlebenden gefangen. Eine Sitte, die übrigens auch in England herrschte. Es kommt zum Kampf, beide Seiten beklagen Verluste. Zypern gehörte zum byzantinischen Reich. Der Statthalter Isaak war - in Ostrom eher die Regel - durch Usurpation an die Macht gekommen. Eine untaugliche Rechtfertigung für Richards weiteres Vorgehen. Ambroise sagt deutlich, warum Richard nicht direkt nach Palästina segelt:

Doch Richard hatte einen anderen Plan. So ließ der Herr ihn gleich nach Zypern fahr'n.

Am 8.Mai nähert sich die englische Flotte der Küste bei Limassol. Richard verfügt über eine selten große und teure Streitmacht. Ein klarer Fall für das Recht des Stärkeren. Der Angriff erfolgte wahrscheinlich in Amathus, in der Nähe des heutigen Limassol. Da die Stadt an der Seeseite nicht befestigt ist, haben die Bewohner beim Nahen der Flotte am Strand Barrikaden errichtet. Richard von Devizes schildert den Angriff:

Der König, in seiner Rüstung, sprang als erster vom Schiff und schlug den ersten Schwertstreich, aber bevor er den zweiten schlagen konnte, waren Dreitausend auf seiner Seite und schlugen sich mit ihm. Schnell hatten sie das Holz im Hafen weggeräumt. Die kräftigen Männer eilten nach oben in die Stadt und waren nicht sanfter als die Löwinnen, denen man das Junge weggenommen hat. Die Verteidiger kämpften tapfer gegen sie. Die Verwundeten fielen auf dieser Seite und auf jener. Die Schwerter auf beiden Seiten waren trunken vom Blut. Die Zyprioten wurden bezwungen, die Stadt und Burg wurden genommen. Die Sieger nahmen sich, was ihnen gefiel. Der Herr der Insel wurde gefangen und vor den König gebracht. Er bat um Verzeihung, die im gewährt wurde. Er huldigte dem König ...

Der Statthalter Isaak denkt nicht daran, Richard als Oberherrn der Insel zu akzeptieren. Kaum ist er frei, fordert er Richard auf, die Insel zu verlassen.

PARTEIENBILDUNG IN PALÄSTINA

Saladins Garnison in Akkon wehrt weiter erfolgreich die Angriffe der Lateiner ab. Die Belagerer haben sich in zwei Parteien gespalten. Die eine unter König Guido von Lusignan , die andere unter Konrad von Montferrant. König Philipp, der inzwischen im Lager eingetroffen ist, verbündet sich mit Konrad. Daher begeben sich König Guido, der Fürst von Antiochia, Gesandte der Templer und einige mit Guido verbündete Barone nach Zypern, um Richard auf ihre Seite zu ziehen. Was ihnen gelingt. Dass sich Richard mit den Gegnern Philipps verbündet, ist nicht verwunderlich. Die Verhältnisse pendeln sich nach heimatlichen Mustern ein.

RICHARD EIGNET SICH ZYPERN AN

Richard nutzt die Verstärkung durch die Ankömmlinge, um einen Feldzug gegen Isaak zu unternehmen. In mehreren Gefechten werden die Streitkräfte Isaaks niedergeworfen. Isaak ergibt sich, nachdem Richard ihm versprochen hat, ihn nicht in Eisen zu legen. Richard hält sein Wort: Isaak wird in silberne Ketten gelegt. In den Küstenstädten erhebt Richard sogleich eine Besitzsteuer von fünfzig Prozent. Auch der Ertrag für Richards Legende ist nicht schlecht: Seine Attacke am Strand und die List mit den silbernen Ketten machen bald die Runde. Richard heiratet auf Zypern. Die Ehe mit Berengaria war dynastisch gesehen nicht ertragreich: Sie blieb kinderlos. Richard verliert bald das Interesse an seiner Gattin.

