Jerusalem-Massaker
Massaker in Jerusalem

1099 töten Kreuzzritter sämtliche Bewohner der Stadt - Muslime, Juden und Christen. systematisch, mehere Tage lang. Die Heiligen Stätten der Muslime wurden entweiht oder in Kirchen verwandelt. Saladin hatte geschworen, Jerusalem auf die gleiche Weise zurückzuerobern. Aber Dschihad-Parolen dienten Saladin offenbar nur zu Mobilisierung. In der Praxis ließ er sich von anderen Motiven leiten.
Und die Fürsten schauen zu .Christliche Chronik um 1500
HAUPTSEITE
Peter Milger

Der Feldzug des Sultans Saladin bis vor die Tore Jerusalems

DSCHIHAD UND KREUZZÜGE

Für die Anfangsperiode der Kreuzzüge sind für die Muslime bei der Bekämpfung der von ihnen sogenannten Freng (Franken) keine religiösen Motive überliefert. Sie waren auch nicht nötig. Die türkischen Sultane hielten die Fremden für ganz normale Eroberer, denen Einhalt geboten werden musste. Und sie hatten insofern recht, als die Angereisten feudale Herrschaften errichteten, wo sie nur konnten. Erst nach einiger Zeit nahmen die islamischen Gelehrten wahr, dass sich ihre Gegner auf einen göttlichen Auftrag beriefen und ihren Kämpfern die Tilgung aller Sünden versprachen, also den unmittelbaren Zugang zum Paradies. Nur ad-Din und Saladin setzen nun mit Hilfe der Geistlichkeit auf einen ähnlichen Anreiz. Gegenwärtig ist ein Name für gottgefälliges Handeln im Islam bis hin in zu den Stammtischen in aller Munde. Richtig: Dschihad. Dschihad ist schwer und kaum unstrittig zu übersetzen. Eine individuelle Pflicht auf dem Weg Gottes zu handeln, hier: gegen die Ungläubigen zu kämpfen, um im Todesfall als Märtyrer der Wonnen des islamischen Paradieses teilhaftig zu werden. Dschihad wird heute überwiegend mit Heiliger Kampf verdeutscht. (Vom Koran Geheiligter, als glaubensgemäßer Kampf würde meines Erachtens der Bedeutung etwas näher kommen.) Die Propagierung war für Nur-ad Din und Saladin zweischneidig, weil sie zur Stabilisierung und Ausweitung ihrer Herrschaft auch Krieg gegen Muslime führen mussten. Dann saß ihnen die Geistlichkeit im Nacken nach dem Motto: Ihr habt euch zum Dschihad gegen die Franken verpflichtet.

FUNDAMENTALISMUS & PRAGMATISMUS IM NAHEN OSTEN

Die Kreuzfahrerstaaten - das Königreich Jerusalem, das Fürstentum Antiochia und die Grafschaft Tripolis waren um 1170 in gewisser Weise in der Region angekommen. Sie befanden sich mit den umliegenden muslimischen Staaten entweder im Kriegszustand oder hatten Friedensverträge mit ihnen. Gelegentlich verbündeten sich christliche Regenten mit muslimischen gegen gemeinsame Feinde. Für die Bildung von Koalitionen waren in beiden Glaubenslagern jahrzehntelang in erster Linie rationale, rein machtpolitische Erwägungen ausschlaggebend. Es ging um Beute und territoriale Zugewinne, um Greifbares also. Zeitgemäßer Alltag, wie zuhause in Europa und dem Rest der Welt. Für den eigenen Glauben zu kämpfen, um den feindlichen niederzuringen war in beiden Lagern allenfalls Thema in der sonntäglichen Predigt. Die Kreuzzugsidee war eben genau das: eine Idee. Sie taugte dazu, im fernen Europa für Kreuzzüge Stimmung zu machen. Neuankömmlinge aus Europa wollten in der Regel sofort in den Kampf ziehen, quasi mit der Frage: Wo ist hier der Islam, gegen den es doch geht? Die einheimischen Barone rieten in der Regel ab, ein solcher Fundamentalismus kam ihnen nicht gelegen. Und der kühlte schnell ab, als die Glaubenskrieger merkten, dass sie es in der Schlacht nicht mit einem Abstraktum zu tun bekamen, sondern mit realen kampferprobten Muslimen. Die muslimischen Regenten gingen über weite Strecken ähnlich pragmatisch vor. Gelegentlichen Dchihad-Forderungen wichen sie mit dem Hinweis auf Sachzwänge aus. Das änderte sich erst unter dem Vorgänger von Saladin.

KAMPFZIEL JERUSALEM

Die Propaganda für den ersten Kreuzzug verknüpfte die Eroberung von Jerusalem mit einem besonderen Heilsversprechen - die Kirche hatte ein abgehobenes Bild von der Stadt ausgemalt: Das Himmlische Jerusalem. Das wirkliche Stadt verarmte nach der systematischen Tötung aller Bewohner durch Kreuzfahrer im Jahr 1099. Jerusalem als Kampfziel war der Kirche also realitätsbedingt abhanden gekommen. Nicht so den Muslimen. Das Massaker von 1099 wurde nicht vergessen, Geistliche und Literaten ließen nicht ab, die Rückeroberung der drittheiligsten Stätten des Islam fordern. Saladin hatte geschworen, in Jerusalem so vorzugehen, wie einst die Ungläubigen. Eine Ansage des nunmehr gepredigten Dschihad.

UNMITTELBARE VORGESCHICHTE

Nur ad-Din Abu al-Qasim Mahmud Ibn 'Imad ad-Din Zangi (auch Nur ed-Din, Nur al-Din, oder Nureddin;) entstammte der Dynastie der Zengiden (Turkomane ) und regierte Syrien von 1146 bis 1174. Intern förderte er den Bau von Moscheen, seine außenpolitischen Ziele waren die Zerschlagung der Kreuzfahrerstaaten und die Vereinigung Syriens mit Ägypten.

