Schlachtruf der Kreuzzüge - Gott will es? Deus lo vult?
Kreuzfahrer plündern, foltern und metzeln in Antiochia. Sollten sie dabei wirklich Gott will es grufen haben? Ein Mönch behauptet Jahre später, Papst Urban habe Gott will es zum Schlachtruf bestimmt. Und so steht es auch in jedem Lexikon. Miniaturen 14. und 15. Jahrhundert
(8) Exkurs: Der Schlachtruf

War Papst Urban ein Rohling?

Laut Fulcher von Chartres sagte Papst Urban Christus befiehlt es. Wenn es so war, hat er das Unternehmen gemeint und sich etwas dabei gedacht. Oder der kenntnisreiche Fulcher hat verantwortungsbewusst überlegt, was Urban gesagt haben könnte: Christus hat Petrus eingesetzt und die Päpste sind die Nachfolger Petri. Konnte ein theologisch gebildeter Papst Christus übergehen? Eher nicht. Konnte er gar Gott will es zum Schlachtruf zu deklarieren? Urban wusste wie jedermann, dass die von ihm Entsandten beim Sturm auf Städte Frauen und Kinder nicht verschonen würden. Alle Kriegführenden nahmen die Bräuche hin, im Lichte diverser Worte Jesu hatte also eine ziemliche Verrohung um sich gegriffen. Als deren Gipfel musste es erscheinen, jemandem das Schwert in den Leib zu rennen und dabei zu rufen Gott will es. Urban kann freigesprochen werden. Robert der Mönch brauchte weder sein Gedächtnis zu bemühen, noch seine Phantasie. Er hat das Deus vult, Deus vult gelesen. Und zwar in der Gesta Francorum, die er im Auftrag seines Abtes bearbeitete.

Als der kriegsstarke Bohemund Amalfi belagerte, hörte er von der Ankunft unzählbarer christlicher Völker aus Frankreich, die auf dem Weg zum heiligen Grab waren, bereit gegen die Heiden zu kämpfen. Er erkundigte sich vorsichtig, welche Waffen sie mit sich führten, welches Zeichen sie trugen und wie ihr Schlachtruf lautete. Man sagte ihm: Sie sind gut bewaffnet, sie tragen das Zeichen des Kreuzes Christi auf dem rechten Arm oder zwischen den Schultern und in der Schlacht rufen sie mit einer Stimme: Deus vult, Deus vult.

Die bekreuzten Herren waren unterwegs zu Einschiffung, hatten also noch keine Schlacht geschlagen. Wer sich das Deus vult ausgedacht, bleibt offen.

Der Schlachtruf in der Gesta Francorum

Haben die christlichen Streiter je versucht, bei ihren Feinden im Getümmel mit der Mitteilung Gott will es Eindruck zu schinden? Der Autor der Gesta lässt die milites Christi oder peregrini unterwegs in Anatolien in mehreren Schlachten stumm zu Werke gehen. Ebenso bei etlichen Gefechten vor Antiochia, der zweitgrößten Stadt Ostroms. Nach mehrmonatiger Belagerung können einige Mannen durch Verrat drei Türme der Stadt kampflos einnehmen.

Dann riefen sie freudig mit einer Stimme Deus vult und wir antworteten mit den gleichen Worten.

Kein Schlachtruf, ein sondern eher ein Dankeschön. Der Vortrupp öffnet die Tore von innen.

Alle kamen angerannt so schnell sie konnten, drangen durch die Tore in die Stadt ein und töteten alle Sarazenen und die Türken, die sie vorfanden ... Alle Straßen der Stadt lagen voller Leichen, so dass es vor Verwesungsgeruch nicht auszuhalten war. Man konnte in den engen Gassen nicht gehen, ohne auf Leichen zu treten.

Dass auch viele orientalische Christen den Siegern im Weg lagen, hat der Autor entweder nicht bemerkt oder er hielt es nicht für bemerkenswert. Selbst in der Gesta wird der angeblich offizielle Schlachtruf also nicht als solcher benutzt

Die Schlachtrufe bei den anderen Augezeugen

Fulcher von Chartres hatte die Hauptarmee vor dem Sturm auf Antiochia verlassen, um dem Anführer Balduin bei der Konsolidierung der ersten lateinischen Kolonie, der Grafschaft Edessa, behilflich zu sein. Für die Ereignisse um Antiochia benutzt er daher die Gesta, aber das Deus vult gefällt ihm offenbar nicht.

In der vereinbarten Nacht ermöglichte der Türke 20 unsrer Männer mit Strickleitern die Mauer zu ersteigen ... Die Franken riefen mit lauter Stimme Deus hoc vult, Deus hoc vult.

Das wollte Fulcher gut christlich wohl nicht für jede Kriegshandlung gelten lassen. Jedenfalls schränkte er ein:

... das war unser Schlachtruf, wenn wir zu guten Taten schritten.

Mit dem Gemetzel in Antiochia hatten sich die Pilger gute Taten betreffend offenbar verausgabt. Bei allen Chronisten produzieren die Pilger in Jerusalem dann ganze Leichenberge ohne Worte. Als sie es dann mit einer großen ägyptischen Armee zu tun bekommen, rufen sie laut Fulcher mit angebrachter Demut nur um Hilfe:

Sie stürzten sich auf die feindlichen Kohorten und schrieen Gott hilf (adiuva Deus).

Raimund von Aguilers teilt eine Reihe von Schlachtrufen mit. Beim ersten Mal geht es pikanter Weise gegen Ostchristen in der Stadt Roussa bei Konstantinopel. Der Anführer ist der Graf Raimund von Toulouse und St. Gilles.

Bald darauf erreichten wir Roussa. In dieser Stadt strapazierte die offene Ablehnung der Bürger die uns eigene Langmut, so dass wir zu den Waffen griffen, die äußeren Mauern niederrissen, große Beute machten und die Stadt durch Übergabe einnahmen. Dann zogen wir weiter, nachdem wir unsere Fahne über der Stadt aufgezogen hatten und riefen Tolosa, den Schlachtruf unseres Grafen.

Gefecht vor der Einnahme der Stadt Antiochia. Raimund:

Von 150 Mann zu Fuß begleitet, kniete der edele Ritter Isoard von Ganges nieder, erflehte den Beistand Gottes und feuerte seine Genossen mit den Ruf an: Vorwärts christliche Krieger (eia milites Christi). Darauf stürzten sie sich auf die Türken.

Ein Schlachtruf wirkt tödlich. Es geht gegen 30.000 Sarraceni. Raimund:

In unserer Not stießen wir unseren Schlachtruf aus: Gott hilf, Gott hilf uns (Deus adjuva, Deus adjuva). Fast hundert unserer verwirten Feinde blieben vor Schreck tot liegen.

Gestaltungsfreiheit beim Gegner-Erschrecken. Die Krieger Christi waren offensichtlich nicht auf einen Schlachtruf festgelegt, und schon gar nicht auf deus vult.