RICHARD VERKAUFT EINE BYZANTINISCHE INSEL

Richard wird Zypern bald für hunderttausend Goldstücke an den Templerorden verkaufen. Vierzigtausend Goldstücke können die Templer anzahlen. Aber auch für den reichen Orden ist die Restsumme nicht leicht aufzubringen. Die Templer errichten Burgen und versuchen, das Geld aus der Bevölkerung zu pressen. Sie ersticken in Nikosia einen Aufstand in einem Blutbad. Die geldgierigen Barone mit dem lateinischen Ritus bleiben für die meisten griechisch-orthodoxen Einheimischen fremde Herren. Als es zu weiteren Aufständen kommt, wollen die Templer die Insel wieder loswerden. Nach einer schwierigen Finanztransaktion vergibt Richard Zypern dann an König Guido von Lusignan. Zypern bleibt rund dreihundert Jahre im Besitz europäischer Feudalherren. Der Chronist Neophytus von Zypern schreibt über Richard:

Der Engländer plünderte das Land aus und segelte nach Jerusalem, dabei hinterließ er Vasallen, die weiter raubten und ihm die Beute nachsandten. Er erreichte nichts, der Sünder, der er war, gegen den Mitsünder Saladin, er erreichte nichts als den Verkauf von Zypern an die Lateiner ... Groß war die Klage und unerträglich die Düsternis, die von Norden kam, wie es prophezeit war.

HEIMISCHE VERHÄLTNISSE

Nachdem das Finanzielle geregelt ist, segelt Richards Flotte nach Tyrus. Als er am 6. Juni 1191 dort ankommt, verwehren ihm die Vasallen Konrads von Montferrat den Zutritt zu Stadt. Zwei Tage später ankert die englische Flotte bei der Landzunge vor Akkon, auf der sich die Belagerer eingegraben haben. König Philipp war mit fünf Schiffen schon im April eingetroffen. Das französische Kontingent hatte mit seinem schweren Belagerungsgerät an den Mauern Akkons erhebliche Schäden hervorgerufen. Philipp reklamiert die noch nicht eroberte Stadt für Konrad, obwohl die Belagerung von Akkon eine Initiative Guidos von Lusignan ist. Allerdings sind die rechtlichen Positionen Guidos nicht mehr die besten. Er war nur durch die Ehe mit Sybille in den Besitz des Königstitels gekommen. Sybille war aber im Herbst 1190 gestorben. Daraufhin hatte Konrad in einer Blitzaktion die Schwester Sybilles, Isabella geheiratet. Nun erhebt er Anspruch auf den Königstitel.

DOPPELTE BIGAMIE

Konrads Anspruch auf den Königstitel ist umstritten. Für viele ist Isabella noch immer mit Humfred von Toron verheiratet. Der Bischof von Pisa hatte die Ehe Isabellas nur geschieden, weil er sich Vorteile für Pisa versprach. Konrad ist schon an zwei Frauen ehelich gebunden. Die Angelegenheit ist kirchenrechtlich ein Skandal. Richard trifft vertraute Verhältnisse an.

RICHARD HERRSCHT VOR AKKON

Die Flotte Richards besteht noch aus fünfundzwanzig Schiffen. Nach den Angaben von Richard von Devizes könnten also tausend Fußsoldaten und tausend Ritter in Akkon angekommen sein. Mit dieser beträchtlichen Streitmacht kommt Richard das Amt des Oberbefehlshabers zu. Er verfügt auch über mehr Geld als der französische König, kann also mehr Soldaten bezahlen. Der Augenzeuge Ambroise reimt zur Ankunft Richards:

Man hörte der Trompeten klang, Richard zu grüßen, den Ritter von Rang. Und all die große Christenschar war froh, dass er gekommen war. Die Türken in der Stadt beschlich, ein Schrecken, der war fürchterlich.

Die Ankunft der Flotte verschlechtert die Lage der muslimischen Garnison in Akkon beträchtlich. Schiffe aus Kairo hatten bis dahin Verstärkungen und Nachschub in die belagerte Stadt bringen können. Ein solches Versorgungsschiff aus Ägypten war von Richards Schiffen vor der Ankunft versenkt worden. Saladin ist besorgt. Seit Monaten greifen seine Truppen das Lager an, um der Garnison in der Stadt Hilfe zu leisten. Aber die Christen haben Erdwälle aufgeworfen, hinter denen sie alle Angriffe der Muslims abwehren. Im Lager der Kreuzfahrer geht der Streit um den Königstitel trotz der schweren Kämpfe weiter. Philipp fordert zu Recht die Hälfte der eroberten Insel Zypern. Richard lehnt ab. Die inneren und äußeren Frontlinien bleiben starr. Bei jedem Angriff der Kreuzfahrer auf die Stadt, lässt Saladin das Lager von der Landseite aus angreifen. Sein Prestige, das er mit der Eroberung Jerusalems in der islamischen Welt gewonnen hat, steht auf dem Spiel. Auch Richard ist in Prestigefragen empfindlich. Die Kämpfe sind erbittert.

