Peter Milger
Die nahezu ritterliche Eroberung Jerusalems durch Sultan Saladin
Saladin geht mit Feuer und Schwert gegen Christen vor
Chronik um 1300
SALADINS BILD IN DER ABENDLÄNDISCHEN
GESCHICHTSSCHREIBUNG

Salah ad-Din zog am 2. Oktober 1187 nach kurzer Belagerung mit seinem Gefolge in Jerusalem ein. Den Übergabevertrag mit dem Kommandeur der Verteidiger, Balian von Ibelin, hielt er ein, es wurde kein Blut vergossen, die Grabeskirche blieb geöffnet. Damit endete die christliche Herrschaft über die Stadt nach 88 Jahren. Die Nachricht wurde in Europa im Stil der Kreuzzugspropaganda verbreitet. Ein Kölner Chronist:

Sie badeten im Blute der unseren ... Das heilige Grab ist geschlossen.
Hundert Jahre später
sieht Saladin schon gütiger aus
Dass Saladin nicht als blutrünstiger Barbar in die abendländische Geschichtsschreibung einging, geht vor allem auf den Bericht eines Mannes namens Ernoul zurück. Von ihm wissen wir nur, das er ein Gefolgsmann Balians von Ibelin war, ihm als Schildknappe diente, also von höherem Stand war. Er schreibt als Christ, aber sein Blick ist offensichtlich nicht von der Kreuzzugsparole getrübt, die da lautet: Hier sind die Guten, dort sind die Bösen. Er kritisiert eigensüchtige Verhaltensweisen kirchlicher Obrigkeiten im Kontrast zu großmütigen Handlungen Saladins. Ein verkappter, von der Fantasie geleiteter Lobschreiber? Nein, sein Bericht stimmt weitgehend mit den Beobachtungen der muslimischen Chronisten überein. Einem einheitlichen Gesamtbild, das sich aus dem Mitteilungen aus zwei gegnerischen Lagern zusammenfügt, kann einigermaßen trauen. Das kommt in der Geschichtsschreibung selten vor. Ernouls Chronik wurde allerdings erst im Verlauf des Abklingens der Kreuzzugsidee wahrgenommen.

KAMPFZIEL JERUSALEM

Die Propaganda für den ersten Kreuzzug verknüpfte die Eroberung von Jerusalem mit einem besonderen Heilsversprechen - die Kirche hatte ein abgehobenes Bild von der Stadt ausgemalt: Das Himmlische Jerusalem. Das wirkliche Stadt verarmte nach der systematischen Tötung aller Bewohner durch Kreuzfahrer im Jahr 1099. Jerusalem als Kampfziel war der Kirche also realitätsbedingt abhanden gekommen. Nicht so den Muslimen. Das Massaker von 1099 wurde nicht vergessen, Geistliche und Literaten ließen nicht ab, die Rückeroberung der drittheiligsten Stätten des Islam fordern. Saladin schwor, in Jerusalem so vorzugehen, wie einst die Ungläubigen. Um die zu beruhigen, die ihn zum Dschihad drängten? Gut möglich, für Saladin war die Verbreitung von Dschihad-Parolen offensichtlich eine taktisch-politische Frage. Einerseits waren sie nützlich, um Einigkeit zu Fordern und Kämpfer zu mobilieren, anderseits engten sie den Handlungsspielraum ein.
KUDS: HEILIGE STADT DES ISLAM

Am 20. September 1187 schließen die Truppen Saladins Jerusalem ein. Nach Ernoul bietet Saladin an, die Bevölkerung der Stadt zu schonen:

Am Freitag Morgen belagerte er die Stadt vom Davidstor bis zum Stephanstor. Bevor er den Angriff befahl forderte er die Leute in Jerusalem auf, ihm die Stadt zu übergeben... Und sie sollten wissen, dass ... er sie sonst mit Gewalt angreifen würde ..., denn dies habe er geschworen. Die Leute der Stadt ließen ihn wissen, er möge das Beste oder das Schlimmste veranlassen, aber sie würden ihm die Stadt niemals übergeben. So ließ Saladin seine Leute zu den Waffen eilen, um die Stadt einzunehmen.