SALADIN ERGREIFT DIE MACHT

1174. Saladin ist Gouverneur von Ägypten. Nur ad-Din will ihn absetzen, kommt aber in Folge seines Ablebens nicht mehr dazu. Saladin tut nun genau das, was Nur ad-Din befürchtet hatte: Er strebt nach Höherem. Nur ad-­Din hatte seinen elfjährigen Sohn as-Salih zum Erben bestellt. Saladin begibt sich Ende November nach Damaskus, um den letzten Willen seines Herrschers zu korrigieren. Die Bevölkerung empfängt ihn begeistert als Nachfolger Nur ad-Dins. Aber für die türkischen Dynastien ist der Kurde Saladin ein Usurpator und Emporkömmling. Nur ad-Dins Witwe war mit ihrem Sohn as-Salih nach Aleppo geflohen und betreibt mit Hilfe des Regenten der Stadt die Enthebung Saladins vom Amt des Gouverneurs . Im Dezember steht Saladins Heer vor Aleppo. Der Regent verweigert ihm im Namen der Erben Nur ad-Dins den Zutritt zur Stadt. Auf ein Hilfeersuchen der Belagerten greift ein fränkisches Kontingent in die Kämpfe ein. Saladin kann gegen die christlich-islamische Allianz nichts ausrichten und verschiebt die Eroberung Aleppos. Zum Dank für die gewährte Hilfeleistung entlässt der Regent von Aleppo Rainald von Châtillon aus der Haft. (Der hatte mehrfach Friedensverträge gebrochen). Saladin kündigt nun dem Erben Nur ad-Dins die Gefolgschaft und ernennt sich zum Oberherrn von Syrien und Ägypten. Der Kalif in Bagdad bestätigt seinen Titel und gewährt ihm das Recht, eigene Münzen zu prägen. Eine neue Herrscherdynastie wird für Jahrzehnte über Syrien und Ägypten bestimmen: Die Aiyubiden, so genannt nach Saladins Vater Aiyub. Wie sein Vorgänger erklärt Saladin den Dschihad gegen die Kreuzfahrerstaaten und die Befreiung Jerusalems zu seiner eigentlichen Aufgabe, muss aber jahrelang gegen Muslime ins Feld ziehen, um Nordsyrien zu unterwerfen. Kritikern bedeutet er, erst nach der Vereinigung aller Muslime sei es möglich, die Franken zu besiegen.

WECHSEL IN JERUSALEM

Kurz nach Nur ad-Din war auch König Amalrich gestorben. Nach internen Machtkämpfen hatte Graf Raimund von Tripolis die Regentschaft für Balduin, den unmündigen Sohn des verstorbenen Königs übernommen. Raimunds pragmatische Politik strebt einen Ausgleich mit den Nachbarn an, um die Existenz des Königreichs zu sichern. Dabei wird er von den alteingesessenen Baronen und dem Johanniterorden unterstützt. Neuankömmlinge aus Europa und die Templer drängen auf eine aggressive Politik. Nach drei Jahren übernimmt Amalrichs Sohn, Balduin IV., die Regierung des Kreuzfahrerstaates. Der König ist erst sechzehn Jahre alt und an Lepra erkrankt. Im November 1177 dringt eine ägyptische Armee unter Saladin nach Ramla vor. Der junge König führt die Truppen des Königreichs in die Schlacht und verbucht gleich einen Sieg. Die ägyptische Armee wird aufgerieben und Saladin kann nur mit Mühe entkommen. Er hatte die Kampfkraft seiner Gegner unterschätzt. Besonders die Ritter der christlichen Militärorden hatten den Ägyptern schwer zugesetzt. Der überwiegend nüchtern denkende Saladin beginnt die Ordensritter zu hassen. Er zieht sich nach Kairo zurück, um die Basis seiner Macht auszubauen und neue Streitkräfte auszuheben.

EIN WAFFENSTILLSTAND ...

Die nächste große Schlacht im Juni 1179 gewinnen Saladins Truppen. Der König und Graf Raimund von Tripolis können mit einer kleinen Abteilung entkommen. Das Aufgebot des Königreichs wird am Ufer des Jordans deziermiert. Für die gefangenen Barone streicht Saladin beträchtliche Lösegelder ein. Doch er verzichtet wie sein Vorgänger Nur ad-Din in ähnlichen Situationen auf einen Vorstoß nach Jerusalem. Ein Jahr später schließen Balduin III. und Saladin einen Waffenstillstand.

... WIRD GEBROCHEN

Kurz nach seiner Freilassung war Rainald von Châtillon durch Heirat Besitzer der beiden jordanischen Festungen Kerak und Montréal an der Straße Damaskus-Mekka geworden. Der Waffenstillstand sieht vor, dass muslimische Karawanen ungehindert durch fränkische Territorien ziehen können. Im Sommer 1181 kann Rainald der Versuchung nicht länger widerstehen und plündert eine Karawane aus. Saladin fordert König Balduin auf, den Verlust zu ersetzen. Der König beurteilt die Rechtslage ähnlich wie Saladin, zahlt aber nicht. Das bedeutet Krieg. Saladin hat seine ägyptischen Positionen gefestigt. Die wichtigsten Ämter in Staat und Armee hatte er mit Vertrauten oder Verwandten besetzt. Große Gebiete in Afrika waren erobert worden und im Norden gehört Aqaba wieder zu Ägypten. Da Balduin die Sühne für den Bruch des Waffenstillstands verweigert, zieht Saladin im Mai 1182 mit einer Armee nach Norden. Er scheint geahnt zu haben, dass er Kairo nie wiedersehen würde. Imad ad-Din berichtet:

Am Tag vor Saladins Abreise fand am Abend in seiner Wohnung eine gesellige Zusammenkunft statt, bei der poetische Vorträge über den Abschied gehalten wurden.