WO SIND DIE MUSLIME

Saladin hat Schwierigkeiten, seine Streitkräfte zu verstärken. Imad ad-Din zitiert einen Brief aus seiner Kanzlei:

Der Papst, Gott verfluche ihn, verbietet ihnen, was vorher erlaubt war, lässt sie ihre Vorräte bringen ..., bekleidet sie mit Eisen und bestimmt, dass sie zu dienen haben, bis das Grab sie befreit ... Der Islam hat es hier mit einem Volk zu tun, das den Tod liebt, das Land und Leute im Stich lässt, und seinem Fürsten und Priestern ergeben ist. Sie eifern dem von ihnen Angebeteten nach ...

Dagegen wird der fehlende Eifer der Muslime beklagt:

Wo sind die Leute, welche die Pflicht des heiligen Kampfes kennen? Wo sind diejenigen, die sich von der Wahrheit leiten lassen? Wo sind die Muslime..? Weit gefehlt, es gibt keine wahren Muslime mehr ...

Saladins Aufrufe bleiben nicht ungehört. Ende Juni treffen in seinem Lager vor der Landzunge Verstärkungen ein. Aber die Angriffe auf die Verschanzungen der Kreuzfahrer scheitern. Ohne Nachschub wird in Akkon die Lage der Garnison aussichtslos.

AKKON KAPITULIERT

Der Statthalter muss verhandeln. Für die Schonung der Garnison bietet er schließlich zweihunderttausend Goldstücke, alle Güter in der Stadt, die Freilassung der Gefangenen und die Rückgabe des Wahren Kreuzes. Richard und Philipp garantieren für diesen ungewöhnlich hohen Preis die Schonung der Soldaten. Saladin akzeptiert den Vertrag, obwohl er gegen seinen Willen abgeschlossen wurde. Imad ad-Din beschreibt die Reaktion im Lager Saladins:

Als wir das Banner der Freng (Franken) über Akkon sahen, beschlich uns ein schmerzliches Gefühl. Der Schlag wurde tief empfunden, das Maß des Unglücks war voll. Es fehlte an Trost und die Hoffnung war weit weg.

Die Kreuzfahrer nehmen am 12. Juli 1191 die Stadt Akkon wieder in ihren Besitz. Die Bevölkerung kann abziehen, aber die Soldaten werden mit ihren Angehörigen inhaftiert. Herzog Leopold von Österreich pflanzt seine Standarte auf einem Turm auf, um seine Ansprüche geltend zu machen. Richard lässt die Fahne vom Turm holen und durch den Schmutz ziehen. (Diese symbolische Handlung wird Richard auf dem Rückweg in Österreich bedauern, und zwar im Kerker). Die Eroberung der reichen Hafenstadt verschärft auch die Frage, wer denn eigentlich König sei. Schließlich wird ein Kompromiss geschlossen. Guido soll bis zu seinem Ableben König sein, dann soll die Krone auf Konrad übergehen.

PHILIPP REIST AB

Philipp begibt sich zu Schiff. Er ist seit langem kränklich. Seinen Anteil an der Beute in Akkon hat er mit Konrad geteilt. Die Hälfte Zyperns, die ihm zusteht, rückt Richard nicht heraus. Richard versucht vergeblich, die Abreise Philipps zu verhindern, aus Sorge um seine Besitzungen in Frankreich. Philipp hinterlässt ein Truppenkontingent und tritt verbittert die Heimreise an. Richards Sorgen sind berechtigt. Zurück in Frankreich, bricht Philipp seinerseits den Vertrag und eignet sich strittige Gebiete an. So ist die Ausgangslage wieder erreicht: Es herrscht Krieg zwischen Philipp und Richard.

RICHARD, UNRITTERLICH

Richard erwartet in Akkon das Lösegeld für die gefangenen Muslime. Als Saladin die erste Rate und einen Teil der Gefangenen anbietet, fehlen offenbar einige wichtige Gefangene und die Kreuzreliquie. Am 20. August lässt Richard seine Geiseln vor den Augen der muslimischen Posten vor Akkon enthaupten. Nach Ambroise waren es zweitausendsiebenhundert Männer, Frauen und Kinder. Nach Imad ad-Din haben die Franken ihre Zusagen nicht eingehalten:

Die Feinde rückten in die Stadt ein, hielten sich aber nicht an die Abmachungen. Sie hinderten unsere Soldaten am Hinausgehen, legten Hand an sie und ihr Eigentum und fesselten sie. Sodann verlangten sie Geld. Der Sultan (Saladin) ließ es zusammenbringen und bewahrte es in seinem Schatz auf. Das Kreuz der Kreuzigung wurde gebracht und die ausgehandelten Bedingungen erfüllt. Aber da zeigte sich ihre Treulosigkeit und Schlauheit.