Imad-ad Din leitet seinen Bericht über die Belagerung mit gehässigen Bemerkungen über christliche Bräuche ein. Sie zeigen, dass die Toleranz in der islamischen Gesellschaft rein formalrechtlicher Natur war. Die Muslime verachteten das Christentum genauso, wie die Christen den Islam. Imad ad-Din:

Der Islam trat als Bewerber von Kuds auf und bot sein Blut als kostbare Mitgift ... Balian, der große Patriarch und die Anführer der Templer und Johanniter befanden sich in der Stadt. In dem Tempel (Grabeskirche) waren verschiedenartige Bilder, wie die des Widders, des Esels, des Paradieses und der Hölle. Hier wurde angebliche der Messias gekreuzigt, das Opfer dargebracht, die Gottheit angebetet... Da stand das Kreuz, das Licht erschien und die Finsternis hörte auf. Alle diese Betrügereien führten sie auf den von ihnen Angebeteten zurück und sagten: >Am Grabe unseres Herrn wollen wir sterben<.

ERBITTERTE KÄMPFE

Saladin sieht sich einer stark befestigten Stadt gegenüber, doch unter den Verteidigern befinden sich nur wenige Berufskrieger. Balian
von Ibelin hatte mit der Erlaubnis Saladins die Stadt betreten dürfen, um die Abreise seiner Familie zu organisieren. Nun bitten die Stadtoberen den erfahrenen Balian, die Verteidigung Jerusalems in die Hand zu nehmen. Der Patriarch bedeutet, der gegenüber Saladin geleistete Eid sei ungültig. Saladin macht keine Einwände und gewährt der Familie Ibelin freien Abzug. So übernimmt Balian von Ibelin das Kommando. Als erstes schlägt er ganze Scharen von jungen Männern ohne Umstände zu Rittern. Unter seiner geschickter Führung kämpfen die Zivilisten mit dem Mut der Verzweifelten. Der Chronist Ibn al-Atir:

Von beiden Seiten wurde der Kampf als eine Sache des Glaubens angesehen. Auch ohne Befehle ihrer Anführer fochten sie mit Hingabe. Jeder verteidigte ohne Furcht seinen Posten.

VERGEBLICHES FLEHEN

Den Verteidigern ist klar, dass die Stadt aus eigener Kraft nicht zu halten ist. Sie wenden sich an ihren Gott und bitten um die Vergebung ihrer Sünden. Ernoul berichtet:

Jetzt sage ich euch, was die Damen von Jerusalem taten. Sie ließen Bottiche bringen, am Kalvarienberg aufstellen und mit kaltem Wasser füllen. Und sie tauchten ihre Kinder bis zum Kinn hinein, schnitten ihre Zöpfe ab und warfen sie weg. Mönche, Priester und Nonnen liefen alle ohne Schuhe und barfuß in Prozessionen über die Mauern... Der Herr verschloß sich jedoch den Gebeten und Seufzern, die man in der Stadt hörte. Denn der Unflat des Ehebruchs und der stinkenden Wollust und die Unzucht wider die Natur ließen die Gebete zu Gott nicht emporsteigen.

Fränkische Truppen, die Beistand hätten leisten können, gibt es im Umkreis von Hunderten von Kilometern nicht mehr.

DER ANGRIFF

Ernoul beschreibt, wie die Lage für die Christen hoffnungslos wird:

In der Nacht ließ er (
Saladin) so viele Steinschleudern und Wurfmaschinen aufstellen, dass man am nächsten Tag elf davon vorfand, alle groß, und sie schleuderten Geschosse gegen die Stadtmauern. Als der Tag angebrochen war, ließ Saladin seine Leute bewaffnen. Den Schildträgern folgten die Bogenschützen, die ihre Pfeile wie Regen niederprasseln ließen. In der Stadt war kein Mann, der tapfer genug gewesen wäre, um nur einen Finger über den Stadtmauern zu zeigen. Die Mineure ... unterhöhlten in zwei Tagen die Mauern... Als sie mit der Aushöhlung und den Abstützung
fertig waren, zogen sie sich zurück und legten Feuer an, so dass die Mauer in den Graben sackte.

Imad ad-Din:

Während unsere Reiter die feindlichen Reiter zurückschlugen, waren die Muslims bis an die Gräben herangerückt und hatten Breschen in die Mauer geschlagen, so dass die Belagerten durch ihre Anführer den Sultan um freien Abzug ersuchen ließen.

