Peter Milger
OSTROM IM VISIER DER PÄPSTE
Zur realpolitischen Einordnung der sogenannten Kreuzzüge
HAUPTARTIKEL
Von Päpsten veranlasste Militäroperationen gegen Ostrom (Byzanz) im Vorfeld des ersten Kreuzzugs und danach

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KIRCHENSPALTUNG
Kirche und Politik im zerfallenden Römischen Reich

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Ost-Westkonflikt: Die Verhältnisse in Ostrom (Byzanz) und Westrom (Römisches Reich) und die Zuspitzung der Feindseligkeiten bis zum Jahr 1059

Imperium Romanum im Jahr 330. Da die Westprovinzen durch die Eroberungen germanischer Stämme destabilisiert werden, macht Kaiser Konstantin Byzantion zu seiner Residenz. Der Christusglaube wird Staatsreligion. Ab 337 heißt die Stadt sie Constantinopolis. 395 residiert ein weitere Kaiser im Mailand. Das Imperiums driftet dann machtpolitisch immer weiter auseinander Die Bürger im Ostteil des Reichs sprechen Griechisch, betrachten sich als Römer und nennen sich keineswegs Byzantiner. Anfang des 11. Jahrhunderts zeichnet sich die endgültige Teilung des alten Imperiums ab. Sie verläuft unfriedlich.

Ostrom 10. Jahrhunderts. Nach der Landnahme durch Germanen und Araber verwaltet der Kaiser in Konstantinopel noch Provinzen in Kleinasien, Südosteuropa und Süditalien. Die Grundstrukturen des altgläubigen Römischen Reichs sind erhalten: Zentrales Regime und Gesetze, Provinzen, ein stehendes Heer. Konstantinopel ist nach westlichen Maßstäben unvorstellbar reich. Der Patriarch von Konstantinopel ist das Oberhaupt der staatsnahen orthodoxen Kirche. Deren Finanzierung: Zu den Abgaben der Gläubigen kommen Pacht und Erträge aus umfangreichen Landbesitz.

Westrom. Im 10. Jahrhundert herrschen nach der Christianisierung der germanischen Stämme die Nachfahren der Anführer als Könige, Herzöge, Grafen und Kleinadelige über ihre Territorien, gegenseitig durch Lehnseide verpflichtet (Feudalherrschaft). Weltliche und kirchliche Fürsten wählen den Römischen König. Bischöfe, Klöster und Kirchen besitzen und verwalten rund ein Drittel der Landfläche. Das Stammesrecht und römisches Recht werden verknüpft. Handel und Gewerbe erholen sich nur langsam nach der brachialen Landnahme durch die Germanen. Der Geldmangel ist nördlich der Alpen notorisch, Heere müssen für spezielle Aufgaben ausgehoben werden. In italienischen Städten Oberitaliens und den Seerepubliken ist relativer Reichtum im Entstehen Die Gebildeten sprechen lateinisch. Das Römische Reich umfasst territorial in etwa Deutschland, Österreich und Italien (ohne den Süden) heute. Es gibt keine Regierungsresidenz. Der Papst ist unstrittig das geistliche Oberhaupt der Römischen Kirche im Abendland. Er nur darf und kann den römischen König zum Kaiser erheben. Einkünfte des Klerus siehe Ostrom. Vor allem die Päpste haben Probleme, die den ihnen zustehenden Abgaben einzuziehen.

Süditalien war im 10. Jahrhundert heftig umkämpft (Araber, Langobarden, Ostrom, Alteingesessene, ab 1017 auch normannische Berufskrieger Am Ende stand es wieder weitgehend unter oströmischer Verwaltung. Zu welchem Territorium Rom und diverse Bistümer gehören, ist strittig. Gegen die jeweiligen Machthaber kommt es immer wieder zu Aufständen


Gemeinsame Grundannahme beider Kirchen Es gilt das nur geringfügig geänderte Glaubensbekenntnis von Nicaea. Zentrale Aussagen: Jesus ist WESENSGLEICH mit Gott und Gott von Anbeginn. Zum dritten im Bund heißt es: Wir glauben an den Heiligen Geist... der aus DEM VATER hervorgeht.

Grundsätzliche Abweichungen. Im Selbstverständnis Ostroms rangiert Konstantinopel als Amtssitz des Kaisers und des Patriarchen vor Rom. Gründungslegende Papsttum: Der Apostel Petrus gründete im Auftrag Jesu als erster Bischof von Rom die heilige Römische Kirche. Die Bischöfe von Rom sind seine Nachfolger und Bewahrer des wahren Glaubens. Daraus leitet die römische Kirche ein Primat über die anderen Patriarchate ab. (Konstantinopel, Antiochia, Alexandria, Jerusalem). Selbstwahrnehmung: Der Papst ist das universelle - allgemeine - Haupt der ganzen Christenheit. Daher rangiert sein Amtsitz vor Konstantinopel. Beide Seiten haben lange Zeit ihre Standpunkte nicht offensiv vertreten und die Kontakte nicht abreißen lassen. Das wird sich im 11. Jahrhundert ändern. Auch der Heilige Geist bleibt nicht unangetastet.