Nähere Einzelheiten über den Vertragsbruch teilt der Chronist nicht mit. Er fügt aber einen Bericht über das Massaker hinzu:

Wir sahen sie entblößt am Strand sterben. Es ist kein Zweifel, dass Gott sie mit reichen, seidenen Gewändern bekleidet und in die Wohnungen des ewigen Glücks geleitet hat. Über das gesammelte Geld verfügte der Sultan zugunsten seiner Leute, ließ die Gefangenen an ihre Stellen zurückbringen. Das Kreuz der Kreuzigung ließ er an seinen Ort zurückbringen, aber nicht zur Verehrung, sondern zur Verunglimpfung.

Ambroise notiert voller Freude:

Sie wurden alle abgeschlachtet, die nach der Christen Blut getrachtet. Die Rache konnten sie genießen. Der Schöpfer sei dafür gepriesen.

RITTER IN DER SONNE

Zwei Tage nach dem Massaker bricht ein Heer unter Richards Führung von Akkon nach Jerusalem auf. Die Kreuzfahrer marschieren an der Küste entlang und werden von der Flotte begleitet. Viele Ritter sind in Akkon geblieben, nach Ambroise des guten Weines und der schönen Frauen wegen. Von der Landseite greifen Saladins Reiter den Heerzug unablässig an. Richards Reihen lichten sich. Gefangene lässt Saladin hinrichten, um das Massaker von Akkon zu rächen. Ab Caesarea werden die Gefechte immer erbitterter und die sommerliche Hitze nimmt ständig zu. Die Ritter können wegen der ständigen Kavallerieangriffe ihre Rüstung nicht mehr ablegen. Richard erwägt Verhandlungen.

RICHARD WILL ALLES

Am 5. September trifft Richard Saladins Bruder al-Adil. Er fordert die Übergabe ganz Palästinas. Das ist ersichtlich zuviel, nämlich alles. Al-Adil bricht die Verhandlungen ab. Zwei Tage später sucht Saladin die Entscheidung in der Nähe von Arsuf. Die schwer gepanzerte Kavallerie der Kreuzfahrer gibt den Ausschlag. Saladin muss das Feld räumen. Die Verluste sind auf beiden Seiten gering. Richard hatte wieder in der vordersten Linie gekämpft und ist der Held des Tages. Aber er zögert, nach Jerusalem zu marschieren. Saladins Prestige ist zwar weiter gesunken, aber seine Armee ist intakt. Richard lässt die von Saladin zerstörte Hafenstadt Jaffa wieder befestigen, als Basis für einen Angriff auf Jerusalem. Aus Europa, Zypern und Akkon hat er schlechte Nachrichten. Überall sind seine Positionen bedroht. Er verhandelt wieder. Diesmal schlägt Richard vor, seine Schwester Johanna solle Saladins Bruder al-Adil heiraten und die Küstenstädte als Mitgift empfangen. Das Paar solle in Jerusalem residieren und die Stadt für Christen geöffnet werden. Richards Vorschlag war wahrscheinlich ernst gemeint. Al-Adil hat bei den Kreuzfahrern einen guten Ruf, aber Johanna ist von dieser Idee nicht entzückt. Richard entwickelt ständig neue Vorstellungen. Als nächstes schlägt er vor, al-Adil solle Christ werden. Höflich lehnt der Ehekandidat diese Variante ab. Richard bringt nun eine Nichte als mögliche Braut ins Spiel. Wie ernst Saladin diese kreativen Bemühungen des englischen Königs nahm, ist schwer zu beurteilen. Er benutzt die gewonnene Zeit, um die Befestigungen von Jerusalem zu verstärken. Richards Soldaten genießen das Leben in Jaffa. Aus Akkon sind inzwischen die Freudenmädchen eingetroffen. Richard wird von dem Gedanken geplagt, König Philipp könne in Frankreich gegen die Verträge verstoßen.