SALADIN ERINNERT AN DAS BLUTBAD VON 1099

Einige Anführer hatten Balian und dem Patriarchen vorgeschlagen, mit einem Ausbruchsversuch alles auf eine Karte zu setzen. Aber Balian zieht Verhandlungen vor, begibt sich zu Saladin und bittet um freien Abzug. Imad ad-Din:

Saladin schlug die Bitte ab mit den Worten: >Ich will die Stadt so erobern, wie jene sie damals... von uns genommen haben. Die Männer werde ich töten, Frauen und Kinder wegführen ...<

TOTALER KRIEG

Diese Androhung entspricht dem Tenor der Propagandazirkulare aus der Kanzlei Saladins. Nach Ernoul antwortet Balian von Ibelin:

> Wir geben nun die Hoffnung auf Rettung auf und erwarten keinen Frieden noch Gnade. Aber wir werden uns auf Tod und Leben verteidigen und unser Blut so teuer als möglich verkaufen. Keiner von uns wird verwundet sein, es sei denn, er habe zuvor zehn von euch verwundet. Die Häuser werden wir anzünden, die Türme zerstören und euch einen Schutthaufen zur Plünderung überlassen... Die Moschee über dem Felsen... lassen wir einstürzen... Fünftausend muslimische Gefangene in unserer Mitte werden wir vorher umbringen, Geld und Wertsachen werden wir vernichten, unsere Weiber und Kinder werden vorher sterben und kein Stein bleibt auf dem andern. Welcher Vorteil wird euch dann aus der Ruine erwachsen?<

Solche totalen Handlungsweisen sind Saladin offensichtlich zuwider. Er verschiebt die Entscheidung. Der Bericht Ernouls weicht nur in Details von den Mitteilungen des muslimischen Chronisten ab:

Als er (
Balian) bei Saladin war, unternahmen die Sarazenen einen Angriff auf die Stadt und trugen Leiter gegen die Stadtmauern und lehnten sie gegen die Mauern ... Als Saladin seine Leute und seine Banner auf den Stadtmauern sah, sagte er zu Balian: >Weshalb bietet ihr mir an, die Stadt zu übergeben und einen Zoll entrichten zu dürfen? Denn Ihr seht doch sehr wohl, dass meine Leute und meine Banner auf den Stadtmauern sind. Es ist zu spät ... Die Geistlichen nach dem Gesetz Mohammeds bedrängen mich und spornen mich an, ich soll kein Abkommen mit euch treffen, sondern Rache nehmen an denen, die in Jerusalem sind, und ihr Blut in den Straßen Jerusalems vergießen, wie Gottfried (von Bouillon) das Blut der Sarazenen vergossen hat.< Und in der Stunde, da sie so redeten, verlieh der Herr den Christen Kraft und Sieg und sie verjagten die Sarazenen von den Mauern ... Nun war Saladin sehr beschämt und traurig und sagte zu Balian, er möge in die Stadt zurückkehren, er würde zur Stunde nichts mehr unternehmen. Aber am nächsten Morgen könne er mit ihm reden, und er würde gern hören, was er zu sagen habe. Und Balian bat ihn und sagte: >Herr, habt in Gottes Namen Mitleid mit den einen und den anderen. Denn die Leute in der Stadt verzweifeln an ihrem Leben, und sie werden sich eher alle bei der Verteidigung töten lassen, als dass sie durch Gewalt erobert werden. Es wird ein großes Gemetzel auf beiden Seiten geben, bevor ihr die Stadt mit Gewalt einnehmen könnt, wie ihr zu tun gedenkt.

CHRISTLICH-MUSLIMISCHER SCHACHER

Ernoul berichtet über die nächste Verhandlungsrunde:

Also kam Balian und bat um Gnade, er möge bei Gott ihnen gnädig sein. Und Saladin antwortete Balian: >Nun, aus Liebe zu Gott und zu euch, ich will euch sagen, was ich tun werde. Ich werde Gnade über euch walten lassen, und zwar so, dass ich meinem Schwur treu bleibe. Sie werden sich meiner Gnade ausliefern, als hätte ich sie mit Gewalt erobert. Ich werde ihnen ihr Hab und Gut lassen, damit sie damit nach Gutdünken verfahren können. Ihre Leiber aber werden in meiner Haft bleiben. Wer sich freikaufen kann oder will, den werde ich gegen ein angemessenes Lösegeld ziehen lassen.