Abweichungen im Kult betreffen etwa das Brot (gesäuert Ost) und den Wein (verwässert Ost) beim Abendmahl, das Zölibat (weniger streng Ost) den Bildgebrauch, das Fasten und anderes. Der Dissens wird die Beziehungen zunehmend vergiften (Näheres unter KIRCHENSPALTUNG).

Innenpolitische Konflikte in Westrom. Der Papst sieht sich als Nachfolger des Apostels Petrus nicht nur als Oberhirte der Gläubigen sondern auch als weltlicher Oberherr. Letzteres bestreiten König und weltlicher Adel. Sie behaupten, ihre Macht sei unmittelbar von Gottes Gnaden. Mal wird der Papst auf Konzilen bestimmt, Mal vom König oder dem Stadtadel von Rom eingesetzt, auch das Volk von Rom wirkt gelegentlich mit. Der Papst besteht auf dem Privileg, gegen Gebühren Bischöfe einzusetzen. Das Geschäft machen aber auch der König oder anderer Feudalherren (Laieninvestitur).


Europa. Die Kirche wirkt im Prinzip einigend und friedenstiftend.

Das Kirchenrecht besteht aus einer Sammlung von Erlassen des Papstes und der Konzilien und gilt in allen Königreichen West- und Mitteleuropas. Außer den Kirchenversammlungen gibt es keine überregionale Gremien. Teilnehmer sind neben Kirchenoberen auch weltliche Fürsten. Brisante politische Dauerthemen sind Ämterkauf, Vetternwirtschaft und die Kriege der Feudalherren. Aber ach. Die friedensstiftende Wirkung der Konzilien (Gottesfrieden) ist in etwa so groß wie die der Generalversammlung der Vereinten Nationen. Das Streben er Machthabenden nach Zugewinnen aller Art wird sich durch nichts bändigen lassen.

Süditalien ab 1019: Ostrom wird im Krieg mit den Normannen geschwächt. Papst ändert Glaubensbekenntnis.

Ostrom hat die zum großen Teilen an die Langobarden verlorenen süditalienischen Territorien zurückerobert. 1019 beginnen die Nachfahren des germanischen Stammes gegen die Statthalter Ostroms in Apulien zu rebellieren. Dabei werden sie von zugewanderten normannischen Kriegern unterstützt, die Papst Benedikt VIII. an die Aufständischen vermittelt hatte. Die Idee bei der Parteinahme: Nach einem Sieg der Allianz stünde einer Übernahme der rentierlichen griechisch-orthodoxen Bistümer in Apulien nichts mehr im Wege. Das bleibt aber ein unfrommer Wunsch, weil die oströmische Armee die Oberhand behält. Benedikt kann König Heinrich II. zu einem Italienzug bewegen aber Geländegewinne bleiben trotz einiger militärischer Erfolge aus. Effektiver agieren die Aufständischen im Krieg gegen Ostrom. Bei den Belagerungen und auf dem Schlachtfeld übernehmen allmählich die Normannen die Initiative und errichten in besetzten Gebieten lokale Herrschaften.

Ideologische Absatzbewegung

Auf Drängen des Königs ordnet Benedikt an, bei der Messe sei in das Symbolum ein FILIOQUE (und der Sohn) einzufügen. Eine Häresie, aus oströmischer Sicht, die Ansage eines Schismas, nicht verhandelbar. Näheres siehe KIRCHENSPALTUNG.

Papst Leo verweigert Ostrom militärischen Beistand

Anno 1051. Normannische Adlige sind weiter dabei, ihren Herrschaftsbereich in Süditalien mit Waffengewalt zu vergrößern und zwar vor allem auf Kosten oströmischer Gebiete. Der Reformpapst Leo IX. sieht die normannische Landnahme offenbar zwiespältig. Einerseits trifft sie ihn selbst, andererseits könnte sich ein Ende oströmischer Herrschaft in Italien zu seinen Gunsten auswirken. Jedenfalls verweigert der Papst den vom Statthalter Ostroms geforderten militärischen Beistand. Dessen Heer erleidet darauf hin eine Niederlage gegen die Normannen, aber die Verluste sind nicht kriegsentscheidend. Anfang 1053 kann Papst Leo IX. ein Heer aufbieten und verabredet mit dem Statthalter Ostroms einen Feldzug gegen die Normannen. Bevor sich die beiden Aufgebote vereinigen können, wird das des Papstes von den Normannen bei Civitate am 18. Juni angegriffen und besiegt. Einer ihrer Anführer ist der Gewohnheitseroberer Robert Guiscard. Leo musste die Eroberungen der Normannenführer legalisieren, als Landesherren werden sie seine Vasallen. Bei den Belagerungen und auf dem Schlachtfeld übernehmen allmählich die Normannen die Initiative.