Im Juli treffen die Streitkräfte des Königreichs südlich des Sees Genezareth auf die ägyptische Armee. Die Schlacht geht unentschieden aus und Saladin wendet sich wieder den nordsyrischen Angelegenheiten zu. Im Juni 1183 öffnet der Regent von Aleppo die Tore und Saladin kann die Stadt in Besitz nehmen. Er ist der unbestrittene Herr über Syrien und Ägypten. Für die Kreuzfahrerstaaten haben sich die Aussichten auf eine friedliche Koexistenz mit der benachbarten Großmacht inzwischen verschlechtert.

TÖRICHTER ANGRIFF AUF MEKKA

Als Saladin im Jahr 1182 nach Norden zieht, greift Rainald von Châtillon im Süden an. Seine Gefolgsleute transportieren Boote an das Rote Meer, erobern Eilat und belagern vergeblich eine Burg auf einer nahegelegenen Insel. Ein Teil der Flotte segelt ohne Rainald weiter, biegt in das Rote Meer ein und nähert sich plündernd den heiligen Städten Medina und Mekka. Saladins Stellvertreter in Kairo, sein Bruder al-Adil, ist bestürzt und setzt eine Flotte in Marsch. Der ägyptische Verband kann die Franken abfangen und besiegen. Rainald von Châtillon entkommt. Die islamische Welt hatte einen Moment lang den Atem angehalten. Die Gefangenen werden in Kairo unter reger Anteilnahme der Bevölkerung enthauptet. Nach dem Vorstoß auf Mekka schwört Saladin feierlich, an Rainald Rache zu nehmen. Imad ad-Din zitiert aus einem Briefwechsel zwischen Saladins Kanzlei und al-Adil. Der Stil zeugt vom verschärften Ton der Dschihad-Propaganda, mit der Saladin die Muslime zum gemeinsamen Kampf aufruft. Imad ad-Din:

Ein vom 3. März 1183 datierter Brief meldete gute Nachrichten. >Der Admiral Lulu, flink wie ein Pfeil, verdient ob seines Verhaltens alles Lob, und wir gaben ihm ein rühmliches Zeugnis über seinen Anteil am Erfolg des heiligen Kampfes zu Wasser und zu Lande ... Die Gefangenen überzeugten sich von dem, was der Islam ist; die Erde muss von ihnen gereinigt werden. Keiner kehrte zurück, um den Ungläubigen die Ohnmacht der Muslims zu verkünden. Wenn wir jetzt nicht mit Erfolg arbeiten, fehlt später vielleicht die Kraft dazu.< In einer anderen Korrespondenz an al­-Adil heißt es: >Nach den Schriften ist es nicht erlaubt, die Ungläubigen am Leben zu lassen ... Gott nimmt keine Entschuldigung an in diesem Falle, noch gestattet seine Entscheidung, sie dem Schwerte zu entziehen. Daher ist der Wille, sie umzubringen, auch auszuführen ... Ein so großes Unglück wie dieses ist den Muslims noch nicht begegnet; Gott wird uns mit seiner Huld beistehen.< Nach einem an al-Adil adressierten Brief soll kein Land der Erde den Ungläubigen gehören, vielmehr sollen sie von der See ins Feuer befördert werden: >Bleibt nur ein Bruchteil übrig, so gibt es Schwierigkeiten, daher bedarf es der Eile, um den Rest zu erobern<.

Diese Briefe aus der Kanzlei Saladins stehen den Aufrufen des Abts von Clairvaux in nichts mehr nach.

PROBLEME DER NACHFOLGE IM KÖNIGREICH

Für den schwer erkrankten Balduin III. hatte inzwischen Guido von Lusignan die Regierungsgeschäfte übernommen. Er kam zu diesem Amt, weil er mit Sibylle, einer Schwester des Königs, die Ehe eingegangen war. Eine starke Fraktion der Barone hatte sich nur widerwillig mit diesem Arrangement abgefunden. Im September 1183 nähert sich Saladin mit einem großen Aufgebot aus Damaskus dem See Genezareth. Guido von Lusignan kann die gesamten Streitkräfte des Königreichs aufbieten, weigert sich aber, den Befehl zum Angriff zu geben. Raimund von Tripolis und die Barone der einflussreichen Familie der Ibelins raten ebenfalls ab, die überlegenen Truppen Saladins anzugreifen. Beide Armeen ziehen sich schließlich zurück, ohne dass es zu einer Schlacht gekommen war. Die Fraktion, die einen Angriff befürwortet hatte, bezichtigt Guido der Feigheit. Der kranke König setzt Guido ab, übernimmt wieder die Regierung und erklärt ein sechsjähriges Kind zu seinem Erben: Balduin, den Sohn aus Sibylles erster Ehe. Eine weitere Trauung, die für eine mögliche Nachfolge von Gewicht sein könnte, wird arrangiert: Humfred von Toron (17 Jahre alt) heiratet Isabella (11 Jahre alt), die Schwester Sibylles. Während die beiden in der Festung Kerak Hochzeit feiern, taucht Saladin mit seiner Armee auf. Aber die Mauern widerstehen den Steinschleudern und Saladin bricht die Belagerung ab als sich die Truppen des Königreichs nähern. Auf dem Sterbebett erklärt der König Anfang des Jahres 1185 seinen letzten Willen. Der kleine Balduin wird zum König gekrönt und Raimund von Tripolis übernimmt die Regentschaft. Im März stirbt Balduin IV.

EIN WAFFENSTILLSTAND ...

Raimund von Tripolis schlägt Saladin einen Waffenstillstand für vier Jahre vor. Saladin willigt ein, weil im Norden die Einheit des Reichs gefährdet ist. Während sich das Königreich wirtschaftlich erholt, löst der Tod des jungen Erben Balduin die nächste politische Krise aus.