Laut Ernoul verlangt Saladin zunächst für jeden Mann dreißig, für jede Frau zehn und für jedes Kind fünf Goldstücke. Nur eine Minderheit in Jerusalem kann solche Summen aufbringen. Die Orden verfügten aber noch über Geld, das König Heinrich II. von England als Sühne für den Mord an Thomas Becket überwiesen hatte. Ein Teil dieses Geldes war für die Anwerbung von Söldnern vor der Schlacht bei Hattin ausgegeben worden. Der Rest befindet sich noch immer in der Obhut der Johanniter. Es gibt noch viele Wohlhabende in Jerusalem und der Patriarch verfügt über den Kirchenschatz. Ernoul schildert, wie Balian versucht, das Lösegeld in Jerusalem aufzutreiben:

Balian verabschiedete sich und kehrte in die Stadt zurück. Er ging zum Patriarchen und schickte nach allen Bürgern, um die Nachricht weiterzugeben. Als sie das hörten, waren sie sehr besorgt wegen der armen Leute in der Stadt. Sie berieten sich und sagten, es gäbe ein großes Vermögen des Königs von England im Hospital. Es wäre gut ..., wenn sie dieses Vermögen bekämen, um einen Teil des geringen Volkes freizukaufen... Darauf kamen der Patriarch, die Bürger und Balian zusammen und ließen die Johanniter wissen, sie wollten den Schatz des Königs von England haben ..., um das geringe Volk freizukaufen. Der Großmeister sagte, er werde sich darüber mit seinen Brüdern beraten. Die von der Stadt ... warnten die Johanniter: Wenn sie das Vermögen nicht herausgeben würden, und die Armen ... so in Gefangenschaft gerieten, so würden es ihnen weder Gott noch die Christenheit verzeihen ... Nun begab sich der Großmeister zum Patriarchen und zu den anderen und sagte ihnen, die Brüder aus dem Hause wären damit einverstanden, dass ihnen der Schatz des Königs von England überlassen werde, um die Armen freizukaufen. Alle baten sodann Balian, er möge sich zu Saladin begeben, um den bestmöglichen Preis zu vereinbaren.

Laut Ernoul erklärt Balian bei der nächsten Verhandlung, in der Stadt könnten nur zwei von hundert Bürgern das Lösegeld aufbringen. Ernoul fährt fort:

Da sagte Saladin, er würde zunächst um Gottes wegen und sodann seinetwegen ein angemessenes Lösegeld festsetzen, welches sie aufbringen könnten. So legten sie fest, dass für jeden Mann zehn, für jede Frau fünf und für jedes Kind ein Goldstück zu zahlen wäre... Und ihre bewegliche Habe dürften sie verkaufen oder verpfänden oder unangetastet mitnehmen.

Ernoul zufolge fragt Balian an, wie hoch der Pauschalpreis für siebentausend Gefangene wäre.

Saladin sagte, das koste fünfzigtausend Goldstücke. Balian sagte zu ihm: >Gott, Herr, das ginge nicht.< Saladin und Balian feilschten solange miteinander, bis sie ein Geschäft über dreißigtausend Goldstücke für siebentausend Männer abgeschlossen hatten.

Imad ad-Din bestätigt im wesentlichen die Preise, die Ernoul mitteilt:

Hierauf hielt der Sultan sofort Kriegsrat und das Interesse für die Kriegsgefangenen machte sich geltend, so dass man den freien Abzug gegen Entrichtung einer Kopfsteuer von zehn Goldstücken für einen Mann, fünf für eine Frau und zwei für jedes Kind bestimmte. Es wurde hingefügt, dass jeder über die Klinge springen würde, der das Lösegeld nicht innerhalb von vierzig Tagen bezahlt habe. Diese Bedingungen fanden die Billigung des Balian, des Patriarchen und der beiden Großmeister der Templer und Johanniter. Ersterer der Genannten deponierte sofort dreißigtausend Goldstücke als Lösegeld für Unbemittelte. Freitag, den 3. Oktober kapitulierte die Stadt bei einer Bevölkerung von über hunderttausend Seelen.

DIE SIEGESFEIER

Imad ad-Din berichtet, wie Saladin seinen größten Triumph feiert:

An demselben Tage ließ Saladin in seinem Zelt außerhalb Kuds die Deputationen von Emiren, Richtern und Theologen zur Beglückwünschung antreten. Sein Blick verriet Mäßigkeit und Bescheidenheit inmitten des Glücks. Vorlesungen über den Koran wechselten mit dem Vortrag von Gedichten und Rezitationen sowie mit Danksagungen an Gott... Alles jauchzte auf vor Freude über die Einnahme einer durch Ibrahim und der Propheten Aufenthalt so denkwürdigen Stätte. Von allen Seiten pilgerten Muslims nach Kuds und setzten von hier die Wallfahrt nach Mekka fort.