VORSTOSS NACH JERUSALEM

Im Dezember führt Richard das Heer nach Latrun in das Landesinnere. Jerusalem ist nur noch eine Tagesreise entfernt. Es wird kalt und regnerisch. Der einheimische Adel rät von einer Belagerung Jerusalems ab, da die Truppen nicht ausreichen. Enttäuscht befiehlt Richard den Rückzug zum Meer.

KRIEG IN AKKON

Richard lässt die zerstörte Küstenstadt Askalon wieder aufbauen. Um die Moral der Truppe zu heben, legt er selbst Hand an. Aber die Aussicht, als Befreier Jerusalems in die Geschichte einzugehen, schwindet immer mehr. Die Kasse leert sich, aus Europa kommen Nachrichten über Philipps Vertragsbruch und in Akkon bekämpfen sich die Fraktionen. Richard eilt im Februar 1192 nach Akkon, um die Verhältnisse in seinem Sinn zu ordnen. Die alte Feindschaft zwischen Genua und Pisa ist wieder ausgebrochen. Die Pisaner kämpfen auf der Seite von Guido von Lusignan, die Genuesen unterstützen Konrad von Montferrat. Die einzelnen Quartiere der Orden, der Kirche und der Handelsherren sind wie Burgen befestigt, denn in der Kreuzfahrerstadt werden Konflikte häufig mit Gewalt ausgetragen. Richard führt einen Waffenstillstand herbei und kehrt nach Askalon zurück. Er muss erfahren, dass Rainald von Sidon und Balian von Ibelin in Jerusalem im Auftrag Konrads mit Saladin verhandeln. Bei der nächsten Verhandlung mit al-Adil sieht sich Richard zu realistischen Vorstellungen genötigt. Bei einem Waffenstillstand sollen den Christen alle eroberten Städte und der freie Zugang nach Jerusalem garantiert werden. Aus England trifft die Nachricht ein, dass Richards Bruder Johann nach der Macht greift. Als auch noch das französische Kontingent das Lager verlässt, beginnt Richard mit der Vorbereitung seiner Abreise. Bei einem Spitzengespräch des Hochadels im April 1192 stellt Richard fest, dass niemand seinen Kandidaten Guido von Lusignan unterstützt. Er willigt ein, dass Konrad König wird. Guido kauft mit Richards Unterstützung den Templern die Insel Zypern ab. Nun ist für alle gesorgt, die Verhältnisse aber beruhigen sich nicht. Konrad wird kurz darauf in Tyrus ermordet. Einer der Täter gibt an, er habe im Auftrag der Assassinen gehandelt. Es wird gemunkelt, Saladin oder Richard hätten das Attentat veranlasst. Nun muss eine neue Ehe arrangiert werden, um das Königreich mit einem König zu versehen. Mit Richards Zustimmung wird Isabella mit Heinrich von der Champagne verheiratet.

LETZTE VERSUCHE

Richard unternimmt noch einen vergeblichen Vorstoß auf Jerusalem und Saladin scheitert bei dem Versuch, Jaffa zu erobern. Ende August 1192 wird deutlich, dass keine Seite in der Lage ist, eine Entscheidung zu erzwingen. Richard schließt mit Saladin einen Waffenstillstand über fünf Jahre. Die eroberten Küstenstädte bleiben im Besitz der Christen, nur Askalon muss niedergerissen werden. Pilgern wird der freie Zugang zu den heiligen Stätten in Jerusalem garantiert. Vor Saladins Gesandten müssen die Barone des Königreichs die Einhaltung des Vertrags beschwören.

BESCHWERLICHE HEIMREISE

Anfang Oktober 1192 tritt Richard von Akkon aus die Heimreise an. Sein Ziel, die Eroberung Jerusalems, hat er nicht erreicht. Dass ein Küstenstreifen Palästinas wieder in christlicher Hand ist, kann er sich als Verdienst anrechnen. Seine Reise verläuft abenteuerlich, aber wenig glücklich. Eine Landung in Südfrankreich oder Italien will Richard offenbar vermeiden. Die Winterstürme lassen eine möglichst kurze Seereise ratsam erscheinen. Richard verlässt auf Korfu sein Schiff, segelt mit gemieteten Booten an der dalamatinischen Küste entlang und landet schließlich mit wenigen Begleitern nahe bei Venedig. Von dort aus nimmt er den Landweg in Richtung Wien. Er befindet sich auf dem Gebiet Leopolds von Österreich, den er sich in Akkon zum Feind gemacht hat. Richard reist in der Verkleidung eines einfachen Pilgers. Die Berichte sind legendär gefärbt. Sein Talent als Mime reicht offenbar nicht aus, um einen Mann aus dem Volk zu spielen. In der Chronik Itinerarium Regis Ricardi wird beschrieben, wie Richard als König auftrat:

Er saß auf einem Stuhl mit vielfarbigen goldenen Funken, die zwischen rotem Eisenocker hervorleuchteten, mit zwei kleinen Löwen im hinteren Teil... Die Füße des Königs zierten goldene Sporen. Er war mit einem Hemd aus rotem Samt bekleidet und trug einen Mantel mit Reihen von silberglänzenden Halbmonden und schimmernden Sonnenkreisen.