... UND WIE ER GENUTZT WIRD

Sibylle lässt mit Hilfe der Templer die Stadttore von Jerusalem schließen. Der Regent Raimund von Tripolis versammelt in Nablus die Barone, die sich dem letzten Willen Balduins IV. verpflichtet fühlen. Sie können nicht verhindern, dass der Patriarch von Jerusalem
Sybille zur Königin krönt. Sybille ist in Jerusalem durchaus beliebt, ihr Gatte Guido von Lusignan stößt aber auf allgemeine Ablehnung. Der Patriarch wagt es nicht, auch Guido zu krönen, stellt aber Sibylle frei, einem Mann ihrer Wahl die Krone aufzusetzen. Sibylle lässt ihren Gatten rufen und krönt ihn zum König. Raimund schlägt in Nablus vor, Humfred von Toron, den Mann Isabellas, zum König zu krönen. Das Königreich steht am Rand eines Bürgerkriegs. Die Lage entspannt sich erst, als der verschreckte Humfred nach Jerusalem flieht und sich Guido unterwirft. Raimund gibt auf, entbindet seine Gefolgsleute von ihrem Eid und zieht sich auf die Güter seiner Frau in Galiläa zurück.

... UND WIE ER GEBROCHEN WIRD

Rainald von Châtillon bricht Ende des Jahres 1186 den Waffenstillstand, indem er eine Karawane überfällt, die von Kairo nach Damaskus zieht. Imad ad-Din:

Rainald, der Herr von Kerak, war einer der Schlimmsten, ein noch größerer Verräter als die anderen Franken. Durch einen Waffenstillstand hatte er um Ruhe ersucht, aber nur um sorglose Karawanen zu überfallen und nach seinem Raubnest zu verschleppen. Saladin setze einen Preis auf seinen Kopf und rüstete in Damaskus für den Dschihad ... Das nächste Jahr war das günstigste für den Islam, in dem Gott dem Monotheismus gegen den Glauben an die Trinität zum Sieg verhalf. Dies geschah durch ein Blutbad an den Ungläubigen und den Sieg der Dynastie Saladins.
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Der christliche Chronist Ernoul bestätigt den Überfall:

Ein Späher kam zum Grafen Rainald und berichtete ihm, eine große Karawane würde durch das Gebiet von Kerak von Kairo nach Damaskus ziehen. Der Fürst sammelte seine Leute ... und ergriff die Karawane.

Rainald hatte die Begleitmannschaft der Karawane niedermetzeln lassen. Händler, Frauen und Kinder verschleppt er nach Kerak. Saladin fordert König Guido auf, für die Entlassung der Gefangenen und die Rückgabe der geraubten Güter zu sorgen. Guido drängt Rainald, den Wünschen Saladins nachzukommen, um den Waffenstillstand nicht zu gefährden. Da Rainald sich weigert, ist der Krieg unvermeidlich.

MÜHSAME EINIGUNG

Der Fürst von Antiochia schließt einen Separatfrieden mit Saladin und Raimund von Tripolis geht sogar ein Bündnis mit ihm ein. Guido zieht mit einem Aufgebot nach Tiberias am See Genezareth, um Raimund zur Unterwerfung zu zwingen. Der Baron Balian von Ibelin (der Dienstherr Ernouls) kann im letzten Moment den Ausbruch der Feindseligkeiten verhindern. Kurz darauf reisen die beiden Großmeister der Orden, der Bischof von Tyrus und Balian von Ibelin nach Norden, um mit Raimund zu verhandeln. Zur gleichen Zeit dringt eine Abteilung Mamelucken in Galiläa ein. Raimund hatte den Durchzug genehmigt und durch Boten die Delegation aus Jerusalem gewarnt. Der Großmeister der Templer reagiert nicht im Sinn der Botschaft. Er sammelt alle Templer in der Umgebung und greift mit ihnen die weit überlegenen Muslime bei Nazareth an. Nur wenige Ritter überleben die Attacke. Raimund von Tripolis kündigt schuldbewusst den Vertrag mit Saladin und unterwirft sich König Guido in Jerusalem. Auch der Fürst von Antiochia verspricht die Entsendung von Truppen.

DER AUFMARSCH

Die Einigung erfolgt im letzten Moment. Saladin hat an die zwölftausend Berittene nach Tiberias in Marsch gesetzt. König Guido hebt neben den Lehnspflichtigen alle waffenfähigen Männer des Königreichs aus. Bei Akkon versammeln sich zwölfhundert schwer gepanzerte Ritter, etwa viertausend leicht Berittene und zehntausend Fußsoldaten. Gegen den Rat von Raimund rückt das Heer am 2. Juli bis zu den Quellen von Sephoria vor. Es herrscht Hochsommer. Solange das Heer über genug Wasser verfügt, braucht es Saladins Aufgebot nicht zu fürchten. Aber auf dem weiteren Weg bis zum See Genezareth gibt es keine Quellen mehr.

SALADIN EROBERT TIBERIAS

Am 1. Juli 1187 kann eine Abteilung Saladins die Mauern von Tiberias überwinden und die Stadt im Sturm nehmen. Die Bewohner werden niedergemetzelt oder versklavt. In der Zitadelle kann sich die fränkische Besatzung noch halten, angeführt von der Dame Eschiva, Gräfin von Tripolis und Fürstin von Galiläa. Eschiva schreibt an ihren Mann, den Grafen Raimund von Tripolis, im Lager bei Sephoria und bittet um Beistand. Das kommt den Absichten Saladins entgegen. Er muss die Christen von der günstigen Position an den Quellen weglocken. Der Bote Eschivas kommt durch. Die Nachricht von der Not der Gräfin löst im Lager der Franken nicht nur ritterlichen Enthusiasmus aus. Raimund von Tripolis, rät dringend ab, die Quellen zu verlassen. Die Barone folgen der nüchternen Erwägung und beschließen zu bleiben. Ernoul berichtet, wie der König von dieser Erwägung abrückt:

Als die Nacht einbrach, kam der Meister der Templer zum König und sagte zu ihm: >Herr, trauen sie dem Rat des Grafen nicht. Er ist ein Verräter und ihr wisst, dass er euch nicht liebt. Er will eure Schande und dass ihr das Königreich verliert.<

Der Templer schlägt vor, gegen Saladins Armee vorzurücken, um einem Angriff zuvorzukommen. Er unterstellt Saladin eine Dummheit, die er dabei ist, selbst zu begehen: Einen Marsch durch wasserlose Gebiete. Guido läßt sich dazu überreden und ordnet den Abmarsch nach Tiberias an.