DIE ABWICKLUNG

Die Eintreibung der Lösegelder verläuft nicht reibungslos. Imad ad-Din:

Eine Kommission, an deren Spitze ein Emir stand, überwachte an den einzelnen Toren den Loskauf, konnte aber nicht verhindern, dass in mancher Weise die Bedingungen der Übergabe umgangen wurden. Einige ließen sich mittels Stricken über die Stadtmauer hinab oder wurden heimlich hinausgetragen. Andere erlangten die Freiheit durch Verkleidung, Bestechung oder Fürsprache. Al-Adil hatte dieses Verfahren missbilligt, und so war eine gemischte Aufsichtsbehörde aus Ägyptern und Syrern eingesetzt worden, welche Bescheinigungen austeilte. Wer einen solchen Zettel am Tore vorzeigte, durfte frei ausgehen. Mir erzählte ein glaubwürdiger Mann, dass diese Kommission vielfach die eingenommenen Summen in ihre Taschen statt in den Staatsschatz steckte. Trotzdem erreichten die Lösegelder immer noch die ansehnliche Summe von fast hunderttausend Goldstücken.

DIE AUSLESE

Ernoul beschreibt, wie die Auswahl der siebentausend Minderbemittelten erfolgt:

Sie ließen die Namen der armen Leute, die in jeder Straße wohnten, schriftlich festlegen. Je nachdem, ob sie mehr oder weniger ehrbar waren, wurden sie berücksichtigt, bis die Zahl Siebentausend erreicht war. So wurden die losgekauften Leute aus Jerusalem gebracht. Als sie abgezogen waren, schien es, als seien sie nur wenig an der Zahl. Daher berieten sich Balian und der Patriarch und schickten nach den Templern, den Johannitern und den Bürgern und sie forderten sie bei Gott auf, sie sollten eine Lösung finden für die armen Leute, die in Jerusalem verblieben waren. Sie zeigten sich behilflich, und die Templer und die Johanniter spendeten. Aber sie gaben nicht so viel, wie sie eigentlich sollten. Sie hatten überhaupt keine Angst, man würde sich mit Gewalt ihres Vermögens bemächtigen, hatten sie doch Saladins Zusicherung. Denn hätten sie gedacht, man würde ihnen Gewalt antun, so hätten sie mehr gegeben, als sie gaben.

DER AUSZUG

Imad-ad Din beschreibt den Auszug der Franken:

Die Freng schickten sich nun an, ihre Häuser auszuräumen... und suchten sich ihrer Habe, Möbel, Vorräte, zu niedrigen Preisen zu entäußern. Manche Gegenstände blieben gleichwohl zurück und fielen den neuen Eigentümern der Wohnungen zu. Die Hauptkirche, die Kumâme (Grabeskirche), war im Besitz kostbarer Teppiche, Vorhänge und seidener Gewebe, weil man hier das Grab 'Isa`s (Jesus) verehrte, die überdies noch mit goldenen und silbernen Fäden in der verschiedensten Art durchwirkt waren. Der Patriarch nahm alles mit sich fort, so dass ich zu Saladin sagte: >Es wurde ihnen nur Sicherheit für die eigene Habe zugesagt, auf keinen Fall jedoch für diese Wertsachen. Das geht in die Tausende, was sie da eingepackt haben!< Saladin entgegnete: >Wenn wir ihnen das Mitnehmen dieser Dinge untersagen, so werden sie uns des Vertragsbruchs bezichtigen.

SALADINS GROSSMUT ...

Das gesammelte Geld reicht bei weitem nicht aus, um alle Unbemittelten freizukaufen. Nach Ernoul läßt Saladin etwa zehntausend Christen ohne Bezahlung abziehen. Schließlich ordnet Saladin an, alle älteren Gefangenen freizulassen. Ernoul:

Also befahl er (
Saladin)... man solle in ganz Jerusalem verkünden, die armen Leute sollen die Stadt verlassen. Weiter befahl er... den Wärtern am Davidstor, sie sollten alle in Haft nehmen, die Geld für ihren Freikauf bei sich hätten. Die Wärter stellten die jungen Leute und die jungen Frauen zwischen zwei Mauern auf, und die Alten wurden aus der Stadt geschickt. Diese Durchsuchung der ausgewiesenen Leute dauerte von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang, und sie wurden sodann durch die Tür herausgelassen. Dies war das Almosen, das Saladin zahllosen armen Leuten gab.