Richard wird Ende Dezember 1192 gefangengenommen, wahrscheinlich in einem Gasthaus bei Wien. Die Chronisten vermuten, Richard habe zuviel Geld ausgegeben. Die Schergen, die ihn dingfest machen, ahnen die Folgen nicht. Die Verhaftung verändert die Machtverhältnisse in Europa.

RICHARD IN HAFT

Leopold von Österreich lässt Richard auf die Burg Dürnstein bringen. Es steht schlecht um ihn. Richards Gegner hatten üble Nachrede in Europa verbreiten lassen: Richard habe Philipp verraten, mit Saladin paktiert und Konrad von Montferrat ermorden lassen. Leopold meldet dem Staufer Heinrich, inzwischen Kaiser Heinrich VI., den wertvollen Fang. Ein gewaltiges politisches Geschäft läuft an, während Richard in sein Gefängnis auf Dürnstein gebracht wird. Dass der treue Sänger Blondel Richard hier nach langer Suche gefunden habe, wird von den zeitgenössischen Chronisten nicht vermerkt. Diese Legende ist später entstanden. Im Februar 1193 nimmt Leopold Richard mit nach Regensburg, um mit Kaiser Heinrich VI. den Preis für die Übergabe zu verhandeln. Da Leopold befürchtet, die Kaiserlichen könnten sich Richards unentgeltlich bemächtigen, schickt er ihn zurück nach Dürnstein. Der Preis für den kostbaren Gefangenen wird auf hunderttausend Mark festgesetzt. Außerdem soll Richard mit fünfzig Schiffen und zweihundert Rittern Kaiser Heinrich bei der Eroberung Siziliens beistehen. Das war auch für einen König ziemlich viel. Im März hält Kaiser Heinrich in Speyer Gericht über Richard. Er wird angeklagt, durch den Vertrag mit Saladin das Königreich Jerusalem verraten zu haben. Weiterhin wird ihm unterstellt, er habe den Mord an Konrad von Montferrat angestiftet. Richard weist die Anschuldigungen zurück. Die Art und Weise, wie er das tut, beeindruckt den Kaiser. Heinrich VI. lässt die Anschuldigungen fallen, lobt Richards Taten und gibt ihm den Friedenskuss. Der Freispruch hat keineswegs Richards Entlassung zur Folge. Der Kaiser setzt das Lösegeld auf einhundertfünfzigtausend Mark fest. In England wird eine Einkommensteuer von 25 Prozent erhoben, um Richard loszukaufen. Richard, als Kreuzfahrer eigentlich unantastbar, bleibt weiter in Haft. Der Papst hat inzwischen Leopold von Österreich exkommuniziert, aber das macht auf Richards Feinde wenig Eindruck. Richards mächtigster Feind, König Philipp von Frankreich, bietet Kaiser Heinrich die gleiche Summe für Richard oder hunderttausend Mark für die Verschiebung der Freilassung. Philipp hat sich mit Richards Bruder Johann verbündet. Sie sind dabei, sich die Besitzungen Richards anzueignen und wollen Zeit gewinnen. Richard wird im März auf die staufische Burg Trifels gebracht. Es ist noch kein Geld aus England eingetroffen. Richard soll im Gefängnis ein Gedicht geschrieben haben:

Schwach sind die Worte, und die Zunge stockt dem Häftling, seinen Schmerz zu klagen. Doch mag dies Lied ihm Linderung verschaffen. Der Freunde hab' ich viel, doch schmal sind ihre Gaben. Die Schande soll sie treffen, wenn nicht ausgelöst ich hier zwei Winter bleibe."