DER VORMARSCH

Versehen mit der Reliquie des Wahren Kreuzes, aber ohne Wasservorräte bricht die Armee des Kreuzfahrerstaates am nächsten Morgen auf. Der Tag ist heiß, der Durst stellt sich schon nach wenigen Stunden ein. Die leichte Kavallerie Saladins beschießt sie von allen Seiten mit ganzen Wolken von Pfeilen. Am Nachmittag erreichen die Christen die Hörner von Hattin. Zwischen den Bergen flimmert das Blau des Sees Genezareth. Pferde, Reiter und Fußsoldaten sind erschöpft. Die Lage der Quellen im Tal kennen sie nicht. Der Zugang zum See Genezareth, der sie von ihren Qualen erlösen könnte, wird von starken Kräften Saladins blockiert. Bei einem Durchbruch der schweren Kavallerie müssten die Barone Tausende von Fußsoldaten in aussichtsloser Lage zurücklassen. Daher schlagen sie ihr Lager an den Hörnern von Hattin auf.

DAS PARADIES ...

Saladin lässt brennbares Material vor dem Lager der Franken aufschichten. Imad ad-Din berichtet über die Vorbereitungen:
Diese Nacht wachte der Sultan, um die Aufstellung der Bogenschützen bei jeder Abteilung zu besichtigen und für gefüllte Köcher zu sorgen. Vierhundert Traglasten Pfeile waren zur Stelle, und siebzig Kamele standen während der Schlacht bereit, so dass die Schützen, welche ihren Vorrat verbraucht hatten, ihn erneuern konnten.

Während die Christen der Durst quält, können die Muslims sich aus den naheliegenden Quellen versorgen. Im Lager Saladins herrscht Siegesgewissheit. Imad ad-Din:

Diese Nacht besitzt mehr Kraft als tausend Monate, weil in ihr die Engel und der Geist herabgestiegen sind, und am Morgen der Erfolg gesichert war. Wir waren froh, denn wir waren wie die, zu denen Gott gesprochen hatte, und denen er neben dem Lohn in dieser Welt die ewigen Freuden Paradieses des zugesichert hat, das immerwährende Abpflücken der Früchte und das Trinken aus der klaren Quelle Selsebil.

... UND DIE HÖLLE

Die Christen verbringen die Nacht weniger angenehm. Ein Chronist, der das Werk des Wilhelm von Tyrus fortgesetzt hat:

In der Nacht befanden sich die Christen in großer Not. Im Heer war ein großes Leiden, weil weder Menschen noch Pferde zu trinken hatten. Die ganze Nacht verbrachten die Christen in Waffen ... Am nächsten Tag hielten sie sich zum Kampf gerüstet ... Die Sarazenen wollten aber nicht kämpfen, bevor die Hitze gekommen war ... sie entzündeten ein Feuer ringsum, um die Qualen der Christen zu vergrößern.

Der Chronist Ernoul:

Als sich Feuer und Rauch ausbreiteten, kamen die Sarazenen von allen Seiten und schossen Pfeile durch den Rauch und töteten Menschen und Pferde. Der König.. rief Rainald und den Meister der Templer und holte ihren Rat ein. Sie rieten ihm, die Sarazenen anzugreifen.

Imad ad-Din:

Als der Morgen anbrach, rückten die Bogenschützen aus, um ihre Pfeilspitzen im Feuer gegen die Männer der Hölle zu glühen, und da diese vor Durst gleich Hunden die Zungen herausstreckten und gegen das Wasser vorrückten, so empfing sie hier die Hölle mit ihren Funken. Allmählich während der Schlachtaufstellung war die Mittagshitze eingetreten ... Ein quälender Durst in der Sonnenglut erschöpfte ihre Kräfte und gleichwohl hielten sie aus. Der Sultan ritt durch die Reihen, es war Samstag, der 4. Juli, das Vertrauen zu Gott weckend ... Stroh war unter ihren Füßen, und einige Freiwillige warfen Feuer hinein, so dass die Feinde mit Pfeilen geröstet wurden. So oft sie einen Angriff machten, wurden sie zurückgeworfen, und keine Ameise kroch mehr davon.

Einem kleinen Trupp unter dem Grafen von Tripolis gelingt der Durchbruch, weil die Muslime vor ihm ausweichen. Auch Balian von Ibelin kann sich durchschlagen. Für die anderen gibt es kein Entkommen. Imad ad-Din:

Als die Franken von seinem Entweichen Kunde erhielten, suchten sie von ihrer Stellung aus mit Macht den Kampf fortzusetzen. Wir fielen über sie her, so wie Feuer unter Schilf fällt und gossen Eisenwasser hinzu, um den Brand zu löschen. Der Tod riss weite Lücken in ihre Reihen, so dass sie fliehend die Anhöhe von Hattin zu gewinnen suchten, um aus dem allgemeinen Verderben sich zu retten. Wie Gazellen erschossen wir sie und streckten sie tot nieder ... Während sie westlich von Hattin die Zelte aufschlugen, hieben wir ihnen die
Köpfe ab. Das Hauen und Stechen dauerte fort, da sie ringsum von allen Seiten umzingelt waren, doch hofften sie noch das Beste und stiegen von den Pferden ab. Als ihnen aber das große Kreuz genommen wurde, da ahnten sie das Verderben, und es regnete nun Schläge auf sie.