... WERDEN GRENZEN GESETZT

Ernoul meint, Saladin hätte noch mehr Arme freigelassen, wenn sich nicht folgernder Vorfall ereignet hätte:

Ein Mann ging zusammen mit den anderen armen Leuten. Auf der Schulter trug er einen Krug, der an einem Stock befestigt war. Da waren Sarazenen, die waren sehr gläubig, nämlich Mönche, die man Asketen nennt. Sie verabscheuen unter sich den Wein, wie wir die Wollust. Einer dachte, dieser Krug sei voller Wein und sagte: >Diese Schweine dürfen keinen Wein mitnehmen. Deshalb hat Gott die Stadt von ihnen gesäubert.< Mit einem Stock, den er bei sich hatte, schlug er auf den Krug ein, zerschmetterte ihn, und das Vermögen, das sich darin befand, kullerte heraus. Die Sarazenen waren verblüfft und ließen Saladin wissen, die Christen würden sich mit ihrem Vermögen davonmachen und wollten die Armen nicht freikaufen.

DAS SCHICKSAL DER ZURÜCKGELASSENEN

Nach Ernoul zählte Saladin elftausend Christen, die in Jerusalem zurückgeblieben waren. Imad ad­-Din berichtet, dass siebentausend Männer und achttausend Frauen und Kinder versklavt wurden. Mit blumigen Metaphern beschreibt der Chronist ausführlich die Vergewaltigung junger Christinnen:

Wie viele behütete Frauen wurden entehrt, herrschende beherrscht, junge Mädchen geheiratet, wie viel Keusche mussten sich hingeben, wie viele Verborgene verloren ihre Scham, wie viele Ernste wurden verhöhnt, wie viele Freie genommen, wie viele Begehrliche erschöpft. Wie viele Anmutige wurden verführt, wie viele Jungfrauen entjungfert, Anmaßende geschändet, Rotlippige ausgesaugt, Braune hingestreckt, und Unbezähmbare gezähmt. Glühende entflammten sich an ihnen, Ledige befriedigten sich, Erregte verbrauchten ihre Glut.

DER SIEG WIRD AUSGEWERTET

Imad ad-Din war nach Jerusalem geeilt, weil er dort gebraucht wurde:

Meine Anwesenheit war wegen der vielen Siegesdepeschen notwendig, welche die anderen Schreiber nicht nach dem Geschmack ihres Herrn (Saladin) aufgesetzt hatten. Ich ließ an diesem Tage siebzig Briefe abgeben, darunter ein Schreiben an den Diwan in Bagdad.

Der Chronist wird für seine Dienste entlohnt:

Von ihnen blieben noch fünfzehntausend übrig, welche auf den Befehl des Sultans in den Städten als Gefangene untergebracht wurden. Mir fielen Weiber und Jünglinge als Beuteanteil zu..

Die Rückeroberung der ihrer heiligen Stätten in Jerusalem löst in den islamischen Ländern Jubel aus. Saladin fördert seinen Ruhm durch Siegesmeldungen in alle Richtungen. Am Hof des Kalifen in Bagdad ist Saladins Stellung gefestigt. Für ihn hat der kurdische Emporkömmling nach der Wiedervereinigung Ägyptens mit Syrien auch noch das heiligste alle Werke verrichtet.

DIE RÜCKVERWANDLUNG

Als Zeichen des Triumphes wird das Kreuz vom Felsendom entfernt und im Inneren wieder eine Moschee eingerichtet. Ernoul:

Saladin ließ den Tempel mit dem Rosenwasser reinigen, das aus Damaskus gebracht worden war, betrat den Tempel, betete Gott an und dankte ihm, dass er ihm Herrschaft über dieses Haus gegeben habe.

Imad ad-Din berichtet:

Über der Sahra (
heiliger Felsen) hatten die Freng eine Kirche errichtet und so den alten Plan verwischt. Durch eine Mauer war der Felsen unsichtbar geworden ... An diese Stelle kam ihr Altar, gegen den sie unaufhörlich ihre Hände ausstreckten ... Er war mit Bildern und Statuen geschmückt ... der heilige Stein wurde auf den Befehl des Sultans wieder aufgedeckt und es war alles wieder wie in alter Zeit... Al-Adil brachte mit seinem Gefolge Lasten von Rosenöl und Gold zur Verteilung unter die Armen, fegte die Mauern, goss Öl auf, wusch die Wände und zündete Wohlgerüche an... Am zweiten Freitag nach der Eroberung von Kuds begab sich der Sultan in die Moschee Aqsa, welche fürstlich geschmückt und mit andächtig Betenden gefüllt war. Mächtig begeisterte das beredte Wort des Kadi Muhi ad-Din Abu l'M`ali, der auch an den folgenden Freitagen die Predigt hielt. Das Thema der Reden... betraf die Hauptfrage des Tages, den heiligen Krieg, der mit Gottes Hilfe siegreich durchgefochten werden wird.