ENGLAND ZAHLT

Doch die englischen Steuerzahler sind schon dabei, das Geld für seine Auslösung aufzubringen. Aus dem Gefängnis heraus wird Richard diplomatisch aktiv und vermittelt zwischen Heinrich VI. und dessen Erzfeind Heinrich dem Löwen. Schließlich lehnt Heinrich es ab, Richard an Philipp auszuliefern. Richards Schicksal hängt nur noch von den Fähigkeiten des englischen Fiskus ab. Mit seinen Bewachern soll Richard auf Burg Trifels eifrig gescherzt und getrunken haben, bis sie unter dem Tisch lagen. Nichts von dem, was einen Mann zum Manne macht, fehlt in seiner Legende.

RICHARD KOMMT FREI

Nach einem Fürstentag in Mainz im Februar ist es soweit. Zwei Drittel des Lösegeldes sind eingegangen und für den Rest stellt Richard Geiseln. Die Transaktion in Mainz sollte weltpolitische Folgen haben. Kaiser Heinrich VI. finanzierte mit dem Geld der englischen Steuerzahler die Eroberung Siziliens. Und so kam es, dass Heinrichs Sohn, Kaiser Friedrich II., später im Süden Italiens regieren konnte. Richard erkennt den Kaiser als seinen obersten Lehnsherren an und empfängt dafür England als Lehen. Diese Huldigung bleibt allerdings eine Formsache. Nach rund vierzehn Monaten Haft wird Richard entlassen und landet im März in Sandwich. Die Rebellion seines Bruders Johann war schon mit der Nachricht von Richards Freilassung zusammengebrochen. Kirche, Adel und Beamte hatten in der Mehrzahl Richard die Treue gehalten und gezahlt. In der Kathedrale von Canterbury dankt er Gott für seine Rückkehr. Das Osterfest nutzt Richard für eine politische Demonstration: Vor allen Fürsten zeigt er sich mit seiner Mutter in Westminster Abbey. Er trägt alle Insignien der Macht. Er ist wieder da, bleibt aber nicht lange.

RICHARD FÄNGT VON VORNE AN

Richard landet im Mai in Barfleur in Frankreich. Er wird von Söldnern begleitet und mustert weitere an. Englands Steuerzahler hatten noch einmal bluten müssen. Richard fängt an, wo er vor der Kreuzfahrt aufgehört hat: Er verteidigt den Familienbesitz gegen den König von Frankreich. Philipp hatte die Abwesenheit vertragswidrig genutzt, um in der Normandie vorzurücken und belagert Verneuil. Nachdem Richards Truppen die Belagerer vertrieben haben, erscheint Johann vor Richard, wirft sich auf den Boden und bittet um Verzeihung. Richard soll sie mit den Worten gewährt haben:

Du warst ein Kind und bist in schlechte Gesellschaft geraten.

Der Krieg geht mit gelegentlichen Unterbrechungen weiter. Richard entlässt Alice bei einer Friedenskonferenz im August 1195 aus dem Gewahrsam der englischen Krone. Sechsundzwanzig Jahre nach ihrer Verlobung mit Richard kann Alice nun einen französischen Grafen heiraten. König Philipp unterstützt immer wieder Rebellionen gegen Richard im Süden Frankreichs. Bei einem Aufstand des Vizegrafen von Limoges belagern Richards Söldner im März 1199 die Burg Chalus. In der Burg sind nur vierzig Männer und Frauen. Am Abend will sich Richard noch einmal umsehen. Dabei trifft ihn ein Armbrustschütze namens Bertram in die Schulter. Kurz darauf wird die Burg genommen und die Besatzung wird umgebracht.

DIE LETZTE GROSSE GESTE

Nur der Schütze bleibt am Leben. Richards Verletzung ist tödlich. Wilhelm von Newburgh:

Als der König die Hoffnung auf sein Überleben aufgab, übertrug er seinem Bruder Johann die Herrschaft über England und seine ganzen anderen Gebiete. Er veranlasste, dass dem genannten Johann von den Anwesenden Treueide geleistet würden und befahl, dass ihm seine Burgen übertragen würden. Seinem Neffen Otto vermachte er drei Viertel seines Schatzes und sein Geschmeide und ordnete an, dass das vierte Viertel an seine Diener und die Armen übergeben würde. Als darauf der genannte Bertram vor den König gerufen wurde, sprach dieser zu ihm: >Was habe ich dir Übles getan, warum hast du mich getötet? Jener antwortete: >Du hast mit eigener Hand meinen Vater und meine zwei Brüder getötet und wolltest mich selbst umbringen. Nimm also an mir die Rache, die du dir ausgedacht hast. Es bereitet mir keine Sorge, sofern du nur stirbst, weil du der Welt soviel angetan hast.< Da befahl der König, ihn als freien Mann gehen zu lassen und ihm einhundert Schillinge in Silber zu geben. Aber der Vasall Mercadeus ergriff ihn ohne Wissen des Königs und hängte ihn nach dem Tod des Königs auf. Vorher hatte er ihm die Haut abziehen lassen... Über den Tod des Königs wurde gesagt: >In diesem Tod vernichtet die Ameise den Löwen. Oh Schmerz, bei einem solchen Leichenbegängnis verdunkelt sich die Welt.