DAS ENDE

Der König lässt das Zelt auf der Bergkuppel aufschlagen. Die Ritter versuchen verzweifelt, die nachdrängenden Muslime zurückzuhalten. Aber die Attacken der Franken scheitern an der Überzahl ihrer Feinde. Schließlich fällt der Bischof von Akkon, der die Kreuzreliquie trägt. Der Muslim Imad ad-Din weiß, was der Verlust der Reliquie für die Christen bedeutet:

Es ist dieses jenes Kreuz, welches sie aufstellten, und vor dem sie sich dann niederwarfen und niederknieten. Es ist nach ihren Dafürhalten von demselben Holz, an welchem der von ihnen Angebetete gestorben ist. Sie hatten es mit rotem Gold überzogen und mit Perlen und Edelsteinen geschmückt ... Dieses Kreuz hatten sie mitgenommen, da es sie stark machte im Kampfe ... Sein Verlust wurde höher angeschlagen als die Gefangennahme des Königs. Gleich einem Gott erwiesen sie ihm Anbetung, ihre Stirnen neigten sich vor ihm in den Staub, und ihre Lippen sangen ihm Lob. Für dieses Kreuz waren sie zu jedem Opfer bereit ... Als nun dieses große Kreuz in unsere Hände fiel, und sie dieses erfuhren, wollte keiner zurückbleiben, und dadurch gingen sie durchs Schwert oder die Gefangenschaft zu Grunde.

Als die Muslims die Bergkuppe erreichen, liegen die Ritter erschöpft am Boden. König Guido, die Großmeister der Orden, Rainald von Châtillon und viele Große des Königreichs geraten in Gefangenschaft. Imad ad-Din:

Satan und seine Mannen waren Gefangene, und der Sultan war wieder König. Der Islam war durch diese Niederlage gekräftigt. Die Schlacht artete aus in ein Blutbad und in das Abführen von Kriegsgefangenen. Wer die Erschlagenen sah, rief aus: >Hier gibt es keine Gefangenen!< Wer die Menge der Gefangenen erblickte, sagte: >Hier gibt es keine Toten!<. Seit die Freng das Küstenland erobert hatten, war kein Tag für die Muslims so glänzend verlaufen, wie der von Hattin. Dank der Hilfe und Macht Gottes hatte keiner der früheren Herrscher einen so großen Sieg erfochten.

DAS SCHLACHTFELD

Imad ad-Din besichtigt das Schlachtfeld.

Nur wenige Feinde hatten sich gerettet. Alle Räume waren mit Gefangenen angefüllt, die mit Stricken gebunden wurden. Die Toten lagen weithin über Berg und Tal zerstreut, der Leichengeruch verbreitete sich in der Umgebung Hattins ... Als ich sie mit ihren Gesichtern den Staub küssen sah, da fiel mir das Wort Gottes ein: >Der Ungläubige ruft: O, wäre ich Staub!< Leider reichten die Zeltstricke nicht aus, um alle Gefangenen zu knebeln. Ich sah wie dreißig bis vierzig von ihnen, an einen Strick gebunden, durch einen Reiter eskortiert wurden ... Der Ernst der Lage prägte sich auf den Gesichtern der Grafen und Ritter ab.

Am Abend des 4. Juli 1187 hat das Heer des Königreichs aufgehört, zu existieren. Fast alle waffengeübten Männer sind tot oder in Gefangenschaft.

SALADIN RÄCHT SICH AN RAINALD

Der Chronist Ernoul schreibt so, als sei er Augenzeuge gewesen, also einer er Gefangenen.
Als Saladin das Schlachtfeld verließ, hatte er große Freude an diesem großen Sieg. Er begab sich in seine Unterkunft und befahl, man solle ihm alle an diesem Tag gefangengenommenen christlichen Gefangenen vorführen ... Als er sie alle vor sich vereinigt sah, sagte er dem König, was für eine große Freude er empfinde, und wie geehrt er sich fühle, solch reiche Gefangene wie den König von Jerusalem, den Tempelmeister und die andere Barone in seiner Haft zu haben. Sodann befahl er, man solle mit Wasser verdünnten Sirup in einem goldenen Becher bringen. Er kostete davon, forderte den König zum Trinken auf und sagte: >Nun trinkt beherzt!< Der König trank gierig und reichte den Becher an Prinz Rainald weiter. Prinz Rainald wollte nicht trinken. Als Saladin sah, dass der König den Kelch an Prinz Rainald weitergereicht hatte, war er über ihn verärgert und sagte zum Prinz Rainald: >Nun trinkt schon, denn ihr werdet nie wieder trinken.< Der Prinz erwiderte, er wolle um Gottes willen von ihm nichts zu trinken oder zu essen bekommen. Saladin fragte Prinz Rainald: >Prinz Rainald, nach eurem Gesetz, wenn ihr mich in eurer Haft hättet, so wie ich euch, was würdet ihr mit mir tun? Der Prinz antwortete: >Mit Gottes Hilfe, ich würde euch den Kopf abschlagen.< Wegen dieser unverschämten Antwort wurde Saladin zornig und sagte zu ihm: >Du Schwein befindest dich in meiner Haft und wagst es, so frech zu antworten?< Er nahm ein Schwert in die Hand und bohrte es ihm in den Leib. Die Mamelucken, die vor ihm aufgestellt waren, stürzten sich auf ihn und schnitten ihm den Kopf ab. Saladin nahm etwas von seinem Blut und benetzte sich damit das Gesicht, um kundzutun, er habe an ihm Rache genommen. Sodann befahl er, man Kopf nach Damaskus bringen und ihn über den Boden solle Rainalds schleifen, um den Sarazenen zu zeigen, welche Rache er an dem Prinzen genommen hatte, der ihm so übel mitgespielt hatte.