DIE RACHE FINDET NICHT STATT

Saladin lässt weiter den heiligen Kampf fordern, hält sich aber nicht an die Parolen der eigenen Propaganda. Der christliche Chronist teilt mit, was sich in den gleichen Gassen abspielt, in denen die Kreuzfahrer 88 Jahre vorher die Kreuzzugsidee systematisch an Muslims und Juden exekutiert hatten. Ernoul:

Ich werde erzählen, wie Saladin die Stadt Jerusalem bewachen ließ, damit die Sarazenen den Christen in der Stadt nichts Übles antun konnten. In jeder Straße stellte er zwei Ritter und zehn Sergeanten auf, um die Stadt zu bewachen. Sie bewachten sie so gut, dass keine Übergriffe auf Christen bekannt wurden ... Saladin ließ die Christen Tag und Nacht vom Heer beschützen, damit ihnen kein Übel angetan werde und die Übeltäter sich nicht anschleichen konnten.

Saladin sieht auch davon ab, die Schändung der islamischen Heiligtümer im Jahr 1099 mit gleicher Münze heimzuzahlen. Imad-ad-Din:

Zu Anfang der Eroberung hatte Saladin den Christen den Besuch der Grabeskirche strengstens untersagt. Einige rieten, sie vollständig zu zerstören und der Erde gleich zu machen, damit diesen Wallfahrten ein Ende bereitet werde. Doch sprach sich eine größere Anzahl gegen die Zerstörung aus: >Die zum Kreuzesort und zum Grabe des von ihnen Angebeteten pilgern, blicken nicht auf die Gebäude. Darum wird diese Brut nicht aufhören zu pilgern, auch wenn die Erde in dem Himmel erhoben wird. Auch hat ... Kalif Omar hat am Anfang des Islams, als er Kuds eingenommen hat, sie hier wohnen und ihre Gebräuche ausüben lassen.<

Viele orientalische Christen bleiben in Jerusalem. Imad ad-Din:

Manche Christen zahlten neben dem Lösegeld noch einen Tribut und blieben in Kuds in aller Ruhe ansässig. Es wurden... vier Priester zum Dienst in der Kumâme (
Grabeskirche) bestimmt, die von der Steuer befreit wurden.. Tausende von Christen blieben in der Stadt und ihrer Umgebung und gingen friedlichen Beschäftigungen nach.

Für die Wiedereröffnung der Grabeskirche gab es auch außenpolitische Gründe. Der Kaiser in Konstantinopel hatte Saladin zu seinem Sieg gratuliert und um die Rückgabe der Grabeskirche gebeten. Nun zieht hier wieder die griechisch orthodoxe Kirche die frommen Abgaben ein. Auch der Statthalter Saladins wird Nutznießer christlicher Pilgerschaft. Jerusalem ist wieder für Juden, Muslims und Christen zugänglich.

DER HEIMWEG

Die Lateiner, die Jerusalem verlassen, lässt Saladin zur Grenze eskortieren. Ernoul:

Saladin befahl, sie in drei Gruppen einzuteilen. Die Templer sollten den einen Teil führen, die Johanniter den anderen, Balian und der Patriarch den dritten. Saladin ... wies jeder Gruppe von ihnen fünfzig Ritter zu, um sie unversehrt in die Christenheit zu führen. Ich werde euch sagen, wie das vor sich ging: Fünfundzwanzig Ritter bildeten die Vorhut und fünfundzwanzig die Nachhut. Die Ritter der Vorhut legten sich am Tag nach dem Essen zur Ruhe ... Abends stiegen sie in voller Ausrüstung zu Pferde und ritten die ganze Nacht um die Christen herum, damit sich keine Übeltäter hereinschleichen konnten. Sobald die Ritter der Nachhut einen Mann, eine Frau oder ein Kind sahen, die erschöpft waren, ließen sie ihre Schildknappen absitzen und zu Fuß laufen ... Dieselben trugen die Kinder vor und hinter sich auf ihren Pferden.

NÄCHSTENLIEBE IM NORDEN

Laut Ernoul empfangen die Christen im Norden die Flüchtlinge wenig brüderlich. Tyrus und Tripolis sind mit Flüchtlingen überfüllt und schließen die Tore. Christliche Ritter eignen sich die geretteten Wertsachen der Flüchtlinge an. Ernoul:

Die Leute von Nefin und Tripolis benahmen sich übler als die Sarazenen. Denn die Sarazenen führten sie in die Rettung, wie ihr es gehört habt, und spendeten ihnen große Mengen Proviant. Jene aber raubten sie aus und sperrten ihnen die Zuflucht.