Ideologische Zuspitzung. 1053 kommt es um Austausch feindseliger Traktate zwischen hohen Amtsträgern beider Kirchen. Jede Seite wirft der anderen vor, ihre Weise der Laibesdarstellung Jesu durch Brot beim Abendmahl (Eucharistie) sei unchristlich, vulgo ketzerisch. Im Januar entsendet Papst Leo IX. eine von Kardinal Humbert von Silva Candia geleitete Delegation nach Konstantinopel. Reclams Lexikon der Päpste:


Auf Grund der unnachgiebigen Haltung beider Verhandlungspartner erwies sich die Mission als verheerender Fehlschlag. Humbert legte vor den Augen der versammelten Gemeinde eine Bulle auf den Hochaltar der Hagia Sophia, mit welcher der Patriarch mit seiner Gefolgschaft exkommuniziert wurden (16.07.1054)

Der Vorwurf der Häresie in Humberts Bannspruch richtet sich nicht nur gegen die Gebannten:

Wer dem Glauben des heiligen römischen und apostolischen Stuhls sowie seinem Abendmahlopfer penetrant widerspricht, sei gebannt ... man soll ihn nicht für einen katholischen Christen halten, sondern einen Ketzer ... (Prozymita haereticus) so sei es, so sei es, so sei es (fiat, fiat, fiat)

Da die orthodoxe Kirche an ihrer Abendmahlspraxis festhielt, war sie damit insgesamt als häretisch abgestempelt. Patriarch Kerullarios sah offensichtlich keine Zäsur in den Beziehungen zum Papsttum. Er bannt im Gegenzug nur den Kardinal und sein Gefolge.

Affront - die sogenannte Konstantinische Schenkung. Laut einer im 9. Jahrhundert fabrizierten Urkunde hat Kaiser Konstantin im 4. Jahrhundert den Westteil des römischen Reich an Papst Silvester und die heilige römischen Kirche übertragen. Im Streit von 1054 erfolgt die erste realpolitische Verwendung von Auszügen. Kaiser Konstantin übergibt sowohl seinen Palast ...

als auch die Stadt Rom und ganz Italiens oder der westlichen Regionen Provinzen, Orte und Städte dem berühmten seligsten Priester, unseren Vater Silvester, dem allgemeinen Papst ... und den Nachfolgern desselben ...

Die Zitierung ist faktisch eine Kriegserklärung. Wen ganz Italien dem Papst gehört, gehören ihm auch die oströmischen Territorien in Süditalien. Die Päpste werden die größte Schenkung aller Zeiten auch gegen die weltlichen Fürsten im Westen ins Feld führen. Die Urkunde belege, er sei der oberste Landesherr, der alles Land als Lehen vergebe oder bestätige, und sie seien somit seinen Vasallen. Auch das gibt Ärger.

·Reclams Lexikon der Päpste, J. N.D. Kelly, Stuttgart 1988, S. 165

1059 Konzil in Melfi. Robert Guiscard wir zum Grafen erhoben

Papst Nikolaus II., von der Reformpartei inthronisiert, bedarf der Rückenstärkung gegen den römischen Adel und den römischen König. Er macht Robert Guiscard, zu seinem Verbündeten und Vasallen, in dem er ihn zum Grafen von Apulien, Kalabrien und Sizilien ernennt. Impliziter Auftrag, Ostrom in Italien und die Sarazenen in Sizilien zu bekämpfen.

Das alte römische Reich endgültig gespalten

Mehrfach gelang es in Bari gelandeten oströmischen Truppen, von Normannen eroberte Territorien wieder einzunehmen. Zum letzen Mal 1066. Das gewonnene Terrain ging aber auch diesmal zum größten Teil wieder verloren. Im April 1071 eroberte Robert Guiscard die Stadt Bari, den letzen Stützpunkt Ostroms im Westen. Aus der Sicht der Kaiser in Konstantinopel waren die Invasoren Verbündete der Päpste, was ja über weite Strecken auch der Fall war.

Fortsetzung
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AD FONTES
Geschichtsreportagen
Der 30-jährige Krieg
Der Fall Kolumbus
Die Papst-AG
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Kreuzfahrer gegen Byzanz
DIE KREUZZÜGE
Krieg im Namen Gottes
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