Der Chronist Imad ad-Din beschreibt diese Szene so:

Der Sultan hatte Platz genommen und ließ die wichtigsten Gefangenen vorbeiziehen. In ihren Fesseln schwankten sie wie Betrunkene ... Prinz Rainald, der Herr von Kerak, verlor zuerst das Leben, weil der Sultan es geschworen hatte ... Rainald saß neben dem König ... Der Sultan hielt ihm seinen Verrat vor und fuhr ihn an: >Wie oft hast du geschworen und den Eid nicht gehalten, Verträge gemacht, und sie nicht befolgt und das Vertrauen missbraucht?< Der Dolmetscher übersetzte Rainalds Antwort: >Dies ist die Sitte der Könige, ich bin nur allgemein betretenen Pfaden gefolgt.< Der König war von Durst erschöpft und neigte sich vor Angst gleich einem Betrunkenen hin und her, so dass Saladin ihn zu beruhigen suchte und ihm einen Trunk mit Schneewasser zur Erfrischung reichen ließ. Der König gab hierauf den Becher dem Prinzen, so als ob er schon Verzeihung erlangt hätte. Doch der Sultan sagte dem König rasch: >Du nimmst dadurch, dass du ihm zu trinken gibst, keine Verzeihung von mir, diese Bedeutung soll es nicht haben.< Dann ritt er davon und kam erst zurück, als die Zelte mit den Fahnen und Standarten aufgerichtet waren. Als er das Zelt betrat, fand er den Prinzen anwesend und ließ ihm den Kopf abschlagen.

ABSCHLACHTUNG DER ORDENSRITTER

Die Militärorden hatten sich stets als erbitterte Feinde der Muslime zu erkennen gegeben und die Elitetruppe der des Kreuzfahrerstaates gestellt. Saladin nahm - wenig ritterlich - die Gelegenheit wahr, sich der Ordensmänner zu entledigen. Imad ad-Din berichtet:

Am Montag ... befahl er, die Gefangenen der Templer und Johanniter vorzuführen und rief aus: >Ich will die Erde von diesen beiden schmutzigen Arten reinigen. Sie sollen nicht in der Gefangenschaft dienen, denn sie sind schlimmer als die Ungläubigen!< Dann ließ er einen jeden Templer und Johanniter vortreten und hinrichten. Die anderen Gefangenen erkannten, dass es keine Erlösung aus dieser verzweifelten Lage gäbe und dass sie sterben müssten. Als Saladin fünfzig goldene Dinare für jeden Gefangenen festsetzte, brachte man sofort hundert zu ihm, die er enthaupten ließ. Von den Kriegsfreiwilligen durfte jeder einen töten. Sie streiften die Ärmel zurück, wenn sie das Schwert zogen. Der Sultan saß lächelnden Antlitzes da. Vor ihm befanden sich die Soldaten in Reih und Glied und die Emire in zwei Gliedern. Manche von ihnen lehnten es dankend ab oder entschuldigten sich. Andere freuten sich über das Blutbad. Ich sah sie lachen und hörte, wie sie sich über diese Blutarbeit unterhielten.

PREISZERFALL FÜR SKLAVEN IN DAMASKUS

Die übrigen Gefangenen werden verschont und nach Damaskus gebracht. Auf dem Markt sinken die Preise für Sklaven und Tiere dramatisch. Viele Krieger hatten mehrere Christen gefangen und versuchten sie nun loszuwerden. Der Chronist Ibn al-Kadisi:

Der Preis für einen Gefangenen in Damaskus betrug drei Dinare. Man verkaufte ganze Familien auf einmal. So wurde in meiner Gegenwart ein Mann, seine Frau und fünf Kinder für achtzig Dinare verkauft. Das große Kreuz wurde umgekehrt in einem Gewölbe aufgehängt und dann ... nach Damaskus gebracht. Täglich sah man abgeschlagene Köpfe der Freng, die so häufig wie die Melonen waren. An Vieh, Pferden und Maultieren war eine so große Beute angefallen, dass niemand Lust hatte, sie zu kaufen. Mir wurde berichtet, dass ein armer Soldat seinen Gefangenen für ein Paar Schuhe eintauschte, da er keine hatte... Der Soldat sagte dazu: >Dieser Fall sollte bekannt werden, da die Gefangenen so gering geachtet werden und es so viele gibt, dass einer den Preis von einem Paar Schuhen hat.<

Von Damaskus aus verbreiten Kuriere die Nachricht von Saladins Sieg. Das Frohlocken herrscht diesmal im Lager der Muslime.

BESITZWECHSEL

Nach der Abschlachtung der Ordensritter wendet sich Saladin der Rückeroberung Palästinas zu. Als erste ergibt sich die Gräfin Eschiva in der Zitadelle von Tiberias. Saladin lässt sie mit ihrem Haushalt nach Tripolis abziehen. Sein nächstes Ziel ist Akkon, die reichste Stadt des Königreichs. In der Stadt gibt es nicht mehr genug waffenfähige Männer, um die Mauern zu verteidigen. Der Kommandeur handelt mit Saladin die Übergabe der Stadt aus. Wer bereit ist, die üblichen Steuern zu zahlen, kann in der Stadt bleiben. Offenbar haben nur wenige Christen dieses Angebot angenommen. Am 10. Juli ziehen die fränkischen Bewohner mit ihrer tragbaren Habe aus der Stadt. Imad ad-Din beschreibt die Besitznahme Akkons:
Saladin gewährte ihnen einige Tage Frist, um ihre Habe fortzubringen. Die Muslims drangen in die Stadt ein und bereicherten sich dadurch, dass jeder seine Lanze vor einem Haus in die Erde steckte und so sein Eigentum markierte. So erlangten sie Häuser, welche von ihren Besitzern ausgeräumt waren. Sämtliches Vermögen der Templer wies der Sultan einem Rechtsgelehrten zu. Vergrabene Wertsachen wurden an das Tageslicht befördert, die Magazine geöffnet und alle Plätze genau untersucht. Auch die übrigen Mamelucken und Soldaten, al-Afdal (der jüngste Sohn Saladins) und die sonstigen Beamten fahndeten nach verborgenen Schätzen.