Ein Teil der Flüchtlinge bleibt vor Tripolis, die anderen werden erst in Antiochia eingelassen.

NÄCHSTENLIEBE IN ALEXANDRIA

Ernoul fährt fort:

Die Leute aus Askalon ... und ein Teil der Leute aus Jerusalem begaben sich nach Alexandria, wo sie im Land der Sarazenen besser empfangen wurden, als die anderen in Tripolis. Als sie im Lande Alexandria angekommen waren, wurden sie vom Amtmann sehr gut empfangen. Er ließ einen Schutzzaun um sie aufrichten und ließ sie Tag und Nacht den ganzen Winter lang bewachen. Nun sage ich euch, was die Sarazenen Tag für Tag taten. Ehrenwerte Männer der Stadt begaben sich nach draußen und schenkten den Christen große Mengen Brot, Wein und Geld. Die reichen Christen, die Goldstücke hatten, verwendeten sie aber zum Kauf von Waren, die sie auf die Schiffe luden. Damit erwarben sie sich dann zuhause ein großes Vermögen ... Im Hafen von Alexandria überwinterten achtunddreißig Schiffe von Pisanern, Venezianern und Genuesern ... bei denen die Flüchtlinge im März Überfahrten buchten. Als sie sich eingeschifft hatten, begaben sich die Schiffskapitäne zum Amtmann von Alexandria, entrichteten die Gebühr, die sie schuldeten, und verlangten von
Die Kapitäne sagten: > Wir nehmen sie nicht auf, denn sie haben keine Schiffspassage bezahlt, und wir haben keinen Proviant für sie.< Darauf sagte der Amtmann: >Was wollt Ihr also tun?< Sie sagten: >Wir lassen sie hier.< Und der Amtmann fragte: >Wie wollt ihr euch davonmachen? Wollt ihr sie hier lassen, damit sie zu Sklaven der Sarazenen werden, und das Wort gebrochen wird, das Saladin ihnen gegeben hat? Das darf nicht sein. Ihr müsst sie mitnehmen. Ich sage euch, ich werde mehr tun, um das Wort des Sultans zu halten. Ich werde euch hinreichend Brot und Wasser geben, und ihr werdet sie auf eure Schiffe aufnehmen. Denn sonst bekommt ihr eure Steuerruder nicht zurück.< Die Kapitäne... waren nun bereit, sie an Bord zu nehmen. Der Emir, der weise war und Gott fürchtete, obwohl er Sarazene war, sagte zu den Kapitänen und zu den Matrosen der Schiffe: >Kommt nach vorn und schwört mir auf euer Evangelium, dass ihr sie wohlerhalten und getreu zur Christenheit in einen rettenden Hafen bringen werdet, und nicht an einen anderen Ort, weil ich euch gezwungen habe. Bringt sie dorthin, wo ihr auch die reichen Leute hinbringt ... Und wenn mir jemals zu Ohren kommt, ihr habt ihnen Schimpf und Schande angetan, werde ich es den Kaufleuten aus eurem Land heimzahlen, die sich hierher wagen.< Und so zogen jene Christen heil aus dem Land Ägypten davon, die in Alexandria überwintert hatten.ihm die Herausgabe ihrer Steuerruder ... Da sagte der Amtmann: >Ich gebe euch die Steuerruder nur, wenn ihr die armen Leute an Bord nehmt.<

REAKTIONEN IM ABENDLAND

Mit den Flüchtlingen erreicht auch die Nachricht vom Fall Jerusalems Europa. Trauer und Entsetzen befällt das Abendland. Die Meldungen werden nicht in sachlicher Form verbreitet. Die Propaganda will Glauben machen, dass Saladin Palästina mit Feuer und Schwert überziehe. Kreuzzugsidee und Propaganda werden wieder belebt und damit das Bild vom barbarischen Heiden. Ein Kölner Chronist zitiert die Nachrichten aus Palästina:

Sie badeten im Blute der unseren ... Das heilige Grab ist geschlossen
.

Das war gelogen. Dem Papst und anderen Obrigkeiten nützten die Schauergeschichten. An vielen Orten wurde eine Kreuzzugssteuer erhoben, hohe Herren sehen die Chance, sich als Befreier Jerusalems in Szene zu setzen. Der deutsche Kaiser und die Könige von England und Frankreich nehmen das Kreuz.
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