Richard starb, weil er sich wieder einmal zu weit nach vorn begeben hatte. Sein ständiger Aufenthalt im Kampfgetümmel war staatsmännisch unklug, hat aber seine Legende dauerhaft gefördert. Seine Kreuzfahrt wurde in den Heldenepen besungen, politisch hat sie ihm nichts genützt. Richards Eingeweide wurden in Chalus begraben, sein Herz in der Kathedrale von Rouen. Was sonst noch blieb, wurde neben seinem Vater in der Klosterkirche von Fontevrault bestattet, also in Frankreich. Keinen seiner großen Feinde hat Richard Löwenherz besiegt. Und doch ist der englische König, der fast nie in England war, einer der ganz Großen der Legende. Die symbolischen Gesten, sein mutiger Einsatz in der vordersten Linie waren nach dem Geschmack seiner Zeit. Einige Zeitgenossen haben Richard Grausamkeit und Geldgier vorgeworfen. Andere betonen seinen Sinn für Humor und Poesie. Seine Feldzüge und seine Freiheit haben seine Steuerzahler ermöglichen müssen. Den Beinamen Coeur de Lion, Löwenherz, verdankt Richard sich selbst und der Begegnung mit Saladin, die mit einem Unentschieden endete.

SALADIN

Saladin beschließt, nach der Abreise des englischen Königs eine Pilgerfahrt nach Mekka zu unternehmen. Er erwägt offenbar nicht, den Waffenstillstand zu brechen. Seine Truppen sind kriegsmüde und Jerusalem ist für den Islam zurückgewonnen. So kann der Rest des Königreichs Jerusalem, ein schmaler Küstenstreifen zwischen Jaffa und Tyrus, noch hundert Jahre weiter bestehen. Auch die Stadt Antiochia mit ihrem Hafen bleibt fränkisch. Saladin muss seine Pilgerreise verschieben, um versäumte Verwaltungsangelegenheiten in Damaskus zu regeln. An den Winterabenden des Jahres 1193 lauscht er gelegentlich den philosophischen Debatten gelehrter Männer. Ende Februar erkrankt Saladin schwer. Imad ad-Din beschreibt den Abend des 1. März 1193:

In der Nacht auf Sonntag traten wir in sein Zimmer als die Krankheit schon fortgeschritten war. Die Herzen verzagten, da wir das Unglück nahen sahen. So ging er aus der Wohnung der Vergänglichkeit ein in die Wohnung des Bleibens am Morgen des Mittwoch. Das Licht ging fort, und es wurde dunkel als seine Sonne erlosch. Doch der Feind frohlockte... Der verstorbene König hinterließ siebzehn Söhne und eine kleine Tochter, sowie ein segensreiches Andenken bei den Hinterbliebenen. In seinem Schatz befanden sich nur ein Denar und sechsunddreißig Dirham, weil er das Geld, so schnell wie es einging, wieder ausgab. Bat ihn jemand in der Not um Unterstützung, so hatte er ein freundliches Wort für ihn, und wenn augenblicklich kein Geld vorhanden war, so vertröstete er auf später, und er gab, selbst nach längerer Zeit, die versprochenen Gelder. Auf dem Wege Gottes wandelnd, scheute er keine Auslagen zur Bekämpfung der Feinde im heiligen Kampf, die er vernichten wollte, sowie zum Unterhalt der frommen Muslims... Der Sultan gefiel sich in einfacher Kleidung, wie Leinen, Baumwolle oder Wolle. Er liebte es, Kleidungsstücke als Geschenke zu verteilen. Wie er von Haß entflammt war gegen die Ungläubigen, so war sein Herz voll Liebe für die Muslims... Seinem Wesen nach war er sanftmütig, zu verzeihen bereit, sehr freigebig.

Saladin wurde in Damaskus begraben. Seine prächtige Grabstätte ist erhalten geblieben.


HAUPTSEITE