Auch das Eigentum der Kirche wird beschlagnahmt. Imad ad-Din:

Als wir in der Stadt waren, besichtigten wir die Kathedrale, entfernten den Schmutz, brachten die Kanzel in Ordnung und hielten den Freitagsgottesdienst. Der Imam Gamal ad-Din erhielt die Ernennung zum Prediger, zum Vorsitzenden des Gerichts, des Rechnungswesens und der geistlichen Güter in Akkon.

FREIER ABZUG STATT VERNICHTUNG

Bei der Eroberung Palästinas treffen die einzelnen Armeeabteilungen nur selten auf Widerstand. Die Restbesatzungen der Burgen sehen die Dinge realistisch und geben auf. Imad ad-Din beschreibt den typischen Ablauf:

Die Belagerten verlangten freien Abzug, den wir ihnen nach einer Frist von fünf Tagen bewilligten, damit sie ihre Habe hinausbringen konnten. Vorher hatten sie einige Anführer als Geiseln gestellt. Der Sultan freute sich über die muslimischen Gefangenen, welche durch die Kapitulation ihre Freiheit erhielten, gab ihnen Kleider und entschädigte sie für die erlittenen Verluste, so dass sie zu Wohlstand kamen. Dieses Verfahren hielt er an allen eroberten Plätzen ein. Zwanzigtausend Muslims wurden in diesem Jahr befreit, während hunderttausend Ungläubige in Gefangenschaft gerieten. Von hier aus wurden die Gefangenen militärisch nach Tyrus eskortiert, wo ihre Auslieferung gegen Abgabe der Waffen, Tiere und Schätze am 27. Juli stattfand.

Saladins Verlässlichkeit erleichtert den Burgbesatzungen die Kapitulation. Der Sultan spart so Zeit und Geld und handelt sich den Ruf ritterlichen Verhaltens ein. Zwischen der Handlungsweise Saladins und den Vernichtungsparolen in den Rundschreiben seiner Kanzlei herrscht eine bemerkenswerte Diskrepanz. Setzen sich die Bewohner einer Stadt zur Wehr, wird das übliche Verfahren angewendet. Als der Kommandant von Jaffa Verhandlungen ablehnt, lässt Saladins Bruder die Stadt im Sturm nehmen und die Bewohner versklaven. Auch die Christen in Caesarea trauen der Stärke ihrer Mauern und kapitulieren nicht. Die Folge mangelnder Einsicht ist auch hier ein Exempel. Imad ad-Din:

Sie nahmen Caesarea im Sturm, worauf Arsuf und Haifa freiwillig ihre Tore öffneten... Ein großer Teil der Bevölkerung von Sidon und Beirut waren Muslims und schöpften Mut beim Umschwung der Dinge. Der Koran wurde vorgelesen, die Glocken verstummten und ihre Gesetze wurden ungültig.

TYRUS BLEIBT FRÄNKISCH

Tyrus im Norden leistet Widerstand und Saladins Truppen gelingt es nicht, die Mauern zu überwinden. Imad ad-Din notiert verbittert:

Tyrus ging vom Grafen von Tripolis an den Marquis (
Graf Konrad von Montferrat) über. Die Stadt war der Sammelort der flüchtigen und versprengten Freng. Der Marquis, ihr Anführer, war einer der gottlosesten der Ungläubigen, ein Unglückssatan, böser als ein Wolf, gemeiner als ein Hund.

Konrad von Montferrat hatte bei seiner Ankunft in Akkon feststellen müssen, dass die Stadt von Muslimen besetzt war. Er war nach Tyrus weitergesegelt und hatte dort sofort die Verteidigung der Stadt organisiert, da sich Raimund von Tripolis abgesetzt hatte. Imad ad-Din:

Wir dachten an Kuds
(Jerusalem) und übersahen jene Vorgänge, so dass der Marquis Gräben und Verschanzungen um die Stadt ziehen konnte.

Saladin hatte als Ziel des Dschihad die Befreiung Jerusalems proklamiert. Er ist in Zugzwang und bricht die Belagerung ab, ohne Tyrus genommen zu haben. Das war wahrscheinlich der größte Fehler, der Saladin je unterlaufen ist.

KÖNIG GUIDO MACHT SICH NÜTZLICH

Saladin begibt sich nach Süden, aber immer noch nicht nach Jerusalem, sondern nach Askalon. Der Befehlshaber der Stadt weigert sich, die Stadt im Austausch für die Freilassung König Guidos zu übergeben. Saladin ordnet die Belagerung Askalons an. Imad ad-Din:

Während die Beschießung der Stadt durch Kriegsmaschinen, die Zerstörung der Mauern und die anhaltende Berennung nicht ohne Eindruck auf die Bewohner blieben, hatte der gefangene König wiederholt brieflich mit der Besatzung verkehrt und ihr den eindringlichen Rat gegeben, sein Haupt zu erhalten, das ihr Kapital sei.

Die Bewohner schätzen dieses Kapital nicht sehr hoch ein und setzen die Verteidigung fort bis sie aussichtslos wird. Imad ad-Din:

Die Befehlshaber kamen heraus und verhandelten mit dem Sultan wegen des freien Abzugs der Garnison mit all ihrem Eigentum, worauf Samstag, den 5. September die Festung kapitulierte. Der Sultan ... verlängerte seinen Aufenthalt in dieser Richtung, bis die festen Plätze der Templer ... ohne Schwertstreich die Tore geöffnet hatten. Der Templeroberst befand sich im Gefolge des Sultans, um ihm die Schlüssel zu einer Anzahl der unter ihm stehenden Burgen zu verschaffen und dafür die Freilassung zu erlangen.

Die Bewohner Askalons werden nach Alexandria eskortiert, von wo sie im nächsten Frühjahr nach Europa abreisen können.

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